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Letzte Stücke

E.T.A. Hoffmann: Letzte Stücke - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorE. T. A. Hoffmann
titleLetzte Stücke
publisherWeltbild
seriesSämtliche poetische Werke
volume3
editorHannsludwig Geiger
year1998
isbn3-8289-007-0
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060915
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Zweiter Band

Die Doppeltgänger

Erstes Kapitel

Der Wirt zum ›Silbernen Lamm‹ riß seine Mütze vom Kopf, warf sie auf die Erde und rief, mit beiden Füßen darauf herumstampfend: »So – so – trittst du alle Rechtschaffenheit, alle Tugend, alle Nächstenliebe mit Füßen, du ehrvergessener Gevatter, du gottloser Wirt zum ›Goldnen Bock‹! – Hat der Kerl nicht lediglich mir zum Tort seinen verwünschten Bock über dem Tor mit schweren Kosten so gleißend neu vergülden lassen, daß mein niedliches silbernes Lämmlein nun ganz ärmlich und bleich dagegen absticht, und alle Gäste mir vorbei nach dem funkelnden Tiere ziehen? – Alles mögliche Gesindel von Seiltänzern, Komödianten und Taschenspielern reißt der Spitzbube an sich, damit sein Haus nur immer von Menschen wimmle, die sich erlustieren und seinen essigsauren, doppelt geschwefelten Wein saufen, statt daß ich meinen vortrefflichen Hochheimer und Nierensteiner selbst aussaufen muß, um ihn nur los zu werden an einen Mann, der echten Wein zu schätzen weiß. Kaum verläßt die Komödiantenbande den vertrackten ›Bock‹, als die kluge Frau einkehrt mit dem Raben, und alles strömt wieder hin und läßt sich wahrsagen und ruiniert sich mit Essen und Trinken. Und wie der heillose Nachbar oft seine Leute, die bei ihm einkehren, behandeln mag, kann ich mir wohl denken, denn der junge hübsche Herr, der erst vor wenigen Tagen dort war und heute zurückkam, ist doch richtig nicht bei ihm, sondern bei mir eingekehrt. – Aber er soll auch bedient werden fürstlich. – Ach! – Ach! – Teufel! – Da geht er ja hin, der junge Herr, nach dem ›Goldenen Bock‹ – die verfluchte weise Frau, die wird er sehen wollen. Es ist Mittagszeit – der Hochwohlgeborne strebt nach dem ›Goldnen Bock‹ – verschmäht alle Speisung des ›Silbernen Lämmleins!‹ – Gnädiger Herr! – Ihr Gnaden!« –

So schrie der Wirt zum offnen Fenster heraus, aber Deodatus Schwendy (das war der junge Mann) überließ sich dem Strom der Menschenmenge, der ihn unaufhaltsam fortriß in das unfern gelegene Wirtshaus.

Dicht gedrängt stand alles in Flur und Hofraum, ein leises erwartungsvolles Geflüster lief hin und wieder. Einzelne wurden in den Saal gelassen, andere traten heraus, bald mit verstörten, bald mit nachdenklichen, bald mit frohen Gesichtern.

»Ich weiß nicht«, sprach ein alter ernster Mann, der sich mit Deodatus zugleich in eine Ecke geflüchtet hatte, »ich weiß nicht, weshalb diesem Unfug nicht von Obrigkeits wegen gesteuert wird.« »Warum?« fragte Deodatus. »Ach«, fuhr der Mann fort, »ach! Sie sind fremd, Ihnen ist daher unbekannt, daß von Zeit zu Zeit ein altes Weib herkommt, die das Publikum äfft mit wunderbaren Prophezeiungen und Orakelsprüchen. Sie hat einen großen Raben bei sich, der den Leuten über alles, was sie wissen wollen, wahr- oder vielmehr falschsagt. Denn ist es auch richtig, daß mancher Ausspruch des klugen Raben eintrifft auf sonderbare Weise, so bin ich doch überzeugt, daß er dagegen hundertmal ins Gelag hineinlügt. Sehn Sie nur die Leute an, wenn sie herauskommen, und Sie werden leicht merken, daß das Weib mit dem Raben sie ganz und gar berückt. – Muß denn in unserm, dem Himmel sei Dank! – aufgeklärten Zeitalter solch ein verderblicher Aberglaube« –

Weiter hörte Deodatus nichts von dem, was der in vollen Eifer geratene Mann schwatzte, denn eben trat der bildschöne Jüngling, totenbleich, helle Tränen in den Augen, aus dem Saal heraus, in den er vor wenigen Minuten heiter, frohlächelnd hineingegangen.

Da war es dem Deodatus, als sei hinter jenen Vorhängen, durch die die Menschen hineinschlüpften, wirklich eine dunkle unheimliche Macht verborgen, die dem Fröhlichen die unheilbringende Zukunft enthülle und so schadenfroh jeden Genuß des Augenblicks töte. –

Und doch stieg in ihm der Gedanke auf, selbst hinzugehen und den Raben darum zu befragen, was ihm die nächsten Tage, ja die nächsten Augenblicke bringen könnten. Auf geheimnisvolle Weise war Deodatus von seinem Vater, dem alten Amadeus Schwendy, aus weiter Ferne nach Hohenflüh geschickt worden.

Hier auf die höchste Spitze des Lebens gestellt, sollte sich seine Zukunft entscheiden durch ein wunderbares Ereignis, das ihm der Vater in dunklen geheimnisvollen Worten verkündet. Mit leiblichen Augen sollte er ein Wesen schauen, das sich nur wie ein Traum in sein Leben verschlungen. Er sollte nun prüfen, ob dieser Traum, der aus einem in sein Inneres geworfenen Funken immer frischer und strahlender emporgekeimt, wirklich heraustreten dürfe in sein äußeres weltliches Treiben. Er sollte, war dieses, eingreifen mit der Tat. – Schon stand er an der Türe des Saals, schon wurden die Vorhänge gelüpft. Er hörte eine widrig krächzende Stimme, ein Eisstrom glitt durch sein Inneres, es war, als dränge ihn eine unbekannte Gewalt zurück, andere kamen ihm zuvor, und so geschah es, daß er, ohne daran zu denken, unwillkürlich die Treppe emporstieg und in ein Zimmer geriet, wo man das Mittagsmahl für die zahlreichen Gäste des Hauses bereitet hatte.

Der Wirt kam ihm freundlich entgegen. »Ei sieh da! Herr Haberland! – Nun, das ist schön. Sind Sie gleich da drüben in dem schlechten Hause, in dem ›Silbernen Lamm‹, eingekehrt, so können Sie sich doch nicht der weltberühmten Wirtstafel des ›Goldnen Bocks‹ entziehen. Ich habe die Ehre, diesen Platz für Sie zu belegen.«

Deodatus merkte wohl, daß sich der Wirt in seiner Person irrte, allein ganz und gar befangen von der großen Unlust zu sprechen, die jede heftige Anregung aus dem Innern heraus erzeugt, ließ er sich nicht darauf ein, den Irrtum aufzuklären, sondern setzte sich stillschweigend an seinen Platz. Die weise Frau war der Gegenstand des Tischgesprächs, und es herrschten die verschiedensten Meinungen, indem manche alles für ein kindisches Gaukelspiel erklärten, andere dagegen ihr in der Tat die vollkommenste Erkenntnis der geheimnisvollen Verschlingungen des Lebens zutrauten und daraus ihre Sehergabe herleiteten.

Ein kleiner, alter, etwas zu dicker Herr, der sehr oft aus einer goldnen Dose, nachdem er sie auf dem Rockärmel gerieben, Tabak nahm und dabei ungemein klug vor sich hinlächelte, meinte, der hochweise Rat, dessen geringes Mitglied zu sein er die Ehre habe, werde bald der verdammten Hexe das Handwerk legen, vorzüglich weil sie eine Pfuscherin sei und keine wahre ordentliche Hexe. Denn daß sie jedes Lebenslauf in der Tasche habe und in nuce, wiewohl in absonderlichen, schlecht stilisierten Redensarten, durch den Raben hersagen lasse, sei übrigens kein solch großes Kunststück. Wäre doch noch zum vorigen Jahrmarkt ein Maler und Bilderhändler am Orte gewesen, in dessen Bude ein jeder sein wohlgetroffenes Porträt habe finden können.

Alles lachte laut auf. »Das ist«, rief ein junger Mann dem Deodatus zu, »das ist etwas für Sie, Herr Haberland. Sie sind ja selbst ein tüchtiger Porträtmaler, aber so hoch haben Sie Ihre Kunst doch wohl nicht gesteigert!«

Deodatus, schon zum zweitenmal als Herr Haberland, der, wie er nun vernommen, ein Maler sein mußte, angesprochen, konnte sich eines innern Schauers nicht erwehren, indem es ihm plötzlich vorkam, als sei er mit seiner Gestalt und seinem Wesen der unheimliche Spuk jenes ihm unbekannten Haberlands. Aber bis zum Entsetzlichen wurde dieses innere Grauen gesteigert, als in dem Augenblick, noch ehe er dem, der ihn als Haberland angeredet, antworten konnte, ein junger Mensch in Reisekleidern auf ihn zustürzte und ihn heftig in seine Arme schloß, laut rufend: »Haberland – liebster bester George, hab' ich dich endlich getroffen! Nun können wir fröhlich unsern Weg fortwandern nach dem schönen Italia! Aber du siehst so blaß und verstört?« –

Deodatus erwiderte die Umarmung des ihm unbekannten Fremden, als sei er in der Tat der längst gesuchte und erwartete Maler George Haberland. Er merkte wohl, daß er nun wirklich in den Kreis der wunderbaren Erscheinungen trete, die ihm sein alter Vater in mancherlei Andeutungen verkündet hatte. Er mußte sich hingeben allem dem, was die dunkle Macht über ihn beschlossen. Aber jene Ironie des tiefsten Grimms gegen fremde unerreichbare Willkür, in der man Eigenes zu bewahren und zu erhalten strebt, erfaßte ihn gewaltig. In verzehrendem Feuer erglüht, hielt er den Fremden fest bei beiden Armen und rief: »Ei du unbekannter Bruder, wie sollt' ich nicht konfus aussehen, da ich soeben mit meinem Ich in einen andern Menschen gefahren bin wie in einen neuen Überrock, der hin und wieder zu eng ist oder zu weit, der noch drückt und preßt. Ei du mein Junge, bin ich denn nicht wirklich der Maler George Haberland?«

»Ich weiß nicht«, sprach der Fremde, »wie du mir heute vorkommst, George. Bist du denn wieder einmal von deinem wunderlichen Wesen befangen, das über dich kommt wie eine periodische Krankheit? Überhaupt wollt' ich fragen, was du denn mit all dem unverständlichen Zeuge haben willst, das deinen letzten Brief anfüllt.«

Damit holte der Fremde einen Brief hervor und schlug ihn auseinander. Sowie Deodatus hineinblickte, schrie er auf, wie von einer unsichtbaren feindlichen Macht schmerzhaft berührt. Die Handschrift des Briefes war ja ganz genau seine eigene.

Der Fremde warf einen raschen Blick auf Deodatus und las dann langsam und leise aus dem Briefe:

»Ach, lieber Kunstbruder Berthold! Du weißt nicht, welch eine düstere, schmerzende und doch wohltuende Schwermut mich befängt, je weiter ich fortwandere. Sollst Du es wohl glauben, daß mir meine Kunst, ja all mein Leben, Tun und Treiben oft schal und dürftig vorkommt? Aber dann erwachen süße Träume aus meiner fröhlichen frischen Jugendzeit. Ich liege in des alten Priesters kleinem Garten ins Gras hingestreckt und schaue hinauf, wie der holde Frühling auf goldnen Morgenwolken dahergezogen kommt. Die Blümlein schlagen, von dem Schimmer geweckt, die lieblichen Augen auf und strahlen ihre Düfte empor wie ein herrliches Loblied. Ach, Berthold! – mir will die Brust zerspringen vor Liebe, vor Sehnsucht, vor brünstigem Verlangen! Wo finde ich sie wieder, die mein ganzes Leben ist, mein ganzes Sein! – Ich gedenke Dich in Hohenflüh zu treffen, wo ich einige Tage verweile. Es ist mir, als müsse mir eben in Hohenflüh was Besonderes begegnen, woher dieser Glaube, weiß ich nicht!« – –

»Nun sage mir«, sprach der Kupferstecher Berthold – das war eben der Fremde – weiter, nachdem er dies gelesen, »nun sage mir nur, Bruder George, wie du in frischer fröhlicher Jugend auf der vergnüglichen Reise nach dem Kunstlande solcher weichlichen Schwärmerei nachhängen magst.«

»Ja, lieber Kunstbruder«, erwiderte Deodatus, »es ist mit mir ein ganz tolles absonderliches Ding. So wie das nun gleich gar possierlich ist, daß ich recht aus der tiefsten Seele das geschrieben, was du eben lasest, und daß ich dennoch gar nicht der Georg Haberland bin, den du« –

In dem Augenblick trat der junge Mann hinein, der schon früher den Deodatus als Georg Haberland begrüßt hatte, und meinte, Georg habe recht getan, daß er der weisen Frau halber noch einmal zurückgekehrt sei. Er solle sich an all das Geschwätz bei Tische gar nicht kehren, denn wollten auch die Weissagungen des Raben eben nicht viel bedeuten, so sei es doch höchst merkwürdig, wenn sie, die weise Frau, selbst auftrete wie eine zweite Sibylle oder Pythia und in beinahe wilder Begeisterung geheimnisvolle Sprüche hersage, indem dumpfe geheimnisvolle Stimmen sie umtönten. Sie gebe heute in dem geräumigen Boskett des Gartens eine solche Darstellung, die Georg durchaus nicht versäumen müsse.

Berthold ging, um manches Geschäft, das ihm in Hohenflüh oblag, abzutun. Deodatus ließ es sich gefallen, mit jenem jungen Mann ein paar Flaschen zu leeren und so die Zeit bis zum Sonnenuntergang hinzubringen.

Die Gesellschaft, die im Zimmer versammelt, brach endlich auf, um sich nach dem Garten zu begeben. Da strich auf dem Flur ein langer hagrer, vornehm gekleideter Mann, der eben angekommen schien, bei ihnen vorüber. Im Begriff, in die Zimmer hineinzutreten, wandte er sich noch einmal um, sein Blick fiel auf Deodatus, und den Türdrücker in der Hand, blieb er wie eingewurzelt stehen! Wildes Feuer blitzte aus seinen düstern Augen, während Totenblässe sein krampfhaft zuckendes Antlitz überzog. Er trat einen Schritt vorwärts auf die Gesellschaft zu, doch wie plötzlich sich besinnend, kehrte er wieder um, rannte hinein in das Zimmer und warf dröhnend die Tore hinter sich zu. Was er zwischen den Zähnen murmelte, konnte niemand verstehen.

Mehr als dem jungen Schwendy war dem andern das Betragen des Fremden aufgefallen, Deodatus hatte nicht sonderlich darauf geachtet. Man begab sich nach dem Boskett. –

Die letzten Strahlen der Abendsonne fielen auf eine hohe, von Kopf bis zu Fuß in ein weites erdgelbes Gewand gehüllte Gestalt, die den Zuschauern den Rücken zugewendet hatte. Neben ihr auf der Erde lag ein großer Rabe wie tot, mit gesenkten Flügeln. Alle wurden von dem fremden grauenhaften Anblick erfaßt, das leise Geflüster verstummte, und in dumpfem, die Brust belastendem Schweigen erwartete man, was die Gestalt beginnen werde.

Ein Säuseln strömte, wie Wellengeplätscher wunderbar klingend, durch das dunkle Gebüsch und wurde zu Tönen, zu vernehmbaren Worten:

»Phosphorus ist bezwungen. Der Feuerkessel glüht auf im Westen! – Nachtadler! schwing dich empor zu den erwachten Träumen.«

Da erhob der Rabe das gesenkte Haupt, schlug mit den Flügeln und stieg krächzend in die Höhe. Die Gestalt breitete beide Arme aus, das Gewand fiel herab, und eine hohe wunderherrliche Frau stand da im weißen faltenreichen Kleide mit einem Gürtel von funkelnden Steinen und schwarzen, hochaufgenestelten Haaren. Hals, Nacken und Arme zeigten entblößte, jugendliche, üppige Formen.

»Das ist ja nicht die Alte!« so flüsterte es durch die Reihen der Zuschauer. –

Jetzt begann eine ferne dumpfe Stimme:

»Hörst du, wie es im Abendwinde heult und jammert?«

Eine noch fernere Stimme murmelte:

»Die Klage beginnt, wenn der Glutwurm leuchtet!«

Da ging ein entsetzlich herzzerschneidender Jammer durch die Lüfte. Die Frau sprach:

»Ihr fernen Klagetöne, habt ihr euch losgewunden aus der Brust des Menschen, daß ihr vermöget, frei euch zu erheben im gewaltigen Chor? – Aber verhallen müßt ihr in Lust, denn die in segensreichen Himmeln thronende Macht, die euch gebietet, ist ja die Sehnsucht.«

Die dumpfen Stimmen heulten stärker:

»Die Hoffnung ist gestorben! Der Sehnsucht Lust war die Hoffnung. Sehnsucht ohne Hoffnung ist namenlose Qual!«

Tief auf seufzte die Frau und rief wie in Verzweiflung:

»Die Hoffnung ist der Tod! – Das Leben dunkler Mächte grauses Spiel!«

Da schrie Deodatus unwillkürlich aus dem Innersten heraus:

»Natalie!«

Rasch wandte sich die Frau um, und ein altes, fürchterlich verzerrtes Weiberantlitz starrte ihn an mit glühenden Augen. Grimmig mit ausgespreizten Armen auf ihn losfahrend, kreischte das Weib: »Was willst du hier? – Fort! Fort! – Der Mord ist hinter dir her! – Rette Natalien!« – Der Rabe rauschte durch die Bäume herab auf Deodatus und krächzte gräßlich: »Mord – Mord!« Von wildem Entsetzen gepackt, halb sinnlos, rannte Deodatus fort nach seiner Wohnung.

Der Wirt sagte ihm, daß währenddessen ein fremder, reich gekleideter Herr mehrmals nach ihm gefragt, indem er seine Person genau beschrieben, ohne seinen Namen zu nennen, und endlich ein Billet zurückgelassen habe.

Deodatus erbrach das Billet, das ihm der Wirt einhändigte und das richtig an ihn adressiert war. Er fand folgende Worte:

»Ich weiß nicht, ob ich es unerhörte Frechheit oder Wahnsinn nennen soll, daß Sie sich hier blicken lassen. Sind Sie nicht, wie ich es jetzt glauben muß, ein ehrloser Bösewicht, so entfernen Sie sich augenblicklich aus Hohenflüh, oder erwarten Sie, daß ich Mittel finden werde, Sie von Ihrer Tollheit auf immer zu heilen.

Graf Hektor von Zelies.«

»Die Hoffnung ist der Tod, das Leben dunkler Mächte grauses Spiel!« – So murmelte Deodatus dumpf in sich hinein, als er dies gelesen. Er war entschlossen, sich durch die Drohungen eines Unbekannten, die noch dazu auf irgendeinem unerklärlichen Irrtum beruhen mußten, durchaus nicht aus Hohenflüh vertreiben zu lassen, sondern mit festem Mut, mit männlicher Kraft dem entgegenzutreten, was irgendeine dunkle Macht über ihn verhängt. Sein ganzes Inneres war erfüllt mit banger Ahnung, die Brust wollte ihm zerspringen, hinaus sehnte er sich aus den Mauern ins Freie. Die Nacht war eingebrochen, als er, eingedenk des unbekannten bedrohlichen Verfolgers, seine geladenen Pistolen einsteckte und forteilte durch das Neudorfer Tor. Schon war er auf dem freien Platz, der vor diesem Tore befindlich, als er sich von hinten gefaßt und zurückgezogen fühlte. »Eile – eile, rette Natalien, die Zeit ist da!« – So murmelte es ihm in die Ohren. Es war das gräßliche Weib, die ihn gefaßt hatte und die ihn unaufhaltsam mit sich fortriß. Ein Wagen hielt in geringer Entfernung, der Schlag war geöffnet, die Alte half ihm hinein und stieg nach. Er fühlte sich von weichen Armen umfangen, und eine süße Stimme lispelte: »Mein geliebter Freund! endlich! – endlich kommst du!« – »Natalie, meine Natalie!« So schrie er auf, indem er, halb ohnmächtig vor Entzücken, die Geliebte in die Arme schloß.

Rasch ging es nun fort; im dicken Walde schimmerte plötzlich heller Fackelglanz durch das Gebüsch. »Sie sind es«, rief die Alte, »noch einen Schritt weiter, und uns trifft Verderben!« –

Deodatus, zur Besinnung gekommen, ließ halten, stieg aus dem Wagen und schlich leise, die gespannte Pistole in der Hand, auf den Fackelglanz zu, der augenblicklich verschwand. Er eilte zurück zum Wagen, aber erstarrt vor Entsetzen, blieb er eingewurzelt stehen, als er eine männliche Figur erblickte, die mit seiner Stimme sprach: »Die Gefahr ist vorüber!« und dann einstieg.

Nachstürzen wollte Deodatus dem schnell fortrollenden Wagen, als ihn ein Schuß aus dem Gebüsch zu Boden warf. –

Zweites Kapitel

Es ist nötig, dem geneigten Leser zu sagen, daß der ferne Ort, von dem her der alte Amadeus Schwendy seinen Sohn nach Hohenflüh schickte, ein Landhaus in der Gegend von Luzern war. Das Städtlein Hohenflüh im Fürstentum Reitlingen lag aber ungefähr sechs bis sieben Stunden von Sonsitz, der Residenz des Fürsten Remigius, entfernt.

Ging es in Hohenflüh laut und lustig her, so herrschte dagegen in Sonsitz solch ein allgemeines Piano wie etwa in Herrnhut oder Neusalz. Alles trat leise wie auf Socken daher, und selbst ein notwendiger Zank wurde mit gedämpfter Stimme geführt. Von den gewöhnlichen Vergnügungen der Residenz, von Bällen, Konzerten, Schauspielen war gar nicht die Rede, und wollten sich die armen, zur Traurigkeit verdammten Sonsitzer einmal vergnügen, so mußten sie hinüberziehen nach Hohenflüh. Dies alles kam daher. Fürst Remigius, sonst ein freundlicher, lebenslustiger Herr, war seit mehreren Jahren, es konnten wohl über die zwanzig sein, in furchtbar tiefe, an Wahnsinn grenzende Melancholie versenkt. Ohne Sonsitz zu verlassen, sollte sein Aufenthalt einer Einöde gleichen, in der das düstre Stillschweigen der lebensmüden Trauer herrscht. Nur seine vertrautesten Räte und die notwendigste Dienerschaft mocht' er sehen, und selbst diese durften es nicht wagen zu sprechen, wenn der Fürst sie nicht angeredet. In einer dicht verschlossenen Kutsche fuhr er daher, und niemand durfte auch nur durch eine Gebärde merken lassen, daß er den Fürsten in der Kutsche wisse.

Über die Ursache dieser Melancholie gab es nur dumpfe Gerüchte. So viel war gewiß, daß damals, als die Gemahlin des Fürsten den Erbprinzen geboren und das ganze Land von freudigem Jubel ertönte, wenige Monate nachher Mutter und Kind verschwanden auf unbegreifliche Weise. Manche meinten, Gemahlin und Sohn wären als Opfer einer unerhörten Kabale entführt worden, andere behaupteten dagegen, der Fürst habe beide verstoßen. Diese bezogen sich, um ihre Behauptung zu unterstützen, auf den Umstand, daß zu derselben Zeit der Graf von Törny, erster Minister und entschiedener Liebling des Fürsten, vom Hofe entfernt worden, und es scheine gewiß, daß der Fürst ein verbrecherisches Verhältnis zwischen der Fürstin und dem Grafen entdeckt und an der Echtheit des geborenen Sohnes gezweifelt.

Alle, die die Fürstin näher gekannt, waren aber im Innersten überzeugt, daß bei der reinsten, unbeflecktesten Tugend, wie sie die Fürstin bewährt, ein solcher Fehltritt ganz undenkbar, ganz unmöglich sei.

Niemand in Sonsitz durfte bei harter Ahndung auch nur ein Wort über das Verschwinden der Fürstin äußern. Aufpasser lauerten überall, und plötzliche Verhaftungen derer, die nur irgendwo anders als innerhalb ihres Zimmers davon gesprochen, zeigten, wie man, ohne es zu ahnen, belauscht, behorcht wurde. Ebenso durfte auch über den Fürsten, über seinen Kummer, über sein ganzes Tun und Treiben kein Wort gesprochen werden, und dieser tyrannische Zwang war die ärgste Bedrängnis der Bewohner einer kleinen Residenz, die eben nichts lieber im Munde führen als den Fürsten und den Hof. –

Des Fürsten liebster Aufenthalt war ein kleines, dicht vor den Toren von Sonsitz gelegenes Landhaus mit einem weitläuftigen eingehegten Park.

In den düstern wildverwachsenen Gängen dieses Parks wandelte eines Tages der Fürst, sich ganz hingebend dem zerstörenden Gram, der in seiner Brust wühlte, als er plötzlich ganz unfern ein seltsames Geräusch vernahm. – Unartikulierte Töne ein Ächzen – Stöhnen, dazwischen wieder ein widriges Quieken – Grunzen – und dann wie in erstickter Wut dumpf ausgestoßene Schimpfwörter. – Erzürnt, wer es gewagt, dem strengsten Verbot entgegen einzudringen in den Park, trat der Fürst schnell aus dem Gebüsch, und es bot sich ihm ein Schauspiel dar, das den griesgrämigsten Smelfungus zum Lachen hätte reizen können. – Zwei Männer, der eine lang und knochendürr, wie die Hektik selbst, der andere ein kleines glaues Falstafflein, in den schmuckesten Sonntagskleidern des idealen Spießbürgers angetan, waren im heftigsten Faustkampf begriffen. Der Große säbelte mit den langen Armen, die mit den geballten Fäusten mächtigen Streitkolben nicht unähnlich, so unbarmherzig auf den Kleinen los, daß jeder fernere Widerstand unnütz und nichts anders ratsam schien als schnelle Flucht. Doch Mut im Herzen, wollte der Kleine, gleich den Parthern, noch fliehend fechten. Da krallte sich aber der Große fest in das Haupthaar des Gegners. Schlechte Intention! – Die Perücke blieb ihm in der Hand, der Kleine nützte strategisch die Puderwolke, die ihn einhüllte, duckte schnell nieder und unterlief mit vorgestreckten Fäusten so behende und geschickt den Großen, daß dieser mit einem gellenden Schrei rücklings überstürzte. Nun warf sich der Kleine auf den Großen, enterte sich fest, die linke Hand mit gebogenen Fingern zweckmäßig als Enterhaken brauchend, in der Halsbinde des Gegners und arbeitete mit den Knieen und der rechten Faust so schonungslos auf den Großen ein, daß dieser, kirschblau im ganzen Antlitz, gräßliche Laute ausstieß. Doch plötzlich fuhr nun der Große dem Kleinen mit den spitzen Knochenfingern so gewaltig in die Seiten und gab mit der letzten Kraft der Verzweiflung sich selbst einen solchen Schwung, daß der Kleine in die Höhe geschleudert wurde wie ein Ball und niederstürzte dicht vor dem Fürsten.

»Hunde!« rief der Fürst mit der Stimme eines ergrimmten Löwen, »Hunde, welch ein Satan hat euch eingelassen? Was wollt ihr?«

Man kann denken, mit welchem Entsetzen die beiden ergrimmten Gymnastiker sich aufrafften vom Boden, wie sie nun gleich armen verlorenen Sündern, bebend, zitternd, keines Worts, keines Lauts mächtig, vor dem erzürnten Fürsten standen.

»Fort«, rief der Fürst, »fort auf der Stelle, hinauspeitschen lasse ich euch, wenn ihr noch einen Augenblick weilt.«

Da fiel der Große nieder auf die Knie und brüllte, ganz Verzweiflung: »Durchlauchtigster Fürst – gnädigster Landesherr – Gerechtigkeit – Blut für Blut!« –

Das Wort Gerechtigkeit war noch eins von den wenigen, das stark anschlug an des Fürsten Ohr. Er faßte den Großen stark ins Auge und sprach gemäßigter: »Was ist's, sprecht, aber nehmt Euch in acht vor allen dummen Worten und macht's kurz.«

– Vielleicht hat es der geneigte Leser schon geahnt, daß die beiden tapfern Kämpfer niemand anders waren als die beiden berühmten Gastwirte zum ›Goldnen Bock‹ und zum ›Silbernen Lamm‹ aus Hohenflüh. In dem immer höher gesteigerten Groll gegeneinander waren sie zu dem wahnsinnigen Entschluß gekommen, da ihnen der hochweise Rat nicht genügte, dem Fürsten selbst allen Tort zu klagen, den jeder vom andern erlitten zu haben glaubte, und der Zufall ließ es geschehen, daß beide in demselben Augenblick zusammentrafen vor dem äußersten Gattertor des Parks, das ein einfältiger Gärtnerbursche ihnen öffnete. Beide können fernerhin sehr schicklich mit ihren Schildnamen bezeichnet werden! –

Also! – der goldne Bock, ermutigt durch des Fürsten ruhigere Frage, wollte eben beginnen, als ihn vielleicht in Gefolge des feindlichen Enterns ein solch fürchterliches krächzendes Husten überfiel, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte.

Diesen verderblichen Zufall nutzte augenblicklich das silberne Lamm und stellte mit nicht geringer Beredsamkeit dem Fürsten all die Unbild vor, die ihm der goldne Bock zufüge, der alle Gäste anlocke, indem er alle nur möglichen Hanswürste, Marktschreier, Wahrsager und anderes Gesindel bei sich aufnehme. Er beschrieb die weise Frau mit dem Raben, er sprach von ihren schnöden Künsten, von ihren Orakelsprüchen, mit denen sie die Leute hinters Licht führe. Das schien die Aufmerksamkeit des Fürsten zu fesseln. Er ließ sich die Gestalt der Frau von Kopf bis zu Fuß beschreiben, er fragte, wann sie gekommen, wo sie geblieben. Das Lamm meinte, er seinerseits halte das Weib für nichts anders als für eine betrügerische halb wahnsinnige Zigeunerin, die ein hochweiser Rat zu Hohenflüh hätte sogleich festnehmen lassen sollen.

Der Fürst heftete den funkelnden durchbohrenden Blick auf das arme Lamm, das, als hätt' es in die Sonne geschaut, sogleich ausbrach in ein heftiges Niesen.

Dies nützte sofort der goldne Bock, der sich indessen vom Husten erholt und nur auf den Moment gelauert hatte, dem Lamm die Rede abzuschneiden. Der Bock berichtete in süß und sanft tönenden Worten, daß alles, was das Lamm von der Aufnahme schädlichen polizeiwidrigen Gesindels berichtet, die schändlichste Verleumdung sei. Insonderheit rühmte der Bock die weise Frau, von der die gescheitesten brillantsten Herren, die größten Genies von Hohenflüh, die er täglich an seiner Tafel zu bewirten die Ehre, behaupteten, sie sei ein überirdisches Wesen und höher zu achten als die ausgebildetste Somnambüle. Ach, gar arg ging' es aber zu bei dem silbernen Lamm. Einen artigen, schönen, jungen Herrn habe das silberne Lamm von ihm weggelockt, als er nach Hohenflüh zurückgekehrt, und gleich in der folgenden Nacht sei er auf seinem Zimmer mörderisch angefallen und durch einen Pistolenschuß verwundet worden, so daß er hoffnungslos darniederläge.

Jede fernere Rücksicht, jede Ehrfurcht vor dem Fürsten in der Wut vergessend, brach das silberne Lamm los und schrie, derjenige, welcher behaupte, daß der junge Herr George Haberland auf seinem Zimmer angefallen und verwundet worden, sei der niederträchtigste Spitzbube und abgefeimteste Halunkenkerl, der jemals Beinschellen getragen und die Gassen gekehrt. Vielmehr habe wohllöbliche Polizei in Hohenflüh ermittelt, daß er in selbiger Nacht vor das Neudorfer Tor spaziert, daß dort ein Wagen gehalten, aus dem eine weibliche Stimme gerufen: »Rette Natalien«, daß darauf der junge Herr in den Wagen gesprungen. – »Wer war das Weib im Wagen?« fragte der Fürst mit strengem Ton.

»Man sagt«, stotterte der goldne Bock, um nur wieder zum Wort zu kommen, »man sagt, die weise Frau habe« –

Die Rede blieb dem goldnen Bock in der Kehle stecken vor dem furchtbaren Blick des Fürsten, und als dieser ihm ein tötendes »Nun? was weiter?« zurief, fiel das silberne Lamm, das gerade außer der Richtung jener Strahlen im Schatten stand, leise stammelnd ein: »Ja, die weise Frau und der Herr Maler George Haberland – Im Walde hat er den Schuß erhalten, das weiß ja die ganze Stadt – aus dem Walde haben sie ihn geholt und zu mir gebracht am frühen Morgen – er liegt noch bei mir – wird aber wohl genesen, denn die Pflege bei mir – und der fremde Herr Graf – ja, der Herr Graf Hektor von Zelies« –

»Was? wer?« rief der Fürst aus, daß das silberne Lämmlein ein paar Schritte zurückprallte. »Genug«, sprach dann der Fürst weiter mit rauhem gebieterischen Ton, »genug! packt euch beide fort augenblicklich. – Der wird den mehrsten Zuspruch haben, der seine Gäste am besten bedient! – Hör' ich noch das mindeste von einem Gezänk unter euch, so soll der Rat euch die Schilder von den Häusern reißen und euch fortbringen lassen aus den Toren von Hohenflüh!«

Nach diesem kurzen kräftigen Bescheid ließ der Fürst die beiden Wirte stehen und verlor sich schnell ins Gebüsch.

Der Zorn des Fürsten hatte die aufgebrachten Gemüter besänftigt. Im Innersten zerknirscht schauten sich beide, das silberne Lämmlein und der goldne Bock, wehmütig an, Tränen entquollen den verdüsterten Augen, und mit dem gleichzeitigen Ausruf: »O Gevatter!« fielen sie sich in die Arme. Während der goldne Bock, das silberne Lamm fest einklammernd und über dasselbe weggebeugt, häufige Schmerzestropfen ins Gras fallen ließ, schluchzte dieses vor herber Wehmut leise an der Brust des versöhnten Gegners. Es war ein erhabener Moment!

Die zwei herbeieilenden fürstlichen Jäger schienen aber dergleichen pathetische Szenen nicht sonderlich zu lieben, denn ohne weiteres packten sie den goldnen Bock sowohl als das silberne Lamm, wie man zu sagen pflegt, beim Fittich und warfen beide ziemlich unsanft zum Gattertor hinaus.

Drittes Kapitel

    »Bin ich hin und her gezogen
Über Wiese, Flur und Feld,
Hat manch Hoffen mich betrogen,
Ist mir manche Lust entflogen
In der bunten lauten Welt.

    Was nur stillt dies bange Sehnen,
Was den Schmerz in dieser Brust!
Bittre Qualen! herbe Tränen!
Leeres Trachten! – falsches Wähnen!
Flieht mich ewig jede Lust?

    Darf ich noch zu hoffen wagen,
Dämmert noch mein Lebensstern?
Soll ich's länger dulden, tragen,
Wird mein Schmerz mir selbst nicht sagen,
Ob sie nah ist, ob sie fern?

    Sie, die ist mein innig Leben,
Sie, die ist mein ganzes Glück.
Süßen Träumen hingegeben,
Schaut mit wonnigem Erbeben
Sie mein liebetrunkner Blick.

    Doch in Nacht ist bald verschwunden
Der Geliebten Lichtgestalt!
Kann ich nimmermehr gesunden?
Freundes Trost, Balsam den Wunden,
Ist auch der für mich verhallt?«

Der Kupferstecher Berthold hatte sich, während er dies Lied, das sein Freund, der Maler George Haberland gedichtet, leise vor sich sang, auf einer Anhöhe unter einem großen Baum gelagert und war bemüht, eine Partie des Dorfs, das vor ihm im Tale lag, getreu nach der Natur in sein Malerbuch hineinzuzeichnen.

Bei den letzten Versen schossen ihm aber die Tränen aus den Augen. Er gedachte lebhaft seines Freundes, den er oft durch ein lustiges Wort oder durch ein heitres Kunstgespräch aus der düstren trostlosen Stimmung gerissen, in die er seit einiger Zeit versunken, und den nun ein unerklärliches Unheil von ihm getrennt. »Nein«, rief er endlich, indem er schnell seine Gerätschaften zusammenpackte und hastig aufsprang, »nein, noch ist Freundes Trost nicht verhallt für dich, mein George! – Fort, dich aufzusuchen und nicht eher dich zu verlassen, bis ich dich im Schoße der Ruhe sehe und des Glücks.« –

Er eilte zurück in das Dorf, das er vor wenigen Stunden verlassen, und wollte dann weiter fort nach Hohenflüh.

Es war gerade Sonntag, der Abend fing an einzubrechen, die Landleute eilten nach der Schenke. Da zog ein seltsam gekleideter Mensch durchs Dorf, einen lustigen Marsch auf der Papagenopfeife blasend, die ihm aus dem Busen hervorragte, und dazu derb die Trommel schlagend, die er umgehängt. Ihm folgte ein altes Zigeunerweib, das tapfer auf dem Triangel klingelte. Hinterher schritt langsam und bedächtig ein stattlicher Esel, mit zwei vollgepackten Körben belastet, auf denen zwei kleine possierliche Äffchen hin und her hüpften und sich herumbalgten. Zuweilen ließ der Mensch vom Blasen ab und begann einen seltsamen kreischenden Gesang, in den das Zigeunerweib, sich aus ihrer niedergebeugten Stellung ein wenig aufrichtend, mit gellenden Tönen einstimmte. Begleitete nun der Esel den Gesang mit seinen klagenden Naturlauten, quiekten die Äffchen dazu, so gab es einen angenehmen lustigen Chor, wie man sich ihn wohl genügend denken mag.

Bertholds ganze Aufmerksamkeit fesselte der junge Mensch, denn jung war er, das war sichtlich, unerachtet er sein Antlitz mit allerlei Farben häßlich beschmiert und durch eine große Doktorperücke, auf der ein kleines winziges Tressenhütlein saß, auf widrige Weise entstellt hatte. Dazu trug er einen abgeschabten roten Samtrock mit großen goldstoffnen Aufschlägen, einen offnen Hamletskragen, schwarzseidne Unterkleider nach der letzten Mode, auf den Schuhen große bunte Bandschleifen und ein zierliches Ritterschwert an der Seite.

Er schnitt die tollsten Gesichter und sprang hin und her in den lustigsten Kapriolen, so daß das Bauernvolk übermäßig lachte, doch Bertholden erschien das ganze Wesen wie der unheimliche Spuk des Wahnsinns, und überdem regte der tolle Mensch, wenn er ihn genau ins Auge faßte, in ihm Empfindungen auf, die er sich selbst nicht zu erklären wußte.

Der Mensch blieb endlich in der Mitte eines Rasenplatzes vor der Schenke stehen und schlug auf seiner Trommel einen langen starken Wirbel. Auf dies Zeichen schloß das Landvolk einen großen Kreis, und der Mensch verkündete, daß er jetzt gleich vor dem verehrungswürdigen Publikum ein Schauspiel aufzuführen gedenke, wie es die höchsten Potentaten und Herrschaften nicht schöner und herrlicher geschaut.

Die Zigeunerin ging nun im Kreise umher und bot unter närrischen Redensarten und Gebärden bald Korallenschnüre, Bänder, Heiligenbildchen u. a. zum Kauf aus, bald wahrsagte sie dieser, jener Dirne aus der Hand und trieb ihr, von Bräutigam und Hochzeit und Kindtaufe sprechend, das Blut in die Wangen, während die anderen kicherten und lachten.

Der junge Mensch hatte indessen die Körbe ausgepackt, ein kleines Gerüste gebaut und mit kleinen bunten Teppichen behängt. Berthold sah die Vorbereitungen zum Puppenspiel, das denn auch nach gewöhnlicher italienischer Art erfolgte. Pulcinell war von besonderer Aktivität und hielt sich tapfer, indem er sich aus den bedrohlichsten Gefahren mit Gewandtheit rettete und über seine Feinde stets die Oberhand gewann.

Das Spiel schien geendet, als plötzlich der Puppenspieler sein zur furchtbaren Fratze verzerrtes Antlitz emporhob in den Raum der Puppen und mit todstarren Augen gerade hin in den Kreis blickte. Pulcinell von der einen Seite, der Doktor von der anderen schienen über die Erscheinung des Riesenhaupts sehr erschrocken, dann erholten sie sich aber, beschauten sorglich mit Gläsern das Antlitz, betasteten Nase, Mund, die Stirn, zu der sie kaum hinauflangen konnten, und begannen einen sehr tiefsinnigen gelehrten Streit über die Beschaffenheit des Haupts und auf welchem Rumpf es sitzen könne, oder ob überhaupt ein Rumpf als dazugehörig anzunehmen. Der Doktor stellte die aberwitzigsten Hypothesen auf, Pulcinell zeigte aber dagegen viel Menschenverstand und hatte die lustigsten Einfälle. Darum wurden sie zuletzt einig, daß, da sie keinen zum Kopf gehörigen Körper wahrnehmen könnten, es auch keinen gäbe, nur meinte der Doktor, die Natur habe sich, als sie diesen Giganten ausgesprochen, einer rhetorischen Figur, einer Synekdoche bedient, nach der ein Teil das Ganze bezeichnet. Pulcinell behauptete dagegen, daß das Haupt ein Unglücklicher sei, dem vor vielem Denken und tollen Gedanken der Rumpf abhanden gekommen und der nun bei dem gänzlichen Mangel an Fäusten sich gegen Ohrfeigen, Nasenstüber u. dgl. nicht anders wehren könne als durch Schimpfen.

Berthold merkte bald, daß hier nicht der Scherz galt, der ein schaulustiges Volk ergötzen kann, sondern daß der finstre Geist einer Ironie spuke, die dem mit sich selbst entzweiten Innern entsteigt. Das konnte sein frohes freundliches Gemüt nicht ertragen, er begab sich weg nach der Schenke und ließ sich an einem einsamen Plätzchen hinter derselben ein mäßiges Abendbrot auftragen.

Bald vernahm er aus der Ferne Trommel, Pfeife und Triangel. Die Landleute strömten nach der Schenke, das Spiel war geendet.

In dem Augenblick, als Berthold fortwandern wollte, stürzte mit dem lauten Ausruf: »Berthold – herzgeliebter Bruder!« jener tolle Puppenspieler herbei. Er riß die Perücke vom Haupt, wischte schnell die Farben vom Antlitz.

»– Wie? – George! – ist es möglich?« So stammelte Berthold mühsam, beinahe zur Bildsäule erstarrt. »Was ist dir, kennst du mich denn nicht?« So fragte George Haberland voll Erstaunen. Berthold erklärte nun, daß, wenn er nicht an Gespenster glauben wolle, er freilich nicht zweifeln könne, seinen Freund vor sich zu sehen, wie dies aber möglich wäre, das könne er durchaus nicht enträtseln.

»Warst du«, so sprach Berthold weiter, »warst du nicht unserer Abrede gemäß nach Hohenflüh gekommen? – traf ich dich nicht dort, begegnete dir nicht Seltsames mit einem geheimnisvollen Weibe im Gasthof zum ›Goldnen Bock‹? Wollten Unbekannte dich nicht dazu gebrauchen, ein Frauenzimmer entführen zu helfen, die du selbst Natalie nanntest? Wurdest du nicht im Walde durch einen Pistolenschuß schwer verwundet? – hab' ich nicht von dir Abschied genommen mit schwerem Herzen, da du entkräftet, todwund auf dem Lager lagst? – Sprachst du nicht von einem unerklärlichen Ereignis – von einem Grafen Hektor von Zelies?«

»Halt ein, du durchbohrst mein Innres mit glühenden Dolchen!« so rief George im wilden Schmerz.

»Ja«, fuhr er dann ruhiger fort, »ja, Bruder Berthold, es ist nur zu gewiß, es gibt ein zweites Ich, einen Doppeltgänger, der mich verfolgt, der mich um mein Leben betrügen, der mir Natalie rauben wird!«

In voller Trostlosigkeit verstummt, sank George auf die Rasenbank.

Berthold setzte sich neben ihm hin und sang leise, indem er sanft des Freundes Hand drückte:

Freundes Trost, Balsam den Wunden,
Ist noch nicht für dich verhallt!

»Ich«, sprach George, indem er sich die Tränen wegtrocknete, die ihm aus den Augen strömten, »ich verstehe dich ganz, mein geliebter Bruder Berthold! – Es ist unrecht, daß ich dir nicht schon längst meine ganze Brust erschloß, nicht schon längst dir alles, alles sagte. – Daß ich in Liebe bin, konntest du längst ahnen. Die Geschichte dieser Liebe – sie ist so einfältig, so abgedroschen, daß du sie in jedem abgeschmackten Roman nachlesen kannst. – Ich bin Maler, und so ist nichts mehr in der hergebrachten Ordnung, als daß ich mich in ein schönes junges Frauenzimmer, die ich abkonterfeie, sterblich verliebe. So ist es mir denn auch wirklich gegangen, als ich während meines Aufenthalts in Straßburg meine Proviantbäckerei – du weißt, daß ich darunter das Porträtmalen verstehe – mehr trieb als jemals. Ich bekam den Ruf eines außerordentlichen Porträtisten, der die Gesichter recht aus dem Spiegel stehle in der schönsten Miniatur, und so geschah es, daß eine alte Dame, die eine Pensionsanstalt hatte, sich an mich wandte und mich ersuchte, ein Fräulein, das bei ihr, zu malen für den entfernten Vater. Ich sah, ich malte Natalien – o ihr ewigen Mächte, das Geschick meines Lebens war entschieden! – Nun, nicht wahr, Bruder Berthold, da ist nichts Besonders daran? – Doch höre, manches mag doch bemerkenswert sein. – Laß es mich dir sagen, daß mich seit meiner frühen Knabenzeit in Ahnungen und Träumen das Bild eines himmlischen Weibes umschwebte, dem all mein Sehnen, all mein Lieben zugewandt. Die rohesten Versuche des malerischen Knaben zeigen dies Bild ebenso als die vollendeteren Gemälde des reifenden Künstlers. – Natalie, sie war es! – Das ist wunderbar, Berthold! – Auch mag ich dir sagen, daß derselbe Funke, der mich entzündet, auch in Nataliens Brust gefallen, daß wir uns verstohlen sahen. – O zerronnenes Glück der Liebe! – Nataliens Vater, Graf Hektor von Zelies, war gekommen, das Bildlein der Tochter hatte ihm ausnehmend gefallen, ich wurde eingeladen, ihn auch zu malen. Als der Graf mich sah, geriet er in eine seltsame Bewegung, ich möchte sagen Bestürzung. Er fragte mich mit auffallender Ängstlichkeit über alle meine Lebensverhältnisse aus und schrie dann mehr als er sprach, indem seine Augen glühten, er wolle nicht gemalt sein, aber ich sei ein wackrer Künstler, müsse nach Italien, und das auf der Stelle, er wolle mir Geld geben, wenn ich dessen bedürfe! –

Ich fort? – ich mich trennen von Natalien? – Nun, es gibt Leitern, bestechliche Zofen – wir sahen uns verstohlen. Sie lag in meinen Armen, als der Graf eintrat. – ›Ha, meine Ahnung – er ist reif!‹ – so schrie der Graf wütend auf und stürzte auf mich los mit gezogenem Stilett. Ohne daß sein Stoß mich treffen konnte, rannte ich ihn über den Haufen und entfloh. – Spurlos war er andern Tages mit Natalien verschwunden! –

Es begab sich, daß ich auf die alte Zigeunerin stieß, die du heute bei mir gesehen. Sie schwatzte mir solche abenteuerlichen Prophezeiungen vor, daß ich gar nicht darauf achten, sondern meinen Weg fortsetzen wollte. Da sprach sie mit einem Ton, der mein Innerstes durchdrang: ›George, mein Herzenskind, hast du Natalien vergessen?‹ – Mag es nun Hexerei geben oder nicht, genug, die Alte wußte um meinen Liebesbund, wußte genau, wie sich alles begeben, beteuerte mir, daß ich durch sie zu Nataliens Besitz gelangen solle, und gab mir auf, mich zu einer bestimmten Zeit in Hohenflüh einzufinden, wo ich sie, wiewohl in einer ganz andern Gestalt, finden werde. – Nun, Berthold, laß mich nicht alles weitläuftig erzählen – mir brennt die Brust – ein Wagen rollt auf mich zu – hält – die Reiter kommen näher – ›Jesus!‹ ruft eine Stimme im Wagen – es ist Nataliens Stimme. – ›Eile eile‹, ruft eine andre Stimme – die Reiter biegen seitwärts ein. – ›Die Gefahr ist vorüber‹, spreche ich und steige in den Wagen – in dem Augenblick fällt ein Schuß, fort geht es! – Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, es ist Natalie, es ist die alte Zigeunerin – sie hat Wort gehalten.« – »Glücklicher George!« sprach Berthold.

»Glücklicher?« wiederholte George, indem er eine wilde Lache aufschlug, »ha! noch im Walde holten uns Polizeisoldaten ein. Ich sprang aus dem Wagen, die Zigeunerin mir nach, packte mich mit Riesenkraft und schleppte mich ins finstre Dickicht. – Natalie war verloren. – Ich war in Wut, die Zigeunerin wußte mich zu besänftigen, mich zu überzeugen, daß kein Widerstand möglich, und daß noch keine Hoffnung verloren. Ich vertraue ihr blindlings, und wie du uns hier siehst, das ist ihr Plan, ihr Rat, um der Verfolgung eines mordsüchtigen Feindes zu entgehen.« –

In dem Augenblick trat die alte Zigeunerin hinzu und sprach mit krächzender Stimme: »George, schon leuchtet der Nachtwurm, wir müssen fort über die Berge.«

Da wollte es Berthold bedünken, die Alte treibe leeres loses Gaukelspiel mit Georgen, den sie an sich gelockt, um durch ihn mit jenen Possen mehr Geld zu gewinnen.

Zornig wandte er sich zur Alten, erklärte, daß er als Georgs bester innigster Freund es nicht länger zugeben werde, daß er schnöder Landstreicherei und niedrigen Possen sein Kunstleben opfere, mit ihm solle er nach Italien, und fragte dann, was sie überhaupt für ein Recht habe auf den ihm verbundenen Freund.

Da erhob sich die Alte, die Züge des Antlitzes schienen sich zu veredeln, aus den Augen strahlte ein dunkles Feuer, plötzlich war ihr ganzes Wesen die Würde und Hoheit selbst, sie sprach mit fester volltönender Stimme: »Du fragst, was für ein Recht ich habe auf diesen Jüngling? – Ich kenne dich wohl, du bist der Kupferstecher Berthold – du bist sein Freund, aber ich – o ihr ewigen Mächte! – ich bin – seine Mutter!«

Damit faßte sie Georgen in ihre Arme und drückte ihn stürmisch an ihre Brust. Doch plötzlich überfiel sie ein krampfhaftes Zittern, sie stieß Georgen von sich mit abgewandtem Gesicht, sie ließ sich erschöpft, halb ohnmächtig auf die Rasenbank [niedersinken], sie wimmerte, indem sie sich mit dem weiten Mantel, den sie umgeworfen, das Antlitz verhüllte: »Starre mich nicht so an, George, mit seinen Augen – warum wirfst du mir immer und ewig mein Verbrechen vor? – Du mußt fort – fort!« –

»Mutter!« rief George, indem er der Zigeunerin zu Füßen stürzte. Diese schloß ihn nochmals heftig in ihre Arme, indem sie, keines Wortes mächtig, aus tiefer Brust aufseufzte. Sie schien in Schlaf zu versinken. Doch bald erhob sie sich mühsam, sprach, wieder ganz Zigeunerin, mit krächzender Stimme: »George, schon leuchtet der Nachtwurm, wir müssen fort über die Berge!« und schritt langsam fort.

George warf sich sprachlos an die Brust des Freundes, dem auch das bis zum Entsetzen gesteigerte Erstaunen die Zunge band.

Bald vernahm Berthold das Trommeln, Pfeifen, Klingeln, den schauerlichen Gesang, das Geschrei des Esels und das Quieken der Affen und den Jubel des nachziehenden Landvolks, bis alles dumpf verhallte in der weiten Ferne.

Viertes Kapitel

Förster, welche am frühen Morgen den Wald durchstrichen, fanden den jungen Deodatus Schwendy ohnmächtig in seinem Blute liegend. Der Branntwein, den sie in Jagdflaschen bei sich führten, tat gute Dienste, ihn ins Leben zurückzuführen; sie verbanden, so gut sie es vermochten, die Brustwunde, packten ihn auf einen Wagen und brachten ihn nach Hohenflüh in das Wirtshaus zum ›Silbernen Lamm‹.

Der Schuß hatte nur die Brust stark gestreift, ohne daß die Kugel eingedrungen war, der Wundarzt erklärte daher, daß an Lebensgefahr nicht zu denken, wiewohl der Schreck und die Kälte der Nacht den erschöpften Zustand herbeigeführt, in dem sich Deodatus befand. Kräftige Mittel würden aber auch diesen bald heben.

Hätte Deodatus nicht den Schmerz der Wunde gefühlt, das ganze unerklärliche Ereignis wäre ihm nichts gewesen als ein Traum. Es schien ihm gewiß, daß jenes Geheimnis, von dem der Vater in dunklen Worten gesprochen, sich zu enthüllen begann, daß aber irgendein feindliches Wesen dazwischengetreten und seine Hoffnung vernichtet. Dieses feindliche Wesen, wer konnte es anders sein als der Maler George Haberland, der ihm so durchaus ähnlich, daß er überall mit ihm verwechselt worden.

»Und wie«, sprach er zu sich selbst, »wenn jene Natalie, jener schöne Liebestraum, der in süßen Ahnungen durch mein Leben ging, nur ihm angehörte, meinem unbekannten Doppeltgänger, meinem zweiten Ich, wenn er sie mir geraubt, wenn all mein Sehnen, all mein Hoffen ewig unerfüllt bliebe?«

Deodatus verlor sich in trübe Gedanken, immer dichtere Schleier schienen seine Zukunft zu verhüllen, jede Ahnung war dahin, er sah ein, daß er nur auf den Zufall hoffen dürfte, der ihm vielleicht Geheimnisse erschließen konnte, welche gar verhängnisvoll, gar gefährlich sein müßten, da sein Vater, der alte Amadeus Schwendy, es selbst nicht gewagt, sie ihm zu offenbaren. –

– Der Wundarzt hatte den kranken Deodatus eben verlassen, er befand sich allein, als die Türe leise geöffnet wurde und ein großer, in einen Mantel gehüllter Mann hineintrat. Als er den Mantel zurückschlug, erkannte Deodatus in ihm augenblicklich jenen Fremden wieder, den er im Gasthause zum ›Goldnen Bock‹ auf dem Flur getroffen, und er erriet, daß es derselbe sein mußte, der ihm das unerklärliche Billett geschrieben, nämlich der Graf Hektor von Zelies. Es war dem so.

Der Graf schien sich Mühe zu geben, den finstern stechenden Blick, der ihm eigen, zu mildern, er zwang sich sogar zu einiger Freundlichkeit.

»Wahrscheinlich«, so begann er, »wahrscheinlich erstaunen Sie, mich hier zu sehen, Herr Haberland, noch mehr werden Sie erstaunen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich hier bin, um Ihnen Frieden, Versöhnung anzubieten, im Fall Sie gewisse Bedingungen« –

Deodatus unterbrach den Grafen, indem er mit Heftigkeit versicherte, daß er keineswegs der Maler George Haberland sei, daß hier ein unglücklicher Irrtum vorwalten müsse, der ihn in ein Labyrinth unerklärlicher Ereignisse stürzen zu wollen scheine. Starr schaute der Graf ihm ins Gesicht und sprach dann mit einem Blick, aus dem ein wenig der Teufel lächelte: »Sie haben, mein Herr Schwendy oder mein Herr Haberland oder wie Sie sich sonst zu nennen belieben mögen, Natalien entführen wollen?« –

»Natalie, o Natalie«, seufzte Deodatus tief aus der Seele.

»Hoho«, sprach der Graf mit dem bittersten Ingrimm, »Sie lieben Natalien wohl sehr?«

»Mehr«, erwiderte Deodatus, indem er vor Schwäche zurücksank auf sein Lager, »mehr als mein Leben. – Sie wird mein werden, sie muß mein werden, in meinem Innersten glüht die Hoffnung, das Verlangen!« –

»Welche unerhörte Frechheit«, fuhr der Graf auf im flammenden Zorn, »he, warum traf« – plötzlich innehaltend, seinen Zorn mit Gewalt niederkämpfend, sprach der Graf, nachdem er einige Augenblicke geschwiegen, mit erkünstelter Ruhe: »Verdanken Sie Ihrem Zustande, daß ich Sie schone; unter andern Umständen würde ich Rechte geltend machen, die Sie vernichten könnten. Aber ich verlange nun, daß Sie mir augenblicklich sagen, wie es geschehen konnte, daß Sie Natalien sahen hier in Hohenflüh?«

Der Ton, in dem der Graf sprach, erfüllte den Deodatus Schwendy mit dem tiefsten Unwillen. Sich trotz seiner Schwäche ermannend, richtete er sich auf und sprach mit festem männlichen Ton: »Es kann nur das Recht der Unverschämtheit sein, das Sie geltend machen zu können glauben, wenn Sie in mein Zimmer dringen, wenn Sie mich mit Fragen belästigen, die ich nicht beantworten kann. Sie sind mir völlig unbekannt, niemals hatte ich mit Ihnen etwas zu schaffen, und diese Natalie, von der Sie sprechen, wissen Sie denn, daß diese das Himmelsbild ist, das in meinem Herzen lebt? – Weder in Hohenflüh noch sonst irgendwo sahen meine leiblichen Augen die – doch es ist Frevel, zu Ihnen von Geheimnissen zu reden, die ich bewahre tief in meiner innersten Brust!«

Der Graf schien in Staunen und Zweifel zu geraten, er lispelte kaum hörbar: »Niemals hätten Sie Natalien gesehen? – Und als Sie sie malten? – Wie wenn dieser Haberland – dieser Schwendy« –

»Genug«, rief Deodatus, »genug! – Entfernen Sie sich, nichts habe ich zu schaffen mit dem finstern Geist, den ein wahnsinniger Irrtum hinter mir hertreibt und der mich angriff auf den Tod! – Es gibt Gesetze, welche schützen gegen hinterlistigen Meuchelmord – Sie verstehen mich, Herr Graf!« –

Deodatus zog stark die Glocke. –

Der Graf biß die Zähne zusammen und maß den Deodatus mit furchtbarem Blick.

»Hüte dich«, sprach er dann, »hüte dich Knabe! Du hast ein unglückliches Gesicht – hüte dich, daß dein Gesicht nicht noch einem andern mißfalle als mir.« –

Die Türe ging auf, und herein trat der kleine alte, etwas zu dicke Herr mit der goldnen Dose, den der geneigte Leser als Mitglied des hochweisen Rates an der Wirtstafel im ›Goldnen Bock‹ gesehen und sehr klug räsonieren gehört hat.

Der Graf entfernte sich mit einer drohenden Bewegung gegen Deodatus zur Türe heraus, und zwar so wild und heftig, daß der kleine Ratsherr und seine Begleitung darob etwas erstaunt und verblüfft schienen.

Dem Ratsherrn folgte nämlich ein ganz kleines winziges verwachsenes Männlein, das einen großen Stoß Papier unter dem Arm trug, und hinterher traten zwei Ratsdiener hinein, die sich sofort als Wachen an der Türe postierten.

Der Ratsherr grüßte den Deodatus mit ernster Amtsmiene, das Männlein rückte mit Mühe einen Tisch vor das Bett, legte die Papiere darauf, holte ein Schreibzeug aus der Tasche, erkletterte den ebenfalls mit Mühe herangerückten Stuhl und setzte sich in schreibfertige Positur, während der Ratsherr sich auch auf einen Stuhl dicht vor dem Bette niedergelassen hatte und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

Deodatus wartete ungeduldig, was aus dem allen nun endlich werden sollte. Endlich begann der Ratsherr pathetisch: »Mein Herr Haberland oder mein Herr Schwendy, denn Sie, mein Herr, der Sie da vor mir im Bette liegen, belieben zwei diverse Namen zu führen, unerachtet das ein Luxus ist, den keine tüchtige Obrigkeit dulden darf. – Nun! – ich hoffe, Sie werden, da der hochweise Rat schon von allem auf das genaueste unterrichtet ist, nicht durch unnütze Lügen, Ränke und Schwänke Ihren Arrest verzögern. Denn arretiert sind Sie in diesem Augenblick, wie Sie aus der Postierung jener treuen ehrlichen Ratswächter mit mehrerem ersehen werden.«

Deodatus fragte verwundert, welches Verbrechens man ihn denn anklage, und welches Recht man habe, ihn als durchreisenden Fremden zu verhaften.

Da hielt ihm aber der Ratsherr vor, daß er wider das erst neuerdings emanierte Duellmandat des gnädigsten Herrn Fürsten auf das schrecklichste gesündigt, indem er sich wirklich im Walde duelliert, welches denn schon die Pistolen, die man in seiner Rocktasche gefunden, hinlänglich bewiesen. Er möge daher nur ohne weiteres den frechen Mitduellanten, sowie die etwanigen Sekundanten nennen und hübsch erzählen, wie sich alles begeben von Anfang an.

Dagegen versicherte nun Deodatus sehr ruhig und fest, daß hier nicht von einem Duell, sondern von einem meuchelmörderischen Angriff auf seine Person die Rede. Ein Ereignis, das ihm selbst unerklärlich, und das einem hochweisen Rat noch viel unerklärlicher sein werde, habe ihn ganz ohne seinen vorbedachten Willen in den Wald geführt. Die gefährliche Drohung eines ihm ganz unbekannten Verfolgers sei die Ursache, warum er sich bewaffnet, und der hochweise Rat würde viel besser tun, seine Pflicht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, viel besser erfüllen, wenn er, statt auf eine grundlose Vermutung hin Arrest und Untersuchung zu verfügen, jenem Meuchelmörder nachforschte.

Dabei blieb Deodatus stehen, unerachtet der Ratsherr noch hin und her fragte, und bezog, als dieser mehr von seinen Lebensverhältnissen wissen wollte, sich lediglich auf seinen Paß, der, solange nicht ein gegründeter Verdacht der Falschheit vorhanden, dem hochweisen Rat genügen müsse.

Der Ratsherr wischte sich den Angstschweiß von der Stirne. Der Kleine hatte schon einmal übers andre den grandiosen Gänsekiel in das Tintenfäßlein getunkt und wieder ausgespritzt, schreibbegehrliche Blicke auf den Ratsherrn werfend. Der schien aber vergebens nach Worten zu trachten. Da schrieb der Kleine keck und las mit krächzender Stimme:

»Aktum Hohenflüh den – Auf Befehl eines hiesigen hochweisen Rats hatte sich der unterschriebene Deputierte« –

»Recht«, rief der Ratsherr, »recht, liebster Drosselkopf, recht, himmlischer Aktuar, der unterschriebene Deputierte hatte sich – der unterschriebene Deputierte – das bin ich – ich hatte mich« –

Es war im Rat des Himmels beschlossen, daß der unterschriebene Deputierte sein Werk nicht vollenden, nicht unterschreiben, Deodatus vielmehr von dem unseligen Zuspruch befreit werden sollte.

Hinein trat nämlich ein Offizier von der Leibgarde des Fürsten in Begleitung des Wirts, den er, als er Deodatus erblickte, fragte, ob das wirklich der junge Mann sei, der im Walde verwundet worden. Als der Wirt es bejaht, näherte sich der Offizier dem Lager des Deodatus und erklärte mit bescheidner Artigkeit, daß er Befehl habe, den Herrn George Haberland sogleich zum Fürsten nach Sonsitz zu bringen. Er hoffe, daß sein Zustand kein Hindernis in den Weg legen würde; es seien alle Vorkehrungen getroffen, daß die Fahrt ihm durchaus nicht nachteilig sein könne, und werde auch übrigens der Leibchirurgus des Fürsten beständig an seiner Seite sein.

Der Ratsherr, auf einmal des Auftrags enthoben, der ihm Angstschweiß ausgepreßt, näherte sich, vollen Sonnenschein im Antlitz, dem Offizier und fragte mit submisser Verbeugung, ob er vielleicht den Arrestanten schließen lassen solle, größerer Sicherheit halber. Der Offizier blickte ihn aber ganz verwundert an und fragte dann seinerseits, ob der gestrenge Herr Ratsherr wahnsinnig sei, was er denn für einen Arrestanten meine. Der Fürst wolle den Herrn Haberland selbst sprechen, um alle Umstände eines Ereignisses zu erfahren, das seinen Zorn gereizt. Nicht begreifen könne der Fürst, wie in seinem Lande und vorzüglich ganz in der Nähe von Hohenflüh noch ein verruchter Meuchelmörder sein Wesen treiben dürfe, und werde deshalb die Obrigkeit, der die Sorge für die Sicherheit der Bürger obliege, zur schweren Verantwortung ziehen.

Man kann denken, wie dies dem dicken Ratsherrn in alle Glieder fuhr, der kleine Schreiber purzelte aber sofort vom Stuhle herab und wimmerte unten, er sei nichts als ein armer, höchst unglücklicher Aktuarius, dem es ganz schrecklich ergangen sein würde, wenn er jemals die Zweifel laut werden lassen, die er schon längst gegen die Weisheit des hochweisen Rats im Innern gehegt. –

Deodatus beteuerte, um jedem Irrtum vorzubeugen, daß er nicht der Maler Haberland sei, mit dem er nur große Ähnlichkeit haben müsse, vielmehr, wie er hinlänglich auf die glaubhafteste Art nachweisen könne, Deodatus Schwendy heiße und aus der Schweiz hergereiset sei. Der Offizier versicherte dagegen, daß es hier auf den Namen gar nicht ankomme, da der Fürst nur eben den jungen Mann zu sprechen verlange, der im Walde verwundet worden. Nun erklärte Deodatus, daß er dann in jedem Fall der sei, den der Fürst gemeint, und daß er, da die Wunde nicht im mindesten bedeutend, sich stark genug fühle, mitzugehen nach Sonsitz. Der Leibchirurgus des Fürsten bestätigte dies, Deodatus wurde sogleich in den bequemsten Reisewagen des Fürsten gepackt, und fort ging es nach Sonsitz.

Ganz Hohenflüh war in Bewegung, als Deodatus durch die Straßen fuhr, und des Verwunderns kein Ende, da es unerhört, daß der Fürst einen Fremden nach Sonsitz holen lassen. Ebenso, ja noch mehr verwunderten sich aber die Hohenflüher, als sie die beiden seit vielen Jahren tödlich entzweiten Gevattern und Wirte zum ›Goldnen Bock‹ und zum ›Silbernen Lamm‹ erblickten, wie sie mitten auf der Straße, auf dem sogenannten breiten Stein, freundlich miteinander konversierten, ja zutraulich sich in die Ohren zischelten.

Der geneigte Leser weiß bereits, wodurch der goldne Bock und das silberne Lamm versöhnt wurden, einen noch wirkungsvolleren Grund dieser augenblicklichen Versöhnung fanden beide aber jetzt in der gemeinschaftlichen brennenden, verzehrenden Neugierde, wer wohl der Fremde sein könne, dem das Außerordentlichste geschehn. –

Fünftes Kapitel

Auf den Schwingen des Sturms war das tobende Gewitter schnell entflohn über die Berge, und nur noch aus weiter Ferne zürnte murmelnd der Donner. Die sinkende Sonne blickte feurig durch die dunklen Büsche, die, tausend blinkende Kristalltropfen abschüttelnd, sich wollüstig badeten in den Wogen der lauen Abendluft. – Auf einem von babylonischen Weiden umschlossenen Platz in jenem Park bei Sonsitz, den der geneigte Leser schon kennt, stand der Fürst mit übereinandergeschlagenen Armen wie eingewurzelt und blickte hinauf in das Azur des wolkenlosen Himmels, als wolle er verschwundene Hoffnungen, ein in Gram und Schmerz verlornes Leben herab erflehen. – Da wurde in dem Gebüsch der Gardeoffizier sichtbar, den der Fürst nach Hohenflüh geschickt. Ungeduldig winkte er ihn heran und befahl, den jungen Menschen, dessen Ankunft der Offizier ihm meldete, sogleich vor ihn zu bringen, und sollte man sich dazu eines Tragsessels bedienen. – Es geschah, wie der Fürst geboten.

Sowie der Fürst den Deodatus ins Auge faßte, schien er auf das heftigste bewegt, unwillkürlich entflohen ihm die Worte: »O Gott! – meine Ahnung! – ja – er ist es!«

Deodatus erhob sich langsam und wollte sich dem Fürsten nähern in ehrfurchtsvoller Stellung. »Bleiben Sie«, – rief der Fürst, »bleiben Sie, Sie sind schwach, ermattet, Ihre Wunde ist vielleicht gefährlicher als Sie glauben – meine Neugierde soll Ihnen auf keine Weise nachteilig sein. – Man bringe zwei Lehnsessel.« –

Alles dieses sprach der Fürst mit halber Stimme, abgebrochen, man merkte, daß er mit Gewalt des Sturms mächtig werden wollte, der in seinem Innern tobte.

Als die Lehnsessel herbeigebracht, als sich auf Geheiß des Fürsten Deodatus in den einen hineingesetzt, als alles sich schon entfernt hatte, ging der Fürst noch immer mit starken Schritten auf und ab. Dann blieb er vor Deodatus stehen, und in dem Blick, mit dem er ihn anschaute, lag der lebendigste Ausdruck des herzzerreißendsten Schmerzes, der tiefsten Wehmut, dann war es, als ginge alles wieder unter in der Glut eines schnell auflodernden Zorns. – Eine unsichtbare Macht schien sich feindlich zu erheben zwischen ihm und Deodatus, und voll Entsetzen, ja voll Abscheu prallte er zurück und schritt wieder heftiger auf und ab, indem er nur halb verstohlen hinblickte nach dem Jüngling, dessen Staunen mit jeder Sekunde stieg, der gar nicht wußte, wie sich ein Auftritt enden werde, der ihm die Brust zuschnürte.

Der Fürst schien sich an Deodatus' Anblick gewöhnen zu müssen, er rückte endlich den Lehnsessel halb abwärts von Deodatus und ließ sich ganz erschöpft darauf nieder. Dann sprach er mit gedämpfter, beinahe weicher Stimme: »Sie sind fremd, mein Herr, Sie betraten als Reisender mein Land. – Was gehen den fremden Fürsten, dessen Ländchen ich durchreise, meine Lebensverhältnisse an? So können Sie fragen – aber Ihnen selbst unbekannt, gibt es vielleicht gewisse Verhältnisse, gewisse geheimnisvolle Beziehungen – doch – genug. – Nehmen Sie mein fürstliches Wort, daß mich nicht leere kindische Neugierde treibt, auch sonst keine unlautere Absicht, aber – ich will, ich muß alles wissen!«

Die letzten Worte sprach der Fürst, im Zorn entflammt, heftig auffahrend von dem Lehnsessel. Doch bald sich besinnend, sich zusammenfassend, ließ er sich aufs neue nieder und sprach so weich wie vorher: »Schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen, junger Mann, verschweigen Sie mir keines Ihrer Lebensverhältnisse; sagen Sie mir insbesondere, woher und wie Sie nach Hohenflüh kamen, in welcher Art das, was Ihnen in Hohenflüh begegnete, mit früheren Ereignissen in Bezug stand. Vorzüglich wünschte ich genau zu wissen, wie es mit der weisen Frau« –

Der Fürst stockte, dann fuhr er fort – wie sich selbst beschwichtigend: »Es ist tolles, wahnsinniges Zeug – aber eine Ausgeburt der Hölle ist dies Blendwerk oder – nun sprechen Sie, junger Mann, sprechen Sie frei, kein Geheimnis, keine Lü –«

Eben wollte der Fürst wieder heftig auffahren, er besann sich schnell und sprach das Wort nicht aus, das er auf der Zunge hatte.

Aus der tiefen Bewegung, die der Fürst zu unterdrücken sich vergebens mühte, konnte Deodatus wohl abnehmen, daß es sich hier um Geheimnisse handle, in die der Fürst selbst verflochten und die ihm auf diese oder jene Weise bedrohlich sein müßten.

Deodatus seinerseits fand gar keinen Grund, nicht so aufrichtig zu sein, wie es der Fürst verlangte, und begann von seinem Vater, von seinen Knaben- und Jünglingsjahren, von seinem einsamen Aufenthalt in der Schweiz zu erzählen. Er gedachte ferner, wie ihn der Vater nach Hohenflüh geschickt und ihm in geheimnisvollen Worten angedeutet, daß dort der Wendepunkt seines ganzen Lebens eintreten, daß er selbst zu einer Tat sich angeregt fühlen werde, die über sein Schicksal entscheiden würde. Getreu erzählte er nun weiter alles, was sich mit ihm, mit der weisen Frau, mit dem fremden Grafen in Hohenflüh begeben.

Mehrmals äußerte der Fürst das lebhafteste Erstaunen, ja, er fuhr auf, wie im jähen Schreck, als Deodatus die Namen Natalie – Graf Hektor von Zelies nannte.

Deodatus hatte seine Erzählung geendet, der Fürst schwieg mit niedergebeugtem Haupt, in tiefes Nachdenken versunken, dann erhob er sich, stürzte los auf Deodatus und rief: »Ha, der Verruchte, dieses Herz sollte die Kugel durchbohren, die letzte Hoffnung wollte er töten, dich vernichten – dich, mein –«

Ein Tränenstrom erstickte des Fürsten Worte, er schloß, ganz Wehmut und Schmerz, den Deodatus in seine Arme, drückte ihn heftig an seine Brust.

Doch plötzlich prallte wie vorher der Fürst voll Entsetzen zurück und rief, indem er die geballte Faust emporstreckte: »Fort, fort! Schlange, die sich einnisten will in meiner Brust – fort! Du teuflisches Trugbild, du sollst meine Hoffnung nicht töten, du sollst mir mein Leben nicht verstören!«

Da rief eine ferne, seltsam dumpfe Stimme:

»Die Hoffnung ist der Tod, das Leben dunkler Mächte grauses Spiel!« und krächzend flatterte ein schwarzer Rabe auf und hinein ins Gebüsch.

Sinnlos stürzte der Fürst zu Boden. Deodatus, zu schwach, ihm beizustehen, rief laut um Hilfe. Der Leibarzt fand den Fürsten vom Schlage getroffen und in dem bedenklichsten Zustande. Deodatus wußte selbst nicht, welches unnennbar schmerzhafte Gefühl des tiefsten Mitleids seine Brust durchdrang, er kniete nieder bei der Tragbahre, auf die man den Fürsten gelegt, er küßte seine welk herabgesunkene Hand und benetzte sie mit heißen Tränen. Der Fürst kam zu sich, die wie zum Tode erstarrten Augen hatten wieder Sehkraft. Er erblickte Deodatus, winkte ihm fort und rief mit bebenden Lippen kaum verständlich: »Weg – weg!«

Deodatus, tief erschüttert von dem Auftritt, der in das Innerste seines Lebens zu dringen schien, fühlte sich der Ohnmacht nahe, und auch seinen Zustand fand der Leibarzt so bedenklich, daß es nicht ratsam war, ihn zurückzubringen nach Hohenflüh.

Habe auch, meinte der Leibarzt, der Fürst den Willen geäußert, daß der junge Mensch sich wegbegeben solle, so könne er doch fürs erste in einem entfernten Flügel des Landhauses untergebracht werden, und es sei gar nicht zu befürchten, daß der Fürst, der wohl in langer Zeit nicht aus dem Zimmer kommen dürfte, seinen Aufenthalt im Landhause erfahren sollte. Deodatus, in der Tat so erschöpft, daß er keines Willens, keines Widerspruchs fähig, ließ es sich gefallen, im Landhause des Fürsten zu bleiben.

War es schon sonst im Landhause still und traurig, so herrschte jetzt bei der Krankheit des Fürsten das Schweigen des Grabes, und Deodatus gewahrte nur dann, wenn ein Diener ihn mit den nötigen Bedürfnissen versorgte oder der Wundarzt ihn besuchte, daß noch außer ihm Menschen im Landhause befindlich. Diese klösterliche Einsamkeit tat indessen dem von allen Seiten bestürmten Deodatus wohl, und er hielt eben das Landhaus des Fürsten für ein Asyl, in das er sich vor dem bedrohlichen Geheimnis, das ihn umgarnen wolle, gerettet.

Dazu kam, daß durch die schmucklose, aber freundliche bequeme Einrichtung der beiden kleinen Zimmer, die er bewohnte, vorzüglich aber durch die herrliche Aussicht, die er genoß, sein Aufenthalt jenen Reiz wohltuender Behaglichkeit erhielt, der das verdüstertste Gemüt aufzuheitern vermag. Er übersah den schönsten Teil des Parks, an dessen Ende auf einem Hügel die malerischen Ruinen eines alten Schlosses lagen. Hinter diesen stiegen die blauen Spitzen des fernen Gebirges empor. –

Deodatus nutzte sogleich die Zeit, als er ruhiger geworden und als ihm der Wundarzt dergleichen Beschäftigung erlaubte, um seinem alten Vater ausführlich zu schreiben, was sich alles mit ihm begeben bis zum letzten Augenblick. Er beschwor ihn, nicht länger zu schweigen über das, was ihm in Hohenflüh bevorgestanden, und ihn so in den Stand zu setzen, seine eigene Lage ganz zu übersehen und sich gegen die Arglist unbekannter Feinde zu rüsten. –

Von dem alten verfallenen Schloß, dessen Ruinen Deodatus aus seinen Fenstern erblickte, stand noch ein kleiner Teil des Hauptgebäudes ziemlich unversehrt da. Dieser Teil schloß sich mit einem herausgebauten Erker, der, da an der andern Seite die Hauptmauer eingestürzt, frei und luftig heraushing wie ein Schwalbennest. Ebendieser Erker war, wie sich Deodatus durch ein Fernrohr überzeugte, mit Gesträuch, das sich aus den Mauerritzen hervorgedrängt, bewachsen, und ebendieses Gesträuch bildete ein Laubdach, welches sich ganz hübsch ausnahm. Deodatus meinte, daß es dort recht wohnlich sein müsse, wiewohl jetzt es unmöglich schien, hinaufzugelangen, da die Treppen eingestürzt. Um so mehr mußte daher Deodatus erstaunen, als er in einer Nacht, da er noch zum Fenster hinausschaute, ganz deutlich ein Licht in jenem Erker bemerkte, das erst nach einer Stunde wieder verschwand. Nicht allein in dieser, sondern auch in den folgenden Nächten gewahrte Deodatus das Licht, und man kann denken, daß der in unerklärliche Geheimnisse verflochtene Jüngling auch hier ein verhängnisvolles Abenteuer vermutete.

Er teilte seine Beobachtung dem Wundarzt mit, der meinte aber, das Erscheinen des Lichts in dem Erker könne seinen natürlichen einfachen Grund haben: Eben in dem unversehrten Teil des Hauptgebäudes, und zwar im Erdgeschoß, wären einige Zimmer für den Förster eingerichtet, der die Aufsicht habe über den fürstlichen Park; könne nun, wie er sich bei dem Beschauen der Ruinen oftmals überzeugt, auch nicht wohl oder wenigstens nicht ohne Gefahr der Erker bestiegen werden, so sei es doch möglich, daß vielleicht die Jägerbursche das Schwalbennest dort oben erklettert, um ihr Wesen ungestört zu treiben.

Deodatus war mit dieser Erklärung durchaus nicht zufrieden, er ahnte lebhaft irgendein Abenteuer, das sich in den Ruinen des Schlosses verborgen.

Der Arzt verstattete ihm endlich, in der Dämmerung den Park zu durchwandern, wobei er aber mit Behutsamkeit jeden Ort vermeiden mußte, der aus den Fenstern des Zimmers, in dem der kranke Fürst befindlich, übersehen werden konnte. Der Fürst war nämlich so weit hergestellt, daß er am Fenster zu sitzen und hinauszuschauen vermochte, seinem Scharfblick wäre Deodatus nicht entgangen, und fort hätte dieser müssen ohne Widerrede. Wenigstens glaubte der Leibarzt bei der Art, wie der Fürst damals mit dem Ausdruck des Abscheues den Jüngling von sich fort[winkte], dies voraussetzen zu müssen.

Deodatus wanderte, als ihm der Arzt Freiheit gegeben, sogleich nach dem verfallnen Schloß. Er traf auf den Förster, der über seine Erscheinung sehr verwundert tat und, als Deodatus ihm des breiteren sagte, wie er hergekommen und wie sich dann alles begeben, ganz unverhohlen meinte, daß die Herren, die ihn ohne Vorwissen des Fürsten einquartiert hätten ins Landhaus, ein gewagtes Spiel spielten. Erführe nämlich der Fürst etwas davon, so könne es sein, daß er fürs erste den jungen Herrn zum Tempel hinauswerfen ließe und alle seine Beschützer hinterher.

Deodatus wünschte den innern, noch unversehrten Teil des Schlosses zu sehen, der Förster versicherte dagegen trocken, daß dies nicht wohl angehe, da jeden Augenblick irgendeine morsche Decke oder sonst ein Stück Mauer einstürzen könne, überdem sei aber die Treppe so verfallen, daß kein sichrer Tritt möglich und man jeden Augenblick Gefahr laufe, den Hals zu brechen. Als nun aber Deodatus dem Förster bemerkte, daß er oftmals Licht im Erker erblickte, da entgegnete dieser im groben barschen Ton, daß das ein einfältiger Irrtum sein müsse und daß der junge Herr auch übrigens wohltun werde, sich um nichts anderes zu kümmern als um sich selbst und auch nicht auf Beobachtungen auszugehen. Er könne dem Himmel danken, daß er; der Förster, Mitleiden mit ihm habe und nicht gleich hinginge und dem Fürsten rein heraussage, wie man gegen seinen strengsten Befehl gehandelt.

Deodatus gewahrte wohl, daß der Förster unter dieser Grobheit ein gewisses verlegenes Wesen zu verstecken sich mühte. Bestätigt fand aber Deodatus die Vermutung, daß ein Geheimnis hier verborgen, als er, über den Schloßhof schreitend, in einem ziemlich verborgenen Winkel des Gemäuers eine schmale hölzerne Freitreppe gewahrte, die neu erbaut und eben in den obern Stock des Hauptgebäudes zu führen schien.

Sechstes Kapitel

Des Fürsten Krankheit, die immer bedenklicher wurde, erregte nicht geringe Bestürzung, nicht geringe Besorgnis. Schon früher erfuhr nämlich der geneigte Leser, daß die Gemahlin des Fürsten nebst dem Kinde, das sie geboren, auf unbegreifliche Weise verschwand. Der Fürst war daher ohne Erben und sein Nachfolger auf dem Thron ein jüngerer Bruder, der sich durch sein übermütiges Betragen, durch lasterhafte Neigungen jeder Art, denen er auf freche Weise frönte, dem Hof und dem Volk verhaßt gemacht hatte. Ein dumpfes Gerücht klagte ihn des freventlichsten Verrats an dem Fürsten an und fand darin die Ursache, daß er sich aus dem Lande entfernen müssen, ohne daß jemand seinen jetzigen verborgenen Aufenthalt kannte.

Die Hohenflüher zerbrachen sich weidlich die Köpfe, wie es denn nun gehen würde, wenn der Fürst gestorben. Sie zitterten vor dem tyrannischen Bruder und wünschten, er läge, wie es schon einmal geheißen, wirklich in dem tiefen Grunde des Meeres.

An der Wirtstafel im ›Goldnen Bock‹ war nun eben von diesen Dingen stark die Rede, jeder sagte seine Meinung, und der bekannte Ratsherr urteilte, ein hochweiser Rat könne ja bei der Regierung der Stadt auch ein wenig die Regierung des Landes mit übernehmen, bis sich das Weitere finde. Ein alter Mann, der, in sich gekehrt, so lange geschwiegen, sprach nun mit dem Ton der tiefsten Rührung: »Welch ein herbes Ungemach trifft unser armes Land; den besten Fürsten erfaßt irgendein unerhörtes Verhängnis und raubt ihm alles Lebensglück, alle Ruhe der Seele, bis er dem entsetzlichen Schmerz erliegt! Wir haben von dem Nachfolger alles zu fürchten, und der einzige Mann, der feststehen wie ein Fels im Meer, der unser Hort, unser Heil sein würde, dieser einzige Mann ist dahin!« –

Jeder wußte, daß der Alte keinen andern meinte als den Grafen von Törny, der bald, nachdem die Fürstin verschwunden, sich vom Hofe entfernte.

Graf Törny war in jeder Hinsicht ein ausgezeichneter Mensch. Mit dem schärfsten Verstande, mit der freien Genialität, die den festen Takt gibt, nur das Richtige zu wollen, und die Kraft, es zu vollbringen, verband er das edelste Gemüt, den regsten Sinn für alles Gute und Schöne. Er war der Beschützer des Unterdrückten, der rastlose Verfolger des Unterdrückers. So mußte es kommen, daß der Graf nicht allein die Liebe des Fürsten, sondern auch die Liebe des Volks gewann, und nur ein sehr kleiner Teil wagte es, dem Gerücht Glauben beizumessen, das ihn als schuldbar darstellte und das, man wußte es, der Bruder des Fürsten, der den Grafen in der tiefsten Seele haßte, auszustreuen sich bemüht hatte. –

Mit einem Munde rief alles an der Wirtstafel: »Graf Törny! – unser edler Graf Törny! – O wäre er noch bei uns in dieser Zeit der Bedrängnis!« –

Man trank auf des Grafen Wohl. Wurde nun weiter von des Fürsten bedenklicher Krankheit gesprochen, die ihn in das Grab bringen könne, so war es natürlich, daß man des jungen Mannes gedachte, in dessen Gegenwart den Fürsten der böse Zufall getroffen hatte.

Der kluge Ratsherr witterte die abscheulichsten Dinge. Es sei gewiß, meinte er, daß der junge Mensch, der töricht genug gewesen, den hochweisen Rat durch zwei diverse Namen über seine Person täuschen zu wollen, ein Spitzbube im höhern Stil gewesen, der Arges im Sinn getragen.

Nicht umsonst habe der Fürst ihn nach Sonsitz und heraus nach dem Landhause bringen lassen, um ihn selbst über allerlei höllische Anschläge zu befragen, und die Artigkeit des Offiziers, der bequeme Wagen, der Leibarzt, alles sei nur Maske gewesen, um den Verbrecher lustig zu erhalten und guter Dinge, damit er alles gleich gestehe. Gewiß würde es dem Fürsten gelungen sein, alles herauszubringen, wenn ihm nicht die kalte nasse Abendluft den Schlagfluß zugezogen und der junge Mensch nicht die Verwirrung benutzt hätte, um schnell zu entfliehen. Er wünschte nur, daß der Taugenichts sich wieder sehen lasse in Hohenflüh, da solle er nicht zum zweitenmal der Gerechtigkeit des hochweisen Rats entrinnen. – Eben hatte der Ratsherr dies gesprochen, als der junge Mann, von dem die Rede, hereintrat, stillschweigend und ernst die Gesellschaft grüßte und sich an die Tafel setzte.

»Schönstens willkommen, bester Herr Haberland«, sprach der Wirt, der des Ratsherrn böse Meinung gar nicht teilen konnte, »schönstens willkommen! – Nun! – Sie dürfen gewiß keine Scheu tragen, sich in Hohenflüh sehen zu lassen?« Der junge Mann schien über des Wirts Anrede sehr befremdet, da setzte sich der kleine dicke Ratsherr in Positur und begann sehr pathetisch: »Mein Herr, ich erkläre Ihnen hiermit« – da faßte ihn aber der junge Mann mit einem scharfen durchdringenden Blick so fest ins Auge, daß er verstummte und unwillkürlich mit einer Verbeugung hinausstotterte: »Ganz gehorsamster Diener!« –

Vielleicht hat der geneigte Leser auch schon die Bemerkung gemacht, daß es Leute gibt, die, faßt man sie scharf ins Auge, sogleich, wie im Gefühl schuldiger Demut, zu grüßen pflegen.

Der junge Mann aß und trank nun, ohne ein Wort zu reden. Auf der ganzen Gesellschaft lag ein schwüles erwartungsvolles Stillschweigen.

Der Alte, der vorhin gesprochen, redete endlich den jungen Menschen an, indem er ihn fragte, ob die Brustwunde, die er im Walde bei Hohenflüh erhalten, schon wieder ganz geheilt sei. Der junge Mann erwiderte, daß man sich in seiner Person irren müsse, da er nie in der Brust verwundet worden.

»Ich verstehe«, fuhr der alte Mann schlau lächelnd fort, »ich verstehe, Herr Haberland, Sie sind wieder völlig hergestellt und wollen von dem unangenehmen Vorfall nicht ferner reden. – Aber da Sie gegenwärtig waren, als unsern guten Fürsten der Schlag traf, so werden Sie uns am besten sagen können, wie sich alles begab und was man von dem Zustande des Fürsten zu hoffen oder zu fürchten hat.«

Der junge Mensch erwiderte, daß derselbe Irrtum auch hier im Spiele sein müsse, da er nie in Sonsitz gewesen, nie den Fürsten Remigius gesehen habe. Indessen sei ihm die Krankheit des Fürsten bekannt geworden, und er wünsche Näheres darüber zu erfahren.

Vielleicht, meinte der Alte, wolle oder dürfe der Herr Haberland von seinem Aufenthalt bei dem Fürsten nicht viel sprechen, vielleicht habe auch das Gerücht vieles von dem entstellt, was sich in Sonsitz begeben, so viel sei aber gewiß, daß der Fürst den jungen Mann, der hier verwundet worden und für den er den Herrn Haberland nun einmal halten müsse, nach Sonsitz herausholen lassen und daß ihn bei einem einsamen Gespräch mit diesem jungen Manne im Park der Schlag getroffen. Entfernte Diener hätten auch eine seltsame dumpfe Stimme rufen gehört:

»Die Hoffnung ist der Tod, das Leben dunkler Mächte grauses Spiel!«

Der junge Mensch seufzte tief auf, wechselte die Farbe, alles verriet die tiefste innere Bewegung. Er stürzte schnell einige Gläser Wein hinunter, bestellte eine zweite Flasche und entfernte sich aus dem Zimmer. Die Tafel war geendet, der junge Mensch kam nicht wieder. Der Portier hatte ihn schnell dem Neudorfer Tor zueilen gesehen. Die Bezahlung für das Kuvert lag auf dem Teller.

Nun geriet der Ratsherr in gewaltigen Amtseifer, sprach von Nachsetzen, Steckbriefen usw. Der Alte erinnerte ihn aber an einen gewissen Vorfall, der ihm, als er bei ähnlichem Anlaß eine unzeitige Tätigkeit bewiesen, eine tüchtige Nase von der Landesbehörde zugezogen, und meinte, es möchte wohl besser sein, sich um den jungen Mann gar nicht weiter zu kümmern und die Sache ruhen zu lassen.

Die ganze Gesellschaft stimmte dieser Meinung bei, und der Ratsherr ließ wirklich die Sache ruhen. –

Während sich dies in Hohenflüh begab, war Haberlands Doppeltgänger, der junge Deodatus Schwendy, in einen neuen Zauberkreis bedrohlicher Abenteuer geraten.

Mit magischer Gewalt hatte es ihn immer hingezogen nach dem verfallenen Schlosse.

Als er einst, da es schon dämmerte, vor dem geheimnisvollen Erker stand und mit einer Sehnsucht, die er selbst nicht zu deuten wußte, hinaufblickte nach den erblindeten Fenstern, war es ihm, als gewahre er eine weiße Gestalt, und in demselben Augenblick fiel auch ein Stein zu seinen Füßen nieder. Er hob ihn auf und löste das Papier los, mit dem er umwickelt. Er fand folgende Worte mit Bleistift kaum leserlich hingekritzelt:

»Georg! – mein Georg! – ist es möglich? täuscht mich nicht mein aufgeregter Sinn? Du hier! – o ihr ewigen Himmelsmächte! – In diesen verfallenen Mauern liegt der Vater wie im Hinterhalt – ach! nur Böses brütend! Fliehe, fliehe Georg, ehe des Vaters Zorn Dich erreicht! Doch nein – bleibe noch! – Ich muß Dich sehen – und ein einziger Augenblick seliger Wonne, dann fliehen! – bis Mitternacht ist der Vater abwesend. Komme! über den Schloßhof – die hölzerne Treppe! doch nein, es ist nicht möglich. Des Försters Leute – schlafen sie auch, die wachen Hunde fallen Dich an! Auf der Südseite steht noch eine Treppe, die nach den Zimmern führt, doch ist sie morsch und verfallen – Du darfst es nicht wagen, aber ich komme herab! – O Georg, was vermag alle Arglist der Hölle gegen ein liebendes Herz. Natalie ist Dein – Dein auf ewig!« –

»Sie ist es«, rief Deodatus ganz außer sich, »es ist kein Zweifel mehr, ja, sie ist es, der Traum des Knaben, die glühende Sehnsucht des Jünglings! – Hin zu ihr – um sie nie wieder zu lassen, aufgehen, lichtvoll aufgehen soll des Vaters dunkles Geheimnis! – Aber! – bin ich es denn? – bin ich der George?« –

Wie ein tötender Krampf erfaßte den armen Deodatus der Gedanke, daß ja nicht er, daß es jener unbekannte Doppeltgänger sei, den Natalie liebe, den sie wiedergefunden zu haben glaube. Und doch, so sprach das glühende Verlangen der Liebe aus dem Innern heraus, und doch, kann nicht ebenjener Doppeltgänger der sein, der sie täuscht, kann ich nicht der sein, dem sie angehört, mit dem sie geheimnisvolle Bande verknüpfen? Hin zu ihr! – Sowie die Nacht eingebrochen, schlich Deodatus hinaus aus seinen Zimmern. Im Park, unfern des Landhauses, hörte er Stimmen flüstern, schnell duckte er sich nieder ins Gebüsch. Da schritten zwei in Mäntel gehüllte Männer dicht bei ihm vorüber. »Also«, sprach der eine, »also noch lange könnte es dauern mit dem Fürsten, meinte heute der Leibarzt?« »So ist es, gnädigster Herr«, erwiderte der andere. »Nun«, fuhr der erste fort, »so muß man zu andern Mitteln« – die Worte wurden undeutlich. Deodatus richtete sich in die Höhe, dem Sprechenden fiel der volle Glanz der leuchtenden Mondesstrahlen ins Gesicht, Deodatus erkannte mit Entsetzen den Grafen Hektor von Zelies. –

Erbebend vor dem Gedanken, daß der Hölle schwarze Ausgeburt, daß der Mord hier im Finstern lauere, zu gleicher Zeit mit unwiderstehlicher Gewalt fortgetrieben von glühender Sehnsucht, von dürstendem Verlangen, schlich Deodatus fort. Im Mondlicht fand er die verfallene Treppe an der Südseite, doch wollte er verzweifeln, als er, kaum einige Stufen hinaufgeklettert, die Unmöglichkeit einsah, in der tiefen Finsternis, die ihn nun umgab, weiter fortzukommen. Doch plötzlich leuchtete ein fernes Licht aus dem innern Gebäude ihm entgegen. Er kletterte nicht ohne Gefahr vollends die Treppe herauf, kam in einen hohen weiten Saal. – In blendendem Liebreiz, in hoher Anmut stand das holde Wunder seiner Träume vor ihm. »Natalie!« rief Deodatus und stürzte dem herrlichen Frauenbilde zu Füßen. Doch mit süßem Wohllaut lispelte Natalie: »Mein George!« und schloß den Jüngling in ihre Arme. Keine Worte – nur Blick, nur Kuß, die Sprache heißer stürmischer Liebesglut. Da rief Deodatus im Wahnsinn tötender Angst, inbrünstiger Wonne: »Mein mein bist du, Natalie! – glaube an mein Ich – ich weiß, mein Doppeltgänger hat dir die Brust zerspalten wollen, aber er traf mich – es war nur eine Kugel, die Wunde ist geheilt, und mein Ich lebt. – Natalie, sage mir nur, ob du an mein Ich glaubst, sonst erfaßt mich der Tod vor deinen Augen! – Ich heiße auch nicht George, aber doch bin ich selbst mein Ich und kein anderer.« –

»Weh mir«, rief Natalie, sich aus des Jünglings Armen loswindend, »George, was sprichst du? – Doch nein, nein! – ein bedrohliches Verhängnis hat deine Sinne aufgeregt! – Sei ruhig, sei ganz mein George!«

Natalie breitete die Arme aus, und Deodatus umfing sie, drückte sie an die Brust, indem er laut rief: »Ja, Natalie, ich bin es, ich bin der, den du liebst. – Wer will es wagen, wer vermag es, mich aus diesem Himmel voll Seligkeit zu reißen! – Natalie – laß uns fliehen, laß uns fliehen – fort – daß mein Doppeltgänger dich nicht erreiche – fürchte nichts – es ist mein Ich, das ihn tötet!« –

In dem Augenblick ließen sich dumpfe Tritte hören und: »Natalie, Natalie!« erscholl es durch die hohen Gemächer. –

»Fort«, rief Natalie, indem sie den Jüngling nach der Treppe drängte und ihm die Lampe, die sie mitgebracht, in die Hand gab, »fort, sonst sind wir verloren, der Vater ist gekommen. – Morgen um diese Zeit komme wieder, ich werde dir folgen.« –

Halb sinnlos kletterte Deodatus die Treppe hinab, es war ein Wunder zu nennen, daß er nicht hinstürzte über die verfallenen Stufen. Unten löschte er die Lampe aus und warf sie ins Gebüsch. Kaum war er einige Schritte fortgegangen, als er hinterwärts von zwei Männern gepackt wurde, die mit ihm schnell davonrannten, ihn in den Wagen hoben, der vor dem Gattertor stand, und mit ihm davonfuhren in sausendem Galopp.

Eine gute Stunde mochte Deodatus gefahren sein, als der Wagen stillhielt im dicksten Walde vor einer Köhlerhütte. Männer mit Fackeln traten aus der Hütte, man bat den Jüngling auszusteigen, er tat es. Ein alter stattlicher Herr kam schnell heran, und mit dem Ausruf: »Mein Vater!« stürzte ihm Deodatus an die Brust.

»Aus den Schlingen«, sprach der alte Amadeus Schwendy, »aus den Schlingen der Arglist und Bosheit habe ich dich gerettet, dem Morde habe ich dich entrissen, mein teurer Sohn! Bald enthüllt sich nun das Verborgene, bald tagt nun das herauf, was du in deiner Brust nicht zu ahnen vermagst.« –

Siebentes Kapitel

Am frühesten Morgen erwachte der Fürst aus tiefem ruhigen Schlummer. Er schien erquickt, die Krankheit gebrochen, mit Ungeduld verlangte er den Leibarzt. Nicht in geringe Verwunderung geriet dieser, als der Fürst ihm in dem mildesten Ton befahl, den Jüngling, den er, wie er sehr gut wisse, im Landhause verborgen, sogleich zur Stelle zu bringen.

Der Leibarzt wollte sein Verfahren mit dem Zustande des Jünglings, der Ruhe und die sorgsamste ärztliche Behandlung erfordert, entschuldigen, der Fürst unterbrach ihn aber mit der Versicherung, daß es keiner Entschuldigung bedürfe, da er, der Leibarzt, ihm, ohne es zu ahnen, die größte Wohltat erzeigt. Übrigens sei ihm gestern erst der Aufenthalt des Jünglings durch den Förster verraten worden. –

Deodatus war nun aber spurlos verschwunden, und als der Fürst dies erfuhr, geriet er in sichtliche Bewegung. Mit dem schmerzlichsten Ton wiederholte er mehrmals: »Warum entfloh er – warum entfloh er? – Wußte er nicht, daß jede Betörung weicht im Tode?« –

Auf Befehl des Fürsten kam der Präsident des Staatsrats, außerdem aber noch der Präsident der obersten Justizkammer mit zwei Räten. Die Türen wurden sogleich verschlossen, man konnte vermuten, daß der Fürst testiere.

Am folgenden Morgen verkündete der dumpfe Ton der Glocken den Sonsitzern den Tod des Fürsten, der in der Nacht nach einem wiederholten Anfall des Schlags sanft und ruhig entschlummert war.

Der Staatsrat, die obersten Behörden versammelten sich im Schloß, der letzte Wille des Fürsten sollte eröffnet werden, da man mit Recht vermuten konnte, daß bei dem Mangel eines Thronfolgers darin Bestimmungen enthalten sein würden, wie wenigstens augenblicklich die Verwaltung des Staats fortgesetzt werden solle.

Der feierliche Akt sollte beginnen, als plötzlich, wie durch einen Zauberschlag hervorgerufen, der verschollene jüngere Bruder des Fürsten hineintrat und erklärte, daß er nun als regierender Fürst allein zu gebieten habe und daß jede Verfügung des Fürsten, die des Bruders Rechte auf den Thron auch nur im mindesten schmälere, unwirksam sein und bleiben müsse. Mit der Eröffnung des Testaments habe es daher Zeit. –

Allen war die unerwartete Erscheinung des Fürsten Isidor ein unerklärliches Rätsel, denn niemand wußte, daß Fürst Isidor, durch das Alter, überdem aber noch durch falsches Haar, durch Schminke entstellt und auf diese Weise unerkannt, im Lande hauste, daß er in den letzten Tagen in jenem verfallenen Schloß auf den Tod des Fürsten lauerte.

Gleich nachdem er das Fürstentum Reitlingen verlassen, hatte er den Namen eines Grafen Hektor von Zelies angenommen und überhaupt jede Spur, wo er geblieben, geschickt zu vertilgen gewußt. –

Der Präsident des Staatsrats, ein ehrwürdiger Greis, versicherte, dem Fürsten Isidor fest ins Auge blickend, daß, bevor nicht der letzte Wille des Fürsten Remigius eröffnet, er den Bruder nicht für zur Thronfolge berechtigt halten könne. Gewisse Geheimnisse würden vielleicht kundwerden und die Dinge sich anders gestalten.

Die letzten Worte sprach der Präsident mit erhöhter starker Stimme, und man sah den Fürsten Isidor plötzlich erblassen.

Die Eröffnung des Testaments geschah nun mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten, und alle, den Fürsten Isidor ausgenommen, gerieten über den Inhalt in das frohste, freudigste Erstaunen. Der Fürst hatte erklärt, wie er auf dem Todbette das heillose Unrecht eingesehen, das er der tugendhaften Gemahlin angetan, die er, auf den bloßen Verdacht der Untreue hin, den ihm ein arglistiger Bösewicht beizubringen gewußt, samt dem Kinde, das sie ihm geboren, verstoßen und in ein fernes ödes Grenzschloß einsperren lassen, aus dem sie entflohen, ohne daß es möglich gewesen, auch nur die mindeste Spur weiter von ihr zu erforschen. Den Sohn, Dank sei es der himmlischen Macht, habe er gefunden, denn die innerste Überzeugung sage es ihm, daß der Jüngling, der unter dem Namen Deodatus Schwendy zu ihm gebracht worden, kein anderer sei als eben sein Sohn, den er in satanischer Verblendung von sich geworfen. Jeden Zweifel, der über die Identität dieses Jünglings und seines Sohnes entstehen könne, werde der Graf von Törny heben können, der den Sohn gerettet und erzogen und der unter dem Namen Amadeus Schwendy in tiefer Verborgenheit auf einem Landhause bei Luzern wohne. – Daß übrigens der böse Verdacht, den er gehegt gegen die Rechtmäßigkeit der Geburt seines Sohnes, durchaus nichts vermögen könne, verstehe sich von selbst. – Den Rest des Testaments füllten Ausbrüche der tiefsten Reue, Beteuerungen, daß aller Argwohn vertilgt sei aus seiner Brust, und an den Sohn und künftigen Herrscher gerichtete kräftige väterliche Worte.

Fürst Isidor sah ringsumher mit lächelndem Hohn und meinte dann, daß das alles auf einer Vision des sterbenden Fürsten beruhen könne, und daß er durchaus nicht geneigt sei, wohlerworbene Rechte wahnsinnigen Phantasien aufzuopfern. Wenigstens sei der vermeintliche Thronerbe nicht da, und es werde sehr darauf ankommen, was der Graf von Törny sagen, und wie es ihm gelingen möchte, jene Umstände, die der Fürst angeführt, so glaubhaft ins klare zu stellen, daß kein Zweifel gegen den Jüngling, der plötzlich als Thronerbe vom Himmel gefallen und der vielleicht ein Abenteurer, aufkommen könne. Zur Zeit werde er daher sogleich den Thron besteigen.

Kaum hatte Fürst Isidor diese Worte gesprochen, als in voller Würde, reich gekleidet, den funkelnden Stern auf der Brust, der alte Amadeus Schwendy oder vielmehr der Graf von Törny hineintrat und an seiner Hand den jungen Menschen führte, der so lange für seinen Sohn Deodatus Schwendy gegolten. Aller Blicke waren auf den Jüngling gerichtet, alle riefen wie aus einem Munde: »Es ist der Fürst, es ist der Fürst!«

Noch aber waren die Wunder des Tages nicht erschöpft, denn sowie Graf Törny die Lippen geöffnet zum Sprechen, so unterbrach ihn der Jubel des Volks, der sich unten auf der Straße vernehmen ließ. »Es lebe die Fürstin – es lebe die Fürstin!« so tönte es herauf, und bald trat eine hohe majestätische Frau in den Saal, der ein Jüngling folgte.

»Ist es möglich«, rief der Graf von Törny ganz außer sich, »ist es kein Traum? – die Fürstin – ja, es ist die Fürstin, die wir verloren glaubten!« – »Glückseliger Tag, segensreicher Augenblick, Mutter, Sohn, sie sind gefunden!« – So rief die ganze Versammlung.

»Ja«, sprach die Fürstin, »ja, der Tod eines unglücklichen Gemahls gibt euch, ihr Treuergebenen, eure Fürstin wieder, doch noch mehr! Erblickt den Sohn, den sie gebar, erblickt euern Fürsten, euern Landesherrn!«

Damit führte sie den Jüngling, der ihr gefolgt, mitten in den Saal. Ihm trat rasch der Jüngling, der mit dem Grafen von Törny gekommen, entgegen, und beide, sich nicht nur gleichend, nein, einer des andern Doppeltgänger in Antlitz, Wuchs, Gebärde usw., blieben, vor Entsetzen wie erstarrt, in den Boden festgewurzelt stehen! –

Es möchte hier der Ort sein, dem geneigten Leser zu sagen, wie sich alles begab am Hofe des Fürsten Remigius.

Fürst Remigius war mit dem Grafen von Törny aufgewachsen, beide, sich gleich an hohem Geist und edlem Gemüt, fühlten sich eng verkettet, und so geschah es, daß, als der Fürst den Thron bestieg, der Freund, den er innig im Herzen trug, den er nicht lassen konnte, der Erste nach ihm wurde im Staat. Daß der Graf sich in seiner Stellung überall Vertrauen und Liebe gewann, hat der geneigte Leser bereits erfahren.

Beide, der Fürst und Graf von Törny, waren, als sie einen benachbarten Hof besuchten, zu gleicher Zeit in Liebe gekommen, und der Zufall wollte, daß Prinzessin Angela, welche der Fürst, und Gräfin Pauline, die der Graf gewählt, ebenso von Kindheit an in Lieb' und Freundschaft verbunden waren, als sie selbst. Sie feierten beide ihre Vermählung an einem und demselben Tage, und nichts in der Welt schien ein Glück verstören zu können, das in ihrem tiefen Innern begründet.

Ein dunkles Verhängnis wollte es anders! –

Je länger die Fürstin den Grafen Törny sah, je mehr sich ihr sein ganzes inneres Wesen glanzvoll entfaltete, desto stärker, desto wunderbarer fühlte sie sich hingezogen zu dem herrlichen Mann. Die reinste Himmelstugend, die vorwurffreieste Treue selbst, gewahrte die Fürstin endlich mit Entsetzen, daß die flammendste Liebesglut sie verzehrte. Sie dachte, sie empfand nur ihn, Todesöde war in ihrer Brust, wenn sie ihn nicht sah, alle Wonnen des Himmels stiegen herab, wenn er kam, wenn er sprach! – Trennung, Flucht war nicht möglich und doch der furchtbare Zustand, in dem sie mit der glühendsten Leidenschaft, mit den qualvollsten Vorwürfen rang, nicht zu ertragen. Es schien oft, als wolle sie ihre Liebe und mit dieser ihr Leben aushauchen in den Busen der Freundin. Krampfhaft schloß sie, in Tränen gebadet, die Gräfin in die Arme und sprach mit herzzerschneidendem Ton: »Du Selige, dir glänzt ein Paradies, aber meine Hoffnung ist der Tod!« –

Die Gräfin, weit entfernt zu ahnen, was im Innern der Fürstin vorging, fühlte sich doch von dem namenlosen Schmerz der Fürstin so tief ergriffen, daß sie mit ihr klagte und weinte und sich auch den Tod wünschte, so daß der Graf über die plötzliche Melancholie der sonst heitern unbefangenen Frau nicht wenig in Verlegenheit geriet.

An beiden, an der Fürstin und an der Gräfin, hatte man schon in ihrer früheren Jugend zu Zeiten eine an Hysterismus grenzende Überspannung bemerkt; mit so größerem Recht glaubten daher die Ärzte, alle seltsamen Ausbrüche eines krankhaften Überreizes, die vorzüglich bei der Fürstin jedem Beobachter auffallen mußten, dem Zustande zuschreiben zu müssen, in dem sich beide Frauen befanden. Beide waren in guter Hoffnung.

Ein seltnes Spiel der Zufalls – oder mag es ein wunderbares Verhängnis genannt werden – fügte es, daß beide, die Fürstin und die Gräfin, in derselben Stunde, ja in demselben Augenblick von Söhnen entbunden wurden. – Noch mehr! Mit jeder Woche, mit jedem Tage offenbarte sich deutlicher eine solche Ähnlichkeit, ja eine solche völlige Gleichheit beider Kinder, daß es ganz unmöglich, sie voneinander zu unterscheiden. Beide trugen in ihren kindischen Gesichtern aber schon deutlich die Züge des Grafen von Törny. Konnte hier noch ein Irrtum, eine Täuschung stattfinden, so entschied der ganz ausgezeichnete Bau des Schädels, sowie ein kleines, wie die Mondessichel geformtes Mal auf der linken Schläfe jene Ähnlichkeit ganz und gar.

Das feindliche Mißtrauen, der böse Argwohn, der jederzeit in einem verderbten Herzen zu wohnen pflegt, hatte dem Fürsten Isidor das Geheimnis der Fürstin verraten. Er war bemüht gewesen, das Gift dem Fürsten einzuflößen, das er gesogen, doch der Fürst wies ihn mit Verachtung zurück. Jetzt war der Zeitpunkt da, der dem Fürsten Isidor gelegen schien, seinen Angriff auf den Grafen Törny und auf die Fürstin, die er beide tödlich haßte, da sie überall seiner bösen Einwirkung entgegenstanden, zu erneuern.

Der Fürst wankte, doch nimmermehr hätte jene bloße Ähnlichkeit des Kindes mit dem Grafen Törny den Fürsten zu irgendeinem entsetzlichen Entschluß gebracht, hätte das Betragen der Fürstin nicht den Ausschlag gegeben.

Keine Ruhe fand die Fürstin, wie von dem tiefsten Schmerz, ja von namenloser Qual zerrissen, durchjammerte sie die Tage, die Nächte. Bald bedeckte sie das Kind mit den zärtlichsten Küssen, bald gab sie es mit abgewandtem Gesicht, mit dem Ausdruck des tiefsten Abscheus zurück. »Gerechter Gott, so hart strafst du das Verbrechen!« diesen Ausruf der Fürstin hatten mehrere gehört, und auf nichts anders konnte dies deuten, als auf eine verbrecherische Tat, der nun die bitterste Reue folgte.

Mehrere Monate vergingen, endlich kam der Fürst zum Entschluß. In der Nacht ließ er Mutter und Kind nach einem öden entfernten Grenzschloß bringen und verwies den Grafen Törny vom Hofe. Aber auch der Bruder, dessen Anblick dem Fürsten unerträglich, mußte fort. –

Nur der Geist hatte gesündigt, irdische Begierde keinen Teil daran, fest stand die Treue, aber auch jene Sünde des Geistes galt der Fürstin als ein strafwürdiges Verbrechen, das nur die tiefste Reue zu sühnen vermochte.

Der Aufenthalt in dem öden Schlosse, die strenge Bewachung, alles trug dazu bei, den krampfhaften Zustand, in dem sich die Fürstin befand, beinahe bis zum Wahnsinne zu steigern.

Da begab es sich, daß eines Tages mit Spiel und Gesang ein Zigeunertrupp daherzog und sich hinlagerte dicht vor den Mauern des Schlosses.

Der Fürstin war es, als fielen plötzlich dichte Schleier und sie vermöge hinauszublicken in ein helles buntes Leben. Eine unaussprechliche Sehnsucht erfaßte ihre Brust. – »Hinaus – hinaus ins Freie! – Nehmt mich auf – nehmt mich auf!« – so rief sie, indem sie die Arme ausstreckte durch das geöffnete Fenster. Ein Zigeunerweib schien sie zu verstehen, denn freundlich winkte sie ihr zu, und blitzschnell hatte ein Zigeunerbube die Mauer erklettert. Die Fürstin nahm ihr Kind, rannte herab, die Pforte war offen, der Zigeunerbube schaffte geschickt das Kind herüber. Trostlos stand die Fürstin vor der Mauer, die sie nicht zu erklettern vermochte. Doch alsbald senkte sich eine Strickleiter herab, wenige Sekunden, und sie war in Freiheit. –

Mit Jubel empfing sie die Zigeunerhorde, die ihrem Glauben gemäß in der vornehmen Frau, die dem Gefängnisse entflohen, einen Glücksstern fand, der ihnen aufgegangen. »Hoho«, sprach ein altes Zigeunerweib, »seht ihr denn nicht, wie die Fürstenkron' auf ihrem Haupte funkelt! – solch ein Glanz kann nie verbleichen.«

Das wilde nomadische Herumstreifen der Zigeuner, ihr Treiben dunkler Wissenschaft, geheimnisvoller Kunst war der Fürstin wohltätig, denn indem ihre beinahe bis zum wirklichen Wahnsinn gesteigerte Überspannung frei ins Leben treten konnte, wurde sie versöhnt mit dem Leben. Das Kind wußten die Zigeuner geschickt unterzubringen bei einem alten frommen Landpriester. Es ist kaum nötig, zu sagen, daß es die Fürstin war, die, als sie ruhiger geworden und des wilden Lebens satt, sich von der Horde getrennt hatte, auftrat als weise Frau mit dem Raben usw., und ebenso ist es nun erklärt, warum Fürst Isidor, den Maler Georg Haberland und den jungen Deodatus Schwendy für eine und dieselbe Person, und zwar für den jungen Fürsten haltend, sich den auf jede Weise vom Halse zu schaffen suchte, der allein ihm jede Hoffnung auf den Thron vereiteln konnte.

Wunderbar ist es, daß beide, Haberland und Schwendy, das geliebte Wesen längst träumten, das ihnen dann in vollem Leben entgegentrat; wunderbar, daß eben dieses Wesen Natalie, die Tochter des Fürsten Isidor, war, welche beide, der Graf von Törny und die Fürstin, als auserwählt ansahen, in der Verbindung mit dem Fürsten das dunkle Verhängnis, das bis dahin gewaltet, aufzuhalten, daß beide daher alle Mittel, die ihnen zu Gebote standen, aufbietend, dahin strebten, ein Paar zu vereinen, welches, wie sie wähnten, eine geheimnisvolle Verkettung der Dinge füreinander bestimmt hatte.

Man weiß, wie nun alle Pläne scheiterten, weil die Doppeltgänger auf ihren Wegen sich durchkreuzten, man weiß auch, wie, als der Fürst tödlich erkrankt, sich alle die, welche sein Gebot vertrieben hatte, wieder sammelten in seiner Nähe.

Achtes Kapitel

Also! – vor Entsetzen erstarrt, in den Boden festgewurzelt, standen die beiden Doppeltgänger sich gegenüber. Eine dumpfe Gewitterschwüle lag auf der ganzen Versammlung, jeder fragte im Herzen: »Welcher von beiden ist der Fürst?«

Der Graf von Törny brach zuerst das Stillschweigen, indem er dem Jüngling, der der Fürstin gefolgt, entgegentrat und wie in schmerzlicher Wonne rief: »Mein Sohn!« –

Da blitzten die Augen der Fürstin von strahlendem Feuer, und sie sprach mit niederschmetternder Hoheit: »Dein Sohn, Graf Törny? – Und wer ist der, der neben dir steht? – Der Räuber eines Throns, der diesem gebührt, der an meiner Brust gelegen?«

Fürst Isidorus wandte sich an die Versammlung und meinte, daß da über die Person des jungen Fürsten und Thronfolgers vollkommen Ungewißheit herrsche, so sei es natürlich, daß weder der eine noch der andere der beiden Prätendenten den Thron besteigen könne, vielmehr werde es darauf ankommen, wer von beiden seine rechtmäßige Geburt am besten und glaubhaftesten ausführen werde.

Einer solchen Ausführung, versicherte der Graf von Törny, bedürfe es ganz und gar nicht, da er imstande sei, in wenigen Minuten die Versammlung davon zu überzeugen, daß sein Zögling der Sohn des verstorbenen Fürsten Remigius, mithin dessen rechtmäßiger Thronfolger sei.

Das, was der Graf von Törny der Versammlung jetzt vortrug, bestand in folgendem:

Zu sehr war die vertrauteste Dienerschaft des Fürsten Remigius dem Grafen ergeben, als daß dieser nicht von dem Entschluß des Fürsten unterrichtet sein, ja nicht den Augenblick hätte wissen sollen, der zur Fortschaffung der Fürstin und ihres Kindes bestimmt worden. Der Graf übersah die Gefahr, in die der Thronerbe geriet, die Verwirrung, die vielleicht künftig die Ähnlichkeit des Kindes mit dem seinigen veranlassen, das Unglück, welches nach dem Tode des Fürsten einbrechen konnte. Er beschloß allem vorzubeugen.

Es gelang ihm in später Nacht in Begleitung zweier vertrauter Räte, des Vorstehers des geheimen Archivs, des Leibdoktors, des Wundarztes und eines alten Kammerdieners in das Vorzimmer der Fürstin zu gelangen. Die alte, ebenfalls ins Vertrauen gezogene Wärterin brachte das Kind herbei, während die Fürstin eingeschlummert; diesem, das in einem durch narkotische Mittel hervorgebrachten Schlaf lag, wurde nun von dem Wundarzt ein kleines Zeichen auf die linke Brust gebrannt, dann nahm es der Graf Törny und übergab der Wärterin sein eignes Kind. Über den ganzen Hergang der Sache wurde ein genauer Akt aufgenommen und derselbe, dem eine Abbildung des eingebrannten Zeichens beigefügt, von allen gegenwärtigen Personen unterschrieben und besiegelt, dem Archivarius übergeben zur Aufbewahrung im geheimen fürstlichen Archiv.

So geschah es, daß der Sohn des Grafen Törny mit der Fürstin fortgebracht und der junge Fürst von dem Grafen von Törny auferzogen wurde, für seinen Sohn geltend.

Die Gräfin, niedergebeugt von Gram, trostlos über das heillose Geschick ihrer Herzensfreundin, starb bald nach ihrer Ankunft in der Schweiz.

Von den Personen, die damals bei dem Akt gegenwärtig gewesen waren, lebten noch der Wundarzt, der Archivarius, die Wärterin und der Kammerdiener; auf Graf Törnys Veranstaltung hatten sich alle eingefunden auf dem Schlosse.

Der Archivarius brachte nun den Akt herbei, der im Beisein der vorhin genannten Personen geöffnet und von dem Präsidenten des Staatsrats laut verlesen wurde.

Der junge Fürst entblößte die Brust, das Zeichen wurde gefunden, jeder Zweifel war gehoben, und heiße Segenswünsche ertönten aus der Brust der treusten Vasallen.

Mit dem Ausdruck des tiefsten Ingrimms hatte sich Fürst Isidor entfernt, während der Akt verlesen wurde. – Als nun die Fürstin sich allein befand mit dem Grafen von Törny und den beiden Jünglingen, da war es, als wollte ihre Brust zerspringen, nicht mehr vermögend, den Sturm der mannigfachsten Gefühle zu bergen. Ungestüm warf sie sich an die Brust des Grafen und rief, wie ganz aufgelöst in schmerzlicher Wonne: »O Törny! dein Kind, deinen Sohn hast du verstoßen, um den zu retten, der unter diesem Herzen lag! – Aber ich bringe ihn dir wieder, den Verlornen! – O Törny, wir gehören nicht mehr der Erde an, kein irdischer Gram hat hinfort Macht über uns! – Laß uns die Ruhe, die Seligkeit des Himmels genießen! – Über uns schwebt sein versöhnter Geist! – Doch was vergaß ich! – sie harrt, sie harrt, die selige Braut!« –

Damit ging die Fürstin in ein Nebenzimmer und kam zurück mit der bräutlich geschmückten Natalie. Keines Wortes mächtig, hatten sich bis jetzt die Jünglinge angestarrt mit Blicken, in denen sich ein unheimliches Grauen abspiegelte. In dem Augenblick, als die Jünglinge Natalien erblickten, schien ein zündender Blitzstrahl sie zu beleben; mit dem lauten Ausruf: »Natalie!« stürzten sie beide los auf das holde Engelskind. Aber auch Natalien faßte tiefes Entsetzen, als sie die beiden Jünglinge gewahrte, ein Doppeltbild des Geliebten, den sie im Herzen getragen.

»Ha!« rief nun wild der junge Törny, »ha! Fürst, bist du, du der Hölle entstiegener Doppeltgänger, der mir mein Ich gestohlen, der mir Natalien zu rauben, der mir das Leben aus der zerfleischten Brust zu reißen trachtet? – Eitler, wahnsinniger Gedanke! Sie ist mein, mein!«

Darauf der junge Fürst: »Was drängst du dich in mein Ich? – Was habe ich mit dir zu schaffen, daß du mich äffst mit meinem Antlitz, mit meiner Gestalt! – Fort! hinweg – mein ist Natalie!«

»Entscheide, Natalie!« schrie nun Törny, »sprich – schwurst du nicht Treue mir tausendmal in jenen seligen Stunden, als ich dich malte, als« – »Ha«, unterbrach ihn der Fürst, »gedenke jener Stunde in dem verfallnen Schloß, als du mir folgen wolltest« – und nun riefen beide wild durcheinander: »Entscheide, Natalie, entscheide«, und dann einer wieder zum andern: »Laß sehen, wem es gelingt, sich den Doppeltgänger vom Halse zu schaffen – bluten, bluten sollst du, bist du kein satanisches Trugbild der Hölle!«

Da rief Natalie im Jammerton trostloser Verzweiflung: »Gerechter Gott! wer ist es, wer von beiden, den ich liebe? – Ist dies Herz zerspalten und kann doch leben? – Gerechter Gott – laß mich sterben, sterben in diesem Augenblick!« – Tränen erstickten ihre Stimme. – Dann beugte sie das Haupt, hielt beide Hände vors Gesicht, es war, als ob sie hineinschauen wollte in ihre eigne innerste Brust. Dann sank sie nieder auf die Knie, erhob den tränenschweren Blick, die gefalteten Hände, wie brünstig betend, und sprach leise, mit dem Ton der innigsten herzdurchbohrendsten Wehmut: »Entsaget!«

»Es ist«, sprach die Fürstin mit verklärter Begeisterung, »es ist der Engel des ewigen Lichts selbst, der zu euch spricht.«

Noch starrten sich die Jünglinge an, wilde Flammen im Blick – da quoll plötzlich ein Tränenstrom ihnen aus den Augen, sie fielen sich in die Arme, sie drückten sich an die Brust, sie stammelten: »Ja! – entsagen – entsagen – vergib – vergib mir, Bruder!« – dann der Fürst zum jungen Törny: »Um meinetwillen verstieß dich der Vater – um meinetwillen hast du gelitten – ja, ich entsage!« – Dann der junge Törny zum Fürsten: »Was ist meine Entsagung gegen die deine! – Ja, du, du warst es, du der Fürst des Landes, dem die Prinzessin bestimmt.« –

»Habe Dank«, rief Natalie, »habe Dank, o ewige Macht des Himmels, es ist vorüber!« – Dann drückte sie den Abschiedskuß auf die Stirne beider Jünglinge und entfernte sich wankend, auf der Fürstin Arm gestützt. –

»Ich verliere dich aufs neue«, sprach der Graf Törny mit tiefem Schmerz, als der Sohn fort wollte. »Vater«, rief dieser, »Vater, laß mir Zeit, laß mir Freiheit, daß ich nicht untergehe, daß dieses zerrissene Herz gesunde!« Damit umarmte er schweigend nochmals den Fürsten, den Vater und eilte schnell davon. –

Natalie begab sich in ein weit entferntes Fräuleinstift, dessen Äbtissin sie wurde. Die Fürstin, in ihren letzten Hoffnungen getäuscht, ließ das Grenzschloß, in dem sie sonst gefangen, bequem einrichten und wählte es zu ihrem einsamen Aufenthalt. Graf Törny blieb bei dem Fürsten. Beide sahen es gern, daß Fürst Isidor wieder außer Landes gegangen.

 

Ganz Hohenflüh war berauscht in Jubel und Freude. Die Tischlerzunft, unterstützt von würdigen Zimmerleuten, kletterte an der stattlichen Ehrenpforte, jede Gefahr verhöhnend, hin und her und klopfte und hämmete rüstig darauf los, während die Maler, jeden Augenblick des Losstreichens gewärtig, in den Farbentöpfen rührten und die Gärtnerburschen unabsehbare Kränze flochten von Taxus und buntleuchtenden Blumen. Die Waisenknaben standen schon, in die Sonntagskleider gepreßt, auf dem Markt, die Schuljugend plärrte: »Heil dir im Siegerkranz«, als Vorübung, dazwischen schrie dann und wann eine Trompete, wie die Heiserkeit ausräuspernd, und der ganze Mädchenflor gutdenkender Bürger prangte in neugewaschenen Kleidern, während Bürgermeisters Tinchen, allein in weißen knisternden Atlas angetan, Schweißtropfen vergoß, da der junge Kandidat, der zu Hohenflüh der Dichter von Profession, nicht nachließ, ihr die in Versen abgefaßte Anrede an den Fürsten einzustudieren, und dabei keinen einzigen deklamatorischen Effekt vernachlässigt haben wollte.

Arm in Arm gingen die beiden versöhnten Wirte zum ›Goldnen Bock‹ und zum ›Silbernen Lamm‹ die Straße auf und ab, beide sich sonnend in dem Gedanken, daß sie den gnädigsten Landesherrn bewirtet, beide behaglich hinaufschauend zu dem gewaltigen: »Vivat Princeps!«, das eben über ihren Haustüren eingeölt wurde, um abends bei der Illumination mächtig zu flammen. Man erwartete den Fürsten in wenigen Stunden. –

In Reisekleidern, Reisebündel und Mappe auf dem Rücken, schlich der Maler George Haberland (kein anderer wollte der junge Graf Törny zur Zeit sein) durch das Neudorfer Tor. – »Ha«, rief ihm Berthold entgegen, »herrlich getroffen! – Glück auf, Bruder George! – Ich weiß alles! – Gott sei gedankt, daß du kein regierender Fürst bist, da wäre freilich alles vorbei gewesen. Aus dem Grafen mache ich mir ganz und gar nichts, denn ich weiß, du bist und bleibst Künstler. Und die, die du liebst? – Sie ist kein irdisches Wesen, sie lebt nicht auf der Erde, aber in dir selbst als hohes reines Ideal deiner Kunst, das dich entzündet, das aus deinen Werken die Liebe aushaucht, die über den Sternen thront.« –

»Ha Bruder Berthold«, rief George, indem seine Augen aufstrahlten in himmlischem Feuer, »ha Bruder Berthold, du hast recht, sie – sie selbst ist die Kunst, in der mein ganzes Wesen atmet. – Nichts habe ich verloren und will mich, abgewendet vom Himmlischen, irdischer Schmerz erfassen, mich niederbeugen – du – dein unwandelbar heitres Gemüt –

Freundes Trost, Balsam den Wunden,
Ist noch nicht für mich verhallt!« –

Die Jünglinge zogen weiter fort über die Berge! –

 

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