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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7. Mit den Hunden in einer Eisspalte

Sonnabend, 18. Febr. 1911. Mir lag jetzt vor allem daran, schnellstens über das mich etwas beunruhigende Schicksal der 5 zurückgekehrten Kameraden und ihrer 3 Ponys Gewißheit zu erhalten, und wir machten heute 3 Märsche von insgesamt 43 Kilometer!

21. Febr. Wie gewöhnlich brachen wir heute um 10 Uhr abends auf. Im Anfang war es noch einigermaßen hell, aber dann wurde es plötzlich so finster, daß wir fast nichts mehr vor uns sehen konnten. Nach 1 1/2 Stunden kamen wir an Preßeisrücken mit nebelhaften Umrissen. Plötzlich versanken die mittleren Hunde meines Gespanns, und einen Augenblick später waren sie alle wie fortgeblasen; immer 2 und 2 verschwanden in einem Abgrund. Nur Osman, der Leithund, spannte seine mächtige Kraft aufs äußerste an und hielt sich krampfhaft oben. Wir waren über die Schneebrücke einer Eisspalte gefahren, der Schlitten am Rande stehen geblieben, nur Osman glücklich hinübergekommen; die übrigen Hunde baumelten in ihrem Geschirr über dem Abgrund, zwischen Schlitten und Leithund aufgehängt.

Wir verankerten sogleich den Schlitten auf dem festen Eis und sahen dann in die Spalte hinunter. Die Hunde heulten und ängstigten sich offenbar gräßlich. Zwei waren aus ihrem Geschirr herausgeglitten und noch weiter abgestürzt; sie lagen tiefer unten auf einer andern Schneebrücke. Durch das schwere Gewicht der Hunde hatten sich die Zugleinen so tief in den Spaltenrand eingeschnitten, daß sie gar nicht zu fassen waren. Mein armes Gespann schien unrettbar verloren!

Wilson und Cherry-Garrard eilten jetzt zu Hilfe herbei. Die ersten Minuten hindurch war alles, was wir hastig zugreifend versuchten, durchaus nutzlos. Wir konnten weder den Hauptstrang des Schlittens, noch die Leine, die den armen Osman mit erdrosselndem Druck an den Schnee fesselte, einen Zoll breit lockern.

Dann kam uns plötzlich ein rettender Gedanke. Wir rissen das Gepäck vom Schlitten herunter und brachten Schlafsäcke, Zelt und Kochapparat in Sicherheit. Erstickende Töne von Osman herüber verrieten, daß er schnellstens von der ihn erdrosselnden Leine befreit werden müsse. Ich schob nun die Zeltstangen quer über die Spalte und brachte es mit Meares' Hilfe fertig, die Zugleine daran festzubinden. Dann wurde Osmans Geschirr zerschnitten, und er war erlöst.

Hierauf befestigten wir ein Seil am Hauptstrang und begannen gemeinsam zu ziehen. Ein Hund kam ans Tageslicht und wurde losgeschirrt, aber schon hatte sich auch das Seil so weit in den Rand der Spalte eingeschnitten, daß jeder Versuch, es weiter hochzuziehen, vergeblich war.

Aber wozu hatten wir den Schlitten? Wir machten ihn los und schoben ihn über die Spalte. Wilson blieb bei dem verankerten Hauptstrang, während wir vom Schlitten aus die Leine heraufzogen. Aber diese war zu dünn, um die ganze Last zu tragen; Meares wurde deshalb in die Spalte hinabgelassen, um das wieder losgemachte Seil am Hauptstrang zu befestigen. Nun ging das Rettungswerk in besserer Ordnung vor sich. Wir zogen die Tiere je 2 und 2 zum Schlitten hinauf und schnitten eins nach dem andern aus seinem Geschirr heraus. 11 von unsern 13 Hunden waren gerettet.

Jetzt blieben nur noch die beiden letzten übrig, die tiefer drunten lagen. Aber wie an sie herankommen?

Wir ließen zunächst das Seil hinunter, um zu sehen, ob es bis auf die untere Schneebrücke, 20 Meter tief, reichte, dann legte ich mir das Seil um, und die andern ließen mich hinab. Die Schneebrücke war fest, und beide Hunde lagen friedlich zusammengerollt und schliefen; sie hatten sich wunderbarerweise kein Glied gebrochen und freuten sich sehr, als sie mich erblickten. Ich band den einen an das Seil, er kam glücklich hinauf, und dann auch den zweiten. Als der letzte eben über dem Rand der Spalte angelangt war, drang von droben her ein Geheul und Geschrei undeutlich zu mir in die Tiefe hinunter. Eine Weile lang waren das Rettungsseil und die Köpfe der Kameraden verschwunden, und ich wollte mich schon in der Spalte ein wenig weiter umsehen, denn eine solche Gelegenheit kam wohl so bald nicht wieder. Doch da kehrten die andern an den Rand der Spalte zurück, und 3 Mann zogen mich mit großer Anstrengung heraus.

Jetzt hörte ich, warum ich da unten einige Augenblicke verlassen hatte warten müssen. Die geretteten Hunde, die noch frei umherspazierten, hatten die Gelegenheit benutzt, mit dem zweiten Gespann anzubinden; daraus hatte sich eine allgemeine Beißerei entwickelt, so daß man kaum die Kämpfer auseinanderbringen konnte.

Wir durften uns Glück wünschen, der Gefahr auf wunderbare Weise entronnen zu sein. Wäre der Schlitten mit uns abgestürzt, so wären wir zweifellos sofort tot gewesen. Die Hunde haben sich tapfer gehalten, aber das Ereignis hat doch ziemlich verheerend auf sie gewirkt: 3 verloren Blut und haben innere Verletzungen.

22. Febr. Sicherheitslager. Heute früh 4 ½ Uhr erreichten wir, der Nachhut vorauseilend, das Sicherheitslager und trafen dort Evans, Keohane und Forde in bester Gesundheit, aber zu meinem Schrecken nur mit einem Pony, statt der 3, die sie mit zurückgenommen hatten! Fordes Pony war nur noch 7 Kilometer über das Blufflager hinaus gekommen und dem nächsten Orkan zum Opfer gefallen; 20 Kilometer weiter ging es mit dem zweiten Pony ebenso! Ein schwerer Verlust für uns! Dagegen hat sich Keohanes »Jakobsschwein« merkwürdig gut gehalten.

Wo aber sind Atkinson und Crean? Sie haben eine Menge Futterballen ins Sicherheitslager gebracht und etwas Seehundsfleisch hier hinterlassen; aber keine Spur verrät, wo sie stecken! Abends 10 Uhr. Heute mittag gingen wir nach der Hüttenspitze und stießen dort auf ein neues Rätsel: die Discoveryhütte war vom Eis befreit und bewohnbar, aber kein Mensch in ihrer Nähe. Einige Bleistiftzeilen an der Wand sagten, daß Briefe für mich in der Hütte lägen, aber auch davon keine Spur! Wir rieten hin und her, schließlich kamen wir auf die Lösung des Rätsels: Während wir auf dem Weg zur Hüttenspitze waren, sind Atkinson und Crean jedenfalls nach dem Sicherheitslager gegangen. Bald fanden wir denn auch ihre Schlittenspur und eilten nun schnell zurück.

Wie atmete ich auf, als ich, außer unsern beiden Zelten, noch ein drittes im Sicherheitslager entdeckte! Aber jede Begebenheit des heutigen Tages verblaßte vor dem Inhalt eines Briefes, den mir Atkinson übergab: Er enthielt die Nachricht, daß der Norweger Amundsen, der ebenfalls eine Südpolexpedition unternommen hat, in der Walfischbucht im Winterquartier liegt! Eine sehr ernste Störung meiner Pläne! Er ist dem Pol 110 Kilometer näher als ich, und ich hätte nie gedacht, daß er so viele Hunde sicher auf die Eisbarriere bringen könnte. Vor allem kann er mit Hunden seine Reise schon früh im Jahr antreten; mit Ponys ist das unmöglich. Gleichviel: ich darf mich durch Amundsens Vorgehen nicht beirren lassen und bleibe bei meinem ursprünglichen Plan, als wenn ich nichts von Amundsen wüßte. Vorwärts also ohne Furcht und Zaudern!

27. Febr. Heute liegen wir wieder im Zelt, von einem furchtbaren Orkan festgehalten. Der Schneesturm ist so stark, daß wir kaum unser Kochgeschirr hereinholen konnten. Derselbe Sturm muß auch die Nachhut überrascht haben – ich fürchte das Schlimmste!

28. Febr. Sicherheitslager. Gott sei Dank, die Nachhut ist da! Ihre 5 Ponys sehen zwar traurig aus, leben aber wenigstens noch!

Heute sollte der allgemeine Marsch zur Hüttenspitze vor sich gehen. Gegen 4 Uhr kamen die Hunde mit Wilson und Meares auch glücklich auf den Weg. Als aber die Ponys angeschirrt wurden, zeigten sich die Verheerungen, die der gestrige Orkan angerichtet hat: Die Tiere waren sämtlich furchtbar mager und der »müde Willy« in einem kläglichen Zustand; er sollte unbeladen als letzter gehen, stürzte aber sofort und konnte nicht weiter.

Bowers, Cherry-Garrard und Crean zogen daher mit den 4 leistungsfähigen Ponys ab, während Oates und Gran bei mir blieben. Mit vereinten Anstrengungen brachten wir den armen Willy noch einmal auf die Beine und fütterten ihn mit heißem Haferbrei; aber ein paar 100 Meter weiter stürzte er wieder und blieb liegen, obgleich er die kläglichsten Versuche machte, sich wieder aufzurichten. Wir schaufelten ihm einen Schneewall, wickelten ihn warm ein und müssen nun abwarten.

1. März. Der Pony starb über Nacht. Die Orkane töten uns alle Tiere, und wir müssen im nächsten Jahr noch später aufbrechen. Diese Erfahrung habe ich teuer erkauft. Jetzt bleibt unsere wichtigste Aufgabe, die übrigen Ponys gesund nach Kap Evans zurückzubringen.

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