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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 30
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
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30. Ein Heldenopfer

Sonntag, 3. März 1912. Wir fanden gestern die Gleise wieder und legten fast 18 Kilometer zurück. Aber heute ist es geradezu zum Verzweifeln! Nach der ersten Stunde, die uns mit günstigem Wind schnell vorwärtsbrachte, spottete die Oberfläche jeder Beschreibung. Wind und alles drehte sich uns entgegen – nach 4 ½ Stunden mußten wir haltmachen; nur 8 ½ Kilometer weiter! Wir haben keine Schuld daran – wir haben getan, was wir konnten – die Oberfläche mit ihrem klebrigen Schnee hielt uns zu fest, und oft war der Sturm so heftig, daß wir den Schlitten nicht von der Stelle bringen konnten. Gott steh' uns bei! Aber diesen Anstrengungen sind wir nicht gewachsen! Keiner von uns kann das noch glauben; keiner zwar spricht ein Wort davon, und zueinander sind wir immer unendlich heiter – aber was jeder in seinem Herzen fühlt, ist nicht schwer zu erraten.

4. März. Wie stets vergaßen wir gestern abend unsere Sorgen, krochen in die Säcke, schliefen nach gutem Essen vorzüglich, wachten auf, aßen wieder und traten dann unseren Marsch an. Den ganzen Morgen haben wir mit Aufbietung all unserer Kräfte nur 6 ½ Kilometer zurückgelegt! Unsere einzige Hoffnung ist starker, trockner Wind – aber um diese Zeit des Jahres?! Das nächste Depot ist 78 Kilometer entfernt – wir haben Lebensmittel auf eine Woche, aber Öl nur noch auf 3 bis 4 Tage! – Uns täglich eine warme Mahlzeit entziehen, hieße uns töten! Eine Möglichkeit der Rettung besteht: es könnte im nächsten Depot vielleicht noch Extravorrat an Öl liegen! Aber wenn wir dort wieder zu wenig vorfinden? – und ob wir überhaupt hinkommen? Ich wäre längst verzweifelt, wenn nicht Wilson und Bowers so tapfern Mutes wären!

5. März. Oates' Füße sind jämmerlich, der Ärmste hinkt sehr. Heute morgen marschierten wir 5 Stunden auf etwas besserer Oberfläche, die mit hohen hügelartigen Schneefahnen bedeckt war. Der Schlitten schlug zweimal um; wir zogen ihn zu Fuß und legten ungefähr 10 Kilometer zurück. Noch 2 Ponymärsche und etwa 7 Kilometer bis zu unserm Depot! Unser Brennmaterial wird schrecklich knapp, und der arme Oates ist fast ganz entkräftet. Und gar nichts können wir für ihn tun! Von uns andern leidet Wilson am meisten, hauptsächlich infolge der aufopfernden Hingabe, womit er Oates' kranke Füße behandelt. Wir können einander nicht helfen – jeder hat genug mit sich allein zu tun. »Gott helfe uns!« kann man nur sagen und sich dann frierend und niedergeschlagen auf seinem Wege weiterschleppen mit dem furchtbaren Bewußtsein, daß wir ja doch viel, viel zu langsam vorwärtskommen. Aber wenn wir im Zelt beisammen sind, scheinen wir noch alle heiter und guten Mutes und reden von allem Möglichen; vom Essen jetzt weniger, seit wir uns entschlossen haben, volle Rationen zu wagen; wir konnten einfach nicht länger hungrig umherlaufen. Es ist ein gefährliches Spiel, aber wir werden es mit Mut zu Ende führen.

6. März. Heute morgen war es unerträglich! Über Nacht wurde es warm, und zum erstenmal auf der ganzen Reise habe ich mich um mehr als eine Stunde verschlafen. Dann zogen wir mit Aufbietung all unserer Kräfte – um unser Leben und kamen doch kaum 2 Kilometer in der Stunde vorwärts! Dreimal mußten wir uns abspannen, um die alten Gleise zu suchen. Unterdes saß der arme Oates auf dem Schlitten; Zugarbeit kann er nicht mehr leisten; seine Füße müssen ihn entsetzlich schmerzen, und doch ist er wunderbar mutig. Er klagt nie, aber sein heiterer Sinn tritt jetzt nur noch auf dem Marsch hervor; im Zelt wird er immer schweigsamer. Hätten wir 16 ½ Kilometer täglich fertigbringen können – vielleicht wären wir noch vor dem Ausgehen des Öles bis ans Depot gelangt. Jetzt kann uns nichts mehr helfen als starker Wind und gute Oberfläche. Wenn wir alle gesund wären, könnte man noch hoffen, aber der arme Oates ist uns ein schreckliches Hemmnis geworden.

7. März. Oates geht es sehr schlecht; ich kann seinen Heldenmut nicht genug bewundern. Wir unterhalten uns noch darüber, was wir alles vornehmen wollen, wenn wir erst wieder zu Hause sind. –

Gestern nur 12 Kilometer – heute morgen in 4 ½ Stunden ein wenig über 7 ½ Kilometer – noch 30 Kilometer bis zum Depot! Wenn wir dort reichliche Vorräte finden und die Oberfläche so bleibt, dann können wir uns noch bis zum nächsten Depot durchschlagen, aber zum Ein-Tonnen-Lager nicht mehr! Bei dem armen Oates steht die Krisis nahe bevor. Die Sonne strahlt – Spur und Wegmale sind weithin sichtbar – wer sie doch bis ans Ende verfolgen könnte!

8. März. Ich muß jetzt am Morgen fast eine Stunde in den Nachtstiefeln warten, ehe ich mit dem Wechseln der Fußbekleidung beginnen kann, und bin doch gewöhnlich zuerst fertig. Auch Wilsons Füße fangen an zu schmerzen, da er nachts so oft umherläuft, um den andern zu helfen. Wir sind noch 16 Kilometer vor dem Depot – ein lächerlich kleiner Abstand! Aber um nur die Hälfte unserer früheren Märsche zu erreichen, müssen wir unsere Energie verdoppeln. Und es fragt sich vor allem: was werden wir im Depot finden? Wenn die Hunde Öl dorthin gebracht haben, können wir noch eine Strecke weiterkommen – aber wenn wir dort wieder zu wenig Brennstoff finden, dann sei Gott uns gnädig!

Sonntag, 10. März. Oates fragte heute morgen Wilson, ob es für ihn noch eine Möglichkeit der Genesung gebe; natürlich mußte Wilson sagen, daß er das glaube. In Wahrheit gibt es keine mehr. Und ob wir andern durchkommen? Im besten Fall können wir noch eine Weile ein Hundeleben führen, aber mehr auch nicht, unsere Kleider sind so vereist, daß wir sie kaum noch an- und ausziehen können, und der arme Oates hält uns des Morgens so lange auf, daß der wärmende Einfluß des Frühstücks sich schon verloren hat, ehe wir uns auf den Weg machen. Der arme Mensch! Es ist zu traurig mit ihm; und doch muß man immer wieder versuchen, ihn aufzuheitern.

Gestern haben wir das Depot am Mount Hooper erreicht. Kalter Trost! Von allem zu wenig vorhanden! Doch wüßte ich nicht, daß irgend jemand deswegen Tadel verdiente. Die Hunde hätten unsere Rettung sein können – sie sind offenbar ausgeblieben. Meares wird eine schlechte Heimreise gehabt haben. Es ist alles ein erbärmlicher Wirrwarr! – Heute konnten wir nur eine halbe Stunde marschieren. Ein Orkan zwang uns, schnell wieder das Lager aufzuschlagen.

11. März. Oates ist seinem Ende nahe. Was wir tun werden – was er tun wird, weiß Gott allein. Er ist ein tapferer, guter Mensch und klar über seine Lage, aber er fragte uns um Rat. Was konnten wir ihm anderes sagen, als ihn dringend bitten, so weit mit zu marschieren, wie er irgend könne! Eine gute Folge aber hatte die Beratung: ich befahl Wilson, uns die Mittel zur Beendigung unserer Qual auszuhändigen, damit jeder wisse, was er im Notfall zu tun habe. Wir haben jeder 30 Opiumtabletten, Wilson selbst eine Tube Morphium, unser Spiel geht tragisch aus.

11 Kilometer sind jetzt die Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Wir haben Proviant auf 7 Tage und müssen heute abend ungefähr 102 Kilometer vom Ein-Tonnen-Lager entfernt sein. 11 x 7 = 77 – also bleiben immer noch 25 Kilometer Abstand.

12. März. Gestern legten wir 11 Kilometer, heute morgen 7 ½ Kilometer zurück; heute nachmittag müssen wir auf weitere 5 ½ hoffen – 13 x 6 = 78. Die Oberfläche bleibt schauderhaft, die Kälte unbeschreiblich streng, und mit unserer Gesundheit geht es bergab, Gott helfe uns!

14. März. Aber auch alles geht schief! Gestern erwachten wir bei starkem Nordwind mit 38° und mußten daher bis 2 Uhr im Lager bleiben. Dann legten wir noch 9 ½ Kilometer zurück, und hätten uns gern noch weitergeschleppt, aber da der Wind nicht aussetzte, litten wir zu sehr unter der Kälte. Und wie lange das dauerte, ehe wir im Dunkeln unser Abendessen fertig hatten!

Heute morgen zogen wir bei südlicher Brise mit aufgezogenem Segel ab und mit guter Geschwindigkeit wieder an einem Wegmal vorüber; als wir ungefähr die halbe Marschzeit hinter uns hatten, veränderte sich der Wind in eine scharfe Brise aus Westen, die durch die Windanzüge hindurch und in die Fausthandschuhe hineinwehte. Der arme Wilson war so erstarrt, daß er eine ganze Weile seine Schneeschuhe gar nicht abschnallen konnte. Bowers und ich schlugen das Lager allein auf, und als wir schließlich im Zelt waren, zitterten wir alle vor Kälte. Die Mittagstemperatur ist 42°. Das Ende ist nahe – es soll ein recht gnädiges Ende werden. Der arme Oates hat sich wieder den Fuß erfroren; mir graut, wenn ich daran denke, wie er morgen aussehen wird.

Sonnabend, 16. oder Sonntag, 17. März. Ich bin mir über das Datum nicht ganz klar, glaube aber, das letztere wird richtig sein.

Die Tragödie ist in vollem Gang. Vorgestern erklärte der arme Oates, er könne nicht mehr weiter, und machte uns den Vorschlag, ihn in seinem Schlafsack zurückzulassen. Davon konnte natürlich keine Rede sein, und wir bewogen ihn, uns noch auf dem Nachmittagsmarsch zu begleiten. Es muß eine entsetzliche Qual für ihn gewesen sein! In der Nacht wurde es mit ihm schlechter, und wir sahen, daß es zu Ende ging.

Sollte dies Tagebuch gefunden werden, so bitte ich um die Bekanntgabe folgender Tatsachen: Oates' letzte Gedanken galten seiner Mutter; unmittelbar vorher sprach er mit Stolz davon, daß sein Regiment sich über den Mut freuen werde, mit dem er dem Tod entgegengehe. Wir drei können seine Tapferkeit bezeugen. Wochenlang hat er unaussprechliche Schmerzen klaglos ertragen und war tätig und hilfsbereit bis zum letzten Augenblick. Bis zum Schluß hat er die Hoffnung nicht aufgegeben – nicht aufgeben wollen. Er war eine tapfere Seele, und dies war sein Ende: er schlief die vorletzte Nacht ein in der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen; aber er erwachte doch am Morgen – gestern! Draußen tobte ein Orkan.

»Ich will einmal hinausgehen,« sagte er, »und bleibe vielleicht eine Weile draußen.« Dann ging er in den Orkan hinaus – und wir haben ihn nicht wiedergesehen.

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