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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 28
Quellenangabe
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
firstpub
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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28. Der Tod im Lager

Donnerstag, 8. Febr. 1912. Wir zogen ziemlich spät vom obern Gletscherdepot fort, denn wir mußten Schiffszwieback und anderes abwiegen. Der Morgen war greulich; der Wind wehte heftig und kalt. Gleichviel gingen wir bis zum Darwinberg, um das Gestein zu untersuchen. Dann sausten wir ziemlich schnell bergab, Bowers und ich als Führer in Schneeschuhen, Oates und Wilson zu Fuß neben dem Schlitten, und Evans wie er eben fortkommen konnte. Um 2 Uhr frühstückten wir weiter abwärts nach dem Mount Buckley zu.

Nachmittags steuerten wir nach der Moräne unterhalb des Mount Buckley hin und mußten mit Hilfe der Steigeisen über einige schroffe Abhänge mit großen Spalten hinwegklettern und nach der Bergseite hinunterrutschen. Diese Moräne war so interessant, daß ich beschloß, den Rest des Tages zu geologischen Untersuchungen zu benutzen. Welche Freude, wieder den Fuß auf eisfreies Gestein zu setzen, nachdem man 7 Wochen lang nichts anderes als Eis und Schnee gesehen hat!

9. Febr. Wir zogen bis an das Ende des Mount Buckley längs des Moränenrandes, ungefähr 24 Kilometer. Aber heute fühlen wir uns alle sehr, sehr schlaff. Wir hätten eigentlich nach dem Gletscher im Norden des Buckleyberges hinziehen müssen, aber in dem schlechten Licht sah uns der Abstieg gar zu schroff aus. Schließlich gerieten wir zwischen böse Eistrümmer und mußten über einen Eisfall hinunter. Die Spalten waren viel bedeutender, als wir erwartet hatten, und der Abstieg machte uns einige Mühe, aber dann stießen wir auf unser Nachtlager vom 20. Dezember.

10. Febr. War das ein herrlicher Schlaf diese Nacht! Unsere Gesichter hatten heute früh einen ganz andern Ausdruck! Leider kamen wir infolge unserer Schläfrigkeit nicht vor 10 Uhr fort. Trotzdem wir zu weit ostwärts gingen und in schwieriges Eis gerieten, machten wir doch einen guten Morgenmarsch. Nachher begann das Land sich zu verdunkeln. Wir hielten noch 2 ½ Stunden mit großer Mühe Kurs, dann aber verschwand die Sonne, und Nordwind trieb uns Schnee ins Gesicht; da es sehr warm und Richtung zu halten unmöglich war, bauten wir unser Zelt auf.

Wir haben noch 2 volle Tagesrationen, wissen aber nicht, wo wir sind – bis zum mittleren Gletscherdepot können es gewiß nicht mehr 2 Tage sein. Wenn sich jedoch das Wetter morgen nicht aufklärt, müssen wir entweder blind darauflos marschieren oder unsere Mahlzeiten einschränken. Doch erst schlafen – schlafen! Wir haben an Schlaf noch viel nachzuholen!

Sonntag, 11. Febr. Der furchtbarste Tag, den wir auf der ganzen Reise erlebten. Und hauptsächlich durch eigene Schuld! Wir zogen auf scheußlicher Oberfläche mit leichtem Südwestwind, aufgesetztem Segel und Schneeschuhen ab – bei trostloser Beleuchtung, die alles verzerrt erscheinen ließ. Plötzlich sahen wir uns zwischen Eistrümmern und faßten den verhängnisvollen Entschluß, ostwärts zu gehen. 6 Stunden marschierten wir in der Hoffnung, eine stattliche Entfernung zurückzulegen, was wir auch jedenfalls getan haben, aber die beiden letzten Stunden führten uns in eine regelrechte Falle. Da wir schließlich doch noch auf gute Oberfläche kamen, dachten wir, es werde so bleiben, und schränkten unser zweites Frühstück nicht ein. Eine halbe Stunde später staken wir in dem größten Eistrümmergebiet, das mir je vorgekommen ist. 3 Stunden lang suchten wir auf Schneeschuhen vergebens einen Ausweg und glaubten schließlich, einen Weg gefunden zu haben. Aber das Eis wurde immer härter, unwegsamer und rissiger, und wir gaben schon alle Hoffnung auf, je aus diesem Eislabyrinth hinauszukommen. Die Schneeschuhe mußten wir ablegen, wir konnten uns kaum mehr auf den Füßen halten; alle Augenblicke fiel einer von uns in eine Spalte hinein. Zuletzt erblickten wir nach dem Lande zu eine glattere Fläche – also dorthin! Wenn es auch noch so weit ist! Das Trümmerfeld veränderte jetzt seinen Charakter; statt der zerfetzten Oberfläche umgaben uns riesige Schlünde, kaum noch zu überschreiten. Aber eine andere Rettung gab es nicht – also vorwärts! Die Verzweiflung lieh uns Mut und Kraft, und um 10 Uhr abends waren wir in Sicherheit.

Ich schreibe dies nach zwölfstündigem, furchtbarem Marsch. Ich glaube, daß wir jetzt auf dem richtigen Wege sind, oder doch ungefähr; aber das Depot ist noch viele Kilometer entfernt! Wir haben deshalb heute abend unsere Ration verringert. Morgen müssen wir etwas für übermorgen aufsparen, wenn wir nicht sehr große Fortschritte machen. Die heutige Probe zeigte uns, was wir immer noch aushalten können. Wenn nur der Wind morgen so bleibt! – Eine kurze Nacht nur! So früh wie möglich müssen wir fort!

12. Febr. Unsere Lage ist bedenklich! Am Morgen ging alles gut, und gegen Mittag erheiterte uns der Anblick unseres Nachtlagers vom 18. Dezember: wir waren also auf dem richtigen Weg und nur noch einen Tag vom Depot entfernt. In fröhlichster Zuversicht zogen wir weiter. Aber ein verhängnisvoller Zufall brachte uns zu weit nach links bergauf, in ein greuliches Gewirr großer Spalten und langer Risse. Von nun an machten geteilte Ansichten unsere Marschrichtung unsicher, und schließlich strandeten wir um 9 Uhr abends an der allerschlimmsten Stelle. Da sitzen wir nun nach kärglichem Abendbrot mit nur noch einer Mahlzeit im Proviantsack! Die Lage des Depots ist uns völlig unklar! Einstweilen betäuben wir uns durch krampfhafte Lustigkeit.

13. Febr. Trotz unserer Sorgen schliefen wir die Nacht über gut; selbst ich, obgleich mich die Unruhe oft aus dem Zelt trieb und ich daher wußte, daß sich der Himmel immer mehr bewölkte und es schließlich zu schneien begann. Erst um ½ 9 Uhr trat das Land beim Wolkenmacher undeutlich hervor. Um 9 tranken wir Tee, aber nur mit Schiffszwieback, um den Rest des Pemmikans noch zu einem dürftigen Mahl für den Notfall aufzusparen. Dann hasteten wir weiter durch das furchtbare Gewirr von zertrümmertem Eis und stießen nach einer Stunde auf die schmutzigbraunen Reste einer alten Moräne; von hier an wurde die Oberfläche besser. Der Nebel hing noch überall. Ein Ruf von Evans weckte unsere Lebensgeister: er glaubte das Depot zu sehen, aber es war nur ein Schatten auf dem Eis! Dann aber entdeckte Wilson die wirkliche Depotfahne!

Der gestrige Tag brachte uns die schlimmste Erfahrung der ganzen Reise, und uns alle hatte ein schauerliches Gefühl der Unsicherheit gepackt. Jetzt sind wir wieder obenauf. Aber wir müssen künftig mit den Vorräten so haushalten, daß wir nicht wieder in solche Notlage geraten, auch wenn das Wetter uns aufhalten sollte. – Bowers hat einen schweren Anfall von Schneeblindheit gehabt, Wilson auch! Evans ist zu schwach, um bei der Lagerarbeit zu helfen.

14. Febr. Eine furchtbare Tatsache, aber unleugbar: wir können nicht mehr gut marschieren. Wahrscheinlich keiner von uns! Wilsons Bein schmerzt noch, und er wagt sich nicht mehr auf die Schneeschuhe. Am schlimmsten steht es mit Evans. Heute morgen entdeckte er plötzlich eine riesige Beule an seinem Fuß, und auf dem Marsch mußten wir ihm die Steigeisen immer wieder zurechtschieben – lange kostbare Minuten, die wir nicht wieder einbringen können! Er ist hungrig, und Wilson auch. Aber wir dürfen es nicht wagen, mehr Lebensmittel zu verbrauchen, und ich, gegenwärtig Koch, bringe immer etwas weniger als die ganze Ration auf den Tisch. Wir sind schlaff und langsam bei der Lagerarbeit – das gibt neue Verzögerungen! Ich habe heute abend den andern eindringlich zugesprochen – hoffentlich wird es nun besser damit. Das untere Gletscherdepot ist noch 55 Kilometer entfernt; und unsere Lebensmittel reichen etwa 3 Tage.

15. Febr. Ein schwerer Marsch von 26 Kilometer heute, aber wir wissen nicht genau, wie weit es noch bis zum nächsten Depot ist. Heute nachmittag war das Land lange Zeit unsichtbar. Wir haben die Mahlzeiten verringert, die Schlafenszeit gekürzt und fühlen uns ziemlich kraftlos. In spätestens 2 Tagen werden wir das Depot erreichen, hoffe ich bestimmt – wir haben nichts anderes mehr im Sinn – wir können keinen andern Gedanken mehr fassen.

16. Febr. Wir sind in entsetzlicher Aufregung: Evans scheint geistesgestört! Der sonst so selbstbewußte Mann ist ganz verändert; heute ließ er zweimal unter lächerlichen Vorwänden haltmachen! Wir leben von knappsten Rationen, und bis morgen abend müssen unsere Lebensmittel reichen! Mehr als 18 oder 22 Kilometer können es nicht mehr bis zum Depot sein. Aber das Wetter ist uns in jeder Weise feindlich. Nach dem zweiten Frühstück waren wir wie in Schneelaken eingehüllt, das Land war nur noch eben undeutlich in der Ferne sichtbar. Ereignisse wie die heutigen werden wir zeitlebens nicht vergessen! Vielleicht wird alles noch gut, wenn wir unser Depot morgen ziemlich früh erreichen! Aber mit dem kranken Mann unter uns – ? – Die Minuten zum Schlaf sind uns abgezählt – ich kann nicht mehr schreiben.

17. Febr. Ein grauenvoller Tag! Evans sah, nachdem er gut geschlafen hatte, ein wenig wohler aus und versicherte wie immer, daß es ihm sehr gut gehe. Er marschierte, vor den Schlitten gespannt, mit uns ab, verlor aber nach einer halben Stunde den Halt auf den Schneeschuhen und mußte abgeschirrt werden. Die Oberfläche war scheußlich, der kürzlich gefallene weiche Schnee blieb in großen Klumpen an Schuhen und Schlittenkufen hängen, der Himmel war bedeckt und das Land verschwommen. Nach etwa einer Stunde machten wir halt, und Evans holte uns ein, aber sehr, sehr langsam. Nach einer halben Stunde blieb er wieder zurück und bat Bowers noch, ihm ein Ende Bindfaden zu leihen. Ich riet ihm, uns möglichst schnell nachzukommen, und er versprach es in einem, wie mir schien, heitern Tone. Als wir dem Monumentfelsen gegenüber waren, sahen wir Evans noch sehr weit zurück; ich ließ deshalb das Lager aufschlagen.

Anfangs waren wir gar nicht unruhig, kochten Tee und setzten uns zum Essen. Als sich dann aber Evans immer noch nicht einstellte, packte uns die Aufregung, und wir liefen alle vier auf Schneeschuhen zu ihm bin. Ich langte zuerst bei ihm an und war entsetzt über sein Aussehen: mit aufgerissenem Anzug lag er auf den Knien, die Hände nackt und erfroren, und in seinen Augen war ein wilder Blick! Als ich ihn fragte, was ihm fehle, antwortete er in schleppendem Ton, er wisse nicht, was ihm sei, aber er habe wohl einen Ohnmachtsanfall gehabt. Wir richteten ihn auf, aber nach 2 oder 3 Schritten sank er wieder auf den Schnee und zeigte alle Symptome vollständigen Zusammenbruchs. Wilson, Bowers und ich liefen zurück, um den Schlitten zu holen, während Oates bei ihm blieb. Als wir zurückkehrten, war er ohne Bewußtsein, und als wir ihn ins Zelt gebracht hatten, schien er vollkommen schlafsüchtig.

Er erwachte nicht wieder: Um ½ 1 Uhr in der Nacht ist er gestorben. Furchtbar, einen Kameraden so verlieren zu müssen! Aber bei ruhigem Nachdenken mußten wir uns sagen: immer noch ein Glück, daß die entsetzlichen Aufregungen der letzten Woche so endeten. Mit einem Schwerkranken reisen zu müssen hätte für uns alle den Tod bedeutet. –

Nach 1 Uhr nachts packten wir zusammen, zogen über die Preßeisrücken abwärts und fanden das untere Gletscherdepot ohne Mühe.

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