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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 26
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
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26. Rückkehr vom Pol

Freitag, 19. Jan. 1912. Rückmarsch. Gestern nachmittag 13 Kilometer, heute 34. Zu Anfang unseres heutigen Marsches stießen wir auf ein norwegisches Wegmal und unsere zum Pol führenden Gleise; sie brachten uns wieder an die verhängnisvolle schwarze Flagge, die uns zuerst vom Erfolg unserer Vorgänger unterrichtete. Wir haben sie herausgezogen, um die Stange für unser Segel zu benutzen. Dies ist einstweilen das letzte, was wir von den Norwegern gesehen haben. Die letzten Stunden am Nachmittag waren recht mühsam, trotz unserer leichten Last und des windgefüllten Segels. Das Wetter ist ganz sonderbar! Dicke Schneewolken, die uns das Tageslicht rauben, ziehen von Süden her über uns weg, und ohne Unterlaß rieseln seine Kristalle hernieder, die den Weg völlig verderben; zwischendurch macht die Sonne kurze Besuche, und der Wind dreht sich nach Südwest. Die Schneewehen scheinen wie Sanddünen von Ort zu Ort zu wandern. Unsere alte Spur ist fast ganz verweht, und schon haben sich gezähnte Schneefahnen über den alten Gleisen gebildet! Dabei sind sie nur 3 Tage alt, während die Spur der Norweger noch jetzt, nach einem Monat, sichtbar ist! Unerklärlich!

Mit dem Wind marschieren ist wärmer und angenehmer; und doch kommt es mir so vor, als ob wir jetzt bei jedem Stillstehen und im Lager die Kälte weit mehr fühlen, als auf dem Hinweg! Unsere Wegmale finden wir leicht wieder; aber so lange wir nicht das »Drei-Grade-Depot« erreicht haben (noch über 280 Kilometer), werde ich die quälende Unruhe nicht los sein.

20.Jan. Der Wind legt sich heute nachmittag gut ins Segel; aber später wurde die Oberfläche außergewöhnlich schlecht; der Treibschnee lag in großen Haufen und klebte fest an den Schneeschuhen. Das Ziehen wurde dadurch schauderhaft, aber wir hielten nicht an und schlugen unser Lager erst jenseits unseres Wegmals vom 14. auf. Ich fürchte, morgen wirds noch schlimmer! Glücklicherweise hält sich der Wind! Wenn nur endlich Bowers seine Schneeschuhe wieder hätte! Diese langen Märsche bei seinen kurzen Beinen! Das bringt nur so ein zäher Sportsmann wie er fertig. Oates scheint unter Kälte und Anstrengungen mehr zu leiden als wir andern. Gesamtresultat heute: 34 Kilometer. Es hängt jetzt alles davon ab, ob wir dies gute Marschtempo beibehalten können; ich glaube, ja – und dann werden wir unser Schiff schon noch erreichen.

Sonntag, 21. Jan. Wir erwachten bei starkem Orkan; die Luft war schneedick und die Sonne trübe. Um nicht die Spur zu verlieren, blieben wir liegen, gefaßt auf wenigstens einen Tag Aufenthalt. Aber über Mittag klärte es sich plötzlich auf, und der Wind flaute zu leichter Brise ab. Dennoch konnten wir erst um 3 Uhr 45 aufbrechen, denn unsere Sachen waren steifgefroren, und trotz der Hilfe des Windes schleppten wir uns in 4 Stunden nur 10 Kilometer vorwärts. Spalten sehen wir ziemlich deutlich, aber unsere Wegmale erst, wenn wir etwa 1 Kilometer davor sind. 83 Kilometer bis zum Anderthalb-Grade-Depot mit Proviant auf 6 Tage – dort finden wir Lebensmittel auf 7 Tage für die 167 Kilometer zum »Drei-Grade-Depot«. Sind wir einmal dort, dann ist alle Angst vorüber.

22. Jan. Wir machten uns genau um 8 Uhr auf den Weg und sind reichlich 9 Stunden marschiert, haben auch 27 Kilometer zurückgelegt – aber bei Gott! es war eine Schinderei! Und als gar während der letzten Nachmittagsstunden die Sonne durchdrang, wurde der Schnee fast augenblicklich weich und klebrig.

23. Jan. Beim Aufbrechen wenig Wind und mühsamer Marsch. Dann aber 16 Kilometer bei orkanartigem Sturm. Unsere alten Spuren sind auffallend deutlich – ein großes Glück! Nachmittags konnten wir ein ganzes Segel aufsetzen. Bowers blieb am Schlitten, während sich Evans und Oates mit längeren Leinen vorspannten. So kamen wir sehr geschwind vorwärts und hätten bis zum nächsten Depot für morgen nur noch einen bequemen Marsch gehabt – da sah Wilson plötzlich, daß Evans' Nase erfroren war – sie war weiß und hart. Deshalb mußten wir um 6 Uhr 45 haltmachen. Evans' Finger sind voll böser Frostbeulen. Er ärgert sich über sich selbst – kein gutes Zeichen. Wenn wir nur erst die Höhe hinter uns hätten! Noch 25 Kilometer bis zum »Anderthalb-Grade-Depot« – wir müßten es morgen erreichen.

24. Jan. Unsere Lage wird ernst. Ein Orkan zwang uns am Mittag, in unsere Schlafsäcke zu kriechen. Beim Aufschlagen des Zeltes erstarrten uns die Finger zu Eis! Nur noch 12 ½ Kilometer bis zum Depot, und ich war gestern fest überzeugt, daß wir es heute abend erreichen würden! Das ist der zweite regelrechte Orkan, seit wir den Pol verließen. Kommt ein Wettersturz? Dann möge uns Gott helfen, denn der Zug über die Höhe ist fürchterlich, und unsere Lebensmittel sind knapp.

25.Jan. Gott sei Dank! Wir haben das »Anderthalb-Grade-Depot« gefunden! Da wir gestern nachmittag und die ganze Nacht in unsern Schlafsäcken lagen, frühstückten wir erst später, um uns ohne zweite Mahlzeit behelfen zu können. Aber nachher trat die Sonne hervor, und wir konnten die alten Gleise unterscheiden. Ausgraben des Schlittens und Abbrechen des Lagers war eine langwierige, schrecklich kalte Arbeit. Wir machten uns diesmal ohne Segel und alle Mann vorgespannt auf den Weg. Um 2 Uhr 30 sahen wir zu unserer Freude die rote Depotfahne! Mit Vorrat auf 9 ½ Tage zogen wir weiter, und um 8 Uhr abends hatten wir über 22 Kilometer zurückgelegt. Bis zum nächsten Depot nur noch 165 Kilometer – aber es wird hohe Zeit, daß wir von diesem Plateau herunterkommen! Es steht nicht gut um uns: Oates' kalte Füße – Evans' Finger und Nase – und heute Abend hat Wilson qualvolle Augenschmerzen.

26.Jan. Wir brachen erst um 8 Uhr 50 auf, obgleich ich ziemlich früh geweckt hatte; solche Verzögerungen dürfen nicht wieder vorkommen! Bei kräftigem Wind, aber viel Treibschnee kamen wir gut bis an unser altes Orkanlager vom 7. Aber von da ab war die Spur völlig verwischt, und da jetzt 2 Wegmale mit 7 Kilometer Zwischenraum kommen mußten, waren wir ziemlich unruhig. Endlich entdeckten wir das eine zu unserer Rechten, während Bowers mit seinen scharfen Augen bald auch einen Schimmer des zweiten weiter links gewahrte. Beim zweiten Wegmal fanden wir auf den harten Schneefahnen wieder unsere alte Spur.

27. Jan. Wilson und ich zogen als Vorspann auf Schneeschuhen, die übrigen zu Fuß. Es war eine verzwickte Geschichte, denn unsere Spur war nur sehr schwach zu erkennen – 1 oder 2 Fuß aufgeworfene Schlittengleise, etliche Meter der eingedrückten Spur des Rades, das die Schlittengeschwindigkeit registriert, oder einige beiseite geschobene harte Schneeschollen waren alles, woran wir uns zu halten hatten. Auf dem Hinweg mußten wir stets darauf achten, den größten Erhebungen auszuweichen – das rächt sich nun, denn der Kurs geht sehr im Zickzack. Das ewige Anhalten, um uns abzuschirren und die Spur zu suchen, hat uns ein paar Kilometer gekostet. Unser Proviant reicht noch auf eine gute Woche. Aber wirklich ausgiebige Kost winkt uns erst am Ponyfutterdepot. Noch ein weiter Weg – und bei Gott! eine fürchterliche Anstrengung!

Sonntag, 28. Jan. Hier herum war auf dem Hinweg dreierlei verloren gegangen! Oates' Pfeife, Bowers' Fellhandschuhe und Evans' Nachtstiefel. Stiefel und Fausthandschuhe lasen wir auf dem Wege auf, und heute abend fand sich auch die Pfeife, die unweit unseres Zeltes ganz friedlich und frei im Schnee lag. Hätten wir nur erst die nächsten Depotvorräte glücklich auf dem Schlitten! Wir werden immer hungriger und sind schon recht abgemagert, besonders Evans, aber verbraucht fühlt sich noch keiner. Essen und Trinken sind jetzt die Hauptgegenstände unserer Unterhaltung.

29. Jan. Großartiger, 36 Kilometer weiter Marsch, davon 19 am Vormittag! Dank dem hilfreichen Wind und den klaren Spuren! Kurz vor Mitternacht stießen wir auf die Spur der zuletzt zurückgekehrten Hilfsabteilung; von jetzt an werden also 3 Schlittenfährten uns begleiten. Nur noch 44 Kilometer zum »Drei-Grade-Depot« – 1 ½ leichte Tagemärsche! Wenn morgen ein schöner Tag ist, kann es keine Anstrengung mehr kosten.

30. Jan. Gott sei Dank, wieder ein guter Maisch – 35 Kilometer! Das letzte Wegmal vor dem Depot liegt hinter uns, die Spur bleibt deutlich, das Wetter gut, der Wind hilfreich, es geht bergab – ein bißchen Glück noch, und wir haben morgen vormittag unser Depot erreicht! Wenn nur nicht die Kehrseite der Medaille so ernst wäre! Wilsons eines Bein ist geschwollen infolge der Überanstrengung; es schmerzte den ganzen Tag, und Evans hat heute an zwei Fingern die Nägel verloren: seine Hände sehen furchtbar aus, und Mutlosigkeit hat ihn gepackt; er, der heiterste von uns allen, war schon seit dem 23. Januar nicht mehr recht bei Stimmung. Mit kranken Fingern könnten wir schon weiter, aber wenn Wilsons Bein nicht besser wird, steht es schlimm.

31. Jan. Wir erreichten beizeiten das »Drei-Grade-Depot«, luden seinen Inhalt auf und rasteten eine Stunde später. Nachmittags wurde die Oberfläche schrecklich, und der Wind flaute bis auf ein südliches Lüftchen ab. Daß das gerade jetzt, wo wir nur 4 zum Ziehen sind, passieren muß! Wilson hat sein Bein nach Möglichkeit geschont, indem er ruhig neben dem Schlitten herging, und fühlt sich heute abend besser. Aber – ein krankes Glied in der Gesellschaft ist für die andern eine harte Geduldsprobe! – Heute abend nahmen wir Bowers' Schneeschuhe mit, die wir am 31. Dezember zurückgelassen – Gott sei Dank, das letzte, was wir auf der Höhe zu finden haben! Jetzt führt unser Weg direkt nordwärts, und der Wind kann gar nicht stark genug blasen.

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