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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 25
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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25. Am Ziel – eine niederschmetternde Enttäuschung

Dienstag, 16. Jan. 1912. Das Furchtbare ist eingetreten – das Schlimmste, was uns widerfahren konnte! –

Wir machten am Vormittag 14 Kilometer. Am Nachmittag brachen wir in gehobener Stimmung auf, denn wir hatten das sichere Hochgefühl, morgen unser Ziel zu erreichen. Nach der zweiten Marschstunde entdeckten Bowers' scharfe Augen etwas, das er für ein Wegzeichen hielt. In wortloser Spannung hasteten wir weiter – uns alle hatte der gleiche furchtbare Verdacht durchzuckt, und mir klopfte das Herz zum Zerspringen. Eine weitere halbe Stunde verging – da erblickte Bowers vor uns einen schwarzen Fleck! Ein Schneegebilde war das nicht – konnte es nicht sein! Geradeswegs marschierten wir darauf los, und was fanden wir? Eine schwarze, an einem Schlittenständer befestigte Flagge! In der Nähe ein verlassener Lagerplatz – Schlittengleise und Schneeschuhspuren kommend und gehend – und die deutlich erkennbaren Eindrücke von Hundepfoten – vieler Hundepfoten – das sagte alles. Die Norweger sind uns zuvorgekommen – Amundsen ist der erste am Pol!

Eine furchtbare Enttäuschung! Aber nichts tut mir dabei so weh, als der Anblick meiner armen, treuen Gefährten! All die Mühsal, all die Entbehrungen, all die Qual – wofür? Für nichts als Träume – Träume über Tag, die jetzt zu Ende sind. –

An Ruhe war in dieser Nacht, nicht zu denken! Schon die Aufregung ließ uns nicht schlafen, die Aufregung über diese Entdeckung des schon entdeckten Pols! Alle Gedanken, die in uns aufstiegen, alle Worte, die fielen, alles endete mit dem einen Furchtbaren: Zu spät! Und als es dann still wurde im Zelt – da brüteten wir gewiß alle über der einen finstern Vorstellung: Mir graut vor dem Rückweg!

17. Jan. Der Südpol. Unter wie andern Umständen hatten wir diesen Augenblick seit Monaten herbeigesehnt! Ein grauenhafter Tag liegt hinter uns – einmal die Enttäuschung, dann ein Wind, der bei 30° Kälte uns grade entgegenwehte. Wir brachen um 7 Uhr 30 auf, denn keiner hatte in dieser schauderhaften Nacht geschlafen, und folgten den Schlittengleisen der Norweger. Auf einer Strecke von 5 Kilometer kamen wir an 2 kleinen Wegmalen vorüber. Dann trübte sich plötzlich das Wetter, und da die Spuren zu weit westwärts führten, beschloß ich, meinen Berechnungen gemäß direkt nach dem Pol zu ziehen. Aber gegen Mittag hatte Evans so eiskalte Hände, daß wir das Lager aufschlagen mußten, um zu frühstücken. Dann zogen wir weiter und legten 12 Kilometer in südlicher Richtung zurück. Es ging etwas abwärts, wie mir scheint; aber vor uns geht es offenbar von neuem bergan. Sonst ist hier nichts zu sehen – nichts, was sich von der schauerlichen Eintönigkeit der letzten Tage unterschiede. Großer Gott! Und an diesen entsetzlichen Ort haben wir uns mühsam hergeschleppt und erhalten als Lohn nicht einmal das Bewußtsein, die ersten gewesen zu sein!

Doch – es ist immerhin etwas, so weit vorgedrungen zu sein, und der Wind mag sich morgen als unser Freund erweisen. Trotz Ingrimm und Kummer haben wir ein fettes Polarragout verspeist und fühlen uns innerlich ganz behaglich – als Extraspeise gab es eine Tafel Schokolade und den ungewohnten Genuß einer Zigarette, die Wilson bis hierher mitgebracht hatte. Jetzt handelt es sich nur um schleunigsten Rückmarsch! Es gilt einen verzweifelten Kampf!

18. Jan. Wir stellten fest, daß wir noch ungefähr 6 Kilometer vom Pol entfernt waren. Ziemlich genau in dieser Richtung erblickte Bowers ein Zelt. Dieses Zelt haben wir eben erreicht. Es ist 2 ¾ Kilometer vom Pol entfernt und enthielt einen kurzen Bericht über die Anwesenheit der Norweger, die schon am 16. Dezember 5 Mann hoch hier waren. Das Zelt ist hübsch – ein kleines, kräftiges Ding, das nur von einer einzigen Bambusstange gestützt wird. Ein Zettel Amundsens bittet mich, einen Brief an König Haakon von Norwegen zu befördern! Ich steckte ihn zu mir und hinterließ einen Zettel mit der Mitteilung, daß ich mit meinen Gefährten hier gewesen sei. Mittags waren wir nur 1 oder 1 ½ Kilometer vom Pol entfernt; daher nannten wir dieses Lager das Pollager, errichteten hier ein Wegzeichen, steckten unsere Flagge, den armen, zu spät gekommenen »Union Jack«, auf und photographierten uns – alles eine mächtig kalte Arbeit. Dann sahen wir nicht ganz 1 Kilometer südwärts eine abgenutzte Schlittenkufe aufrecht im Schnee stecken; sie wurde als Stange für ein Wachstuchsegel benutzt; sie sollte jedenfalls die genaue Stelle des Pols bezeichnen, so gut wie die Norweger ihn bestimmen konnten. Ich glaube sagen zu können: der Südpol liegt ungefähr 2900 Meter hoch; merkwürdig genug, wenn man bedenkt, daß wir uns auf dem 88. Breitengrad etwa 3200 Meter hoch befunden haben. –

Wir aber haben jetzt dem treulosen Ziel unseres Ehrgeizes den Rücken gekehrt. Vor uns liegt eine Strecke von 1500 Kilometer mühsamer Wanderung – 1500 Kilometer trostlosen Schlittenziehens – 1500 Kilometer Entbehrung, Hunger und Kälte! Traum meiner Tage – leb wohl!

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