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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 21
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21. Auf dem Beardmoregletscher

Sonntag, 10. Dez. 1911. Ich war in größter Sorge, wie wir unsere Lasten über eine so schauderhafte Oberfläche weiterbringen würden. Und doch ist es gelungen, dank unsern Schneeschuhen! Ich weckte alle um 8, aber es wurde Mittag, bevor wir mit dem Umpacken der Lasten fertig waren und aufbrechen konnten. Die Hunde schleppten außer den Depotvorräten (90 Kilo) noch 270 Kilo von unsern Lasten. Die erste Strecke legten wir mit 3 ½-Kilometer-Geschwindigkeit zurück, da wir die Schlittenkufen sorgfältig abgekratzt und getrocknet hatten. Der Tag war wunderschön. Bald begann der Weg zu steigen; schließlich wurde er steil, und wir mußten die Schneeschuhe ablegen. Damit wurde das Ziehen außerordentlich anstrengend; wir sanken an manchen Stellen bis über die Knie ein, die Schlitten selber an weichen Stellen bis an die Querstangen. Am 5 Uhr waren wir endlich oben. Abwärts ging das Ziehen fast ebenso mühsam, aber wir konnten doch wieder unsere Schneeschuhe gebrauchen.

Um 9 Uhr 15 schlugen wir unser Lager auf, als plötzlich vom Gletscher ein starker Wind herunterfegte; an Weitermarschieren war nicht zu denken, denn der zweite Schlitten, den Leutnant Evans führt, konnte nicht mit uns Schritt halten, und Wilson machte mir höchst beunruhigende Mitteilungen über diese Abteilung. Wright ist am Ende seiner Kräfte! Und Lashly infolge der schweren Zugarbeit auch nicht mehr recht auf dem Posten! Wenn die Kameraden anfangen, zusammenzubrechen – was soll dann werden?

11. Dez. Ein Tag – teils gut – teils sehr schlecht! Vor dem Abmarsch um 11 Uhr errichteten wir das untere Gletscherdepot, türmten es weithin sichtbar auf und ließen eine Menge Sachen dort. Dann gingen wir auf dem Gletscher geradeaus, zogen unsere Schlitten auf Schneeschuhen, und die Hunde folgten. Ich hatte die Führer ermahnt, ja dicht neben ihren Schlitten zu bleiben, und wir müssen, ohne es zu merken, über eine Menge Spalten gefahren sein, wir dank unsern Schneeschuhen und die Hunde dank dem weichen Schnee.

Um 3 Uhr hatten wir das Preßeis hinter uns. Nun ließ ich haltmachen, abladen, alles auf unsere 3 Schlitten packen, und Meares und Dimitri mit den Hunden umkehren. Da längs des Weges Futter niedergelegt ist, werden sie gut nach Hause kommen. Dem nächsten Aufbruch sah ich nun mit ängstlicher Spannung entgegen. Brachten wir die schweren Lasten voran oder nicht? Meine Abteilung machte sich zuerst auf den Weg, und ich sah mit größter Freude, daß wir ziemlich gut vorwärts kamen. Dann und wann sank der Schlitten ein; das gab ärgerlichen Aufenthalt, aber bald gewöhnten wir uns an solche Vorfälle. Die Hauptsache ist, den Schlitten immer in Bewegung zu halten.

Mit einemmal aber wurde die Oberfläche gleichförmiger, wir hatten uns wohl auch besser eingearbeitet, und von 6 bis 7 Uhr blieb mein Schlitten nicht ein einziges Mal stecken. Ich jubelte im stillen; aber den andern ging es leider nicht ebenso. Bowers mit dem dritten Schlitten kam etwa eine halbe Stunde später an als wir. Aber Leutnant Evans stellte sich mit seiner Abteilung erst um 10 Uhr ein! Ich hatte den Tag schon als großen Erfolg gebucht – nun scheint sich ein neues Hindernis vor uns aufzurichten! Infolge ihrer Unvorsichtigkeit leiden fünf von uns alle mehr oder weniger an Schneeblindheit.

12. Dez. Heute war es mein Gespann, dem die Arbeit am sauersten wurde. Wir saßen alle Augenblicke fest, und der Schlitten war schwer wie Blei. Vor dem Weiterziehen nach dem zweiten Frühstück fürchtete ich mich geradezu, aber nachdem der Schlitten einmal in Gang war, übernahmen wir bald wieder die Führung. Um 6 Uhr erschlafften die andern Gespanne; so wurde denn um 7 das Lager aufgeschlagen. Wir haben vielleicht 15 Kilometer zurückgelegt – die Entfernungsmesser an den Schlitten sind auf solchem Gelände ganz unzuverlässig.

13. Dez. Ein ganz verflucht gräßlicher Tag! Wir brachen um 8 Uhr auf – das Ziehen ging schrecklich schlecht. Stellenweise hatte sich eine neue Schneekruste gebildet, die aber noch nicht stark genug war, um uns zu tragen, und zu glatt, um Halt zu geben. Dadurch rutschten wir oft wieder zurück, und die Schlitten fuhren sich dabei im weichen Schnee fest.

Nach dem zweiten Frühstück zog Evans eine Zeitlang recht flott einen Abhang hinauf, Bowers hinter ihm drein. Aber es dauerte nicht lange, und beide Abteilungen waren in verzweifelter Lage. Die Oberfläche war schauderhaft geworden, der Schnee naß und klebrig. Wir kamen zwar mit unserm Schlitten vorwärts, aber wir waren in Schweiß gebadet und mußten ziehen, daß uns der Atem ausging. Immer wieder lag die eine Kufe auf härterem Schnee als die andere, so daß sich der Schlitten neigte und nicht fortzubringen war. Als wir oben auf dem Abhang ankamen, sah ich, daß Evans seine Last schubweise beförderte, und bald darauf folgte Bowers seinem Beispiel. Wir zogen unsere vollen Schlitten bis zum Lager um 7 Uhr abends weiter, aber mit häufigen Pausen und mit einer Anstrengung, die schon mehr Überanstrengung war.

Ich fürchte, daß wir heute nur 7 Kilometer weitergekommen sind. Ich hatte hier, in 450 Meter Höhe, fest auf eine Besserung unserer Lage gerechnet; statt dessen scheint sich alles zu verschlechtern! Aber was bleibt uns übrig? Wir müssen weiter, so wenig ermutigend auch alles ist. Beim zweiten Frühstück umschwebten uns zwei Skuamöwen; ohne Zweifel hat unser »Schlachthauslager« sie hergelockt.

14. Dez. Als wir nach einem Marsch von 18 bis 20 Kilometer um ½ 7 Uhr das Lager aufschlugen, hatte sich unser Weg auffallend verändert. Beim zweiten Frühstück war blaues Eis etwa 60 Zentimeter tief unter uns, jetzt nur noch 30 Zentimeter, und ich hoffe, es bald ganz blank zu finden; zu Ende unseres Marsches zogen wir unsere Lasten mit größter Leichtigkeit – wirklich einmal ein angemessener Lohn für unsere Mühe. Zwar ist heute abend der Himmel wieder bewölkt, und der Wind weht gletscheraufwärts – auf der Barriere wird wieder schlechtes Wetter sein. Um uns her sind Spalten im Eis, eine hinter Bowers' Zelt ist etwa 45 Zentimeter breit.

15. Dez. Höhe ca. 750 Meter, Breite etwa 84º 8'. Wir machten heute etwa 18 Kilometer. Die Schneedecke auf dem blauen Eis wurde zwar dünner, aber der Himmel düsterer, die Wolken senkten sich immer tiefer herab und überschütteten uns schon vor 5 Uhr mit Schnee. Zu sehen war nichts mehr, und um ¾ 6 blieb uns nichts weiter übrig, als das Lager aufzuschlagen – wieder ein unterbrochener Marsch! Wir haben wirklich zu viel Pech! Evans und seine Abteilung sind jetzt die langsamsten, und Bowers kommt auch nicht viel schneller vorwärts.

Die Schneedecke hier ist nur 23 Zentimeter dick; an einigen Stellen schimmern Eisflecke und harter Firnschnee durch. Aber das Wetter hat alle Anzeichen des Sturmes, der unsern Ponys so verhängnisvoll wurde; es zog wieder aus Südosten herauf – es wird uns doch um Himmelswillen nicht wieder den fürchterlichen Schnee bringen, hier auf dem gefährlichsten Teil des Gletschers!

16. Dez. Ein düsterer Morgen! Gegen Mittag hellte es sich auf, und ein herrlicher Abend beschloß den Tag. In 10 Stunden 18 Kilometer – unterdes hat sich das Aussehen des Gletschers sehr verändert. Wir traten den Marsch wie gewöhnlich auf Schneeschuhen an. Am Nachmittag gerieten wir auf eine eigentümliche Oberfläche – alte, harte Schneefahnen zu unterst, und darüber Gruben zwischen weichen Schneefahnen, die von neueren Schneefällen herrühren. Die Schlitten blieben alle Augenblicke stecken; wir mußten daher die Schneeschuhe ablegen und uns über die Maßen anstrengen. Die mürbe Schneekruste hielt ein paar Schritte weit, dann brach man etwa 25 Zentimeter tief ein, geriet wohl auch mit einem Bein in eine Spalte des harten Eises darunter. Wir erklommen eine Böschung und sahen vor uns einen langen Eiswall, der sich gerade über unsern Weg hinzog. Wir schwenkten daher nach dem Wolkenmacher ab und kamen bald auf hartes, mit Spalten durchzogenes wellenförmiges Eis, in dessen Vertiefungen große Mengen weichen Schnees lagen. Je mehr wir uns den Fahnen nähern, desto häufiger scheinen die Risse zu werden, während die Schneemenge sich verringert.

Sonntag, 17. Dez. Schon zu Anfang unseres heutigen Marsches waren wir arg in der Klemme: vor uns starke Eispressungen, lange Eiswellen zwischen uns und dem Land, auf den Wellenkämmen blaues Eis, und in den Wellentälern weicher Schnee! Der Höhenunterschied zwischen Kamm und Talsohle betrug 9 Meter, und wir konnten uns nur dadurch helfen, daß wir uns auf die Schlitten setzten und sie laufen ließen. So sausten wir abwärts, und die ungestüme Fahrt brachte uns noch eine ganze Strecke weit auf der andern Seite hinauf; dann gab's allerdings ein scheußlich mühsames Ziehen, um auf den nächsten Kamm zu gelangen. Nachdem wir das 2 Stunden lang betrieben hatten, erstiegen wir eine höhere Welle, deren Kamm sich als hartes Eis gletscheraufwärts fortsetzte. Hier marschierten wir 3 ½ Kilometer weit ganz vorzüglich; dann aber machte ein jäher Abhang des Gletschers unserm Preßeisrücken ein Ende. Wir hatten wieder weiche und harte Schneeflächen vor uns, dazwischen stellenweise Eis, dazu Spalten nach allen Richtungen hin. Nach dem zweiten Frühstück versuchten wir daher, auf der Mitte des Gletschers, einem mehr oder weniger abgerundeten Eisrücken, zu bleiben, und das gelang vortrefflich. Am 6 Uhr 30 hatten wir gute 20 Kilometer hinter uns.

Der arme Wilson leidet noch sehr an den Augen. Heute vormittag marschierten wir in Unterjacken, die zum Auswinden naß wurden; so brennt uns die Sonne fast unmittelbar auf die Haut, dann kommt eiskalter Zugwind, der einen durchschauert, unsere Lippen sind wund; wir bekleben sie mit weichem Seidenpflaster. Durst quält uns, wir haben auf dem Marsche stets Eis im Mund und trinken bei jeder Rast sehr viel Wasser, unser Heizmaterial reicht eben aus, uns mit Wasser zu versorgen. Das Wetter wird schon wieder schlecht, und Schneewolken wälzen sich herauf – ich fürchte für morgen einen Wettersturz.

18. Dez. Wie ich gefürchtet hatte: Heute früh bedeckter Himmel mit Schneegestöber. Und Kleider und alles mit Spitzen von Eiskristallen besetzt, was wunderhübsch aussah. Da rechts das Land sichtbar war, konnten wir trotzdem abmarschieren, legten 13 Kilometer zurück und aßen in 1220 Meter Höhe zweites Frühstück. Anfangs war die Oberfläche ziemlich gut; dann wurde das Eis sehr holprig und zeigte scharf eingeschnittene Risse.

Nach dem zweiten Frühstück mußten wir über einige 100 Meter Eispressung. Später erweiterte sich der Gletscher zu einem breiten Becken mit unregelmäßigen Eiswellen, und nun wurde es besser. Lange dauerte es aber nicht, so daß wir den ganzen Tag mühsam ziehen mußten. Doch sind wir eine tüchtige Strecke, über 22 Kilometer, weitergekommen.

19. Dez. Höhe ca. 1770 Meter. Die Sache macht sich. Wir zogen heute früh auf guter Oberfläche ab, kamen aber bald an sehr unangenehme, kreuz und quer laufende Spalten. In zwei bin ich hineingefallen und habe mir Knie und Hüfte arg zerschunden, aber wir kamen trotzdem vorwärts und auf einmal an eine Fläche mit wunderbar glattem Eis, auf dem sich vorzüglich marschierte. Gegen Mittag gelangten wir in das obere Becken des Gletschers. Heute reichlich 27 Kilometer! Und ohne Überanstrengung, nur war der Nachmittagsmarsch für mich infolge meines Sturzes am Morgen etwas beschwerlich.

20. Dez. Das Glück scheint uns endlich hold zu sein. Wir legten heute 38 Kilometer zurück, die uns 240 Meter aufwärts führten. Mit den Steigeisen machte das Schlittenziehen gar keine Mühe. Während des Frühstücks mußten Wilson und Bowers fast 3 ½ Kilometer weit wieder zurückgehen, um Bowers' Schlittengeschwindigkeitsmesser zu suchen, der unterwegs abgebrochen war; sie fanden ihn aber nicht. Während ihrer Abwesenheit erhob sich ein Nebel, den östlicher Wind talaufwärts trieb; als er sich verzog, erblickten wir vor uns einen riesigen Eisrücken; ich steuerte auf eine Stelle los, wo er sich sanfter abdachte, und heute abend steht unser Lager unterhalb dieser Böschung. Wir müssen vor uns den Platz haben, wo Shackleton sich am 17. Dezember 1908 aufhielt.

Ich habe soeben die Leute ausgemustert, die morgen abend den Rückweg antreten sollen: Atkinson, Wright, Cherry-Garrard und Keohane. Sie sind alle bitter enttäuscht – besonders der arme Wright, und auch ich hatte diesem Augenblick mit Bangen entgegengesehen.

21. Dez. Oberes Gletscherdepot. Höhe etwa 2440 Meter. Wir erklommen heute morgen den Rand des Eisrückens und fanden droben eine weite, höchst morsche Eisfläche voller Spalten. Einer nach dem andern fielen wir hinein, Atkinson und Leutnant Evans so tief wie die Schlittenleinen reichten; Evans hat fast einen Nervenchok davongetragen. Um 12 Uhr überfiel uns Nebel gerade an der gefährlichsten Stelle, so daß wir 2 ½ Stunden warten mußten. Dann begann die Sonne sich durchzukämpfen, und wir kamen endlich auf eine langgestreckte Schneehalde, die zu einem Teil des Darwinberges führte. Bis ½ 8 Uhr zogen wir immerfort angestrengt bergauf, dann ließ ich das Lager aufschlagen, da die andern noch weit hinter uns zurück waren. Im ganzen war der heutige Marsch befriedigend, und wir haben einen guten Platz zur Errichtung unseres neuen Depots gefunden. Morgen gehts mit der vollständigen Höhenlast hinauf; schon dieser erste Marsch muß zeigen, ob wir unser Ziel werden erreichen können.

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