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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 15
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
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15. Unglückswochen

Sonntag, 10. Sept. 1911. Mehr als eine Woche ist seit der letzten Tagebucheintragung vergangen. Meine ganze Zeit war durch Ausarbeitung genauester Pläne zu unserm Zug nach Süden in Anspruch genommen. Jetzt sind sie fertig. Wenn die Motorschlitten nicht versagen, werden wir ohne Schwierigkeiten bis an den Beardmoregletscher gelangen; zur Not kommen wir auch ohne sie hin, wenn wir nicht gerade Pech haben.

Von diesem Punkt aus sollen 3 Abteilungen zu je 4 Personen die eigentliche Polreise antreten. Ich habe jedes nur denkbare Mißgeschick erwogen und jede Abteilung für alle Möglichkeiten mit äußerster Sorgfalt ausgerüstet. Die Ponys sind ganz andere Tiere geworden als auf der Depotreise im vorigen Jahr, und wenn sie noch einen Monat im Schlittenziehen geübt werden, muß jeder von ihnen seine Last spielend bewältigen. Allerdings – wir können auch keinen der 10 mehr entbehren.

Gestern kamen Meares und Dimitri von der Hüttenspitze zurück – die Hunde sind wunderbar kräftig; aber Seehunde sind dort keine mehr aufs Eis hinaufgekommen; da Meares eigens hingegangen war, um Robbenpemmikan zu bereiten, schien ihm längeres Verweilen zwecklos.

Sonntag, 1. Okt. Am Donnerstag kehrten Bowers, Simpson, Deckoffizier Evans und ich von einem angenehmen und lehrreichen Frühlingsausflug nach dem Ferrargletscher zurück. Seit dem 15. September waren wir 13 Tage fort und haben in 10 Marschtagen 281 Kilometer zurückgelegt. Der Rückmarsch im tobenden Orkan war ungeheuer anstrengend.

4. Okt. Heute eine sehr ernste Neuigkeit: Pony Jehu ist zu schwach, um einen beladenen Schlitten zu ziehen. Ein schwerer Schlag! Ich fürchte von den Ponys noch viel Aufregung.

Die Zeit fliegt geradezu, und die Sonne steigt beständig höher am Himmel herauf. Erstes Frühstück, zweites Frühstück und die abendliche Hauptmahlzeit, alles wird jetzt bei Tageslicht eingenommen; auch die Nacht ist nicht mehr so finster.

6. Okt. Jehu ist unbrauchbar; wir müssen ihn hier lassen und uns mit den andern 6 Ponys behelfen! Auch der Chinese scheint eine zweifelhafte Errungenschaft, und das Jakobsschwein ebenfalls. Die übrigen 7 sind gut, sie werden dann eben die Hauptarbeit leisten müssen. Wenn wir aber noch mehr Verluste erleiden, sind wir von den Motoren abhängig, und dann!?

Heute begaben sich Wilson, Oates, Cherry-Garrard und Crean mit ihren Ponys nach der Hüttenspitze. Um 5 Uhr klingelte plötzlich das Telephon von dort an; Meares hat die Linie vor einiger Zeit angelegt, aber bisher war noch keine Verbindung. Ich unterhielt mich lange mit ihm und hinterdrein auch mit Oates. Hier in diesem primitiven Land erscheint es mir wie ein Märchen, mit meinen 27 Kilometer entfernten Kameraden sprechen zu können.

7. Okt. Als ob er den Verdacht der Unfähigkeit widerlegen wollte, zog Freund Jehu heute morgen ganz energisch, und als er nach 6 Kilometer Halt machte, war er durchaus nicht erschöpft. Vielleicht kann er nun doch wieder in das Programm aufgenommen werden.

Sonntag, 8. Okt. Ein Nachmittag voller Plagen. Gegen 5 Uhr meldete das Telephon, daß Clissold von einem Eisberg gefallen sei und sich den Rücken verletzt habe! Ich fuhr auf dem Landweg hinaus und fand Clissold bewußtlos und Ponting höchst betrübt bei ihm; der Patient wurde in einen Schlafsack gesteckt und heimgefahren. Wahrscheinlich hat er Ponting »Modell« gestanden und ist bei einer seiner »Posen« auf einen scharfen Vorsprung in der Eiswand abgestürzt. Offenbar eine leichte Gehirnerschütterung. Als er wieder zu sich kam, litt er große Schmerzen; weder Atkinson noch Wilson halten es für etwas Ernstes, aber er hat auf jeden Fall einen argen Nervenchok erlitten.

Ein Unglück kommt selten allein. Eben als Clissold in die Hütte getragen wurde, fiel mir schwer aufs Herz, daß Taylor, der nach dem Türkenkopf geradelt war, längst hätte wieder hier sein müssen! Auf einmal hörte ich, in der Südbucht seien zwei sich nähernde Gestalten zu erblicken; aber als wir abends bei Tisch saßen, erschien plötzlich Wright mit der Nachricht, Taylor sei völlig erschöpft in der Südbucht liegen geblieben – er müsse Kognak und etwas Heißes zu trinken haben! Ich schickte sofort hinaus, aber schon kam der Verunglückte zu Lande daher. Er war halbtot.

10. Okt. Clissold hat 2 ziemlich gute Nächte gehabt, kann sich aber kaum rühren. Er ist überaus reizbar – ein Symptom der Gehirnerschütterung. Heute morgen fragte er sehr eifrig nach den Reisevorbereitungen. Aber es ist ausgeschlossen, daß er seinen Platz in meinem Programm wird einnehmen können.

Meares kam gestern abend als Vortrab eines Orkans von der Hüttenspitze, und eine halbe Stunde nach seiner Ankunft schneite es in dichten Flocken. Er meldet wieder einen Verlust – Deek, einer unserer besten Ziehhunde, ist am Morgen gestorben. Es ist ein Mißgeschick, aber ich bin über Verzagtwerden schon hinaus. Die Dinge müssen ihren Gang gehen. – Auch das Wetter läßt viel zu wünschen übrig – ich hatte auf besseres in diesem Monat gehofft. Das ewige Schneegestöber durchkreuzt das Einfahren der Ponys sehr unangenehm.

13. Okt. Heute war es endlich einmal den ganzen Tag so warm und sonnig, daß man am Nachmittag draußen sitzen konnte.

Die Ponys haben sich ziemlich anständig betragen. Dank der Geduld, die Bowers dabei zeigt, ist Viktor jetzt leicht zu regieren. Der Chinese macht gleichmäßige Fortschritte; er ist ein langsamer Läufer, aber bei gutem Wetter schadet das nichts, wenn er nur vorwärtskommt. Der unbändigste von allen ist Christoffer. Im Stall oder beim Reiten draußen im Freien ist er fromm wie ein Lamm; aber sobald sich ein Schlitten zeigt, beißt und schlägt er um sich. Ihn anzuspannen wird immer schwerer; die letzten beiden Male mußte er dabei niedergeworfen werden. 3 Mann binden ihm einen Vorderfuß fest, dann nimmt Oates, während die beiden andern den Kopf festhalten, hinten die Leinen zusammen; doch schnell wie der Blitz dreht sich Christoffer um, und seine Hufe stiegen in die Höhe. Das wiederholt er so lange, bis er müde wird. Aber das dauert von Tag zu Tag länger, so daß Oates ihm eine kurze Leine auch um das zweite Vorderbein legen und ihn jedesmal, wenn er zum Schlage ausholt, zu Boden reißen muß. Selbst wenn er auf den Knien liegt, wehrt er sich noch. Ist er erst angespannt und auf 3 Beinen losgehumpelt, dann ist alles gut, und das vierte kann wieder freigegeben werden. Wenigstens ging bis jetzt dann alles gut; – aber heute führte Christoffer mit dem Schlitten geradezu eine Komödie auf. Er fuhr ganz ruhig mit Oates davon, als ein Hund ihn erschreckte: im selben Augenblick warf er den Kopf zurück, riß Oates die Zügel aus der Hand und ging durch. Als er sich frei fühlte, suchte er sich ganz zielbewußt seiner Last zu entledigen. Zuerst mit plötzlichen Drehungen – damit warf er 2 Heuballen ab; dann stürmte er auf andere Schlitten los, um seine Last gegen sie zu schleudern und dadurch loszuwerden. Dabei zeigte er die Zähne, und seine Hufe fuchtelten stets in der Luft umher. Endlich gelang es einem von uns, dann drei andern, auf den vorbeijagenden Schlitten zu springen. Christoffer versuchte nun, sich seiner menschlichen Last ebenso zu entledigen, wie der Heubündel, und es gelang ihm auch, Atkinson mit großer Heftigkeit von seinem Sitz zu entfernen; aber die andern stemmten ihre Absätze in den Schnee, und schließlich war das kleine Untier erschöpft. Selbst dann dauerte es noch einige Zeit, ehe Oates die Zügel packen konnte.

Sonntag, 15. Okt. Alles Wichtige zu unserer Abreise ist jetzt fertig. Noch weiß niemand, wer zur eigentlichen Polabteilung gehören wird: es muß, wenn wir erst das Hochplateau erreicht haben, von Gesundheit und Leistungsfähigkeit der einzelnen abhängen.

17. Okt. Es geht nicht alles, wie es soll! Mit den Ponys bin ich zwar zufrieden. Aber heute abend sollten die Motorschlitten auf das Eis gebracht werden. Die Schneewehen machten die Bahn dorthin sehr uneben, und der erste Motor, unser bester, überfuhr seine Kette; sie wurde wieder in Ordnung gebracht, und das Ding fuhr weiter, aber gerade dicht vor dem Eis mußte es einen steilen Abhang hinunter, und wieder überfuhr die Kette die Radstifte; dabei irrte sich Day unglücklicherweise und drückte das Ventil ganz nieder. Die Maschine stand still, aber unter der Hinterachse zeigte sich unheilverkündendes Olgetröpfel. Das Achsengehäuse aus Aluminium war zerbrochen! Es wurde abgenommen und in die Hütte gebracht; vielleicht können wir es noch zurechtflicken, aber die Zeit drängt.

Ich habe Clissold zu seiner größten Enttäuschung mitteilen müssen, daß er die Motorabteilung (Leutnant Evans, Day und Lashly) nicht begleiten könne. Hoover ersetzt ihn bei den Motoren.

Sonntag, 22. Okt. Das Achsengehäuse war Donnerstag wieder in Ordnung. Seitdem hat die Motorabteilung unausgesetzt gearbeitet, und heute ist alles fertig zum Abmarsch! Die Lasten sind auf dem Meereis aufgestapelt, und wenn das Wetter leidlich ist, will die Abteilung morgen losfahren.

Meares und Dimitri kamen Donnerstag durch das letzte Toben eines Orkans hindurch bei uns angefahren. Einmal war das Schneegestöber so dicht, daß sie nicht einmal die Leithunde sehen konnten – die Zeltinsel war völlig verschwunden, aber 2 Kilometer vor der Station waren sie plötzlich in Sonnenschein und verhältnismäßige Windstille gelangt. Noch einen unserer besten Hunde, den »Zigeuner«, hat die unerklärliche Krankheit befallen! Die Gespanne verließen uns Freitag abend wieder, und heute telephoniert Meares, daß er seine zweite Fahrt nach dem Ecklager antrete. Das Wetter bleibt greulich schlecht; die Ponys konnten weder Donnerstag noch Freitag im Fahren geübt werden und sind sehr unbändig; wir müssen ihnen daher die Haferration kürzen. Es ist wirklich zu verdrießlich! Gerade jetzt müßten sie ein mäßiges Quantum Arbeit leisten und sich durch volle Rationen kräftigen.

Das elende Wetter hat uns verhindert, weitere Notvorräte nach der Hüttenspitze zu überführen; sie sollten als Depots für die vom Pol Zurückkehrenden dienen und zugleich die Discoveryhütte versorgen, falls die »Terra Nova« nicht ankommt. Die wichtigsten Vorräte sind heute mit den Ponys nach der Gletscherzunge gebracht worden.

Wieder ein Unfall! Um 1 Uhr kam »Schnapper«, einer der 3 Ponys, die beim Verteilen der Depots helfen müssen, in Schweiß gebadet mit nachschleifendem Schlitten und nur einer Leine hier an. 40 Minuten später erschien Deckoffizier Evans, sein Lenker, fast ebenso erhitzt, und gleichzeitig Wilson mit dem »Baron« und berichtete den rätselhaften Vorfall. Nach dem Abladen hatte Bowers die 3 ganz ruhigen Ponys gehalten; plötzlich warf der eine den Kopf hintenüber, und alle 3 jagten voller Schrecken davon – Schnapper heimwärts, der Baron nach den Westbergen und Viktor mit dem nachschleifenden Bowers irgendwo anders hin! Wilson mußte 3 ½ Kilometer rennen, ehe er den Baron im Westen der Zeltinsel eingeholt hatte. Eine halbe Stunde nach Wilson kam auch Bowers mit Viktor an; das Tier war ganz erschöpft, und seine Nase blutete stark. Bowers selbst war mit Blut bedeckt und brachte des Rätsels Lösung: Die Ponys waren völlig ruhig gewesen, als Viktor seinen Kopf drehte und dabei mit seiner Nüster an einem Geschirrhaken hängen blieb, der ihm Haut und Fleisch zerriß; natürlich ging das Tier sofort durch. Wie Bowers es fertig gebracht hat, das vor Schmerz und Schreck rasende Tier zu halten, begreife ich nicht. Es zittert noch, ist aber eifrig beim Futter. Warum nur unsere Sonntage immer voller Aufregungen sein müssen!

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