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Letzte Fahrt - Auszug

Robert Falcon Scott: Letzte Fahrt - Auszug - Kapitel 12
Quellenangabe
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authorRobert Falcon Scott
titleLetzte Fahrt - Auszug
publisherF. A. Brockhaus
year1919
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correctorreuters@abc.de
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12. Mittwinterfest

Montag, 19. Juni 1911. Unsere Tagesordnung war seit langer Zeit durchaus regelmäßig. Clissold sieht morgens gegen 7 Uhr auf, um das Frühstück zu bereiten. Um ½ 8 fängt Hooper an, auszufegen und den Tisch zu decken. Zwischen 8 und ½ 9 haben die Leute draußen allerlei zu tun, Eis zum Schmelzen zu holen und dergleichen. Anton füttert die Ponys, Dimitri sieht nach den Hunden; Hooper stört die noch Schlafenden durch wiederholtes Verkünden der Zeit, gibt aber gewöhnlich eine Viertelstunde mehr an als die Uhr. Dann hört man, wie sich Glieder dehnen und recken und mit schläfrigem Humor Morgengrüße ausgetauscht werden. Wilson und Bowers treffen sich im Adamskostüm vor einem mit Schnee gefüllten Waschtrog und reiben ihre Glieder tüchtig mit dieser zum Frösteln bringenden Substanz. Nachher versuchen andere, weniger kühn, mit ihrer spärlichen Portion Waschwasser möglichst viel zu erreichen. Bald nach ½ 9 krieche ich aus meinem gemütlichen Bett und mache mit einem halben Liter Wasser meine Toilette. Ungefähr 10 Minuten vor 9 bin ich fertig, habe mein Bett gemacht und setze mich vor meinem Teller Mehlsuppe nieder; die meisten andern sind dann auch um den Tisch versammelt, aber einige Trödelfritzen nehmen es mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Von 1/2-10 bis 1/2-2 sind die Leute mit der Vorbereitung auf ihre Schlittenreisen beschäftigt. Hooper fegt aus, wäscht das Geschirr ab, räumt auf und wischt Staub. Die Offiziere sollen dies nicht selbst tun; das sichert ihnen ungestörte Tage zu wissenschaftlicher Arbeit.

Am 1 Uhr 30 oder 45 treffen wir uns beim zweiten Frühstück und verbringen dabei eine vergnügte halbe Stunde. Nachher werden bei gutem Wetter die Ponys ins Freie geführt; dies beschäftigt die Mannschaft und mehrere Offiziere wohl eine Stunde; auch wir andern machen uns um diese Zeit etwas Bewegung. Nachher gehen die Offiziere wieder an ihre Arbeit, während die Leute mit allerlei Kleinigkeiten die Zeit hinbringen. Das Abendessen, unsere Hauptmahlzeit, findet um 1/2-7 statt und dauert eine Stunde. Nachher wird gelesen, geschrieben, auch wohl gespielt oder irgendetwas gearbeitet. Gewöhnlich bringt eine freundliche Seele das Grammophon in Gang, und 3 Abende der Woche werden durch unsere Vorträge ausgefüllt, die nach wie vor lebhaften Anklang finden.

Am 11 Uhr werden die Azetylenlampen ausgelöscht; wer noch aufbleiben oder im Bett lesen will, muß sich mit Kerzenlicht behelfen. Die meisten Kerzen verlöschen um Mitternacht; dann bleibt der Nachtwächter allein, um beim Licht einer Öllampe seines Amtes zu walten.

So geht ein Tag nach dem andern hin. Am Samstagabend oder Sonntagmorgen wird ein Bad genommen, rasiert und die Wäsche gewechselt – neben dem regelmäßigen Gottesdienst die Kennzeichen, daß wieder eine Woche vorüber ist. –

Skizze 20. Juni. Day hat seine Energie der Herstellung eines Speckofens gewidmet, wobei ihm die auf der Hüttenspitze gemachten Erfahrungen sehr zu statten kommen. Der Speck wird in ein Ringgefäß A gelegt. Der erzeugte Tran geht durch das Rohr B und verbreitet sich auf der Oberfläche der Platte C, die ringsum einen hohen Rand hat; d d sind erhabene Stellen, die als Wärmeleiter dienen; e e ist eine kleine Esse für das Feuer, mit Luftlöchern an der Basis. Beim Anheizen des Ofens muß die Platte C mit einer Spirituslampe oder einem Primuskocher erwärmt werden, doch wenn der Tran einmal brennt, genügt die Hitze völlig, um den Speck in Gefäß A, zu schmelzen und den Tranvorrat nicht ausgehen zu lassen – die Hitze steigt allmählich, bis der Tran in dampfförmigem Zustand aus B austritt; dann ist natürlich auch die vom Ofen ausgestrahlte Hitze sehr stark. Ein gut funktionierender Speckofen macht auf einer Reise längs der Küste jedes Mitschleppen von Brennstoff überflüssig, und wir würden uns ein großes Verdienst um die Nachwelt erwerben, wenn wir solch einen Ofen zur Vollkommenheit bringen könnten.

22. Juni, Mittwintertag. Die Sonne erreichte ihren tiefsten Stand heute nachmittag gegen 2 Uhr 30 Minuten. Unser heutiges Abendessen ist also die Mahlzeit, die der kritischen Veränderung des Sonnenlaufs zeitlich am nächsten steht, und wurde daher mit all den festlichen Sitten unserer heimatlichen Weihnachtsfeier begangen.

Während Fröhlichkeit unsere Hütte belebte, schienen die Elemente draußen ebenfalls den heutigen Tag zu feiern. Der östliche Himmel war eine glänzende Masse zuckenden Südlichts, des lebhaftesten und schönsten, das ich bisher erblickte – dicht nebeneinander stammten die Bogen und Bündel in zitternder Lichtfülle auf und verbreiteten sich über den Himmel, um langsam zu verblassen und von neuem zu glühendem Leben aufzuflackern. Das stärkere Licht schien flüssig zu sein; jetzt ballte es sich zu verschlungenen Bündeln zusammen und sandte leuchtende Zungen aufwärts, dann wieder glitt es in Wellen durch die blasseren Lichtbahnen, als wolle es ihnen neues Leben eingießen. Es ist unmöglich, ohne das Gefühl heiliger Scheu, Zeuge einer so wunderbar herrlichen Erscheinung zu sein! Mich wundert, daß die Geschichte uns nicht von Südlichtanbetern erzählt, so leicht könnte die Erscheinung als die Offenbarung eines Gottes oder eines Dämons betrachtet werden.

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