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Letzte Alpenrosen

Adolf Pichler: Letzte Alpenrosen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLetzte Alpenrosen
authorAdolf Pichler
year1900
firstpub1898
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig und Berlin
titleLetzte Alpenrosen
pages285
created20150121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Riesensohn.

I.

Kennst du das Land?« klingt es in tausend Tonarten aus tausend Kehlen solcher, die nach Italien eilen, um dort die erhabenen Werke der Kunst zu bewundern und vollendete menschliche Gestalten zu sehen. Zu sehen? Das ist nicht so einfach; um zu sehen, muß man erst sehen gelernt haben, und das haben nicht viele, wie ich mich beim Unterrichte in der Naturgeschichte längst überzeugte. Wer es gelernt, der weiß, daß die Landschaften Südtirols an Reiz mit den schönsten Gegenden Umbriens wetteifern, an Erhabenheit sie übertreffen; er weiß, daß die Dirndln im Zillerthale, an den bayrischen Seen und in Niederösterreich nicht zu verachten sind, obschon sie ihn vielleicht schnippisch 143 abgeschnalzt; er weiß, daß auf mancher Alm am Inn und an der Isar im Sommer ein Senner die Rinder auf die Weide treibt, der als Modell eines Paris dienen könnte . . .

Willst du vielleicht den Herkules Farnese kennen lernen?

– Dort lehnt er im grünen Röckchen an der Leiter der Turnschule, freilich ins Deutsche übersetzt: das kurzgekräuselte blonde Haar, die niedrige Stirn in gewölbten scharfkantigen Knochen, über die sich stramme Muskeln ziehen, ausladend, das sinnende, tiefliegende, blaue Auge, die leicht gebogene Nase und das volle Kinn umzogen von den Flocken starken Barthaares! Willst du jedoch seine volle Schönheit bewundern, begleite mich über die Brücke in die Schwimmschule. Die Sonne des Juni sendet schon ihre glühenden Strahlen vom hohen Himmel; er ist uns auf einem Seitenweg vorausgeeilt und kauert bereits nackt auf einer der Querstangen, die zum Trocknen der Schwimmhosen gelegt sind. Betracht' ihn nur: wie stramm ist der Nacken, gleich zwei Halbkugeln von Stahl wölben sich die Schultern, wie prachtvoll sind die Rippen und Bauchmuskeln, die man bei unseren Stubenhockern kaum angedeutet sieht, entwickelt; kein Lot Fett, nur Fleisch und Sehnen; er schlenkert mit den Beinen lustig 144 in der Luft, plötzlich fährt er wie der Blitz in das Wasser, und im harmonischen Rhythmus schwimmt der schimmernde Leib durch die Wellen. Dieser herrliche Mensch in der Fülle leiblicher und geistiger Gesundheit ist der Gutsbesitzer Erich Auflahn. Er hat sich bereits wieder angezogen. Reden wir ihn an.

»Der Herr da möcht' deine ausgestopften Vögel sehen.«

»Da könnt ihr ja gleich mitkommen.«

»Erst wollen wir uns wie du Staub und Schweiß abwaschen.«

»Gut, ich erwarte euch zu Hause.«

Tauchen wir unter im klaren Bach, solche Wässerlein rinnen nicht überall, und gern gönnen wir den Herrschaften Doberan und Ostende, wenn sie als Strandläufer im Badmantel auf- und abrennen wollen. – Du schnatterst mit den Zähnen? Das Wasser ist allerdings ziemlich kalt; noch kälter war es jedoch im Jänner, wo Erich mit mir über das Dach hereinstieg und mit einer Axt das Eis aufhackte. Wir lachten einander weidlich aus, sahen wir doch mitten im Wasserdampf aus wie gesottene Krebse. Jetzt haben wir genug geplätschert! Erich hat einen solchen Vorsprung, daß wir ihn nicht mehr 145 einholen, und das wollte ich, um von ihm ungestört zu erzählen.

Wie Homer bei Halbgöttern und Heroen, beginnen auch wir mit dem Stammbaum unseres Helden, um den ihn gar mancher vom Papier- und Börsenadel beneiden möchte, denn er reicht in die altdeutsche Riesensage zurück. Diese ist in Tirol sehr verbreitet und deutet vielleicht auf die Einwanderung eines Geschlechtes, das die vorhandene Bevölkerung bezwang und überdeckte. Daß diese Berge früher von Romanen bewohnt waren, ist durch manche altertümliche Ortsnamen wohl außer Frage, vielleicht sind die Riesen die ersten Germanen, die aus dem Flachland hereinzogen und sich hier niederließen. Die Auflahn wenigstens tragen den von Tacitus geschilderten Typus in vollendeter Reinheit ausgeprägt. Unsere Sage zeichnet die Riesen so ungefähr, wie die preußischen Wappenhalter, dabei waren sie unmäßig stark und schwer zugänglich. Sie suchten am liebsten unbewohnte Seitenthäler auf, wo sie Sümpfe ableiteten und Wälder ausrodeten, was ihnen nicht schwer ankam, indem sie die Bäume mit den Wurzeln aus dem Boden drehten. Die Unbändigsten lebten in Höhlen; die die Ehe gezähmt, bauten sich Blockhäuser, welche sich, nachdem die junge Zucht an Ungeschlachtheit und Größe 146 abgenommen, in stattliche Bauernhäuser verwandelten, wie man noch deren an den Abhängen zerstreut sieht.

Einer der bekanntesten ist unweit Rattenberg gegen Allbach der Auflahnhof, die Urheimat der Auflahn und auch unsers Helden. Hier hatte sich ein Riese mit drei Söhnen angesiedelt. Teilte er auch mit den Asen die Stärke, so hatten diese doch ewige Jugend und Unsterblichkeit voraus. Er fühlte nach und nach, daß seine Knochen morsch, die Sehnen starr wurden. Da rief er, als der Schnee zerfloß, und die Felder den Pflug forderten, seine Buben zusammen: er sei gewillt, dem Stärksten das Gut abzutreten, die andern sollten sich selbst betten. Der Steinwurf, das Kampfspiel der Nibelungen, sollte hier entscheiden. Der Alte brachte einen abgerundeten Felsblock, wie sie die Gletscher vor sich herschieben, ein eiserner Ring war mit Blei eingelötet. Der Erstgeborne schwang ihn um das Haupt, sausend flog er fast eine Viertelstunde weit. Der Zweite lief danach und schleuderte ihn zurück, ein gutes Stück über die Stelle hinaus, wo Vater und Brüder standen. Nun versuchte der Dritte sein Meisterstück, der Stein entschwand fast dem Auge und schlug tief unten im Thal ein Loch. Der Stein, ein Stück Gneis, lag noch vor wenigen Jahren an Ort und 147 Stelle, da wurde er zu einem Brunnentrog verarbeitet. Der Jüngste war nun Herr zu Auflahn. Sein Sohn galt als der erste im Robeln – denn diese Kunst haben die Riesen erfunden, und die lustigen Senner des Unterinnthals vollendet – der Riese von Dornauberg wollte ihm die Ehre nicht gönnen und forderte ihn. Als sie aufeinander losrannten, zitterte der Boden, sie zerstampften die Tannen, als träten sie Sauerkraut ein, endlich wurde der von Dornauberg geworfen, sein Fall erschütterte die Erde so, daß gegenüber von Brixlegg ein Felsen losbrach und das Thal mit seinen Trümmern bestreute. Die Tochter des Auflahner war das schönste Riesendirndl weitum. Da gelüstete einem Zillerthaler Buben danach, und er mißfiel ihr nicht; sie wollte ihm ein Bußl geben und drückte ihn dabei in ihren Armen platt wie einen Hafendeckel. Das sind die Ahnen unseres Freundes.

Wir haben das ehemalige Strafarbeitshaus erreicht. Darunter erstreckt sich die Vorstadt St. Nikolaus, das Proletarierviertel von Innsbruck. Es heißt auch, und nicht mit Unrecht, Kotlacke, eilen wir schnell hindurch, sonst bleibt nicht bloß Unflat an unseren Kleidern, sondern auch ein Spitzname auf unserm Kopf hängen, wenn uns nicht gar irgend ein süßer Junge einen Stein 148 nachwirft. Bald ist die Höhe erstiegen, wo Büchsenhausen steht, das Schloß des »Kanzlers von Tirol«, dessen Kopf zu Rattenberg unter dem Beile des Henkers fiel, weil er ein boshaftes Epigramm auf die Claudia von Medici gemacht. Zum Glück wird man jetzt wenigstens nicht mehr geköpft, wenn man spitzige Verse losläßt, sondern höchstens vom k. k. Staatsanwalt objektiviert.

Vorüber an einem Zaun, durch dessen Stäbe wir auf die ganze Blütenfülle der Wiesen blicken, gelangen wir an eine braune Thüre zwischen den Pfeilern eines gemauerten Portales. Schreiten wir hindurch. An einer Mauer, welche Spalierbäume und Reben halb verhüllen, zieht ein Kiesweg gegen ein kleines, schloßartiges Gebäude, vor demselben springt eine breite, von Quadern gestützte Terrasse am grünen Abhang vor, wo Obstbäume der verschiedensten Art in Reih' und Glied gepflanzt sind. Welch eine Rundschau! Läßt sich doch nichts mit einer Gegend in den Alpen vergleichen. Gegen Osten schließt der Grat des Kellerjoches die blaue Ferne, der durch das breite Thal der Inn zufließt, mehr im Hintergrund ragen die kahlen Schrofen des Salzberges, den abends der letzte Sonnenstrahl schmückt, wenn das Flachland längst schon im Grau der 149 Dämmerung versinkt, vor uns die Stadt mit den vielen neuen Häusern, die aussehen, als kämen sie eben aus dem Schächtelchen, dann das dunkle Mittelgebirge, aus dem sich Schloß Amras leuchtend hebt, darüber die sanften Linien des Schiefergebirges, kaum unterbrochen von dem Zickzack einiger Schneegipfel. Der Blick folgt der geneigten Flanke des Patscherkofels, sie leitet ihn gegen den Berg Isel, der, nur wenige hundert Fuß hoch, durch seinen Ruhm die stolzen Brüder mit den funkelnden Eiskronen auf dem Haupte überragt. Dort windet sich die Straße nach Italien empor – nach Italien! Doch unterdrücken wir den Seufzer der Sehnsucht, wo uns so viel Schönheit vor Augen lacht; rechts die Pyramide des Sonnensteins und die dreigespaltene Höhe der Saile, dort das schluchtige Sellrain; aus dem Oberland lugt der Hocheder über den Roßkogel herab, wir überspringen den Inn und klimmen mit Kaiser Max an der Martinswand zum Solstein empor, hinter uns schließt die steile Lehne der Höttingerberge das Panorama. Müd' vom Glanz der Ferne senkst du das Auge gern wieder auf den grünen Rasen, kleine Bächlein rinnen herab, den üppigen Bord von der gelben Dotterblume, dem blauen Vergißmeinnicht, der weißen Kresse umsäumt.

150 »Bist endlich da!« begrüßt uns ein kräftiger Baß.

Freund Erich empfängt uns auf seinem Grund und Boden, er schließt links eine Stube auf, da stehen in reinlichen Glaskästen Vögel und Vierfüßler friedlich neben einander. Er hat sie selbst gefangen und erlegt. Dort der Jochadler, mit ausgebreiteten Flügeln, hält ein Zicklein in den Fängen; diesen Räuber zu erwischen, kostete Schweiß und Mühe. Sein Horst war an dem unzugänglichsten Schrofen des Brandjoches unter einer vorhängenden Wand befestigt, Auflahn befahl Stricke zu verknüpfen, mehrere hundert Ellen, und vier kräftige Senner ließen ihn nachts in den furchtbaren Abgrund. Er schwang am Seile wie der Perpendikel einer Uhr hin und her, endlich gelang es ihm, sich an einer Felsenzacke festzuklammern und die edle Sippe zu überraschen. Das Weibchen schlief auf den Eiern, er kniete ihm auf den Rücken und würgte es trotz des Herumschlagens mit den furchtbaren Flügeln so lange beim Kragen, bis es fauchend verendete. Der Adler war erschreckt in die dunkle Nacht hinausgeflattert, nach einigen Tagen schoß man den trostlosen Witwer von einem Schafe weg, dem er eben mit dem Schnabel die Brust aufriß.

Dort der Uhu mit gesträubten Federn – 151 auch kein reizender Gast; hier der Auerhahn, wie er wollüstig balzend mit verschwimmenden Augen sich streckt, dann der Storch, der nur beim Durchzug unsere Gegend besucht, eine giftige Viper ringelt sich um seinen Schnabel. Unter dem Aar hat der Zaunkönig sein Plätzchen, der Marder blickt sehnsüchtig nach dem Hahn, der auf einer Stange sitzt, den höchsten Platz nimmt jedoch die Gemse ein. Im Schranke gegenüber prangen einige Fremdlinge der Tropenwelt mit ihrem bunten Gefieder, Erich erhielt sie im Tausche. Den Versuch, eine Schmetterlingsammlung anzulegen, gab er als zu mühsam auf. »Wenn du so ein Tierlein anrührst«, meinte er, »so ist es ja gleich zerquetscht.«

Gehen wir wieder in die freie Luft. Im Vorhause hängt eine Bergkanone auf der Kraxe.

Humbug, denken Sie, wer wird diese tragen?

Nun, Erich! wenn es just Not thut. Er hat sie 1848 als Bursch' von achtzehn Jahren bergauf, bergab geschleppt, und in eine unglaubliche Ferne eine ganze Rotte Welsche, die hintereinander standen, auf einmal niedergebrannt. Wahr ist's, ja! Nicht er hat es erzählt, denn er pflegt über derlei Dinge zu schweigen, sondern die Offiziere, die ihn aufgefordert hatten, seine Donnerbüchse zu versuchen. Er war der Erste, 152 der mit Spitzkugeln Übungen im Weitschießen begann und, nachdem er die nötigen Erfahrungen gemacht, die Schützen darin unterrichtete.

Auf der Terrasse läuft uns ein Büblein entgegen, keine Filigranarbeit, sondern ein Büblein, das über den Vater keinen Zweifel läßt. Scherzend schlüpft es durch seine Knie und kugelt auf dem Kies herum. Da naht auch die Mutter mit dem Schwesterchen auf dem Arme.

»Hedwig, laß' dem Schliffel die Hosen mit Bockleder pflastern,« ruft Erich, »und leg' ihm eine Lodenjacke an, er zerramst ja das ganze G'wandl!«

Schauen Sie das Weib nur an. Das ist keine schwindsüchtige Madonna im Stil unserer christlich germanischen Nazarener. Diese schöne Form des Kopfes, welchen das Gold der Locken wie ein Heiligenschein umwallt, das sanfte, reine Auge unter der klaren Stirn, die hochgewölbte Brust, die breiten Hüften: – welche Freude hätten Dürer und van Dyk gehabt, wär' sie ihnen begegnet! Das volle Ebenmaß der Gestalt, die sich elastisch über den feinen Fuß emporhebt, läßt uns fast übersehen, daß sie nur neben dem Recken Erich die dem Weibe schickliche Größe hat. Du, mein lieber Freund, reichst ihr gerade mit dem Haarschopf an das Kinn; glaubst du es nicht, 153 geh' hin und miß. Vielleicht ist sie auch eine Riesentochter. Die weiche Aussprache verrät die Unterländerin, sie plaudert gern über dies und jenes, aber nur in so weit sie die Sache völlig versteht; nirgends sucht sie durch hingeworfene Worte und halbe Andeutungen den Schein zu erschleichen, daß sie mehr wisse, als sie weiß. Und doch findest du auf ihrem Tische Homer, Sophokles, Shakespeare und Goethe, jene freilich in Übersetzung.

Also ein Blaustrumpf in Tirol!

Nicht vorschnell, du sollst alles hören, verabschieden wir uns. –

Setzen wir uns unter die blühenden Roßkastanien im Schankgarten des Bierwastl.

Erich hatte das dreißigste Jahr schon überschritten, er war also nach unseren Begriffen bereits für den heiligen Ehestand reif, und wir redeten ihm tapfer zu, sein schönes Gut nicht länger ohne Herrin zu lassen. Auch verschiedene Mütter verschiedener Töchter teilten die nämliche Ansicht; man wußte seine wohlgelegene Besitzung zu schätzen und konnte also davon absehen, daß er nicht pensionsfähig sei, was nach der Meinung Hunolds, des vielerfahrenen Musealskriptors, das Ideal mancher holden Innsbruckerin sein soll. Man sah ihm, oder vielmehr seinem Gute, deswegen 154 in geselligen Kreisen, die er ab und zu besuchte, gar manches nach, was bei einem anderen Feuer in die Schindeln geworfen hätte. Ohne etwa den Naturburschen zu spielen, sagte er den Leuten so ziemlich unumwunden auch das ins Gesicht, was sie nicht gerade zu hören verlangten, und nahm sich Damen gegenüber kein Blatt vor den Mund. Seinen Geist schmückte eine reiche gründliche Kenntnis, insbesondere der griechischen Litteratur, das Studium derselben war ihm kein pedantisches Geschäft, sondern ein Genuß, und er kehrte aus der Seichtigkeit seiner Umgebung stets wieder zu den Meisterwerken Homers und Platos, die er im Originale mit derselben Leichtigkeit wie Goethe in der Muttersprache las, zurück. »Ist's mir doch, wenn ich im modernsten Schund aus Berlin geblättert habe und dann zu einem Klassiker greife, wie einem, der aus der weichen Stickluft der Lagunen plötzlich auf eine Alm versetzt, vom frischen Duxerwind angeweht wird!« pflegte er zu sagen. Da wurde denn, um ihm gegenüber Bildung zu zeigen, viel von Bildung gesprochen, er aber that, als verstände er das nicht, und citierte allenfalls, statt einer schmachtenden Stelle des Amaranth, im derbsten Dialekt ein drolliges Schnadahüpfl.

Ich sagte ihm: »Nicht alle sind gleich, deine 155 Schilderungen der schönen Innsbruckerinnen sind Karrikaturen!«

»Laß mich in Ruh',« unterbrach er meine Verteidigung, »von diesen Püppchen taugt doch keine für mich, die zerbräche ja wie eine Tragantfigur, wenn ich sie auch nur mit dem Finger antupfte. Bildung! Ich weiß sie zu schätzen, das ist aber nicht Bildung, was man aus den Instituten Lautrach und Dietramszell mitbringt. Ich verlange nicht, daß eine Frau mit mir über Dinge redet, die ich besser wissen muß als sie, aber ihre fünf Sinne soll sie unverpfuscht beisammen haben. Es ist mir viel lieber, sie rührt Butter, als sie tappt ohne Verständnis Klavier, und so, wie ich schaffe in der Landwirtschaft, soll sie im Hause walten. Was die Bibel von den Lilien des Feldes und den Vögeln des Himmels sagt, ist wunderschön, aber es taugt nicht bei einer Frau für unser eins.«

Etliche von der Gesellschaft hatten zugehört, ich wollte nicht Anlaß zu einem Stadtklatsch geben und brach das Gespräch ab. Wie für die unbändige Lalage des Horaz, war aber auch für meinen Freund schon die Kette geschmiedet. 156

II.

S. Thomas ist ein wichtiger Tag für die Hausfrauen Innsbrucks, es wird ihn aber auch, wer Land und Leute studieren will, nicht versäumen. Der Morgen war klar und kalt, daß der Schnee unter den Füßen knirschte. Erich saß im Kaffeehause, er las in einer Zeitung oder blickte auch darüber hinweg auf das Billard. Ich fragte ihn, ob er nicht mit auf den Markt wolle? Er war gleich bereit dazu. Auf dem Platze, der sich westlich von der Altstadt zur Johanniskirche zieht, wogten Käufer und Verkäufer wirr durcheinander. Dieser Tag versammelt gewöhnlich die Bauern von ganz Nordtirol, hier sieht man alle Trachten, hört man alle Dialekte, den jonisch weichen des schlanken, hochwüchsigen Unterinnthalers und die rauhen Gurgeltöne des magern, kleinen Oberländers.

Den Raum bis zum Eingang der Allee nahmen Bauernwagen ein, sie führten Flachs, Kartoffeln, Rüben und vor allem trockne Birnen, welche beim Weihnachtszelten nie fehlen dürfen. An den Wänden des Ursulinerklosters waren bretterne Buden und hölzerne Gerüste angebaut, mit all' dem bunten Kram, wie ihn die Bauern in der Stadt für den Hausbedarf einzukaufen pflegen. 157 Die Hauptscene des Marktes eröffnete sich aber erst beim Eintritt in die Allee des Innrain. Da lagen wie die Sphinxe vor den ägyptischen Tempeln bis zur Johanniskirche die Schweine, welche Innsbruck den Vorrat von Speck und Selchfleisch für das ganze Jahr liefern sollten, in langen Reihen appetitlich geputzt und rasiert, dazwischen gingen die Bürgerfrauen auf und ab, hier und da mit einem feisten Tiere kokettierend und leichthin eine Frage um den Preis hinwerfend, ohne jedoch die Absicht eines Kaufes merken zu lassen. Zu teuer! ist die gewöhnliche Antwort auf die Forderung des Bauern, die Kundschaft eilt weiter, dieser zerrt sie jedoch am Arm zurück, preist seine Ware, und der Handel beginnt von neuem. Endlich wird abgeschlossen, ein Knecht nimmt die Last auf den Rücken, und hintennach läuft Käufer und Verkäufer, um sich an einem ruhigen Plätzchen auszugleichen.

Erich musterte diese Leichen mit Kennerblick, machte Bemerkungen, riet oder mißriet Bekannten den Ankauf und blieb plötzlich mit weit offenen Augen vor einem Bauern, der drei Prachtstücke ausgelegt, stehen. Diesmal waren es nicht die Schweine, die ihn zum Stehen zwangen, sondern die Tochter des Alten, die rückwärts an einem Schlitten lehnte und, bald in die Hände 158 hauchend, bald mit den Füßen strampelnd, nicht wußte, welches Feuer sie trotz der Dezemberkälte angezündet. Das Mädchen haben Sie droben auf der Terrasse bereits als Frau mit den zwei Kindern bewundert, wir brauchen sie also nicht mehr zu schildern. Von einem Schubkarren unsanft beiseite geschoben, kam er zur Besinnung und fragte den Bauern:

»Wo bringst die Facken her?«

»Aus Thiersee. Sind sie etwa nicht gut gemästet?«

»Ordentliche Vieheln! Wie teuer das Pfund?«

»Sechzehn Kreuzer.«

»Brauchte ich eines, würd' ich's nehmen!«

»Schwanz!« erwiderte der Bauer, »wenn du doch nicht kaufen willst, so feilsch' das nächste Mal nicht mehr!«

Andere Kunden drängten heran, Erich mußte vom Platze weichen. Er suchte mich unter allerlei Vorwänden in der Allee festzuhalten, ich hatte die Scene beobachtet, und merkte gar wohl, daß es ein bißchen rauche.

»Willst du etwa gar,« fragte ich ihn lachend, »auf dem Schweinemarkt Brautschau halten?«

Er wurde rot, erwiderte jedoch nichts, denn der Bauer hatte verkauft und zog, vom Mädchen begleitet, den Schlitten fort. Er verschwand in 159 der Altstadt beim Onganiwirt, und da wir füglich nicht warten konnten, bis er sich gesättigt, verließen wir den Platz.

Wir kehrten in das Kaffeehaus zurück. Erich setzte sich an ein Tischchen zum Schachspiele, war aber so zerstreut, daß er eine Partie nach der andern verlor. Plötzlich warf er die Figuren durcheinander, erhob sich und ging ohne ein Wort zur Thür hinaus. Vor dem Museum stand der Bauer mit seiner Tochter, wie es schien, unschlüssig, ob er die Glocke ziehen und eintreten solle. Als er Erich erblickte, rief er aus: »Du hast mir heut' nichts abgekauft, sag' mir wenigstens, darf ich ins Museum, die Sachen anschauen? Ich will schon zahlen.«

»Du darfst hinein, und weil ich dir nichts abgekauft, so will ich dich jetzt dafür herumführen und brauchst keinen Knopf herzugeben.«

Der bärtige Thorwart schloß allsogleich auf, die drei traten ein.

Ich machte einen Spaziergang, nach zwei Stunden warf ich einen Blick ins Kaffeehaus, Erich war noch nicht zu sehen, ich läutete daher am Museum, um nach ihm zu fragen. Als mich der Skriptor, den die schönen Mädchen, welche die Sammlung besuchen, mehr interessieren, als manche schlechten Bilder derselben, erblickte, rief er 160 schon von weitem: »Potz Blitz, Herr Doktor, aber heut' hat Auflahn ein sauberes Dirndl aus dem Unterland gebracht. Schauen Sie doch ein bißchen nach, ich hab' allerlei Gedanken, er ist jetzt bei den ausgestopften Tieren.«

»Noch nicht fertig? Da muß der Anteil an Kunst und Natur sehr groß sein!« Ich ging in den Saal. Freund Erich schritt mit dem Mädchen an den Kästen hin, seine Worte nur an sie richtend, der Alte schien für ihn gar nicht vorhanden zu sein. Sie blieben vor dem Storch stehen, er neigte sich zu ihr und nannte den Vogel. Sie errötete leicht. Seine Locken berührten ihre Stirne.

»Vergiß nicht,« rief ich lachend, »das alte Lied:

Nur langsam voran, nur langsam voran,
Daß fein die Landwehr nachi kann!«

Das Pärchen fuhr auseinander, wie Papageno und der Mohr in der Zauberflöte.

»Gefällt es dir?« fragte ich das Mädchen.

»Ah,« rief sie freudig, »den ganzen Tag könnt' ich schauen!«

»Nun, mein Freund hat auch ein gutes Mundstück zum Erklären,« fügte ich bei, »übrigens seid ihr hier zu Ende, und ich will euch zu den Mineralien und in das Herbar geleiten, denn das ist eigentlich mein Fach.«

161 Erich warf mir einen dankbaren Blick zu, er begriff meine Absicht, daß ich den Alten beschäftigen wolle, um ihm beim Mädchen Elefantendienst zu leisten. Ich schob jenen voraus, er fragte nach Erzen und Bausteinen, und ich erläuterte ihm alles weitläufig, während Erich dem Mädchen die leuchtende Pracht der Krystalle zeigte und auf ihre regelmäßige Form hinwies. Sie staunte ob der bunten Mannigfaltigkeit der Farben, des Glanzes und der Gestalten, er aber schaute tief in den reinen Krystall ihrer Augen und hätte wahrscheinlich alle Stufen des Ural und der Kordilleren gern dafür hingeworfen.

»Nun kann ich,« sagte sie heiter, »meinen Gespielinnen lange Zeit erzählen, dürfte ich alles nur noch zehnmal anschauen, um es recht genau zu wissen!«

»Es muß doch wahr sein,« meinte der Vater, »was man bei uns erzählt, daß oft der Stein, den ein Bauer der Kuh nachwirft, mehr wert ist, als die Alm samt der Kuh, die darauf grast. Ja, wenn man das alles verstünde, wäre man reich. Schau nur alles dies Gewächs an, ist's nicht ein wahres Wunder? Da müssen die Wichtlein lang schaufeln und schmieden, bis das fertig wird, und dann kriegt es erst nicht jeder. Wie oft hat mir mein Großvater von der 162 Jungfrau auf dem Sonnjoch erzählt! Ein Hirt suchte einmal eine Geis, die sich, wie dieses Kunter gern thut, verstiegen hatte. Er kam an einen ihm bisher ganz unbekannten Schrofen, da trat eine Jungfrau aus der Felsenspalte, ihr Kleid war weiß wie Kirschblüh', und ihr Haar schimmerte wie das Abendrot. Der Bub' hat d'reingeschaut, kannst denken, ist ihr aber auf einen Wink nachgegangen, was sollte er sich vor einem Dirndl fürchten? Da sind sie in eine große Höhle gekommen, an allen Wänden funkelten Granaten, gerad' wie die da im Kästchen, und zackige Bäume von Gold und Silber wuchsen aus jeder Ritze.

»Nimm, Bub',« hat sie gesagt, »nimm so viel du magst.«

Was thut aber der Lapp. »Mir wär' lieber meine Geis!« hat er geantwortet.

Das Dirndl hat hell aufgelacht, und der Berg angefangen zu krachen wie beim jüngsten Tag, daß er davon gelaufen ist. Vor dem Loch hat die Geis gemeckert, aber der Berg ist zu für ewig. Hab' die Geschicht' nie recht geglaubt, sie muß aber doch wahr sein, wo nähm' man sonst all' die herrlichen Steine her?«

Wir kamen zu den Petrefakten. Dem Mädchen gefielen vorzüglich die Ammonshörner mit der 163 zarten Zeichnung ihrer Oberfläche, fast wie Stickmuster.

»Solche Schnecken,« sprach der Alte, »aber freilich viel kleinere, hab' ich schon im roten Kalk auf unserer Alm gesehen. Wer achtet aber darauf!«

»Nun, da werd' ich einmal nachsuchen!« sagte ich.

»Ihr müßt aber wenigstens eine Woche bleiben,« entgegnete er, »Ihr findet allerlei, und doktormäßige Kräuter, gesund für Mensch und Vieh, giebt's auch. Die Alm ist nieder, ich und das Mädel ziehen schon Mitte Mai hinauf. Aber haltet Wort!«

»Verlaßt Euch darauf! Darf ich meinen Freund auch mitbringen?« fragte ich das Mädchen.

»Das ist gewiß,« antwortete der Alte, »was von einem gilt, gilt vom andern. Ich hätt' nie geglaubt, daß es in der Stadt so feine Leute giebt, wie ihr zwei.«

»Magst nicht nachmittag mein Gütchen anschauen?« sprach Erich, »du siehst vielleicht manches, was ihr im Unterland nicht habt.«

»Thut sich nimmer, ich will auf der Eisenbahn aufsitzen und abends daheim sein. Zu Jacobi treib' ich Ochsen auf den Markt, da komm' ich zu dir.«

164 Der Thorwart streckte den Kopf zur Thür herein: »Es ist zwölf, ich möchte sperren.«

»Da müssen wir fort!« sagte ich zu Erich, der weder an Essen noch Trinken dachte. Auf der Treppe des Museums nahmen wir Abschied; Erich schaute dem Mädchen lange nach, auch sie wandte, ehe sie um die Ecke ging, den Kopf noch einmal zurück. Er seufzte tief auf.

»Das kommt vom Herzen!« sagte ich. »Wie haben ihr die Gemälde und Statuen gefallen?«

»Sie hat wenigstens nichts Dummes geredet, wie unsere Stadtfräulein.«

»Was willst du jetzt thun?«

»Die oder keine!«

»Meinst du, ein so schönes Mädchen habe keinen Schatz?«

»Nein, das hab' ich heraus. Ich erkundigte mich bei ihr, ob drunten im Fasching auch Musik sei. Sie sagte: »Ja, aber ich geh' nicht.« Hätte sie einen Liebhaber, so würde sie, wie es der Brauch, den Tanzboden besuchen.«

»Na nu,« schmunzelte ich, »mir scheint, ihr versteht euch bereits. Übrigens geschieht dir ganz recht, daß du bis zum Mai im Fegfeuer braten mußt, hast es redlich um die Innsbruckerinnen verdient.«

»Ach, laß deine Narrheiten!«

165 Zu Weihnachten schickte ich ihm einen Wandkalender, damit er Tag für Tag zählen könne bis zum Mai.

Er benutzte den Winter gut, um seine Burg neu einzurichten, wie man es eben zu thun pflegt, wenn man sich recht bequem das Nestlein bauen will. Zu Innsbruck verbreitete sich die Sage, er wolle heiraten, aber die geschäftigen Frau Basen wußten nicht, wen! Hatte man ihn früher häufig in Gesellschaft geladen, so kümmerte sich jetzt niemand mehr um ihn, ja er kam sogar als grober ungeschlachter Bursch recht gründlich in Verruf.

Ihm war es gleichgültig, so gleichgültig, daß er es gar nicht einmal bemerkte. Ich hütete mich, sein Geheimnis zu verraten.

* * *

Der dreizehnte Mai war angebrochen und zwar mit einem Hexenwetter, wie es nur Shakespeare für Macbeth wünschen konnte. Die Sonne spielte wie ein mutwilliger Knabe Versteckens, bald brannte sie schwül herab, bald gossen aus dicht schwarzem Gewölk Regenströme nieder.

Ich saß im Kabinett und hämmerte an einigen Steinbrocken, um ihnen die länglich rechtwinklige 166 Form der Stücke zu geben, die bereits in den Glaskästen aufgestellt waren. Da trat Erich ein: »Morgen also mit dem ersten Zug nach Brixlegg?«

»Nach Brixlegg?«

»Von dort schlagen wir uns durch Brandenberg nach Thiersee. Du wirst doch nicht vergessen haben, was du dem Bauer versprochen hast.«

»Mein Geschäft drängt gar nicht. Übrigens schau dir den Himmel an!«

»Halt' dich nur bereit, morgen ist der schönste Tag, die Spinnen strecken ihre Füße weit aus dem Netze vor, und dort – siehst du, hat es ein wenig angeschneit.«

Meine Einwendungen halfen nichts. »Du hast's dem Bauern versprochen,« rief er lebhaft, »die Ammoniten zu holen.«

»Und dich mitzubringen, nicht wahr?« unterbrach ich ihn. »Die versteinerten Schnecken hätten warten können, aber es giebt halt noch eine liebe Schnecke! – Übrigens will ich den Nothelfer machen, wenn's sein muß, aber das Wetter, das Wetter!«

* * *

Er hatte recht gehabt. Um die Berge qualmte am nächsten Morgen zwar hier und da noch grauer Nebel, der Himmel war jedoch völlig rein, 167 und hoch oben im Blau zwitscherten lustig die Schwalben.

»Würd' es dich nicht reuen,« rief er mir auf dem Bahnhof zu, »wenn du daheim geblieben wärst?«

Die Glocke läutete zum zweitenmale. Wir stiegen ein, Erich war auf der Fahrt lustig und ausgelassen, wie ich ihn noch nie gesehen, Sprüchlein, Schnadahüpfeln und Schnurren flogen bunt durcheinander, daß ein Berliner, welcher zufällig mitfuhr, ihn einlud, wenn er mit Handschuhen hausieren gehe, ja bei ihm einzusprechen, damit er seinen Freunden einen lustigen Tiroler zeigen könne.

Als wir zu Brixlegg den Waggon verlassen, wandten wir uns links gegen Mariathal, wo die Ache sich durch die Felsen den Pfad bahnt. Kühl wehte uns die Morgenluft entgegen, von den Buchen, in deren Laub die Amsel ihr Brautlied sang, fielen schwere Tropfen nieder. Wie freuten wir uns des herrlichen Tages und der ungebrochenen Kraft, die uns denselben frisch und froh genießen ließ.

Unter wechselnden Gesprächen, bald durch Wälder, bald über Wiesen voll schwellenden Grases schreitend, erreichten wir Pinegg sehr zeitlich. Hier kreuzt sich die Schlucht von Brandenberg 168 mit dem Ellthal, das schmal ins Gebirge eingeschnitten nach Osten führt und völlig unbewohnt ist. Ehe wir uns in die Wildnis verloren, kehrten wir in dem Bauernhofe ein, der auf einem Vorsprung die Gegend beherrscht.

Ob die Leute in dieser Öde auch ein Schicksal haben? möchte mancher fragen. Aber Liebe und Haß vereint und trennt die Menschen überall, und wo Liebe und Haß waltet, waltet auch das Schicksal mit all seinen dunklen Rätseln und dämonischen Wirren. Ich bat die Bäuerin um eine Schüssel Milch und Brot, sie hatte auch frische Eier und erklärte sich bereit, uns dieselben in Schmalz zu backen. Ein einfaches Mittagsmahl, es hat aber zu einem Gläschen Moosbeerbranntwein, den man so wie den Enzeler überall als Medizin aufbewahrt, vortrefflich geschmeckt.

»Was treibt ihr denn im Winter,« fragte ich die Bäuerin, »da seid ihr ja ganz eingeschneit?«

»Oft kommen wir wochenlang nicht aus; ist's hell, so holen die Männer Holz und Bergheu; der Tag geht auch vorbei, und mit dem Tag die Woche und mit den Wochen der Winter.«

Ich verlangte zu wissen, was wir schuldig seien.

»Das könnt ihr leicht selbst ausrechnen,« meinte sie, »ist acht Kreuzer für einen zu viel?«

169 Erich gab ihr einen Zwanziger; was herauskomme, solle sie den Rangen, die draußen im Gras umkugelten, für Lebzeiten aufbewahren. Der Anblick des Silbers war für sie wirklich ein Silberblick! »Gelt's Gott treulich tausend Mal,« rief sie, »das muß ich in den Kasten legen, hab' lang nichts anderes gesehen, als Papierfleckeln.«

Wir suchten den Fußpfad, der sich in das Ellthal verlor. Welche Ruhe, welcher Frieden zwischen diesen Tannen, über denen die Wolken flohen. Und doch! auch diese Einsamkeit war durch Mord und Totschlag entweiht, hier hatte ein Finanzler unter den Händen des Schmugglers geendet, dort von jener Wand holte das Blei des Jägers den kecken Wildschützen herab. Die Natur scheint von all dem Frevel nichts zu wissen, die Bäume wiegen ihre Wipfel im Winde, das Moos grünt, die Blumen blühen, sie ahnen nicht, daß sie Blut getrunken. Jetzt fliegt sausend ein Falke durch die Luft, vor ihm zitternd die Wildtaube, er faßt sie und trägt mit einem lauten Siegesschrei die Beute zu einem Felsen, wo ihm die Jungen die langen Hälse entgegenstrecken.

»Ein gutes Vorzeichen,« rief Erich, »Zeus hat dem Odysseus auf dessen Fahrten kein besseres verliehen!«

Wir kamen an eine Waldblöße. In der 170 Mitte derselben entsprang ein Quell und füllte ein natürliches Bassin, von dem ein Bächlein nach West, das andere nach Osten fortglitt. Ein solcher Born, der plötzlich aus dem Erdinnern oder aus einem trockenen Felsen hervordringt, hat etwas geheimnisvolles, die Wellen sprudeln auf, Blasen steigen und zerspringen, und die Wasserfäden wallen hin und her. Vielleicht hebt auch die Nixe ihr Haupt mit dem langen Haar, um das sich ein Kranz von Dost und Seelilien schlingt. Wir sahen dem Spiel eine Weile zu, dann zogen wir die Kleider ab und warfen uns fröhlich in die klare Flut, die so kalt war, daß uns trotz der Erhitzung vom Marsche bald fröstelte. Ein paar Steinblöcke lagen in der Sonne, sie waren von ihr durchglüht, wir legten uns auf die Oberfläche derselben, wie St. Laurentius auf den Rost.

»Eigentlich könnten wir ein bißchen schlafen,« sagte ich zu Erich, »heut ist doch nichts mehr anzufangen.«

Willig stimmte er zu, und so legten wir uns an einem schattigen Plätzchen ins weiche Moos. Als ich erwachte, war die Sonne schon aus dem Thale gewichen und übergoß nur noch den nördlichen Abhang mit ihrem Lichte. Wir durften darauf rechnen, gerade bei Anbruch der Nacht im Dorf Landl, der Hauptstadt von Thiersee, 171 einzutreffen. Lustig eilten wir vorwärts, aber auch der Tag neigte zu Ende. Als wir bei Rietenberg aus dem Wald traten, begann schon die Dämmerung und stieg an den Felsen des Pendling empor. Über den dunkeln, föhrenbewachsenen Höhen hob sich in majestätischer Einsamkeit das Kaisergebirge, die schroffen Zacken wie eine Krone umblüht von den Rosen des Abendrotes, leichte Wölklein zerflatterten in den Himmel, und dahinter stieg die mächtige Scheibe des Vollmondes auf. Es war ein Bild so wunderbar, daß man sich fast fürchtete, einen Schritt vorwärts zu thun, um es nicht zu zerstören. Es zerfloß aber bald von selbst, der Schimmer entwich, und trübes Grau, aus dem nur die Kalkfelsen empor starrten, umkleidete alles. Nachdem die letzte Rose erblaßt war, eilten wir ohne Aufenthalt vorwärts. Je mehr wir uns den Häusern näherten, desto schweigsamer wurde Erich, eine gewisse Befangenheit konnte man nicht verkennen.

Als wir zu Landl die Schwelle des Wirtshauses überschritten, war die Nacht bereits angebrochen.

Ein mäßiges Abendessen war bald bestellt, beim Weine taute Erich wieder auf und teilte mir mit, es sei sein Plan, heute noch fensterln zu gehen. Ich sollte mich bei dem Wirte, den 172 ich bereits von früheren Wanderungen kannte, um die Gelegenheit erkundigen. Als er, statt der Kellnerin, die mit dem Gesinde den Rosenkranz betete, das Essen vor uns aufgestellt hatte, setzte er sich zu mir und fragte mich, ob ich wieder Steine klauben wolle. Ich bejahte es, indem ich Schrafls Alm als den Platz bezeichnete wo ich diesmal Hammer und Meisel anzusetzen beabsichtigte. »Wohnt er in der Nähe?« fuhr ich fort.

Der Wirt zeigte mir durch das Fenster im Mondlicht ein Haus, welches einige Büchsenschuß abseits auf einer Höhe lag.

»Wenn's nicht weiter ist,« sagte Erich, »da könnten wir wohl noch einen Sprung machen und uns mit dem Alten für morgen verabreden.«

»Der schläft schon,« erwiderte der Wirt, »denn er will in aller Früh' nach der ersten Messe auftreiben.«

»Umsomehr muß ich mit ihm reden!« sagte ich. »Welches ist sein Fenster? Er wird zu wecken sein.«

»Dort rechts; wo der Scheiterhaufen steht, schläft Hedwig,« bemerkte der Wirt pfiffig schmunzelnd, »wahrscheinlich wollt Ihr bei der fensterln?«

»Was fällt Euch ein!« rief Erich.

173 »Nu, man weiß nicht! Ihr kennt das Mädel gewiß, es ist kein schöneres in ganz Thiersee. Wenn sie von der Stadt redet, bringt sie das Maul nimmer zusammen, habt Ihr sie im Museum herumgeführt?«

»Nein nein,« antwortete ich lachend. »Übrigens müssen wir gehen, wenn wir unsern Zweck noch erreichen wollen.«

Erich folgte mir. Bald hatten wir die Höhe erstiegen und schlichen vorsichtig um das Haus, ob etwa noch jemand wache. Der Wirt hatte uns das Fenster genau bezeichnet, etliche Blumentöpfe, die zierlich geordnet auf einem Brette standen, bestätigten seine Angabe. Erich schnalzte mit der Zunge, denn durch dieses Zeichen weckt der Bursch sein Mädchen. Dann kletterte er auf dem Scheiterhaufen empor, klopfte leise ans Fenster und rief: »Hedwig, Hedwig, ich bin's!«

Rasch flog ein Flügel auf. »Sei, wer du willst,« lautete die Antwort, »pack' dich, hier hat niemand etwas zu suchen.« Erich wollte erwidern, da traf ihn ein so gewaltiger Wasserguß ins Gesicht, daß er das Gesims losließ, den Scheiterhaufen zum Wanken brachte und mit diesem auf den Anger fiel. Der Lärm weckte alles auf, das rauhe Bellen eines großen Hundes wurde hörbar, wir sprangen in die Büsche, den Abhang 174 hinunter. Der Boden war moosig. Erich glitschte aus und stürzte der Länge nach hin. Schnell erhob er sich, als wir aber in das volle Mondlicht traten, wie sah er aus! Von oben bis unten mit Schlamm und Kot besudelt!

»Das ist eine saubere Geschichte,« sagte ich, »so kannst du dich morgen dem Mädel nicht zeigen.«

»Gott sei Dank,« antwortete er, »das Mädel ist mir treu.«

»Vermutlich hat sie dich deswegen davongejagt?«

»Sie erkannte mich nicht und duldet keinen Besuch. Was die Kleider anbelangt, so habe ich einen vollen Anzug in meinem Ranzen.«

»Sonst war er mit Brot und Würsten gefüllt!«

»Alles hat seine Zeit, spricht Salomon der Weise.«

Wir verschnauften ein wenig.

»Wie heißt du jetzt?« fragte ich.

Er sah mich groß an. »Warum?«

»Weil du wieder getauft worden bist.«

»Die Hexe! das soll sie büßen.«

»Mit wieviel Busseln? Etwa wie die Lesbia Catulls?«

»Du Narr!«

Wir traten in die Stube der Wirtin.

175 Der Wirt empfing uns mit hellem Gelächter.

»Abgeschlüpft! nicht wahr?«

Erich entgegnete nichts, sondern übergab ihm das schmutzige Gewand, um es säubern zu lassen. Schließlich erhielt er den Auftrag, uns zeitig zu wecken, damit wir als »gute Christen« der Frühmesse beiwohnen könnten.

Der Hahn hatte noch nicht gekräht, als mich Erich anrief. Bald erklang auch die Frühglocke vom Turm des Kirchleins, das, eine Stiftung des großen Kaisers Joseph, sich zwischen den Bäumen des Angers vor dem Wirtshause erhebt. Wir beschlossen, nach einem tüchtigen Frühstück vor der Thür zu warten, bis das Volk verlaufen war. Nachdem der Priester den Segen erteilt, zerstreute sich die andächtige Menge, unter den letzten traten Schrafl und Hedwig heraus. Diese erblickte uns zuerst und eilte alsogleich auf Erich zu, ihm freudig »Grüß Gott« bietend, ohne mich zu beachten.

»Ich wußte,« sagte sie, »du würdest heut oder morgen kommen, ja, schon gestern schaute ich nach dir aus!«

»Schön ist's,« sprach der Alte zu mir, »daß ihr Wort gehalten. Seid etwa gar ihr gestern fensterln gewesen?«

»Freilich!« erwiderte ich; das Mädchen wurde 176 rot. Nun erzählte ich, was uns angeblich so spät noch vor das Haus geführt, wir hätten sein Fenster verfehlt und dabei einen sehr schlimmen Gruß abgekriegt.

»Recht ist euch geschehen,« rief der Alte lachend, »ganz recht, was schlenzt ihr bei Nacht um. Übrigens zieht mit uns gleich zur Alm, ihr kommt uns sehr gelegen, wir haben zu wenig Leut', die Küh' aufzutreiben.«

Wir holten, während der Alte mit Hedwig auf dem Knippelweg zu seinem Hof emporstieg, unsere Ranzen. Als wir am Zaun des Gartens hingingen, tummelte sich bereits Groß- und Kleinvieh auf dem Anger, harmonisch klangen die Glocken in das Weite, ringsum Gewieher und Gebrüll, Böcke hielten Vorübung zu ritterlichen Turnieren, und selbst die ruhigen Schafe versuchten kecke Luftsprünge. Ein altes Roß mit zwei Körben bepackt, aus denen Pfannenstiele und Kesselfüße hervorragten, sah gemütlich wie ein Philosoph dem lustigen Treiben zu und machte wahrscheinlich über die Eitelkeit der Welt allerhand Glossen. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung, voran schritt der Alte mit dem Salzsäcklein, dann folgten die Ziegen, deren Mutwillen der Geisbub' kaum zu bändigen vermochte, ich leitete die Schafe, hintennach wandelten die Kühe, unterhalten von 177 den zudringlichen Liebkosungen eines ungeheuren Stieres. Da führten Erich und Hedwig den Feldherrnstab, die hatten sich aber so viel zu erzählen, was nur ihnen wichtig schien, daß sogar die Lieblingsblässe mit dem schneeweißen Rautenfleck zwischen den Hörnern vom Weg in das Gebüsch geriet, und ich sie holen mußte. Im Unterinnthal ist der Schlag des Viehes ausgezeichnet: herrliche braune Kühe mit Augen wie Here, um Homers ungalantes Gleichnis aus dem Schulsack zu holen, man sieht es den starken Tieren mit den schweren Eutern an, wie gut ihnen das Futter auf der Alm, wo sie nicht wie im Oberland um einen Grashalm raufen dürfen, behagt. Wieder verlief sich eine Kuh, ich führte sie zurück und rief dem unachtsamen Pärchen zu: »Heda! schaut, daß euch bald der Pfarrer nachtreibt, sonst thut's kein gut mehr!«

Unter Scherz und Lachen gelangten wir zur Alm. Sie dehnte sich in einer Mulde zwischen zwei Wäldern aus, über denen die prallen Scheitel eines weißgrauen Kalkes sich erhoben. Wir kamen von Osten, nach Westen führte ein steiler Absturz zur Brandenbergerklamm. Auf der weiten Fläche der Alm sproßte überall junges Gras, hier und da erhoben sich sanfte Bodenwellen, geschmückt von der blauen Gentiane und dem schimmernden 178 Achtblatt, Kriechweiden hielten die duftigen Kätzchen empor, während sie sich mit den knorrigen Ästchen sorgfältig an der Erde anklammerten, in den Senken mußte der Schnee eben erst zerflossen sein, da blühte noch die zartgefranste Eisglocke, prangte die unvergleichliche Jochaurikel und die zarte Moosprimel. Wo ein Steinblock die Wärme zurückwarf, war er von den wohlriechenden Blumendolden des Bergheidels umkleidet, von den Föhren, die einzeln auf dem Grasplatz standen, flog, wenn sich ein Rind daran rieb, der gelbe Schwefelstaub in die Höhe. Ängstlich flatterte die Ringdrossel um die Zundern, wo sie nistete, mit einem kurzen Triller schwang sich die Flühlerche auf; da jauchzte Erich hinaus, daß der Berg laut widerhallend seine Freude über den Frühling verkündete; der Alte und der Geisbub antworteten, und aus Hedwigs Mund tönte zum Schluß weithin ein heller Jodler. Wie bedauerte ich, daß mir die Stimme versagt war, mitzusingen.

Vor der Thür der Hütte zog der Alte den Hut ab und betete den Almsegen. Dann zeichnete er mit einem Stück Kreide drei Kreuze oben an die Thür und schloß auf. Ich überließ es den Leuten sich einzurichten und stieg mit dem Hammer in eine Runse, um Versteinerungen zu holen. Diese war aber noch mit Schnee angefüllt, so daß 179 ich wenig erbeuten konnte. Daher beschloß ich mein Geschäft auf später zu verschieben und streifte, um die Gegend zu untersuchen, an den Abhängen hin, bis der Geisbub zum Essen tutete. Nach Tisch warf ich mich neben der Quelle, die zwischen den Felsenplatten hervorsprudelte, ins Gras; mag Homer den weichen Rasen des Ida mit Hyazinth und Lotos preisen, auf der Alm ist's doch besser. Nachdem ich ausgeruht, teilte ich Erich meine Absicht mit, noch heute aufzubrechen, um mit dem Spätzug zu Innsbruck einzutreffen. »Du brauchst mich,« sagte ich zu ihm, »ja doch nicht zur Unterhaltung!« Er war es zufrieden. Ich ließ ihm, was ich von Lebensmitteln eingepackt, zurück und schlug nach kurzem, freundlichem Abschied den Weg zur Klamm ein. Als mir fern der Widerhall der Kuhglocke verschwamm, da summte mir eine Strophe aus Purtschers schönem Heimatslied durch den Kopf:

»Süßer Schellenklang der Alben
Bimmelt leise an mein Ohr,
Reißt mich von dem Thal, dem falben,
Wild zum grünen Berg empor;
Ihr hört's lauter
Klingen, Brüder!
Seht von trauter
Hütte nieder.
Doch, wann tönt in duft'ger Näh'
Wieder mir auf Bergeshöh'
Schellenklang der Alben?«

180 Ihm tönt er längst nicht mehr, denn es deckt ihn die Erde; wenn ich mich aber des herrlichen Jünglings erinnere, erfüllt Wehmut meine Seele, und ich gedenke der Worte Iphigeniens: »So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!«

* * *

Schon am nächsten Tage erhielt ich von Erich einen Brief.

»Lieber Freund!

Schicke mir Homers Odyssee, Shakespeares Macbeth und Goethes Hermann. Lege zwei Pfund Millikerzen bei, denn das Flackern des Herdfeuers verdirbt die Augen. Auch meine Zither möcht' ich haben, verpacke sie sorgfältig im Futteral. Ich wünsche diese Dinge so bald als möglich zu erhalten, übergieb sie daher der Post. Den Narren, die zu Innsbruck im Kaffeehause spielen, magst Du sagen, sie sollen Billardstock und Schachbrett als Trophäen an die Wand hängen und auf die Alm gehen. Doch verrat keinem, wo ich bin.

Dein Erich.«

Ich erfüllte seinen Auftrag pünktlich. Sie fragen, wie er denn auf der einsamen Alpe die 181 Zeit verbrachte? Er spielte mit Hedwig ein uraltes Stück: Adam und Eva im Paradiese. Bei Tag half er die Herde weiden, lehrte sie Pflanzen, Tiere und Steine kennen, und nachts träumte er auf dem Heu von einer glücklichen Zukunft.

Aber die langen Abende? Die werden auf der Alm, wo man mit der Sonne aufsteht, kurz. Hatte er denn nicht Homer, Shakespeare, Goethe und Hedwig?

Diese Heroen haben das deutsche Volk von der Verbildung der Zopfzeit befreit, jetzt ist es freilich wieder dahin gekommen, daß sie die sogenannte vornehme Gesellschaft seitab liegen läßt. Jetzt muß man das Volk zum Mitgenuß jener Werke einladen und es zu ihrer Höhe emporheben. Ihm soll man das ewig Menschliche enthüllen und als Dogma überliefern. Wer dieses thut, ist Demokrat im edelsten Sinne des Wortes, vor seinen Schritten schwingt die Freiheit ihr heiliges Sternenbanner, und als Schatten versinkt der Schein, der Sinn und Verstand bisher beherrschte. Das fühlte Erich bei seinem fortwährenden Verkehr mit dem Volke auf das Lebendigste, und er that danach. Scheltet ihn überspannt, er las den Sennern, welche sich allabendlich versammelten, die Odyssee, Macbeth und Hermann vor. Jene übersetzte er vom Blatt weg 182 aus der Ursprache und bequemte sich dabei, indem er die Griechenland eigentümlichen Lokalfarben milderte, den Verhältnissen seiner Hörer. Hättet ihr ihn gesehen in diesem Kreise, wie würdet ihr ihn beneidet haben! Nie horchten die Leute mit solcher Andacht einer Predigt; endlich kamen die Senner oft stundenweit aus den umliegenden Almen, und als er fertig war, baten sie ihn, er solle doch die Geschichte von dem Sauhirten mit dem spaßigen Namen noch einmal vortragen. Das Hirtenleben auf Ithaka wurde hier zur unmittelbaren Gegenwart. Mit welcher Spannung hing Hedwig an den Lippen ihres Geliebten! Ihr Blick, ihre innige Teilnahme, ihr Kuß war sein seligster Lohn, wer möchte um dieses Honorar nicht Professor der Ästhetik sein?

Sie haben sich also gar schon die Liebe erklärt?

Mit den Augen, als sie sich zum erstenmale sahen, dann – – und so weiter.

Übrigens heißt es in einem vielgesungenen Liede:

»Auf der Alm giebt's koa Sünd'!«

Er hatte auch schon, ohne daß ihn das Mädchen dazu aufgefordert, mit dem Vater geredet und alles richtig gemacht.

* * *

183 Aus der Zeit bis zur Trauung wüßte ich nur noch zwei Ereignisse zu erzählen, die vielleicht einiges Interesse erregen. Den Stier der Herde habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Der Bursch entfaltete allmählich eine ganz unbezähmbare Wildheit, wie sie sich eigentlich für den Vater einer zahlreichen Familie gar nicht schickt. Einmal hatte Hedwig eine hellrote Schürze vorgebunden. Das reizte seinen Grimm. Brüllend bohrte er die Hörner in den Rasen, schleuderte große Erdklumpen in die Luft und stürzte auf das Mädchen los, das ihm trotz aller Schnelligkeit schwerlich entkommen wäre. Da riß Erich einen Zaunpfahl los und schlug den Wildling über den Rücken, daß die Splitter flogen. Er tobte nur noch toller. Die Gefahr stieg auf das Höchste. Kühn sprang er vorwärts, faßte ihn mit der Linken bei einem Horn und schlug ihn mit der Faust so kräftig auf das Auge, daß er zurücktaumelte. Langsam versteckte er sich ins Gebüsch, dort entdeckte man ihn nach einigen Tagen schmerzlich röchelnd und abgemagert, das Auge mit Blut und Eiter unterlaufen; seitdem wagte er sich nie mehr an einen Menschen.

Hinter dem Zellerberg bei Kufstein steht ein Wirtshaus, des von seinem etwas baufälligen Zustande den Namen Naggelburg erhielt; vom 184 Anger desselben bis zum St. Leonhardskirchlein zieht sich eine etwa tausend Schritt lange Allee uralter Linden. Das Kirchlein, im Stil zopfiger Renaissance, zeigt wenig Auffälliges, der Heilige jedoch, dem es geweiht ist, hat für Tirol eine große Bedeutung. Er ist der Schutzpatron aller Ochsen, Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen, die in den Alpen nicht bloß einen namhaften, sondern auch höchst wichtigen Teil der Bevölkerung bilden. An die Legende, wie St. Leonhard zu seinem Amt gekommen, erinnere ich mich nicht mehr, dargestellt wird er als ein Abt des Benediktinerordens mit einer eisernen Kette in der rechten, einer Inful in der linken Hand. Um seinen Altar hängen keine wächsernen Herzen, wohl aber die Porträts seiner Schutzbefohlenen, denen er auf der Alm oder im Stall beigesprungen. Wie alle Heiligen hat auch er seinen Festtag mit großer Cour, während für den Rest des Jahres sich niemand viel um ihn kümmert. Die Feier fällt in den Juni, ehe die Senner von dem Nieder- auf das Hochleger wandern. Dann herrscht um dieses Kirchlein und im Anger der Naggelburg ein lustiges Leben. Auf der Alm giebt's nur Wasser, höchstens bisweilen ein Tröpfchen Schnaps, sonst weder Bier noch Wein, da holen die Senner, die in ihrem Genusse durchaus nicht blasiert 185 sind, nach, was sie seit Monaten versäumt. Kramläden sind errichtet, der Brauch will, daß der Bub' sein Dirndl hinführe und etwas kaufe: Seidentüchlein, Kamm oder Ring – aber nur die Bauernsöhne vermögen einen goldenen Reif, ein Hirt bringt es höchstens zu einem silbernen. Gewöhnlich hält auch irgend ein alter Schmied Metallwaren feil, vor allem jene ungeheuren Kuhschellen, die zum reinen Klang der Glocken und Glöckchen den Baß brummen. Der Kerl schaut aber so verschmitzt aus, daß er wohl auch noch andere Geschäfte macht. Dort humpelt träg' ein Polizeidiener vorbei, er läßt ihn laufen, dann winkt er einem Burschen:

»Anderl, ich hätt' allerlei Sachen, schau nach.« Er schlägt einen Kasten auf, da liegen in einer Schublade Gamskugeln, kleine Ballen von unverdaulichem Wurzelgeflecht und Haare, überzogen von einer steinartigen Kruste. Man trifft sie bisweilen im Magen der Gemse. Sie machen den Wildschützen unsichtbar und helfen für allerlei heimliche Gebrechen. Ein Schächtelchen birgt schwarze Ringlein, sie sind aus dem Horn des Steinbockes geschnitzt und erhalten die Treue. Die kostbarste Ware ist jedoch ganz hinten in Fließpapier versteckt: ungeheuere Schlagringe mit einem scharfkantigen Knopf. »Ich hab' 186 nimmer viel,« lispelt er blinzelnd, »sie sind zusammengeschweißt aus einem Hufeisen, das der Maistaller beim Wildern droben in des Teufels Wurzgärtlein, wo nie ein Roß sich hin versteigt, gefunden hat.« Anderl kauft die Ware um teures Geld. Damit hat es nun eine eigene Bewandtnis. Das Volk, das in seinem Aberglauben bisweilen witzig ist, meint, daß der Schwarze Pfarrhäuserinnen, welche die Armen hartherzig von der Thür des Widums fortstoßen, um sich etwas zu ersparen, nach dem Tode abhole, ihnen glühende Hufeisen aufnagele und sie über alle Jöcher reite. Daher das Wimmern, das die Senner hier und da am Donnerstage von den höchsten Felszacken hören. Verliert nun ein solches Pferd den Schuh, so kann man daraus Schlagringe schmieden, deren Zauber jeden Gegner, und wäre es Simson, überwindet.

Vom Turm des Kirchleins läutet das »Erste«. Auf allen Feldwegen strömt das Volk herbei; Hirtenbuben führen Vieh jeder Art am Stricke, darunter wahre Prachtstücke, deren Preis nicht nach dem Milchertrag oder dem Fleischwert, sondern nach Kraft und Schönheit oft hoch hinaufgetrieben wird. Die Tiere stellen sich vor die Kirche hin, um St. Leonhard die Aufwartung zu machen; mit erfahrenem Auge prüfen die Bauern sie, 187 äußern Zweifel und Bedenken oder vereinigen sich im lauten Lobe.

Da erschallt das »Zweite«. Der Priester steigt im Festornat die Stufen des Altars empor, das Hochamt beginnt, und in das Muhen, Blöken, Mäckern und Wiehern der Herde mischen sich die feierlichen Orgelklänge. Der letzte Segen wird nicht innerhalb der Mauern erteilt, der Priester tritt heraus, – denn auch das liebe Vieh soll seinen Anteil an der Gnade des Himmels haben – und hebt die Monstranz im Namen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes. Unter der andächtigen Menge, die sich plaudernd von den Knieen erhebt, bemerken wir auch Erich und Hedwig, der Geisbub' hält vor der Thür die Blässe am Strick. Sie haben sich, trotzdem daß sie schon in der Nacht aufbrachen, etwas verspätet, denn von Thiersee bis Naggelburg ist ein weiter Weg. Nun soll das Kuhstechen beginnen. Schwächere Tiere werden gleich beiseite gebracht, keines derselben führt einen Namen, wie der Troß der Griechen und Trojaner, dort aber naht, wie Achill, Hektor, Odysseus, Ajax, Äneas – die Lise, Käthe, um sich mit der Gegnerin zu messen, wer den Preis der Stärke davontrage. Die Kühe scheinen zu wissen, um was es sich handelt, und sie fahren mit einem Sturm aufeinander los, daß die 188 Schädel krachen und die Hörner brechen. Der Kampf steht, gleichgemessen schwebt das Zünglein der Wage, die Beine fest angestemmt, den Rücken gebogen wie eine Stahlfeder, den Schweif gerade ausgestreckt, ringen zwei Kühe, keine bringt die andere vom Fleck. Endlich spannt die Braune rechts die letzte Kraft an, der Kopf der Gegnerin biegt aus, die Hinterbeine knicken ein, sie fällt, rafft sich auf und entflieht unter dem lauten Jubel der Zuschauer aus dem Kreise. Mehrmals wiederholt sich das Schauspiel, da springt die Blässe in den Kreis. Sie hüpft dreimal um die Braune, die bisher stets gesiegt, diese kehrt ihr, die Hörner gesenkt, ohne einen Schritt vorwärts oder rückwärts, die mächtige, krauslockige Stirn zu. Es erfolgt der Angriff, Hedwig schaut atemlos mit klopfendem Herzen zu. Da duckt die Blässe plötzlich den Kopf, fährt der Braunen unter die Hörner, so daß mit einem Stoß der Kopf sich auf den Rücken beugt, und sie der Länge nach niederfällt. »Die Blässe ist heut Roblerin!« schrieen Senner und Bauern, und allsogleich wendete sich der Auracherbräuer von Kufstein an Hedwig, um ihr das Tier abzufeilschen. Diese wies jedoch jedes Angebot zurück.

Stiere werden bei solchen Turnieren nicht vorgeführt, die Kämpfe sind zu furchtbar und nicht 189 bloß den Tieren, sondern auch den Leuten gefährlich. Nun begann das Schafstoßen, wobei die kräftigsten Widder um den Preis stritten. Dann zerstreute sich alles auf dem Anger vor dem Wirtshaus, ungeheure Ladungen Schweinefleisch wurden mit Wein und Bier hinunter geschwemmt.

Wenn der erste Hunger gestillt ist, erheben sich gewöhnlich die gewaltigsten Senner und Bauernburschen zum Ringkampfe,. wer von ihnen der stärkste sei und für dieses Jahr die Roblerfeder auf dem Hut tragen dürfe.

Hedwig und Erich saßen an einem Tisch, der Geisbub hatte sich mit der Kuh bereits auf den Heimweg gemacht, sie kümmerten sich um das bunte Treiben ringsum nicht viel, das Mädchen schaute von Zeit zu Zeit lächelnd auf ihren Finger, an welchen ihr Geliebter ein goldenes Ringlein mit einem leuchtenden Karfunkel gesteckt hatte: Die Bauernburschen sind aber sehr eifersüchtig, wenn ein Fremder mit einem Mädchen aus ihrem Thal zu schaffen hat, und suchen ihm auf jede Weise Prügel unter die Füße zu werfen, hier um so mehr, weil im Unterland auf und ab kein schöneres Dirndl zu treffen war als Hedwig, und sie jeden Bewerber bisher abgetrumpft hatte. Erich sollte nicht ungerupft durchkommen. Ein riesiger Senner aus der Kelchsau sah vom andern 190 Tisch, wo sich die Haupthähne zusammengethan, spöttisch herüber, mehrmals reckte er die Arme und flüsterte: Den will ich! Den will ich! Die Kellnerin brachte eine frische Halbe, ohne einzuschenken stürzte er sie hinunter und sprang mit einem Juchzer auf. Er sang:

»Im Unterland unt'
Ist a Hendl verreckt
Und a Innsbrucker Bua
Hat die Feder aufg'steckt.«

Erich bemerkte allsogleich, daß diese Ausforderung ihm gelte, fand sich aber nicht bewogen zu erwidern. Nun sang der Senner wieder:

»Die herrischen Buab'n
Haben spitzige Knie,
Und sollen sie robeln,
So kemmen sie nie.«

Es galt der Tracht Erichs, der auf dem Lande nie im Bauerngewand herumlief, wie so manches Muttersöhnchen sich damit zu spreizen pflegt, wenn es über das Weichbild Münchens hinausschaut, sondern stets eine leichte Bluse und einen breitkrämpigen Hut trug.

Er rief der Kellnerin, um zu bezahlen. Dadurch wurde der Bursch noch kecker, weil er 191 meinte, Erich fürchte sich, er trat, den Arm in die Seite gestemmt, unmittelbar vor ihn hin und sang:

»Kurasch' hat sie g'habt
Dem Diendl sei Kua,
Kurasch hat er koani
Dem Diendl sei Bua.«

Erich maß ihn mit einem verächtlichen Blick von oben bis unten und sagte zu Hedwig: »Komm', gehen wir!«

Da packte der Senner das Mädchen derb beim Arm und rief: »Du kannst hingehen, wo du willst, aber das Diendl da, die gehört zu uns.«

Vergebens versuchte das Mädchen sich loszureißen; schnell warf Erich die Bluse ab, streifte das Hemd über den rechten Arm und trat mitten auf den Anger. Der Senner ließ Hedwig fahren und eilte ihm trotzig nach. Wie ein Stier stellte er sich ihm gegenüber, unheimlich funkelte das kleine schwarze Auge unter der niedern Stirn, die von dunklen Locken fast verdeckt war, die haarige Brust hob sich von wilder Kampflust. Er suchte Erich im raschen Angriff zu unterlaufen, der gewandte Turner wich aus, packte ihn rasch von hinten bei den Knöcheln eines Fußes, lupfte und schleuderte ihn mit einem Ruck weitweg über den Zaun auf den Misthaufen.

192 Die Zuschauer betrachteten diese Scene mit stummem Erstaunen, noch niemand hatte sich an den Senner gewagt. Erich ging ohne ein Wort zu sagen zu Hedwig; die Luft war rein, sie setzten sich noch einmal nieder, um den Rest ihres Bratens zu verzehren. Jetzt erst brach ein Beifallssturm los, wie er wohl noch nie die Wände der Naggelburg erschütterte. Der Senner stand langsam auf, wischte sich die Augen und schlich hinter dem Hause davon. Gar mancher äußerte seine Freude, daß dieser unfriedliche Mensch, der überall das große Wort führen wolle, endlich gezüchtigt worden sei. Seine Freunde schwiegen wohlweislich, um nicht auf das eigene Haupt ein Gewitter herabzuziehen, Hedwig aber blickte mit Stolz den Geliebten an, denn er galt jetzt auch den Bauern gegenüber für voll.

* * *

Wenige Wochen später wurde beim Wirt in Landl Hochzeit gehalten. Nach altem Brauch erhält die Braut zur Ausstattung die schönste Kuh des väterlichen Stalles. Die Blässe begleitete Hedwig. Als die Innsbrucker von der Vermählung und, wie sich alles zugetragen, erfuhren, machten sie den boshaften Witz: Erich 193 sei auf den Schweinemarkt gegangen und habe eine Frau zurückgebracht. Er jedoch konnte ruhig darüber lachen, denn im Stillen beneideten ihn doch die meisten Männer um das schöne kräftige Weib, und seine Frau die meisten Mädchen um den starken, stattlichen Mann. 194

 

 

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