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Letzte Alpenrosen

Adolf Pichler: Letzte Alpenrosen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLetzte Alpenrosen
authorAdolf Pichler
year1900
firstpub1898
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig und Berlin
titleLetzte Alpenrosen
pages285
created20150121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Braut von Korinth.

Südlich von Innsbruck zieht dem Strome entlang breit und waldig das Mittelgebirge. Sanfte Wege steigen durch Tannen und Föhren und leiten die Sonntagsgäste, die sich gern hierher verlaufen, zum kleinen Dörflein Matrans, dessen rhätischen Namen wir den gelehrten Zähnen unseres Freundes Christian Schneller überlassen. Zwischen mächtigen Ulmen ragt der schlanke Kirchturm mit dem roten Dache empor; die Städter lassen ihn links liegen, mag auch das Gebimmel der Glocken noch so eifrig zum Rosenkranz laden, und wenden sich zur Schwelle des Wirtshauses, wo als Schild eine blecherne heilige Dreifaltigkeit schaukelt. Der Wirt Franz Kölder war ein Zoch; derb und 130 selbstbewußt verstand er es, fürwitzige Fremde abzutrumpfen, daß sie über seine viereckigen Witze lachen mußten und ihm nichts übel nahmen, weil er einen trefflichen Rotwein eingekellert hatte, und seine Backhändeln im Kranz von Petersilie berühmt waren; selbst der Koch des nahen Klosters mußte ihnen alle Ehre lassen. Der Sohn Clemens war sein getreues Ebenbild, nur paßte der Name nicht recht zu ihm, denn er war gerade nicht sanft; wenn eine besoffene Mette losging, packte er wohl einen übermütigen Burschen beim Kragen und tauchte ihn in den nahen Teich, daß er ausnüchtern konnte. Sonst redete er um einen Kreuzer nicht viel.

Die Wirtschaft führte dem Witwer das Töchterlein Salome! Sagen wir lieber die Tochter, eine blonde Chriemhild, wie man sie eben in Tirol und Altbayern trifft. Da flogen die Jünglinge herbei fast wie die Gimpel und Zeisige auf die Vogeltenne; auch ein Rabe meldete sich: der junge Katechet, der so sanft zum Himmel schaute und die Hände rieb. Er mußte bald bemerken, daß man keines geistlichen Trostes bedürfe, und blieb daher aus. Ihr Benehmen war ganz eigentümlich: heute freundlich, morgen ernst und ablehnend, man kannte sich nicht recht aus; eigentlich nie zutraulich. Ein adeliger Offizier faßte 131 sie einmal bei dem blonden Zopfe und fragte: »Wieviel Dukaten hängen daran?« – Der alte Kölder galt für reich. Sie gab dem Jünglinge trotz dem Portepee eine Tachtel, daß es klatschte. Wer ihren Taufschein gesehen hatte, konnte sich vielleicht manches erklären; sie war schon über einundzwanzig Jahre alt. »Die fade Nocken kriegt keinen Mann!« brummte der Vater.

Nur einer schien Gnade zu finden. Der Herr Franz Schafler. Von seinen früh verstorbenen Eltern besaß er zu Innsbruck ein Haus mit einem schönen Garten; das Gut, das er als fleißiger Landwirt bei Thauers verwaltete, war an den sonnigen Abhängen dicht mit Eichen bestockt, die eine kernige Mast für die Schweine lieferten. Er schickte daher auf jeden Thomasmarkt, wo zu Weihnachten die Schweinebörse im Jurain thätig ist, ein halbes Dutzend Prachtexemplare, die abgestochen und sauber frisiert auf dem Rücken liegend den Blick der kundigen Hausfrauen anzogen. So verging ihm Jahr um Jahr, die Frauen machten ihm kein Herzeleid und als die Weisheitszähne zu sprossen begannen, dachte er wohl: »Kommt Zeit, kommt Rat!«

Nun führten ihn einmal Geschäfte in das Dörfchen. Er sah die Wirtstochter und bemerkte im Gespräch mit ihr nicht, daß die Sonne tiefer 132 und tiefer im Westen sank. Da klang die Abendglocke, fast erschrocken fuhr er auf und verabschiedete sich. Als er um die Ecke bog, schaute er noch einmal zurück und sprang rasch in das Thal. Er kam öfter und öfter; weil er Technik studiert hatte und geschickt schnitzelte, wurde er Salomes Beirat in mancher kleinen Angelegenheit; er machte Spaliere mit farbigen Knöpfen, flickte ein zierliches Spinnrad und half Mau, dem Lieblingskätzchen, das sich gequetscht hatte, wieder auf die Füße. Auch Bücher brachte er ihr gelegentlich; besonders gefiel ihr Stifter, das war ja ihre Landschaft, deren Waldgründe sie jeden Morgen sah; sogar ein zerfallenes Schloß hob sich aus den Tannen des Hintergrundes. Beide ahnten nicht, wie die Neigung in ihrer Brust erwachte, sie allmählich stumm aber unwiderstehlich zu einander zog. Einmal brachte er ihr aus dem botanischen Garten eine prächtige Salvia. Er streichelte die Sammetblätter, und als er sich vorwärts beugte, wehte ihn warm und mild der Hauch des Mädchens an. Es war ein Wonnegefühl, wie er es nie empfunden; sein Auge wurde feucht; da erschrak er vor sich selber, er fuhr zurück und drehte verlegen den blonden Bart. Salome wußte nun, wie sie daran war, sie stand auf und lief kichernd davon. 133 In Liebessachen sind die Weiber immer unsere Meisterinnen.

Er schämte sich vor sich selbst, rief die Kellnerin, bezahlte rasch und verschwand im Schatten der Bäume.

Nach einigen Tagen erinnerte er sich, daß er noch Geschäfte abzuthun habe, freilich wußte er nicht genau, welcher Art, aber er folgte seinen Füßen, die sich wie eine Magnetnadel nach Norden, nach Matrans richteten.

Ist der Apfel reif, so muß er fallen.

Es waren keine Gäste da, denn ein Gewitter schob sich über die Martinswand; als er auf die Schwelle des Wirtshauses trat, begann es fern zu murren. Er setzte sich Salome gegenüber in die Laube. Die Nacht war herabgesunken, eine ernste, milde, träumerische Nacht. Durch das schwüle Dunkel leuchtete hier und da ein Blitz und löschte die Sterne aus, die am Himmel standen. Ein sanfter Windhauch trug den süßen Duft der Linde herüber, die am Saume des Waldes die mächtigen Zweige ausbreitete. Manchmal rauschte das Laub, als wollte es sich in das leise und leisere Gespräch mischen, und das Quaken der Frösche bildete den Chor. Das Auge des Mädchens ihm gegenüber schimmerte bisweilen in feuchtem Glanze gleich dem Widerschein des 134 Wetterleuchtens auf einer Welle des nahen Teiches. Sie wurde immer einsilbiger, sie schien zu erwarten, daß er etwas sage, denn am nächsten Morgen wollte er ja nach Ungarn reisen, um aus dem Bakonyerwald eine Zucht Schweine zu holen.

»Soll ich, oder soll ich nicht?«

Ein greller Blitz und zugleich ein heftiger Donnerschlag, daß die beiden, deren Köpfe sich genähert hatten, auseinander fuhren, es begann zu rauschen und zu prasseln, als wolle der Himmel all den Regen, den er bisher gespart, auf die trockene Landschaft niedergießen.

Es war spät, er hielt ihre Hand länger als sonst beim Abschied . . . »gute Nacht.«

Er setzte sich auf den Rand des Bettes und horchte dem Toben des Gewitters; er flüsterte den Name Salome vor sich hin und starrte in das Dunkel, als suche er sie. Da öffnete sich leise die Thür – war sie es? – barfuß, einen brennenden Wachsstock in der Hand. Sie machte, ohne ihn anzusehen, etliche Schritte. Er starrte auf sie, wie die Erscheinung eines Geistes. Dann ging sie rasch entschlossen vorwärts. Ernst und ruhig sagte sie: »Ich habe mich für dich jahrelang aufgespart, jetzt muß es entschieden werden. Was hast du im Sinn?« Vor seinen Augen flimmerte 135 es, alle Schleusen seines Innern gingen plötzlich auf, und die Flut der Leidenschaft brach unaufhaltsam vor. Er zog sie an seine Brust, ihrer Hand entglitt das Licht und erlosch.

Als er aufwachte, fand er sich allein. War es ein Traum? Auf dem Boden lag das Sträußchen zerknüllt, das sie am Busen getragen hatte. Sie war nirgends zu sehen. Wie trunken eilte er gegen den Saum des Waldes; er blickte um, da schien es ihm, als schimmere ein Gewand durch die Schwarzdornhecken des Gartens. Umkehren? – Er mußte vorwärts.

Er zog nach Ungarn. Auf dem ganzen Wege hatte er nur sie vor Augen und die Bilder dauernden Glückes, das er flüchtig gekostet, schwebten vor ihm.

Nach drei Monaten hatte er seine Geschäfte fertig und eilte wie auf Flügeln heim. Er traf in der Dämmerung eines Septemberabends zu Innsbruck ein; kaum hatte er dem Knechte sein Gepäck übergeben, so ging er nach Matrans. Vor dem Wirtshause mäßigte er veratmend seine Schritte. Wieder war es ihm, als bewege sich zwischen den Schwarzdornhecken ein Kleid, das plötzlich verschwand.

Salome war jedoch nirgends zu sehen; um nicht aufzufallen, fragte er nur flüchtig, setzte sich 136 jedoch der Thüre gegenüber, bis die Kellnerin mit den Schlüsseln klapperte und ihn so zum Schlafengehen mahnte.

Gegen Mitternacht öffnete sich leise die Thür. War es ein Geist? Salome trat an den Rand seines Bettes. Sie war bleicher und blickte ernst. Tonlos begann sie: »Ich fühle mich Mutter!« Freudiger Schreck zuckte durch seine Brust und trieb das Blut zum Herzen, daß er erblaßte, und dann wieder ein Sturm, daß plötzlich Schweißtropfen von seiner Stirn perlten. Er wollte ihre Hand ergreifen, sie trat zurück und begann wieder: »Du hast mir nichts versprochen, du sollst dich nicht in der Übereilung binden, morgen ist auch ein Tag!« – Langsam ging sie hinaus, er wagte nicht, sie aufzuhalten.

Er mußte das Fenster aufmachen, um sich abzukühlen. »Salome!« flüsterte er, das Schweigen der Nacht antwortete nicht.

Gegen Morgen entschlief er, bis ihn der Lärm im Hause weckte. Er kleidete sich rasch an und eilte hinab. Der Herbststurm hatte die Latten der Laube zerrissen, die Gaisblattranken, die sie umhüllten, lagen wirr und zerzaust auf dem Boden. Er blieb aber doch, trotz des Widerspruches der Kellnerin, im Freien. Statt das Frühstück anzuschaffen, rief er: »Der Wirt soll kommen.« 137 – Dieser zapfte gerade Bier an und trat endlich mit dem Schlegel und einer leeren Flasche brummend auf die Schwelle. »Ja was giebt es denn gar so Nötiges?« – »Setz dich!« – »Das auch noch!« Er wischte mit dem Schurz die Bank ab und blickte forschend auf.

»Ich will die Salome heiraten!«

»Mag sie dich?«

»Ja!«

»Gut! du bist ein braver Mensch, kannst ein Weib und etliche Kinder füttern, und ich habe auch etwas hinterlegt, daß sie nicht nackt wie eine Bettlerin im Hause ihres Mannes einzuziehen braucht, wenn ich dem Clemens die Wirtschaft übergebe. Wann soll die Hochzeit sein?«

»Vor Kathrein.«

»Hast du so Eile?«

»Ja!«

»Nun gut!« – Salome hatte das Gespräch gehört. Sie faltete die Hände und blickte, eine Thräne im Auge, dankbar zum Himmel. Der Alte rumpelte in das Haus und blieb vor der Küchenthür stehen: »Du hast ohne mich angebandelt, nun schau zur Hochzeit, ich will keine Schererei!« brummend ging er weiter.

Franz drückte der Braut schweigend die Hand, da brauchte er nicht viel zu reden. Nun erschien 138 auch Clemens: »Du Klapperschlange, das hätt' ich dir nicht zugetraut. Übrigens bist du mir als Schwager ganz recht!« Er schüttelte Franz derb bei der Schulter und schob weiter. Dann zeigte sich mit einem Nußstrich auf der Wange die Köchin Stanzl: »Eine Torte will ich zur Hochzeit backen, wie ein Stadelthor. Nun weiß ich auch, warum es ein paarmal im Hause bei der Nacht geisterte! ha, ha, ha!« Zuletzt kam der Hausknecht, sein breites Gesicht glänzte wie der Vollmond, doch sagte er nichts anderes als: »Ja so!«

Der Alte hatte wieder angefangen zu schlägeln, da tauchte er plötzlich noch einmal auf. »Salome, tummle dich, Mittags kommen Sprugger zum Essen!« Das war die kurze Verhandlung.

Vor Kathrein war richtig die Hochzeit. Das gäbe ein reiches Bild, wenn wir sie schildern wollten nach Brauch und Sitte: mög' es ein Defregger oder Vautier thun. Zuerst die gesottenen Kalbsköpfe: mit den Sträußen von Rosmarin und Nelken leiteten sie das Mahl ein; wer zählt die Bombenknödel, die sich im kupfernen Waschkessel wälzten! Die Schweinsrippen britzelten in den Kasserollen und erst die Torten, die vor den Frauen sich ausbreiteten! Bis die homerische Begierde der Speise und des Trankes 139 gestillt war, hörte man nur ein Summen, dann legte sich der Wirt in den Großvaterstuhl zurück, der ihm bereit stand: »Wenn das mein Weib erlebt hätte!« – Er wandte sich an Franz: »Ja, ja, du hast einen Terno gemacht. Salome hat auch studiert bei den Klosterfrauen zu Bruneck, die haben ihr gewiß alles erklärt, was eine christliche Ehefrau braucht. Aber so war es von jeher: Ist ein Mädel ausgebacken, so flattert sie aus dem Neste fort.« – Er seufzte tief und neigte weinselig das Haupt auf die Brust. Unterdeß lief Clemens hin und her, füllte die Gläser aus der großen Kupferkanne und gab wohl einem Kameraden, der ihm beim Essen säumig schien, einen Rippenstoß: »Ist's dir etwa zu schlecht?«

»Na g'wiß nöt, aber ich erthu' es fast nimmer.«

Von dem Rocke platzten einige Knöpfe.

Das Brautpaar saß stillselig bei einander.

Da krachten die Böller auf dem Schießstand nebenan, mit einem lauten Tusch traten die Musikanten ein, feierlich erhob sich der kluge Krämer, der sogar das Gras wachsen hörte, wenn es als Heu im Stadel lag. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. »I, Namen der heiligen Dreifaltigkeit, denn auf diese lautet der Schild: Hoch lebe der Bräutigam Franz Schafler, hoch die 140 Jungfrau Braut, mögen sie wachsen und sich mehren bis in das zehnte Glied!« – Ein Tusch! Salome wußte vor Verlegenheit nicht, wohin schauen, er zupfte schweigend am Barte.

Dann folgten zum Abschied Ströme von Kaffee; alles war zufrieden, und noch lange erzählte man von Salomes Hochzeit.

Tag für Tag verging nun in der gleichen Ordnung bis zum Frühling. Da polterten eines Morgens schwere Stiefeln über die Treppe, ein Schlag an die Thür der Schlafkammer des Wirtes, und ohne auf das »Herein« zu warten, stand Schaflers Knecht vor seinem Bette. »Leg' dich schnell an, du mußt zur Kindstaufe, Salome hat einen Buben.« – Der Alte hob schon die schwere Tatze zum Trinkgeld für den schlechten Spaß, dann besann er sich: »Das wär' ja drei Monate zu früh.« – Der Knecht lachte: »Es geschehen halt Mirakel!« Der Alte stieg aus dem Bette: »Wart, der Salome will ich's sagen und ihm auch, ist das nicht eine Schande.« Der Knecht schwieg und half ihm in die bocklederne Hose. Sie fuhren schnell nach Innsbruck.

Salome empfing den Vater errötend.

Er setzte sich schweigend neben die Wiege, schob die Decke zurück und schaute den Enkel lang an. Dann hob er ihn heraus und wog ihn auf den 141 Armen: »Der Kerl wiegt ja mehr Kilo als unser letztes Kalbel.« Damit war die Sache abgethan.

Emerentia die Häuserin im Widum sagte freilich: »Das hätte ich von Salome nicht erwartet! Aber so ist's, wenn die Mädeln nicht mehr beim Ortspfarrer beichten gehen, sondern nach Innsbruck schleichen, dann ist gewiß etwas auf dem Wege. Ja freilich! aber Salome!« – Das Ehepaar setzte sein Geschäft rüstig fort und stellte abwechselnd Jahr für Jahr einen Buben oder ein Mädel auf – wenn nicht gar Zwillinge. Jetzt freilich nicht mehr, denn beide sind alt. 142

 

 

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