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Letzte Alpenrosen

Adolf Pichler: Letzte Alpenrosen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLetzte Alpenrosen
authorAdolf Pichler
year1900
firstpub1898
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig und Berlin
titleLetzte Alpenrosen
pages285
created20150121
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die bezähmte Widerspenstige.

Die Erzählung »Brautnacht« in meinen »Jochrauten« hat bei den Frauen wenig Beifall gefunden, ja mir sogar manchen Tadel zugezogen. Als ob ich ändern könnte, was geschehen ist. Die einen sagen: »Der Professor handelte übereilt, grausam; er sollte seine liebenswürdige Braut suchen.« Vielleicht bei den Jesuiten in der Frühmesse, wo unsere frommen Täubchen so gern einfliegen! Andere meinen: »Sie mußte ihm sogleich nachreisen; der Flehenden hätte er gewiß verziehen!« Wahrscheinlich; die guten Gedanken kommen jedoch entweder garnicht oder zu spät.

Lassen wir die Sache auf sich beruhen, um so lieber, da wir die Geschichte von einer andern Brautnacht auf dem Lager 2 haben, die in einem gesunden Wochenbette endet. Es war – um in dem gewohnten Stil der Märchen anzufangen – es war ein Professor der Geschichte am Gymnasium zu Tripstrill, jedoch weder in Hall oder Bozen, wo die braunen Franziskaner nicht heiraten, wenn sie auch manches Paar trauen, oder gern möchten!

Wollt ihr seinen Namen? – Im Schematismus steht: Chrysostomus Brummler. Er hatte das für Ehestandskandidaten verhängnisvolle vierzigste Jahr gerade überschritten, wie dies einzelne graue Haare unter den braunen leicht erraten ließen. Wenn sich auch seine Taille zu runden begann, stieg er doch, rüstig und kräftig, gern auf die Berge und brachte hübsche Sträußchen vom Joche, die er dieser oder jener Dame mit einem galanten Scherz und zierlichen Knix überreichte. Obschon er gelegentlich noch Bälle besuchte, hatte er doch dem Tanze entsagt; er zog sich gewöhnlich in ein Nebenzimmer zurück, wo er mit Freunden in heiterem Gespräche ein Glas Wein trank. Deswegen gaben ihn die Mütter für ihre Töchter so ziemlich verloren, wenn nicht der heilige Antonius von Padua, der bekannte Helfer heiratslüsterner Mädchen, ein Wunder wirke.

Bei den Schülern galt er viel; er unterbrach den einförmigen Unterricht nicht selten durch einen 3 Witz, der auf berühmte Männer dunkler Farbe ein grelles Licht warf und auch die Zustände der Gegenwart streifte, ohne daß man ihn zur Verantwortung ziehen konnte. Bei kleinen Streichen sah er gern durch die Finger, – brauchten der fromme Katechet und der strenge Direktor mit dem Spitznamen Zopf alles zu wissen? Ertappte er jedoch einen Burschen bei einer Schlechtigkeit, so funkelten seine Äuglein, und er blies in den schwarzen Bart, als wolle er wie ein Drache Richard Wagners Feuer speien. Wenn er nicht die Ausschließung beantragte, mußte der Schuldiener sogleich den Carcer aufriegeln.

Manchmal gab er auch Nebenstunden, doch fast nur aus Gefälligkeit, wenn den Eltern der Unterricht in einer geistlichen Töchterschule nicht genügte und sie wünschten, daß das Scheuleder ein bißchen gelüftet werde. Auch die Protestanten sind Christen, und Luther wurde nicht vom Teufel geholt; bleiches Entsetzen erfüllte aber die Herzen aller Betschwestern, als sich die Kunde verbreitete, er habe gesagt, der heilige Petrus sei verheiratet gewesen – vielleicht gar mit einer Jüdin! – und sich bei dieser Gotteslästerung auf die katholische Bibelübersetzung Alliolis berief.

Er war bereits pensionsfähig, und weil er ein kleines Vermögen besaß, kümmerte er sich um die 4 Donnerkeile des Konsistoriums nicht; zudem fürchtete man sein loses Maul, seine scharfe Feder, wie denn die Ultramontanen ihm den Spitznamen »schwarze Czechen« verdankten.

Kam zufällig die Rede aufs Heiraten, da sagte er schmunzelnd: »Gut Ding braucht gut Weil'!« und ich fügte gelegentlich bei: »Alter schützt vor Thorheit nicht!«

Es war bestimmt in Gottes Rat: Ein Freund führte ihm sein Töchterlein Luiserl als Schülerin zu: ein spitzes, mageres Ding wie ein Zündhölzchen, naseweis und stets zu einer scharfen Antwort bereit. Er mochte nicht ablehnen. Weil jener bald starb, so zog die Mutter in eine andere Stadt; er verlor sie und das Mädchen aus den Augen, ohne sich weiters darum zu kümmern.

Erst nach etlichen Jahren kehrte es wieder zurück. Am ersten April machte er zufällig einen Ausflug auf das Mittelgebirge. Den Rand des Pfades säumten dreifarbige Windröschen, aus den Knospen der Bäume und Sträucher drängten schon grüne Blättchen, harziger Duft, besonders der Pappeln, deren braunrote Kätzchen überall nickten, erfüllte die Luft. Die schlanken Zweige gestatteten abwechselnd einen Ausblick auf die Landschaft. Da rastete er wohl kurze Zeit auf einem der im Wald verstreuten moosigen Irrblöcke 5 und ging dann stillvergnügt weiter. Heitere Erinnerungen der Jugend erwachten, oder war es die Ahnung unbewußter Seligkeit, die seine Brust hob und sich wohl in einen leisen Seufzer löste?

Vor ihm gingen langsam zwei Frauen, sie sahen sich von Zeit zu Zeit um, dann blieben sie wie nach einer kurzen Beratung stehen, als warteten sie auf jemanden. Die ältere erkannte er sogleich, das Mädchen streifte er mit einem flüchtigen Blicke und wollte dann nach kurzem Gruße vorübereilen, da kicherte es laut. Er sah nun genauer hin: das war ja Luiserl, oder nicht? – Seine Schülerin! Sie reichte ihm das Pfötchen mit den runden Fingern. Wie hatte sie sich jedoch verändert! Ober der Stirn ringelten sich kleine gelbe Löckchen, die Wangen wie Äpfel, der Busen füllte das knappe Mieder und wogte von der raschen Bewegung.

»Ob sie des gleichen Weges?«

»Ja!«

Ein freundliches Lächeln lud ihn ein, sie zu begleiten. Er führte sie in ein Wirtshaus, das häufig bei Landausflügen besucht wurde. Bereits hatten sich Gäste an mehreren Tischen eingefunden, alle schauten neugierig auf, als er sich mit den Frauen niederließ und sie mit Wein und Konfekt bediente. Den Blicken folgten bald allerlei 6 Bemerkungen. In der Dämmerung begleitete er sie bei der Heimkehr bis an die Hausthür: »Er möge gar bald zum Besuche kommen.« Abends war das Ereignis schon der Gegenstand des Klatsches in den Kneipen, man erwog das Für und Wider, wie eben in kleinen Städten überall – und wohl auch in großen.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Da war's um ihn gescheh'n!

Mutter und Tanten schoben mit der Geschicklichkeit, die alle Frauen bei solchen Anlässen entfalten, fleißig nach, und so wandelte er bald die tausendfach ausgetretene Heerstraße, die vor den Traualtar führt.

Und Luiserl? Ihr Vermögen war nicht groß genug, um die Kaution für ein goldenes Portepee zu erlegen, wie manches andere Fräulein ihrer Bekanntschaft; unsere modernen Damen sind überhaupt nicht mehr sehr romantisch, und dann war der Professor eine gute Partie: er hatte ein anständiges Einkommen und einen geachteten Namen. Daß er an Jahren ein bißchen überständig war, ließ sich ja in anderer Weise ausgleichen. Sie dachte vorläufig nicht daran – und wird auch nicht daran denken, wie wir gleich zum vorhinein voraussagen, um gewisse Gelüste und Erwartungen abzuschneiden.

7 Als mir Chrysostomus seine Verlobung etwas halblaut anzeigte, sah ich ihn wehmütig von der Seite an; ihn vor dem verhängnisvollen Schritte zu warnen, war zu spät und es hätte auch, wie in allen solchen Fällen, nichts genützt. Er wußte aus Schopenhauer so gut wie ich, daß die moderne Ehe fast immer ins Unglück führe; die Natur ist jedoch mächtiger als alle Weisheit der Erfahrung.

Er erriet meine Gedanken.

»Siehst du,« sagte er, »den Weibern entrinnen wir doch nie. Heiraten wir, dann geseg'n es Gott! Werden wir alte Junggesellen, so fallen wir in die Gewalt eines Hausdrachen, der für sich aus unserm Beutel spart, unsere geheimsten Sünden in den Widum trägt, und wenn uns ein kleiner Katarrh anfliegt, einen Hochwürdigen auf den Hals hetzt, damit er uns bekehre. So ging es, wie du weißt, schon gar manchem. Das Wirtshausleben? Die ewig wechselnden und doch gleichen Gesichter verleiden es mir nach und nach wie die ewige Losung: »Trinkgeld!«

Ich unterbrach seine lange Rede: »Et tu mi fili Brute!«

»Du kommst doch zur Trauung?«

»Ja wohl, vielleicht als Kranzeljungfrau!«

Die Hochzeiten unserer besseren Stände verlaufen heute so gleichmäßig, daß, wer eine 8 gesehen hat, alle kennt. Die Männer erscheinen im schwarzen Frack, Blumensträußchen im Knopfloch, die Frauen aufgedonnert, den Kopf mit Federn besteckt wie ein indianischer Kazike; die älteren Fräuleins tragen auf der Stirn die Inschrift Dantes: Lasciate ogni speranza! die jüngeren kommen in Kränzen von giftgrünem Tüll angefahren, prüfen eifersüchtig die Toiletten und tuscheln dann einander leise in das Ohr, wenn ein Herr eintritt, ob er noch ledig oder schon verheiratet sei. Um die Hauptperson nicht zu vergessen: die glückliche Braut lächelt wie ein Apriltag zwischen Sonnenschein und Regen. Nur der Geistliche, der den seligen Bund der Herzen für immer besiegelt, blickt stumm grinsend auf die Schüsseln und die Flaschen. Wir Deutschen haben leider keinen Hogarth für solche Scenen.

Die üblichen Toaste waren – gelegentlich mit einem Zötchen – ausgebracht, die Herren setzten sich mit einer Cigarre zum schwarzen Kaffee, da wurden die Frauen und Mädchen unruhig, Luiserl ging mit den Freundinnen in das Nebenzimmer und steckte noch durch die Thürspalte lachend das keck aufgeschürzte Näschen. Er wußte, was bevorstehe, und rief: »Du, in einer halben Stunde müssen wir abfahren!« Sie verschwand. Nach einer Weile schaute er hin und her, 9 er stand auf und ging durch etliche Zimmer, dann geriet er in die Küche. Die Magd rief ihm lachend entgegen: »Sie suchen Ihre Braut? Die ist gestohlen worden.« Er antwortete halb unwirsch: »So! wer die hat, bringt sie gewiß bald zurück.« Dann machte er noch einmal die Runde.

Es war hohe Zeit. Er winkte mir. Die Frauen waren verschwunden; von den Männern verabschiedeten wir uns nicht, sie waren zu sehr mit dem Neubau Österreichs und ob das Werk der unsterblichen Maria Theresia verkrache, beschäftigt, um uns zu beachten. Wir eilten zum Bahnhofe. »Weißt du,« rief er plötzlich, »man muß den Weibern gleich das Neujahr abgewinnen, sonst ist man verloren!« Der Packträger, den er auf die bestimmte Stunde bestellt, wartete bereits am Thore und schob das wenige Gepäck in ein Coupé. Er stieg ein und reichte mir die Hand: »Grüße meine Frau, ich lass' ihr gute Nacht wünschen!« Die Glocke läutete zum drittenmale, der Zug setzte sich in Bewegung.

Neugierig kehrte ich zur Gesellschaft zurück. Das laute Signal zur Abfahrt hatte sie aufgeschreckt. Da lief alles durcheinander wie die Ameisen eines Haufens, den mutwillige Knaben aufgestört. »Wo ist der Professor? Wo ist Chrysostomus?« rief man mir von allen Seiten 10 entgegen. – »Vielleicht bereits in Patsch,« antwortete ich gelassen. – »Warum haben Sie ihn nicht zurückgehalten?« rief Luiserl, der ich die Botschaft ausgerichtet, zornrot und ballte das Fäustchen. – Nun erwiderte ich wie Kain: »Bin ich der Hüter meines Bruders?« – Es galt aber Wichtigeres, als mich auszuschelten, umsomehr, da die Vorwürfe von mir abglitten wie Wasser vom Wachstuch. Bald nahm man sich nicht mehr Zeit, sich über mich zu ärgern. Unter allen Vorschlägen schien endlich der beste, Luiserl solle mit dem Eilzug, der in zwei Stunden nach Brixen fuhr, den Flüchtling einholen, da er beim »Elephanten« ein Zimmer bestellt hatte, war er leicht zu finden. »O,« sagte sie, »dem will ich die Leviten lesen!« und wischte eine zornige Thräne aus dem Auge.

Die Geschichte hatte sich schnell verbreitet, und so fanden sich auf dem Wege zum Bahnhofe bereits Leute ein, welche die verlassene Ariadne mit spöttischen Blicken begleiteten.

Die alte Sitte des Brautstehlens ist bekannt; es soll ein Scherz sein, mehr als einmal ist jedoch daraus Verdruß und Unheil entstanden, so daß wir dringend raten möchten, den Brauch endlich abzustellen. Diesmal wurde zur Abwechslung der Bräutigam gestohlen.

11 Chrysostomus war glücklich in Brixen angelangt. – Empfand er auf dem Wege Reu' und Leid oder blieb er verstockt? Darüber mögen die Frauen auf der langen Hinfahrt nachdenken.

Es war schon Dämmerung. Weil ein rauhes Lenzlüftchen wehte, ließ er ein Zimmer heizen. Nachdem er für zwei ein gutes, feines Abendessen bestellt hatte – mit den berühmten Spargeln, die Luiserl so gerne aß – ging er in die Stadt, bis er fern von der Franzensfeste das Rasseln des Eilzuges hörte. Behaglich in den Lehnstuhl gestreckt, zündete er eine Cigarre an und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Ohne zu klopfen ein Stoß an die Thür: sein Weiberl trat über die Schwelle, die Augen funkelten, die Löckchen sträubten sich wie die Mähne des Nemäerlöwen.

»Du machst einen guten Anfang; das ist ein schöner Streich, den du mir gespielt hast.«

Er legte sich lächelnd zurück, um die Fortsetzung der ersten Gardinenpredigt zu hören.

»Schämst du dich nicht, das hätte ich von dir als einem gebildeten Mann nicht erwartet.«

Sie war eingetreten und hatte die Thürklinke angezogen; nun stand er auf, sein Gesicht wurde ernster.

»Hätt' ich dich besser gekannt und so was 12 vorausgesehen, so wär' ich ledig geblieben, du könntest dir die nächstbeste Magd holen.«

»Huuitt!« – ein scharfer Pfiff unterbrach sie, er drehte sich auf dem Absatz des Stiefels, und als er ihr wieder das Gesicht zukehrte, erschrak sie, denn so schaute er drein, wenn sie sich als Schülerin nicht gut aufgeführt hatte. Diese Erinnerung tauchte auf und wirkte unmittelbar.

Sie fühlte augenblicklich, daß sie zu früh mit dem Pantoffel gewinkt habe, und zog ein anderes Register.

Thränen, Schluchzen, daß sie garnicht zum Wort kommen konnte, banges Stottern!

Seine strengen Züge milderten sich, ein leises Lächeln spielte um den Mund: »Ja, ja! Du bist halt eine Gans gewesen, wie die anderen Weiber auch.« Er faßte sie bei der Hand, die sie ihm zögernd ließ. »Ich habe dir zu Ehren Spargeln und eine Schnepfe bestellt; jetzt gehen wir essen!«

Sie traten in den hell erleuchteten Speisesaal. Die anwesenden Gäste betrachteten das saubere Frauchen, das kaum aufzuschauen wagte, mit Wohlgefallen; er rückte einen Stuhl zurecht und sie ließ sich nicht lange laden. Als sie fertig waren, winkte er dem Kellner; dieser brachte ein Gläschen feurigen Marsala. Sie schlürfte es 13 langsam aus. Nun hielt er ihr die Uhr vor: Elf!

Sie errötete und hüpfte über die Treppe hinauf ins Schlafgemach. Die Versöhnung muß sehr gründlich gewesen sein, denn noch vor Ablauf des Jahres hatte der Storch zwei junge Staatsbürger in die Wiege gelegt.

Alter schützt vor Thorheit nicht! 14

 

 

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