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Gutenberg > Andreas Gryphius >

Leo Armenius

Andreas Gryphius: Leo Armenius - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleLeo Armenius
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007960-8
titleLeo Armenius
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1650
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Der Ander Eingang.

Leo. Die Richter.

Leo. Das wild ist in dem garn! sein vntrew grim vnd schuld
Bricht offentlich hervor. die Gütte der geduldt
Die er so offt gepocht rufft starck nach recht vnd rache.
Was dünckt Euch zu dem fall? I. Richt. Es ist ein ernste sache
Vnd überlegens werth. Wenn man sein wort betracht
Das er nicht leugnen kan / wenn man der waffen macht
Die jhm zu dinste steht / wenn man sein vieles schmehen
Vnd offt-vergebnen fall was näher wil besehen:
So ist es mehr denn klar daß er den Halß verschertz't /
Wenn man im gegentheil den grossen muth behertz't /
Den vnverzagten sinn; die Ruhm verdienten wunden
Durch die er so viel gunst bey so viel Seelen funden;
Ja weil noch nicht entdeckt / wer sich mit jhm verband
Weil er mit wortten nur / nicht mit bewehrter hand
Gefrevelt / dunckt mich sey es mehr denn hoch von nöthen
Zu dencken / wie / vnd wo. vnd wann er sey zu tödten.
Sol jhn das leichte volck sehn auf den Richtplatz gehn
Gebunden vnd geschleifft. sol er gefesselt stehn
Da wo man tausend Heer / vnd tausend rühmen hören
Sein offt bekräntz'tes Haupt / da er mit höchsten ehren
Nur nicht den Thron bestieg? diß sieht gefährlich auß!
Wird das bewegte Volck / vnd die so seinem Hauß
Durch gunst vnd nutz verknüpfft diß ohn' entsetzung schawen?
Was wird das Läger nicht / auf das er pflegt zu trawen /
Das jhm zu dinste steht; was wird die frembde macht
Die / was er hieß verricht / vnd der so vmb vns wacht
Bey diesem fall nicht thun? was werden die nicht wagen
Die zweyfels ohn verpflicht hand mit jhm anzuschlagen?
Glaubt diß; wer bey jhm hält / wer in dem bunde fest
Wird suchen was die noth / was hoffnung suchen läst /
Vnd warumb wil man nicht zuvor durch strenges recken
Jhn zwingen vns den grund deß anschlags zu entdecken?
II. Richt. Er hat den todt verdient. ein jeder gibt es zu!
Er sterbe! Morgen? ja! jhr sagts! warumb nicht nu?
Man eylt hier nicht zu viel. wann man so hart beladen:
Kan auch ein Augenblick mehr denn erträglich schaden.
Er ist noch keiner that / (so spricht man) überzeugt!
Er ist vmb wort in hafft. der / den der Rauch betreugt
Irr't trefflich sonder liecht! wol't jhr sein werck besehen /
So seht auf seinen mund. wo fern so grimmes schmehen
Noch keiner straffe werth: so stelt euch endlich vor
Daß er auffs Keysers todt leichtfertig sich verschwor.
Wolt jhr / biß daß der Fürst durch seinen mord geblieben /
Biß jhr mit jhm erwürgt / das lange Recht aufschieben?
Verziht biß Michael die straffe recht verdient
Glaubt man den Printzen nichts von aufruhr / biß sie hin?
III. Richt. Das Volck / es ist nicht ohn / ist leichtlich zu bewegen.
Doch darff man in der Statt kein newes blutrecht hegen.
Der ort gesetzter pein / das Leichenvolle feldt
Da vor gemeine schuld man pfahl vnd holtz aufstellt.
Der trüben hörner klang / der Hencker mord gepränge
Schreck't Geister sonder witz / ist vnß der hoff zu enge?
Man straffe wo gefehlt. der Fürst. dem wenig gleich
An tugend sieg vnd ruhmb / der dieses grosse Reich
Den Stuel diß newe Rom / auf alten grauß versetzet.
Hat / alß jhn auf sein Blutt das geyle Weib verhetzet.
Die Mutter / die jhr Kind / nicht mütterlich / geliebt
Von Heilgem zorn entbrannt / hier rechte rach verübt.
Auf seine wort / verging in siedend heissem bade
Die brandstätt toller brunst / die fraw der Länder schade /
Der Menschen hohn vnd fluch / der schandfleck jhrer zeit
Der grewel der Natur / den jedermann anspey't.
Vnd jedes Kind verflucht. Man kan nicht strenge schelten /
Nicht new' / vnd vnerhört was Constantin hies gelten.
IV. Richt. Man schlägt die folter für! ich achte / sonder nutz!
I. Richt. Die strenge frage dempft der hohen geister trutz /
IV. Richt. Nicht stets / bey jedem nicht: hie wird vnß glüend eisen /
Pech / fackel / siedend Öl vnd bley kein mittel weisen
Zu finden was man sucht. I. Richt. Viel haben viel bekand /
Gedrängt durch flam' vnd strick. IV. Richt. viel haben streich vnd brand
Vnd schraub vnd stein verlacht. last jhn auf räder strecken!
Ich zweifel ob er vnß aufrichtig werd entdecken
Was uns zu forschen noth! V. Richt. Man kan nicht sicher gehn
Auf gründen die allein fest auf der folter stehn.
Wer weiß nicht daß man offt / auß haß / auß lust zu leben
Den / der nicht schuldig war vnredlich angegeben?
I. Richt. Philotas / als das blut auß allen gliedern floß
Gab / wie behertzt er war / sich scharffen geisseln bloß /
VI. Richt. Hat Hippias nicht selbst der freunde sich beraubet:
Als er dem falschen schwur deß hart-gequälten glaubet?
Man rümbt das weib von Rom / die sich zureissen ließ /
Vnd die / die in der quaal die zung' in stücken bieß /
VII. Richt. Wie? wenn er allen grim der Marter überwünde!
Vnd steiff vnd vnverzagt auf trotzem schweigen stünde?
Denckt was das auff sich hab'. VIII. Richt. auch scheint es / wenn die pein.
Nach hohen Köpffen greifft: als fiele zweifel ein.
Als wenn die schuld nicht klar / alß were man bemühet
Vmb vrsach jhrer noth / die man vor augen siehet.
Die er nicht läugnen kan. wo jemand bey jhm hält
Dem wird sein vntergang zuschrecken vorgestellt:
Das mächtig in den weg / die so verirr't zu bringen
Die sein entdecken leicht kan ins verzweifeln dringen /
Verzweifeln zu was mehr. IX. Mit kurtzem; was jhr thut /
Thut bald. anfänglich läscht / vielmehr ein tropffe blut
Denn eine fluth zu letzt. I. Richt. Ich stim' es. II.Ich. III. wir alle.
IV. Vnd wir. V. Wer sich zu hoch erheben wil der falle.
VII. Setzt jhm den Holtzstoß auff. VIII. Dem Morder. IX. plötzlich.VI. bald.
I. Er brenn' vnd seine pracht / die rasende gewalt
Vergeh' in Asch'. II. Er brenn'. III. Er bren'. IV. Er brenn' vnd schwinde!
V. Vnd werd' ein dampff der lufft vnd gauckelspiel der winde.
Leo. Jhr schliesset seinen todt. VI. den längst verdien'ten lohn.
Leo. Verfaßt den Spruch! Er sterb alhier mit minder hohn.
Vnd mehrer sicherheit! der vns das Leben giebet
Der durch die Hertzen sieht / weiß wie wir jhn geliebet:
Er kennt' der alles kennt' wie hoch wir jhn belohnt!
Wie offt wir seiner schuld auß trewer gunst verschon't.
Wie stoltz Er vnß gepocht! wie frech Er vnß gefluchet /
Wie offt er seinen Ruhmb durch vnsre schmach gesuchet.
Wie hart sein vntergang vnß diesen geist beschwer'
Wie scharff sein herber todt vnß Hertz vnd Seel außzehr'
Doch jhr: diß Reich! das Recht: vnd vnser blut vnd leben /
Die zwingen vnß den Mann den flammen hin zu geben.
Richter. das Vrtheil ist gestell't! rufft den beklagten ein!
Leo. O Wechsel dieser zeit! verkehrte pracht in pein!


Der Dritte Eingang.

Leo. Die Richter. Michaël.

I. Richt. Nach dem der grosse Rath deß Michaels verbrechen
Vnd laster überlegt / Mich. Hört mich ein wort außsprechen
Eh' jhr das Vrtheil fällt. II. Richt. du bist genung gehört!
Mich. Ach Himmel! I. Richt. wird erkenn't; weil er sich offt empört.
Vnd vnruh angestifft / der Cron sich widersetzet.
Den Fürsten hart geschmäht / die Majestät verletzet /
Deß Keysers todt gesucht! daß er mit fuß vnd hand
Gefässelt an den Paal werd offentlich verbrand.
Doch hat der Fürst vmb jhn der schmach zu überheben:
Daß auff der Burg die Straff erfolge: nachgegeben.
Mich. Ach! hab ich mich geförcht vor diesem strengen todt!
VI. Richt. Nicht strenger als die schuld! Mich. O vnverdin'te noth!
Ach angewändter dienst! ach gar zu eitel hoffen!
VII. Richt. Die Rach' hat vnverhofft den rechten zweg getroffen.
Was hält vnß länger auff: stracks! Diener greifft jhn an.
Mich. Hilff himmel! bin ich der / der so vergehen kan!
Wo ist mein hoher ruhmb? ist alle gunst verschwunden?
Ken't mich der Fürst nicht mehr! wird nun kein freund gefunden
Der vor mich bitten darff! kom't feinde! kom't vnd schawt
Wie dieser Armen macht vor welcher euch gegrawt
Wie der / der ewer Reich mit schrecken hat beweget /
Der furcht in ewrer Fest' vnd Seelen hat erreget:
So jämmerlich verfall. Jhr grausen geister rufft /
Rufft frölich über mir! zu brecht die feste grufft /
In die euch sterben schleußt! kom't längst-erblaß'te Helden!
Die diese Faust entseel't. Helfft durch gantz Persen melden:
Das allzuhartes Recht! daß haß vnd toller neydt
Den holtzstoß auffgesez't / auf dem die tapfferkeit /
Vnd tugend / vnd was wir den grund der Throne nennen;
Ein vnverzagtes Hertz / wird mit mir jetzt verbrennen.
I. Richt. Nun fort! Mich. Ach noch ein wort. II. Vmbsonst. Mich. Ein wort mein Fürst.
Ein wort Leo. sag an. Mich. Dein Knecht den du vertilgen wirst /
Vorhin dein rechter Arm! vorhin der Feinde zittern.
Eh' jhn deß Himmels zorn mit schweren Vngewittern
So grausamb überfiel / sinckt vor dir auf die Knie /
Vnd wündscht / (nicht daß man jhn dem vntergang entzih'.
(doch ach! wo denck ich hin!) er wündscht / nicht daß man mind're
Der langen marter grim / daß man die schmertzen lind're.
Er wündsch't vor so viel dienst nur ein kurtze zeit!
Man gönn' in dem mein grab / die flamme / wird bereit /
Daß ich zu guter letzt an meine Kinder schreibe:
Vnd lehre / durch papier / wo ich / jhr Vater bleibe.
Wofern dein hoher zorn nicht wil daß es gescheh'
Daß ich die süsse schar vor meinem ende seh.
II. Richt. Er such't nur außflucht! Mich. Ach! wie wolt' ich doch entflihen!
II. Richt. Ich sag er wil der Pein durch aufschub sich entziehen.
Mich. Die zeit ist viel zu eng / zu einer solchen that.
III. Richt. In einem Augenblick schafft offt die boßheit rath.
Mich. Der / den die boßheit schreck't / muß stets in argwohn zagen.
IV. Richt. Wer schon verzweifelt ist / wagt was er nur kan wagen /
Mich. Wo Liebe / die Natur in ewrem blut erweck't /
Wo wahre Vatertrew euch jemals angesteckt:
Mein fürst! wofern du denckst den schönen tag zu schawen
An welchem du die Kron wirst deinem Sohne trawen:
So weig're deinem Knecht / die jüngste bitte nicht.
Leo. Vns ist nicht vnbekand was dein gemütte dicht!
Die straffe wird geschwecht durch aufschub / weil die Rache
Als schlummernd sich verweil't / sucht eine böse sache
Hier vorbitt / Anhang dort: vnd steckt mehr Hertzen an;
Als man mit linder gütt vnd schärffe heilen kan.
Dennoch / damit kein mund mit warheit sagen könne:
Als ob man dir auß haß so kurtze frist mißgönne:
Wird diese bitt' erlaubt. Er werd' in Kärcker bracht;
Gebt vnderdessen starck auf Thor vnd schlösser acht.


Der Vierdte Eingang.

Leo.

Diß ist's was Wir vnd Er so lange zeit gesuchet!
Itzt fühlt sein geist was vnß sein frecher mund gefluchet!
So recht! Er ist gestürtzt! das heißt den Thron gestütz't.
Den feind in grauß zermalmmt / sich vnd sein blut geschütz't /
Den vndanck abgestrafft / den frevel überwunden
Den Neyd in koth gedruckt / Verleumbdung angebunden.
Itzt sind wir Herr vnd Fürst / vnd führen Cron vnd stab /
Vnd halten in der Faust was vns der Nahme gab /
Wir / die ein Knecht vorhin vnd diener vnsers Sclaven.
Itzt sinckt sein Kahn zu grund / vnd Leo find't den Haven!
So donnert wenn man euch nach Cron vnd Zepter steht
Jhr die jhr vnter Gott / doch über Menschen geht.
Hier spiegelt euch / die jhr zu dienen seyd gebohren;
Vnd den / der herrschen sol / wol't leiten bey den ohren.
Verwegenheit greifft offt dem Löwen in die har /
Doch wenn sie sicher wird / vnd jhn nun gantz vnd gar
Vor einen Hasen schätzt / läst er die scharffen klawen
Den auffgesperr'ten schlund / die hartten zähne schawen.
Vnd reiß't was auf jhn tratt! wie thöricht aber ist
Der über tausend schaff't / vnd einen auß erkiest.
Dem er sein gantzes Hertz / vnd alle wündsch' entdecket
Vnd die gewalt vertrawt / mit der er länder schrecket /
Vnd letzlich' Fürsten selbst wer jemand auff den Thron
An seine seiten setz't ist würdig daß man Cron
Vnd Purpur jhm entzih'. Ein Fürst vnd eine Sonnen
Sind vor die welt vnd Reich'. Hat je ein Heer gewonnen
Das mehr denn einer führt. Jedoch was reden wir?
Wem traw't man! wandeln wir alß frey von angst alhier /
Weil er noch Athem schöpfft durch dessen todt wir leben?
Hochnötig; daß wir selbst / persönlich achtung geben /
Wie diese Pest vergeh' / vnß hat die zeit gelehr't
Daß der betrogen wird / der nicht mehr siht als hört.
Vnd daß kein schawspiel sey so schön im rund der Erden:
Alß wenn / was mit der glutt gespiel't / muß Aschen werden.

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