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Gutenberg > Andreas Gryphius >

Leo Armenius

Andreas Gryphius: Leo Armenius - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleLeo Armenius
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007960-8
titleLeo Armenius
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1650
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LEO ARMENIVS

Trawrspiel /

Die Erste Abhandelung

Erster EingangDEr erste Eingang. Die Abtheilung der trawr- vnd Lustspiele in gewisse stück oder Scenas / ist den Alten / Wie auß geschribenen vnnd theils gedruckten Büchern zusehen / gantz vnbekandt gewesen. Nichts weniger haben wir solche mehr dem Leser zu gefallen behalten / alß daß wir sie hoch billichten;

Michael Balbus / der von Crambe / die zusammen geschworne.

Mich.: DAs Blut / das jhr umbsonst für Thron vnd Cron gewagt /
Die Wunden / die jhr schier auff allen gliedern tragt /
Der vnbelohnte dienst / das sorgenvolle Leben /
Das jhr müß't tag für tag in die rappuse geben /
Deß Fürsten grimmer Sinn / die zwytracht in dem Stat /
Die zäncksucht in der Kirch'/ vnd vntrew' in dem Rath /
Die Vnruh' auf der Burg / O Blumen aller Helden!
Bestreitten meine Seel / vnd zwingen mich zu melden
Was nicht zu schweigen ist! Wer sind wir? sind wir die?
Vor den der Barbar offt gesuncken auf die Knie;
Vor den sich Saracen vnd Pers vnd der entsetzet
Der wenn er fleucht vielmehr / alß wenn er steht verletzet?
Wer sind wir? sind wir die? die offt in staub vnd noth
Voll blut voll muth vnd geist / gepocht den grimmen Todt?
Die mit der Feinde fleisch das grosse land bedecket /
Vnd Sidas vmbgekehrt / vnd in den brandt gestecket
Was vnß die Waffen bott? vnd schlaffen jetzund eyn /
Nun jeder über vnß schier wil Tyranne seyn?
Ihr Helden / wacht doch auff! kan ewre Faust gestehen /
Daß Reich vnd Land vnd Statt / so wil zu grunde gehen?
Weil Leo sich in blut der Vnterthanen wäscht
Vnd seinen geldtdurst stets mit vnsern gütern lescht.
Was ist der hof nunmehr als eine Mördergruben?
Als ein Verräther platz? ein Wohnhauß schlimmer Buben.
Wer artig pflaumen streicht / vnd leugt so viel er kan
Den zeucht man Fürsten vor: ein vnverzagter Man
Der ein gerüstet Heer offt in die flucht geschlagen /
Steht vnerkänt / vnd schmacht! Was nutzt diß weiche klagen?
Nichts! wo ein Weiberhertz in ewrem busen steckt!
Viel; wo ein Helden muth / den keine furcht erschreckt!
Wer zaghafft: hat von mir zu wenig angehöret /
Ein Held; nur mehr denn viel doch hat ein Weib verstöret
Nicht vnlängst wie euch kundt die Kayserliche Macht /
Die Mutter hat jhr Kind vom Stul in Kärcker bracht /
Da es in höchster quaal das Leben mußte schliessen /
Als jhm der Augen paar ward grimmig außgerissen.
Diß that ein schwacher Arm. Was rühmen wir vns viel.
Iren' ist preisens werth. Cramb. Es rühme wer da wil!
Schaw Held! hier ist ein Schwerdt / vnd diese Faust kan stechen /
Vnd schneiden / wenn es noth / vnd Printzen Köpfe brechen.
Was ist ein Printz? ein Mensch! vnd ich so gut als er!
Ja besser! wann nicht ich / wenn nicht mein degen wer /
Wo bliebe seine Cron? die liechten Diamanten /
Das purpur guldne Kleidt / die Schaaren der Trabanten /
Der Zepter tockenwerck / ist eine leere pracht.
Ein vnverzagter Arm ists / der den Fürsten macht /
Vnd wo es noth / entsetzt: I. Verschw. O Richter aller sachen!
Muß endlich deine Rach aus jhrem traum erwachen!
So ists! sie tagt vnß aus wenn mans am minsten denckt!
Wer ist / dem nicht bewust / was meine Seele kränckt /
Vnd Hertz vnd Leber nagt! das redliche Gemüte /
Der mehr denn fromme Fürst / das Bild der linden güte.
Der trawte MichaelDer traw'te Michael. Michaël Curopalates, mit dem zunamen Rangabe. Keyser Leonis Vorsaß. besiehe Cedrenum vnd Zonaram. / must alß der Löw entbrant
Vnd jhn mit grimmer list vnd toller macht anrant /
Ablegen Stab vnd Cron. Er ließ den Purpur fahren /
Vnd kiest ein härin Kleid / in meinung bey Altaren
Den Rest der kurtzen zeit zu liefern seinem Gott!
Nein! Leo der auf nichts entbrant als mordt vnd spott
Er brach die einsamkeit / vnd bann't auß Kirch vnd Reichen
Den / der sich vor jhm zwang vom Stuel in staub zu weichen.
Er must auf Proten zu der dieses grosse Landt
In sein gebiette schloß / den schloß ein enger Sandt /
Den jeden Augenblick / die wüßte See abspület!
Sein Sohn Theophilact!Sein Sohn Theophilact. welchen Leo Armenius verschneiden lassen. was hat er nicht gefühlet?
Alß man was mänlich war von seinen Lenden riß
Vnd jhm deß Brudern glied ins Angesichte schmiß!
Brich an gewündschter tag / den so viel tausend trähnen /
So mancher Seufftzer macht / so viel betrübte sehnen
Herfordern! O brich an! mein leben mag vergehn!
Kan nur mein fuß zuvor auff deinem Kopffe stehn
Du Bluthund. Du Tyrann / kan ich den frevel rechen!
So mag mich auf dem platz ein schneller spieß erstechen.
II. Verschw. Er leide was er that!Er leide was er that. Michaël hat Sabbatium Basilium Gregorium vnd Theodosium Leonis Söhne aus dem Hoff gestossen / vnd alle verschnitten nach der Insel Prote verschicket. Zonaras. der tag bricht freylich an.
Wofern deß Menschen geist / was künfftig / rathen kan /
Wofern die weise Seel kan auß dem kärcker dringen
In den sie fleisch vnd noth vnd zeit vnd Arbeit zwingen /
Vnd durch die Lüffte gehn gefiedert mit verstandt
Vnd was verborgen schawn: so muß der zwinge-landt
Eh' alß noch jemand denckt / dem Schwerdt zur beutte fallen.
Mich dünckt ich höre schon die Rachtrompet erschallen!
Mich. Was hat die red' auff sich? 2. Verschw. das prächtige gemach /
Das oben auff der Burg von grund auf biß ans Dach
Mit Alabaster / Ertz vnd Marmor aufgeführet /
Wird nicht so sehr durch Gold / vnd reichen pracht geziehret /
Als hoher Sinnen Schrifft. manch altes Pergament
Stelt vns die Helden vor die Pers vnd Scythe kennt
Die vor das Vaterland jhr Leben auffgesetzet
Vnd mit der Feinde Blut das stoltze Schwerdt genetzet.
Was kan die feder nicht / die den das Leben giebt
An welchem Todt vnd zeit hat jhre macht verübt!
Man kan der Sonnen lauff / der Sternen schnelles wesen /
Der Kräutter eigenschafft auf tausend blättern lesen.
Der Griechen jhre Kunst / der weiten Länder art
Vnd was ein Mensch erdacht / wird in Papier verwahrt /
Was mehr noch / wie man kan / diß was verborgen wissen /
Vnd wie vnd wenn ein Mensch sein Leben werde schliessen.
Vor andern hab ich offt / vnd zwar nicht sonder frucht /
Ein vnbekandtes werck voll Malerey durchsucht.
In welchem / wie man meynt / was jeder Fürst getrieben /
Der diesen Thron besaß durch zeichen aufgeschrieben:
Wie lange dieses Reich werd' in der blüthe stehn:
Wie künfftig jeder Printz werd' auff vnd vnter gehn.
Man lernt auß dem die Angst / die bürde die vns drücket /
Das mittel / das die noth / in der wir fest' / entstricket.
Der Löw verwichner zeit bekräfftigt was man glaubt /
Die Jahre weisen den / der alles würgt vnd raubt.
Das weise Buch zeigt vnß ein ebenbild deß Löwen /
Der mit entbrantem Muth vnd Klawen scheint zudräwen /
Er wirfft die förder-Füß / als rasend in die Lufft /
Das haar fleugt vmb den Kopff; ja das gemälde rufft
Von seiner grausen arth / die hellen Augen brennen
Erhitzt von tollem Zorn / die Leffz' ist kaum zu kennen
Für schaum vnd frischem Blut / das auff die erden rint /
In dem er biß auff biß vnd mord auf mord begint.
Was mag wol klarer seyn? den starcken rücken decket /
Ein purpur rothes Creutz / wodurch ein Jäger stecket
Mit mehr denn schneller Hand ein scharff geschliffen schwert /
Das durch haut fleisch vnd bein biß in das hertze fährt.
Jhr kent das rawe thier: das Creutz ist Christus zeichen:
Ehr sein Geburtstag hin / wird dieser Löw erbleichen.
Mich. Ich wil der Jäger seyn; wer für gut Ehr vnd Landt
Vnd leben mit mir steht / wer seinen geist zu pfand /
Vor ruhm vnd freyheit setzt / wer mutig was zu wagen /
Wer die so herbe last vnlustig mehr zu tragen /
Wer Rach' vnd lohn begehrt / wer todt vnd ewigkeit
Mit füssen tretten kan / der steh' in dieser zeit
Mit Rath vnd händen bey / vnd helff auf mittel spüren
Den anschlag ohn verzug vnd Argwohn außzuführen.
Cramb. Wir gehn wohin du ruffst. Mich. Ich schwere Leib vnd blut
Zu wagen für das Reich / vnd das gemeine Gutt.
Thut was jhr nötig acht'. Cramb. Gib her dein Schwerdt. Wir schweren
Deß Fürsten grimme Macht in leichten staub zu kehren.


Der Ander Eingang.

Leo Armenius. Exabolius. Nicander.

Leo. So nimbt er weder rath noch warnung mehr in acht?
Exab. So ists? Vermahnen / Bitt vnd drewen wird verlacht.
Er laufft wie wenn ein Pferd die ziegel hat durchrissen /
Wie eine strenge bach / wenn sich die ström ergiessen
Vnd Häuser / Bäum' vnd Vieh' hin führen in die See,
Sein muth wächst mehr vnd mehr / vnd (wo ich was versteh')
Er hat ein grösser werck / mit andern vorgenommen /
Als vns vor dieser zeit je ist zu ohren kommen.
Leo. Trewloser aberwitz! mehr denn verfluchter Mann!
Vndanck dem Laster selbst kein Laster gleichen kan!
Durchteufeltes gemüth! vermaledeyte sinnen!
Die keine Redligkeit noch wolthat mag gewinnen!
Hab ich dich tollen hund vom koth' in hof gebracht?
Vnd auf selbst eigner Schoß berühmbt vnd groß gemacht!
Hat vns die kalte Schlang / die jetzund sticht / betrogen.
Ist dieser Basilisc' an vnsrer Brust erzogen.
Warumb hat man dich nicht erwürgt auf frischer that /
Eh man die Vntrew noch entdeckt dem grossen raht?
Hat vnß der hohe muth / vnd der verstand bethöret?
Stärckt ich den Arm der sich nun wider vnß empöret?
Was ist ein Printz doch mehr alß ein gekrönter Knecht
Den jeden Augenblick was prächtig vnd was schlecht
Mit hand vnd mund verletzt. den stets von beyden seiten
Neyd / Vntrew' Argwohn / Haß / Schmertz / Angst vnd furcht bestreitten.
Wehm traw't er seinen Leib / weil er die lange Nacht
In lauter sorgen theilt / vnd für die Länder wacht /
Die mehr auff seinen Schmuck' als rawen kummer sehen /
Vnd (weil jhn mehr nicht frey) was ruhm verdienet / schmähen.
Wen nimbt er auf den Hoff? den der sein Leben wagt /
Bald für / bald wider jhn / vnd jhn vom hofe jagt /
Wenn sich das spiel verkehrt. Man muß den todtfeind ehren /
Mit blinden Augen sehn / mit tauben ohren hören.
Man muß / wie sehr das Hertz von zorn vnd eyver bren't
In worten sittsam seyn / vnd den / der Regiment
Vnd Cron mit füssen tritt / zu Ehrenämptern heben;
Wie offt ist diese schuld dem Lästerer vergeben!
Wie offt! was klagen wir! hie hilfft kein klagen nicht /
Nur ein geschwinder Rath: Nicand. Brich eh' er selber bricht:
Leo. Wer wird nicht wenn er stürb' ohn Vrtheil jn beklagen.
Nic. Ein Printz muß nicht so viel nach leichten worten fragen!
Leo. Ein leichtes wort richt offt nicht leichten auffruhr an.
Volck / Haubtman / Roß vnd Knecht siht nur auf diesen Mann.
Exabol. Man stell jhn auf der Burg gebunden für gerichte.
Leo Wie? wenn er wie vorhin die klagen macht zu nichte?
Exabol. Die auflag ist zu klar! Leo. Nechst auch / doch kam er loß.
Nicand. Drumb schnaubt er Rach' vnd Mord. Leo. sein anhang ist zu groß.
Exabol. Wen man den Kopff abschlegt / den kan kein glid mehr schaden.
Leo. Ich würde vieler haß vnd feindschafft auff mich laden.
Exab. Man sieht nach keinem haß / wen's Cron vnd Zepter gilt.
Leo. Er hat Sud / Ost vnd West mit seinem Ruhm erfüllt.
Exabol. Itzt wird Sud / Ost vnd West verfluchen sein verbrechen.
Leo. Wo fern nur Ost vnd West nicht seine Straffe rechen.
Exabol. Ein vogel fleucht den baum / auf den der donner schlägt.
Leo. Der grosse wüste wald wird durch den schlag bewegt.
Exabol. Bewegt vnd auch erschröckt. Man lernt die Klippen meiden
An der ein frembder Mast hat müssen schiffbruch leiden.
Leo. Er hat den knopf deß schwerdts / wir leider nur die scheid.
Exabol. Halt fest eh' alß er sticht. Es heist schneid oder leid.
Leo. Wer wird die freche Faust in eisen schliessen können?
Exab. Wo keine stärcke gilt / muß man der list was gönnen.
Nicand. Man greif jhn vnversehns / so bald er herkompt / an.
Leo. Vngerne stehn wir zu / was man nicht ändern kan.
Wir fühlen diß Gemüt durch seine schuld bestritten /
Wir hören sein Verdienst für sein verbrechen bitten.
Die übergrosse gunst / die wir jhm offt erzeigt /
Der Marmor harte Muth den kein ermahnen neigt /
Erhitzen vnsern zorn. Vnß jammert seiner stärcke.
Doch vnser geist ergrimm't / dafern wir seine wercke
Nur überhin besehn! Es muß gedonnert seyn /
Nun jhn kein plitzen schreckt: red' jhm noch einmahl eyn.
Er soll auff vnser wort in dem Palast erscheinen.
Wo er zu ändern ist / wo / (wie wir kaum vermeinen)
Er seine schuld erkennt' vnd den / den er verletzt /
Mit ernster demuth ehrt wird hier kein schwerd gewetzt.
Wo fern er / (wie gewohnt) das alte lied wil singen.
Nicander / Mach jhn fest. der stoltze Kopff mag springen.
Der sich nicht beugen kan.

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