Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Andreas Gryphius >

Leo Armenius

Andreas Gryphius: Leo Armenius - Kapitel 15
Quellenangabe
typetragedy
booktitleLeo Armenius
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007960-8
titleLeo Armenius
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1650
Schließen

Navigation:

Die Fünffte Abhandlung.

Der Erste Eingang.

Theodosia. Phronesis. Der Oberste Priester. ein Bothe.

Theod. Ach! grawen volle nacht! ha! schreckenreiche zeit!
Betrübte Finsternis! Muß denn das grimme leidt
Deß kummers auch die Ruh deß müden schlaffs bestreitten?
Vmbgibt denn Throne nichts als rawe bitterkeiten?
Phron. Klagt jhre Majestät? Was ists das sie beschwert.
Theod. Vns hat ein herber traum die kurtze rast gewehrt.
Die kalte Brust erstarrt / doch schwitzen alle Glieder
Der gantze Leib erbebt: Wir satzten vns was nieder
Als wir aufs Fest / geschmuckt: wie sich die Seel besann;
Vnd jene Jahr betracht / sties vns ein schlummern an.
Die Erden wie vns däucht' hub an entzwey zuspringen
Die Mutter schaw'ten wir aus jrem grabe dringen:
Nicht frölich alß sie pflag / wenn sie den tag beging
Nicht / wie der Vater sie mit reichem Gold vmbhing.
Der Purpur war entzwey / jhr kleid lag gantz zurissen:
Die Brust vnd Armen bloß / sie stund auff blossen Füssen.
Kein Demant / kein Rubin vmbgab jhr schönes haar
Das leider gantz zuraufft / vnd naß von Thränen war.
Wir küßten jhr Gesicht' / vnd ruff'ten: Ach: willkommen!
Wilkommen werthe Fraw. Nun ist vns nichts benommen.
Nun dich der Herren HERR / den du so steiff gelibt /
Auß deiner gruben reist / vnd deinem Kinde gibt.
Leg alle Leid-tracht hin / vnd singe dem zu ehren
Der in der Krippen lach't. Die wüste klippen hören
Der Engel jauchtzen an! die enge See erkling't
In dem Bizantz vol lust / Danck über danck anbringt.
Ach! sprach sie / Ach mein Kind / vnd wand die blassen Hände /
Es ist nicht jauchzens zeit! dein herrschen laufft zu ende.
Auff wo es nicht zu späth (wo man noch retten kann
Nach dem der Todt schon greifft) vnd rette Sohn vnd Mann.
Die heil'ge Nacht bedeckt die höchsten missethaten /
Die sicher Kirche; Mord! Ach! dir ist nicht zu rahten /
Sie wolte noch was mehr. Als eine Thränen bach
Von beyden wangen schoß / vnd jhre wortte brach.
Jhr kam ein blutig schweiß auf jedes glid gefahren.
Die tropffen hingen als Corallen an den haaren.
Alß sie (ehr wir vermeynt / ) in leichtem wind verschwand
Wurd vnser Purpur kleidIn dem wurd vnser Kleyd. Michael hat Theodosiam in ein Kloster verstossen. in einen Sack verwand.
Wir jrr'ten gantz allein in vnbekandten Wüßten.
In welchen grimme Beer' vnd rawe Tyger nüsten /
Biß ein erhitztes Thier die klawen auf vnß schmiß
Vnd beyde Brüst abhieb / vnd vnser Hertz auß riß.
Da rieb die angst den schlaff von den bethränten wangen.
Was hat der alles weiß / doch vber vnß verhangen!
Allwesend ewigkeit! Laß deiner blitzen macht
Der ernsten donner glutt / vnd was die ernste Nacht
Drew't deiner armen Magd / in tieffe gunst verschwinden /
Doch / bitten wir vmbsonst; so laß diß Haupt empfinden
Was dein Gericht außspricht. Nimb vnß zum opffer an
Vor den / ohn den das Land nicht ruhig leben kan.
Phron. Wo sorgen / da sind träum'. Ein kummervoll gewissen
Entsetz't sich auch ob dem das wir nicht fürchten müssen.
Theod. Wo Zepter / da ist furcht! Phron. furcht ist nur spiel vnd spott /
Wo nicht zu fürchten ist. Theod. O wolte! wolte GOTT!
Wo ist der Fürst? Phron. Voran in Tempel. Theod. wir verweilen
Vns warlich hier zu lang! auf Jungfern / last vns eilen.
Obr. Priester. Mord! mord! Theod. Hilf Gott! Was ists? Priest. Mord mord. Phron. wo? Priest. beym Altar!
Theod. O Himmel! vnser traum ist leider viel zu war.
Phron. Princessin! sie bestürbt! schawt wang vnd Lipp' erbleichen /
Der Augenstern erstarrt als in entseelten Leichen:
Bringt Balsam / Narden Wein: Princessin? sie vergeht.
Princessin! Theod. Ach sind wir zu diesem fall' erhöht!
Wo rührt das vnglück her? Priest. Ich kan den grund nicht wissen
Theod. Wo ist der Fürst? Priest. Er blieb noch alß ich ausgerissen.
Theod. Er blib / ja wol er blib / der nicht entkommen kan.
Phron. Ist jemand angetast. Priest. schawt meine wunden an.
Theod. Erzehle wie sich denn diß Trawrspiel angefangen:
Priester. Es war das dritte theil der Finsternis vergangen /
Alß sich der Priester Rey in Gottes Kirchen drang /
Man hub die Lieder an / der süssen seitten klang
Ließ in der stillen zeit sich angenehmer hören.
Ein jeder wurd ermahnt die grosse Nacht zu ehren
In welcher der / der GOTT an macht vnd wesen gleich
Auß seiner herrligkeit / des höchsten Vaters Reich
Ankommen in diß Fleisch. Die Andacht ließ sich spüren
Mit heilig heisser brunst / vnd steckte Hertz vnd nieren
Mit keuschen flammen an. die Seuffzer drungen vor.
Vnd stiegen für dem dunst des Weyrauchs hoch empor.
Der Fürst hub selber anDer Fürst hub selber an. Von diesem deß Keysers singen / reden Zonaras vnd Cedrenus zimblich hönisch: der anfang deß Lieds mit welchem der Tumult sich erhaben / sol dieser gewesen seyn.

ΤΩ ΠΑΝΤΑΝΑΚΤΟΣ ΔΙΕΦΑΥΛΙΣΑΝ ΠΟΘΩ

Sie haben alle pracht
Der grossen Welt veracht.
Auß liebe / nur dem höchsten zu gefallen.
von Christus Heer zu singen:
Das kein Tyrann / kein tod / kein Hencker können zwingen.
In dem fält vnversehns ein vnbekandter hauff
Von allen ecken aus / vnd reißt die schrancken auff.
Die Priester von dem Volck / vnd Chor vnd Tempel scheiden
Man zeucht in einem Huy die Schwerdter aus den scheiden:
Auß kertzen / stock vnd Rock. Das schimmernde gewehr
Gläntzt schrecklicher bey liecht / vnd schüttert hin vnd her
Den schnellen widerglantz / ein jeder starr't vnd zaget
Vnd weiß nicht was er thut / vnd fragt den / der ihn fraget
Wie wenn der helle Blitz in hohe Tannen fährt
Vnd äste / stam' vnd strump in liechte glutt verkehrt /
Ein müder wandersmann bey so geschwindem krachen:
Nicht anders meynt / als daß er schon dem todt im Rachen.
Der grim bricht endlich loß / die Dolchen gehn auf mich.
Eh' ich die noth erkänt empfund ich diesen stich.
Ich schrie: jhr Helden schont! schont meiner greissen haare
Bedenckt die hohe zeit / jhr würgt bey dem Altare
Den / der euch nie verletzt. Sie wichen alß ich rieff
Vnd griffen ander an. Der weyn'te / jener lieff /
Der fiel / ich bin dem sturm / ich weiß nicht wie / entkommen.
Theod. Dem Fürsten / zweifelt nicht / ist Leib vnd Reich genommen.
Das Wetter schlägt nach jhm! was sag ich? ach er liegt!
Der tollen feinde list hat über vns gesiegt!
Hat vnser linde-seyn die heisse flam entzündet?
In der was wir gehabt / gesehn / gewündscht / verschwindet.
Phron. Es ist noch vnklar. Theod. wie? kan wol was klärer seyn?
Phron. Princessin! ach sie stürtzt sich vor der zeit in pein!
Theod. Princessin sonder Printz! Princessin sonder Crone!
Princessin sonder Land! die auß dem güld'nen Throne
Der schlag in abgrund stöst. Botte. Verfluchte grausamkeit!
Nie vor erhörter grim / Niemals verhofftes leidt
Hat diß der Christen Feind / der Bulgar je verübet?
Hat der erhitzte Perß. Vnd wer nur todschlag liebet /
Der wüßte Scyt versucht! Theod. Wir wissen was er klagt
Vns geht sein schmertzen an! fragt! nein / fragt nicht! ja / fragt!
Er melde was er weiß! Heißt jhn doch nicht verhölen
Wir bilden mehr vnß eyn / alß er vnß wird erzehlen.
Botte. Die Kirchen ist entwey't. Der Fürst bey dem Altar
Erstossen; jhre Cron vnd leben laufft gefahr.
Theod. Mag die / die nicht mehr Herrscht / was hoffen alß die Baare?
Entdecke welches Schwerdt vns durch diß Hertze fahre:
Die bittet / die gebott. Man zeig vns nur die Hand
Die vnser Seel entseel't. Botte. Was des geblüttes band
Was freundschafft / lange gunst / was Ruhmb sucht vnd versprechen
Dem Michael verknüpfft. Hat seine noth zu brechen
Den blossen Dolch erwischt; Vnd in das Heiligthumb
Sich vnerkan't gewagt. Viel hat deß Fürsten ruhmb
Mit tollem neydt befleckt. Viel die bey newen sachen
Vnd and'rer vntergang sich hoffen groß zu machen /
Stehn dieser Mordschaar bey! das wütten war entbrand
Man rieff; stoß zu / stoß zu. Vnd die bewehrte Hand
Schlug nach deß Priesters Haupt / auß jrrthumb nicht auß rache.
Alß vnser Fürst voll muths / bey so verwirr'ter sache /
Ich weiß nicht wem / das Schwerd auß beiden fäusten rieß.
Vnd dem! der auff jhn schlug / nach Brust vnd schädel schmieß /
Biß auff deß Feindes stahl die Kling' als eyß zersprungen.
Er schaw'te sich vmbringt! die Wachen fern verdrungen:
Die freunde sonder Rath: doch stund er vnverzagt
Alß ein erhitzter Löw / der / wenn die strenge jagt
Jhm alle weg' abstrickt / mit auffgespanten Rachen
Itzt Hund / jtzt Jäger schreckt / vnd sucht sich frey zu machen.
Vmbsonst: weil man auff jhn von allen seitten drang /
Dem nun das warme blutt auß glied vnd adern sprang /
Er fühlte das die kräfft' jhm algemach entgangen /
Alß er das Holtz ergriff / an welchem der gehangen
Der sterbend vnß erlöst / den Baum an dem die Welt
Von jhrer angst befrey't: damit der tod gefällt /
Für dem die Höll erschrickt: denckt / rufft er / an das Leben /
Das sich für ewer Seel an dieser Last gegeben.
Befleckt deß Herren Blut / das diesen stamm gefärbt.
Mit Sünder blut doch nicht. Hab ich so viel verkärbt /
So schont vmb dessen Angst / den dieser stock getragen /
An JESUS Söhn-Altar die grimme Faust zu schlagen /
Sie starrten auff diß wortt / wie wenn ein Felß abfält;
Vnd der erzörnten Bach / den stoltzen gang aufhält
Denn steigt die flutt berg-auff / die tobe wellen brausen:
Biß daß der neundte schlag mit vngehewrem sausen /
Den anhalt überschwemt / vnd alles mit sich reißt
Vnd den bemoßten Stein in tieffe Thäler schmeißt.
Der harte Crambonit / begont' erst recht zu wütten:
Er schrie: nun ists / Tyrann! nun ists nicht zeit zu bitten!
Vnd schwung sein Mordschwerd auff / das auf den Fürsten kam /
Vnd jhm mit einem streich so Arm' alß Creutz abnahm.
Man stieß in dem er fiel / jhn zweymal durch die brüste:
Ich hab es selbst gesehn / wie Er das Creutze küßte:
Auff das sein Cörper sanck / vnd mit dem kuß verschied /
Wie man die Leich vmbriß / wie man durch jedes glied
Die stumpfen Dolchen zwang / wie JESUS letzte gaben /
Sein thewres fleisch vnd blutt / die matte Seelen laben /
Die ein verschmachtend Hertz in letzter angst erfrischt:
Mit Keyserlichem Blutt / (O grewell) sind vermischt.
Theod. Du schwefellichte brunst der Donnerharten flammen /
Schlag loß! schlag aber sie! schlag über vnß zusammen.
Brich abgrund brich entzwey / vnd schlucke / kan es seyn /
Du klufft der ewigkeit vnß vnd die Mörder eyn!
Wir irren / nein nicht sie! nur vns / nur vns alleine /
Sie auch! doch fern von vns / wer weynen mag der weyne.
Der Augen quell erstarrt / wie ists! wird vnser Hertz
In harten stahl verkehrt? rückt vns der grimme schmertz /
Das fühlen auß der Brust? Wird vnser leib zur Leichen?
Komm wo der Wetterstrahl / das Haupt nicht wil erreichen:
Wo fern die Erde taub: kom du / gewündschter todt!
Du ende schwartzer angst! du port der wilden noth!
Wir ruffen dem vmbsonst / der die betrübten meidet:
Vnd nur den Geist antast der keine drangsal leidet /
Komm't jhr! jhr Mörder komm't. Vnd kühlt den heissen mutt
Die hell-entbrandte rach' / in dieser adern blutt.
Der Fürst ist noch nicht hin. Weil wir die glieder regen /
Er lebt in dieser Brust. Kom't an / vnd stost den degen
Durch diß / das in mir klopfft / ein schnelles vntergehn
Ist ein gewisser trost / wenn man nicht mehr kan stehn.
O. Priest. Princessin! der sie schueff hat diesen tod verhangen /
Theod. Vnd der verhängt daß wir nach vnser grufft verlangen.
Priest. Er heist vns mit gedult vmbfassen was vns drückt.
Theod. Wie daß er denn gedult nicht mit dem Creutze schickt?
Priest. Mag wol ein übel seyn / das trost nicht kan erreichen?
Theod. Mag wol ein übel seyn / das vnserm sey zu gleichen?
Priest. Gott legt vns nicht mehr auff / denn man ertragen kan:
Theod. Er nim't / auf einen tag / Thron / Crone / Reich vnd Mann.
Priest. Er nimt' / Princessin! das / was er vorhin gegeben:
Theod. Nur eines nim't er nicht / was man nicht wil: das Leben.
Priest. Er prüft in heisser angst als gold / die / die er liebt.
Theod. Die / die er haß't gehn frey in dem er vnß betrübt.
Priest. Der euch die wunde schlegt / kan alle wunden heilen.
Theod. Vnheilsamb ist der schlag der Hertzen kan zutheilen.
Priest. Was scheidet nicht die zeit / der todt bricht alles ab.
Theod. Der Fürst muß vor der zeit in sein betrübtes grab.
Priest. Der stirb't nicht vor der zeit / der seine zeit beschlossen:
Theod. Mit blutt / das in der Kirch' auff Gottes Tisch vergossen.
Priest. Man stürbt nicht wie man wündscht / nur wie der höchste wil!
Theod. Wil dann der höchste mord / vnd solche jammer spiel?
Priest. Kan wer / der sterblich ist wol sein Gericht begreiffen?
Theod. Sprecht so! vnd lehrt das Volck vom Throne Printzen schleiffen!
Halt inn mit deinem trost. Die schmertzen sind zu schwer /
Die wunden sind zu frisch / das klingende gewehr
Erzittert vor der Thür: Auff Geist / die Mörder kommen!
Wolan! laßt vns getrost. Dem / den sie vns genommen
Nach-wandern! auff mein Geist. Die acht den Feind nicht viel
Die Keyserlich gelebt vnd Fürstlich sterben wil.
Ade! Weyn't nicht vmb mich! thue auff! hier nutzt kein schliessen!
Thue auff! Man muß den tod in dem er ankomm't / grüssen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.