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Gutenberg > Andreas Gryphius >

Leo Armenius

Andreas Gryphius: Leo Armenius - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleLeo Armenius
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007960-8
titleLeo Armenius
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1650
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Der Fünffte Eingang.

Leo. Theodosia.

Theo. Mein licht! Leo. Mein trost! Theo. Mein Fürst! Leo. Mein Engel Theo. Meine Sonn'.
Leo. Mein Leben. Theo. Meine lust! Leo. Mein auffenthalt vnd wonn'.
Wie so betrübt mein Hertz! Theo. was hat mein Fürst beschlossen?
Ach leider! ist nunmehr nicht bluts genung vergossen?
Leo. Nicht bluts genung / wenn man nach vnserm blute tracht.
Theod. Durch blut wird vnser Thron befleckt vnnd glatt gemacht.
Leo. So trägt ein frembder schew denselben zubesteigen.
Theod. Vnd er muß endlich sich auf nassen grunde neigen.
Leo. Die nässe trucknet man mit flam' vnd aschen aus.
Theo. Die leichtlich vnser Hauß verkehrt in staub vnd graus.
Leo. Diß Hauß wird stehn / dafern deß Hauses feinde fallen.
Theo. Wo nicht jhr fall verletz't die dieses Hauß vmbwallen.
Leo. Vmbwallen mit dem schwerd. Theo. Mit dem sie vns beschütz't.
Leo. Das sie auff vns gezuckt? Teo. die vnsern stuel gestütz't.
Leo. Die vnter disem schein den stuel gesucht zu stürtzen.
Theo. Wer kan der Fürsten zeit / wenn Gott nicht wil / verkürtzen?
Leo. Gott wacht für vns vnd heist vns selbst auch wache seyn.
Theo. Wenn Gott nicht selber wacht schläfft jeder wächter eyn!
Leo. Ja freylich schläft der Fürst der nicht den ernst läst schawen.
Theo. Wo gar zu grosser ernst / ist nichts alß furcht vnd grawen.
Leo. Der ernst ist nicht zu groß ohn den kein Reich besteht.
Theo. Der ernst ist viel zu groß / durch den das Reich vergeht.
Leo. Nicht durch deß Schelmen todt / den nur der todt kan bessern.
Theo. Ein Pflaster heilt offt mehr / denn viel mit flam' vnd messern.
Leo. Hier hilfft kein Pflaster mehr! was hab ich nicht versucht.
Theo. Der höchste strafft nicht bald / wenn jemand etwan flucht.
Leo. Wer spricht nicht daß ich mehr denn nur zuviel geschonet?
Theo. Der / der nicht lieber strafft / als hoher tugend lohnet.
Leo. Ich habe mehr belohnt alß zubelohnen war.
Theo. Ein Fürst gibt nicht zuviel / gibt er gleich jahr für jahr.
Leo. Mag noch was übrig seyn das ich jhm nicht gegeben?
Theo. Ach ja. Leo. sag an / was ists. Theo. sehr viel. Leo. was ists. Theo. das Leben.
Leo. Das leben / dem der nichts alß meiner liebsten noth /
Der Kinder vntergang / vnd seines Fürsten todt
Mit ernstem Eyver sucht / auff dessen grause sünden
Man nicht recht gleiche straff vnd Vrtheil weiß zu finden.
Theo. Gnad überwigt / was nicht die straff erheben kan:
Leo. Die wage reißt entzwey / wenn man kein Recht sieht an.
Theo. Das Recht hat seinen gang / last gnad' jhm nun begegnen.
Leo. Der Himmel wil das Haupt / das Laster abstraff't / segnen.
Theo. Vnd diesem günstig seyn / das leicht die schuldt vergibt.
Leo. Nicht dem / der Gott vnd Mich vnd dich so hoch betrübt.
Theo. Wie herrlich stehts wenn man guts thut vnd böses leidet!
Leo. Wie thörlich! wenn man sich die gurgel selbst abschneidet.
Wenn man das Waldschwein das mit so viel schweiß gehetz't /
Vnd in dem garn verstrickt / auff freye wiesen setz't!
Theo. Man kan die schlange selbstMan kan die Schlange selbst. Von zähmen Schlangen redet weitläufftig Casaubon vber die wort Svetonij im LXXI. Capitel seines Tiberius: Erat ei in oblectamentis Serpens Draco, vnd noch heute sind dieselben den Africanern nicht frembde. durch gütte so bewegen /
Daß sie die grause gifft pflegt von sich abzulegen.
Der wilden hölen zucht / der strengen Löwen art /
Vnd was die wüßte klipp' in jhrem schoß verwahrt
Legt / wenn der linde Mensch es nicht zu rawe handelt /
Die grimmig' vnart ab / vnd wird in zahm verwandelt.
Leo. Man kan / es ist nicht ohn / ein blut begierig Thier
Gewöhnen daß es spiel vnd nieder knie vor dir /
Man kan / waß noch viel mehr / die starcke flut vmbkehren.
Den strömen widerstehn / den tollen wellen wehren.
Man dämpfft der flammen macht / man segelt gegen wind /
Man stürtz't die felsen hin wo thäl vnd hölen sind.
Man kan die steine selbst mit weitzen überziehen.
Vnd lehrt die wilden äst auff edlen stämmen blühen.
Diß kan man vnd noch mehr / nur dis ist vnerhört /
Die kunst verkenn't sich hier; kein wissen hat gelehrt
Wie ein verstockter geist den hochmuth auffgeblasen /
Vnd Kronen sucht verhetz't / zu heilen von dem rasen.
Theo. Der Artzt hofft weil sich noch die Seel in krancken regt.
Leo. Bey todten wird vmbsonst die hand zu werck gelegt.
Theo. Bey Todten / die die Seel auf vnser wort gegeben.
Leo. Vor überhäuffte schuld vnd vnser aller leben.
Theo. Rach übereyl't den Rath. Bedenckt wol was jhr thut.
Leo. Die Rache heischt zu späth so hoch beflecktes blut.
Theo. Ach blut! bedenckt den TraumBedenckt den Traum. Der Mutter Leonis kam traumend vor; als were sie in der Kirchen der Gottes gebährerin zu Blacherne: vnd sehe in derselben eine Fraw / welche etliche Jüngling in weissen Kleidern begleiteten / auch daß der boden der Kirchen mit Blutt überschwemmet: von welchem gedachte Fraw/eine Schalen zufüllen vnd deß Keysers Mutter zu überreichen befahl / welches als sie mit entsetzen außgeschlagen: sprach gedachte durchleuchtige Fraw: Pfleget doch dein Sohn / die so mich ehren mit Blutt zufüllen / vnd verstehet nicht daß er GOTT vnd meinen Sohn zue Zorn bewege. Zonaras. der ewre Mutter schreckte.
Leo. Bedencke was diß blut vnß offt für furcht erweckte.
Theo. Bedenckt den hohen tag der alle welt erfrewt.
Leo. Vnd mich / wenn nun der wind deß feindes asch' vmbstrewt /
Theo. Stöß't jhr den Holtzstoß auff / nun JESVS wird gebohren!
Leo. Dem / der auff JESVS Kirch' vnd glieder sich verschworen.
Theo. Wol't jhr mit mord befleckt zu JESVS taffel gehn?
Leo. Man richtet feinde hin die bey Altären stehn.
Mein Licht! nicht mehr! wie ists. darff die sich vnterwinden
Zu bitten für den Mann / der Sie vnd Mich zu binden /
Vnd mich vnd sie nach mein' vnd jhrer Kinder todt
Durch newer schmertzen art vnd vbergrause noth
In staub zu tretten meyn't? der ohne furcht darf sagen /
Daß wir durch seine gunst Gold auf den haren tragen /
Vnd Purpur vmb den Leib! vnd hör ich länger zu?
Deß Menschen vntergang ist Mein' vnd deine Ruh.
Sein Leben / beyder grab. Theo. Er laufft ergrimm't von hinnen.
Wie aber? laß ich zu was mit erhitz'ten sinnen
Der Keyser heißt volzihn? sol der so hohe tag.
In welchem Gott vnd Mensch arm in der krippen lag /
In welchem wir mit Gott vnß eylen zuverbinden /
Den Holtzstoß auf der burg vol menschen beiner finden?
Sol leichen-schwerer stanck vor vnsern' weyrauch gehn?
Sol sein geschrey vor Gott bey vnsern beten stehn?
Nein warlich! nein! ich muß / wo möglich / diß verhütten /
Ich wil den harten muth deß Fürsten überbitten.
Daß Er das strenge Recht nicht auf das fest außführ.
Ich weiß. Er wegert nicht so wenig Gott vnd mir.


Der Sechste Eingang.

Mich. Die Trabanten. Leo. Theodosia.

Trab. Nun fort die zeit verlaufft. Mich. wolan! so last vnß gehen!
Vnd zwar allein / in dem kein freund wil bey vnß stehen.
Ach freunde sonder trew'! Ach nahmen sonder that!
Ach titul sonder nutz! ach beystand sonder raht!
Ach freunde! freund' in glück! ach daß wir Euch doch ehren!
Verflucht wer sich den wahn der Liebe läst bethören!
Verflucht wer auf den Eyd der leichten Menschen baw't!
Verflucht wer auf den Mund vnd auf versprechen traw't!
Ich sterb' vmb daß ich hab auffrichtig die geschetzet
Für die ich mich gewagt! der / den die faust gesetzet
Auff Constantinus Thron. setz't mich auf diesen stoß /
Der Fürst vor den mein blut auß allen adern floß
Schenckt mir diß Holtz zu lohn! wie hoch bin ich gestiegen /
Daß auch die aschen selbst wird durch die lüffte fliegen!
Wiewol hab' ich die zeit vnd wunden angewandt!
Ach! daß der lichte pfeyl der donner mich verbrannt!
Alß ich / da noch ein Kind / von Hause ward gerissen!
Eh ich die glieder lernt' in hartten stahl verschliessen!
Eh' ich das schwerd ergriff' vnd durch die waffen drang!
Eh' ich mit flam' vnd spieß der feinde Wall besprang!
Ach! daß mich doch ein Held! daß mich ein Mann erleget!
Ach! daß mein wündschen euch / die jhr mich schaw't / beweget!
Kommt freunde! stost ein schwerdt! stost durch die blasse brust!
Diß bitt' ich! feinde komm't ersättig't ewre lust!
Vnd stost ein schwerd durch mich! Ich wil es beyden dancken.
Vergebens wündscht / wer schon in die gedrange schrancken
Des rawen todes laufft. Wol an dann! komm't vnd lehrt
Jhr die jhr Fürsten hoch / vnd gleich den Göttern ehrt /
Die jhr durch Herren gunst wol't in den Himmel steigen /
Wie bald sich vnser Ruhmb muß in die aschen neigen.
Wir steigen / alß ein Mensch dem man den Halß abspricht: /
Auff den gespitzten Pfaal der seinen Leib durch sticht.
Wir steigen alß ein Rauch / der in der Lufft verschwindet:
Wir steigen nach dem fall / vnd wer die höhe findet.
Find't was jhn stürtzen kan. Trab. die weißheit lehrt der Todt!
Mich. Was mich mein Holtzstoß lehrt. das lehr' euch meine noth!
Wer steht kan vntergehn! Ich wil mich selbst entkleiden.
Last vnß denn vnverzagt deß Himmels schluß erleiden!
Du aller Stätte zier! Beherscherin der welt!
Die ich durch so viel angst in stoltze Ruh gestellt;
Ade! dein Held vergeht! du zeuge meiner Siege
Du güldnes licht ade! du / durch mich offt / im kriege
Mit fleisch bedecktes Land das meine faust gefüllt
Mit leichen / hirn vnd bein daß ich mit Spieß vnd Schildt
Vnd Tartschen offt gepflüg't. sey / nun der todt begegnet:
Zu guter nacht gegrüß't / zu guter nacht gesegnet!
Jhr Geister! die die Rach' jhr hat zu dienst' erkießt
Wo fern durch letzten wundsch was zu erhalten ist?
Wo einer / der itzt stirbt / so fern euch kan bewegen /
Wo fern jhr mächtig angst vnd schrecken zu erregen:
So tag ich euch hervor / auß ewrer Martter höll /
Wo nichts denn Brand' vnd ach! gönn't der betrübten Seel
Was nicht zu wegern ist! es müsse meine schmertzen
Betrawren der sie schafft / vnd mit erschrecktem Hertzen
Den suchen den er bren't. Es müsse meine glutt /
Entzünden seine Burg / es müß auß meinem blutt /
Auß dieser glieder asch' / auß den verbranten beinen /
Ein rächer aufferstehn vnd eine Seel erscheinen
Die voll von meinem muth / bewehrt mit meiner hand
Gesterck't mit meiner krafft / in den noch lichten brand
Der mich verzehren muß / mit steiffen backen blase /
Die mit der flamme tob / vnd mit den funcken rase /
Nicht anders / alß dafern die schwefel-lichte macht
Durch Wolck vnd schlösser bricht; der schwere donner kracht.
Die mir mit Fürsten blut so eine grabschrifft setze:
Die auch die ewigkeit in künfftig nicht verletze.
Trabant. Weicht jhrer Majestät. Leo. Es sey denn / wie du wilt
Princessin! aber / ach! daß hier kein warnen gilt.
Du wirst die stunde noch / du wirst die gunst verfluchen
Vnd schelten was wir thun / auf dein so hoch ersuchen.
Schlißt den verdam'ten Mann in starcke ketten eyn /
Weil schon das fest anbricht / besetzt den rawen stein
Deß Kerckers vmb vnd vmb mit Hüttern auf das beste:
Verräther kan man nicht verwahren gar zu feste.

Reyen der Höfflinge.

          1. O du wechsel aller dinge
Immerwehrend' eitelheit!
Laufft denn in der zeiten ringe
Nichts alß vnbestendigkeit!
2. Gilt denn nichts / alß fall vnd stehen!
Nichts denn Cron vnd Hencker strang?
Ist denn zwischen tief vnd höhen
Kaum ein Sonnen vntergang?
3. Ewig wanckelbares glücke!
Sihstu keinen Zepter an?
Ist denn nichts das deiner tücke /
Auff der welt entkommen kan?
4. Sterbliche! was ist diß leben /
Als ein gantz vermischter traum!
Diß was ehr' vnd fleiß vns geben
Schwindet alß der wellen schaum!
5. Printzen! Götter dieser erden
Schaw't was euch zu fuße fäll't!
Denckt wie plötzlich könt jhr werden
Vnter frembden Fuß gestellt.
6. Auch ein Augenblick verrücket
Ewrer vnd der feinde Thron:
Vnd ein enges nun das schmücket
Die Jhr haß't mit ewrer Cron!
7. Jhr / die mit gehäufften Ehren /
Jhm ein Fürst verbunden macht.
Wie bald kan man von euch hören /
Daß jhr in die ketten bracht!
8. Arme! sucht doch hoch zu steigen!
Eh der Ruhmb euch recht erblickt!
Muß sich ewre blume neigen
Vnd der todt hat euch bestrickt.
9. Pocht / die jhr die welt erschüttert:
Pocht auff ewrer Waffen macht!
Wenn die lufft was trübe wüttert /
Wird die schwache faust verlacht.
10. Dem Metalle zugeflossen:
Dem der Tagus schätz' anbott /
Batt offt ehr der tag geschlossen:
Vmb ein stück vnwerthes Brodt.
11. Schöne! die schnee weissen wangen.
Die die Seelen nach sich ziehn:
Deß gesichtes edles prangen:
Heist ein schlechtes feber flihn.
12. In dem wir die Jahre zehlen /
Vnd nach hundert Erndten sehn
Muß es an der stund' vns fehlen /
Clotho rufft es sey geschehn.
13. Zimmert Schlösser! bawt palläste!
Haw't euch selbst auß hartem stein!
Ach! der zeit ist nichts zu feste!
Was ich baw bricht jener ein.
14. Nichts! Nichts ist das nicht noch heute
Könt in eyl zu drümmern gehn!
Vnd wir! ach! wir blinden leute
Hoffen für vnd für zu stehn.
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