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Wilhelm Meyer-Förster: Lena S. - Kapitel 6
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typefiction
authorWilhelm Meyer-Förster
titleLena S.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunErstes Tausend
year1903
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Dreimal beugte sich Schwerin zu dem Erdhügel, – das dritte Mal nur mit Aufbietung aller seiner Energie, denn sein rechtes Bein war nach dem Hin- und Hergerenne dieser letzten Tage steif und wie gelähmt, – und dreimal griff er mit dem schwarzen Handschuh und warf drei Hände Erde in die Grube.

Bei der ersten sagte er leise, so leise daß es nicht einmal der dicht neben ihm stehende Prediger hören konnte: »Für unsre alte Freundschaft, Joachim –«

Bei der zweiten: »Für deine ewige Seligkeit –«

Und bei der dritten: »Daß der Herrgott im Himmel dir vergeben soll.«

Dann trat er zurück zu den zehn oder zwölf Herren, die im Kreise standen, und die Zeremonie endete damit, daß der Pastor noch ein paar letzte Worte über das Grab sprach. Milde, vergebende Worte, wie sie vielleicht nicht jedem zu teil werden, der durch eignen Entschluß von dem Erdenleben Abschied genommen hat, die der Prediger aber im Hinblick auf den Rang des Verstorbenen und auf Rang und Ansehen der Umstehenden wohl spenden zu dürfen glaubte.

Schwerin ging zu ihm und drückte ihm die Hand, als ob er gewissermaßen der Repräsentant der Familie sei, dann ließ er den gleichen Händedruck jedem der Anwesenden zu teil werden, und als die Herren sich langsam entfernten, nahm er den Arm des Pastors, um sich in dessen Begleitung gleichfalls heimzubegeben.

»Es ist wegen meines Beines,« sagte er. »Ich muß mich aufstützen, Sie müssen verzeihen. Ich komme sonst positiv nicht von der Stelle,« und er erzählte dem liebenswürdig zuhörenden Herrn die Geschichte von Beaune la Rolande, wo er eine französische Kugel in den Schenkel bekommen hatte. Die kleine Wunde hatte, gut behandelt und vortrefflich geheilt, mehr als ein Jahrzehnt nicht die geringste Erinnerung hinterlassen, seit aber das Podagra den Major plagte, häufte er alle Folgen seines bewegten Lebens auf das – wenn man so sagen darf – Haupt dieser Kugel, und er erzählte so oft von ihr, daß er schließlich selbst an die Schuld des kleinen Geschosses glaubte.

Er fand nicht immer einen so geduldigen und aufmerksamen Zuhörer, und als sie nach häufigem Anhalten und Stehenbleiben endlich an das Ende des Kirchhofes gelangt waren, hatte Schwerin die Schlacht von Beaune la Rolande in allen Phasen entwickelt. Er zeichnete mit seinem Schirm (denn es war ein trüber Tag, und noch vor einer Stunde zogen große Regenschauer über den Kirchhof und das offene Grab) lange, komplizierte Linien in den feuchten Sand: »Da standen die Franzosen, da wir –«, aber dann plötzlich erinnerte er sich und legte sein Gesicht in trübe Falten:

»Ja, übrigens Stennsberg war auch dabei. Er war in jungen Jahren immer ein Glückspilz. Er ritt im dichtesten Kugelregen und bekam während des ganzen Krieges nicht die kleinste Schramme. Bis ihn die Kugel nun doch ereilt hat. Freilich in andrer Manier, – Sie wissen ja, wie ich es meine.« Nach einer Pause setzte er hinzu: »Es war schon so das beste. Wenn der Mensch keinen Ausweg mehr hat, ist dergleichen immer noch die anständigste Lösung.«

Dem Pastor drängte sich eine Widerlegung dieser Auffassung auf die Lippen, aber im Hinblick auf Wesen und Charakter seines Begleiters und in der richtigen Erwägung, daß er den Major schwerlich zu einer entgegengesetzten Meinung werde bekehren können, unterließ er seine Rede.

»Uebrigens,« sagte er, »ich höre und ich bin erstaunt, man hat es unterlassen, mir davon Mitteilung zu machen: es ist eine Tochter vorhanden.«

»Was für eine Tochter?«

»Eine Tochter des Verstorbenen.«

Schwerin musterte seinen Begleiter einen Moment von der Seite, dann sagte er trocken: »Ja, die ist allerdings vorhanden.«

»Hat man das junge Mädchen nicht, – ich meine von allen diesen Vorgängen, von dem schrecklichen Ereignisse – nicht in Kenntnis gesetzt?«

»Nein,« sagte der Major.

»Aber Sie werden mir zugeben – –«

Schwerin wurde ungeduldig. »Ich weiß. Ich weiß alles, was Sie sagen wollen. Das haben mir in drei Tagen zehn Dutzend Menschen vorgepredigt, der Herzog, der ganze Klub, jeder Esel, den die ganze Sache keinen Deut angeht! Diese Mitteilung an Lena werde ich persönlich besorgen. In den drei Tagen konnte ich nicht fort, ich hatte alle Hände voll zu tun, das werden Sie wohl einsehen.«

»Ja, ja,« erwiderte der andre. »Aber Sie werden mir in jedem Falle zugeben, Herr Major, das eilt. Man kann doch dem unglücklichen Kinde die Tatsache nicht beliebig lange vorenthalten.«

Eine dunkle Röte, wie immer, wenn er sich ärgerte, stieg in Schwerins Gesicht: »Weshalb nicht? Ich wollte, ich könnte diese jammervolle Geschichte ihr ewig vorenthalten. Weshalb eilt das? Wollen Sie mir, bitte, erklären, weshalb das eilt?« – und sich in einen immer größeren Zorn hineinredend, der ihm in dieser trüben Stunde außerordentlich gut tat, verbreitete er sich über die Unsitte, alles Schreckliche und Traurige den davon Betroffenen mit Telegrammen und Eilboten ins Haus zu schicken. Er kam auf Beispiele aus seinem eignen Leben, in denen man ihn mit unwillkommenen Botschaften überschüttet hatte, triviale Beispiele, die in diesen Zusammenhang nicht recht paßten, und als er die wenig glückliche Wahl dieser Beispiele aus den erstaunten Augen des andern erkannte, steigerte sich sein Aerger.

Bis es dem Pastor gelang, in einer durch die Atemnot des Majors bedingten Pause, ihn von dem Thema abzulenken.

»Wer wird, verzeihen Sie, für das Mädchen sorgen?«

»Ich.«

»Sie sind mit ihr verwandt?«

»Durchaus nicht.«

Der andre bot ihm die Hand: »Das wird Gott Ihnen lohnen, Herr Major.«

Aber Schwerin zuckte abweisend, mißmutig die Achseln, als ob eine sehr feine und sehr empfindliche Stelle in ihm unsanft berührt sei: »Davon abgesehen.«

Am Ausgange trennten sie sich wie zwei Leute, die sich nie vorher im Leben gesehen haben, eine halbe Stunde zusammen waren, in dieser halben Stunde sich durchaus nicht verstanden und sich nach menschlicher Berechnung in diesem Dasein schwerlich wieder treffen werden.

Sofort trat Clemens, der respektvoll mit zwanzig Schritten Abstand hinterdrein gegangen war, auf den Major zu und reichte ihm seinen Arm. Er war ebenfalls ganz schwarz gekleidet in einen alten Pariser Gehrock des Majors, mit Hosen in Bügelfalten und einen gleichfalls ausrangierten, aber immer noch sehr eleganten Cylinder seines Herrn.

»Wo steht der Wagen?«

»Draußen, Herr Major.«

Aber nach einigen Schritten blieb Schwerin stehen und sah ihm ins Gesicht. Mit einer Stimme, die Clemens gegenüber unter allen Umständen und in jeder Lebenslage etwas Befehlshaberisches und Barsches hatte, sagte er:

»Ich habe dich beobachtet, obwohl du im Hintergrunde standest. Du hast geweint.«

»Nein, Herr Major.«

»Doch. Sag nicht die Unwahrheit. Ich glaube, du warst der einzige.«

Und als Clemens, wie es sich gehörte und wie es der Major durchaus verlangte, seine gegenteilige Behauptung nicht weiter verteidigte, sagte Schwerin:

»Er hat dir manches Zwanzigmarkstück geschenkt, – das ist nun aus. Er war in solchen Dingen immer ein Gentleman, zu sehr. Ich wollte, er hätte dir und andern keine Zwanzigmarkstücke geschenkt.«

Clemens winkte dem Kutscher, als aber der Major einsteigen wollte, besann er sich plötzlich eines andern.

»Nein, ich will noch einmal zurück. Ich will das Grab sehen ohne diese schwarze Gesellschaft.«

Es war ein ziemliches Ende Weges, das er nun zum drittenmal humpelnd zurücklegen mußte, dann stützte er sich schwer auf das Eisengitter und blickte lange Zeit, ohne ein Wort zu sagen, auf den niedrigen Hügel mit Kränzen.

»Du warst mein einziger Freund, – weiß der Teufel, Joachim, du warst mein einziger – – – Ich wollte doch, ich hätte dir das Geld gegeben, obwohl es Wahnsinn gewesen wäre. Dir konnte kein Mensch mehr helfen, und ob das Ende nun ein Jahr früher oder später kam, das bleibt sich schließlich auch gleich, – wie? – Joachim – du –?«

Aber das Grab antwortete nicht, und etwas Feuchtes rollte langsam über des Majors Backe.

Nach einiger Zeit gewann er seine Ruhe wieder:

»Das hilft alles nichts. Und nun wollen wir uns Adieu sagen, Joachim. Ich komme hier nicht wieder her, ich gehöre nicht zu den Leuten, die auf die Kirchhöfe laufen. Mach's gut, alter Junge, und über eine Weile komme ich auch. Gar zu lange wird's nicht mehr dauern, denn mit diesem miserablen Podagra im Leibe kann kein Mensch ein Methusalem werden.«

Er wandte sich, um an Clemens' Arm heimzugehen, aber dieser war achtungsvoll zurückgetreten und stand hinter einem Busch in der Nähe, wo er die Inschriften der umliegenden Kreuze studierte.

Ein schrecklicher Verdacht stieg in Schwerin auf: daß Clemens ihn aus irgend einem Grunde allein gelassen habe, aus irgend einer seiner Dummheiten heraus, vielleicht weil er wieder einmal einen Befehl falsch verstanden hatte, – daß niemand kommen würde, der ihm von hier forthelfen könnte, und daß er allein mit seinem jetzt ganz steifen und völlig lahmen Bein stehen bleiben und in dem feuchten Sande sich den Gelenkrheumatismus und damit den Tod holen würde. Dazu diese Einsamkeit, dazu die Gräber, ringsum nichts als Gräber, lauter schreckliche Mahnungen an Krankheit und Tod.

Mit einer Donnerstimme rief er: »Clemens!« und als dieser nicht a tempo antwortete, noch einmal, wo möglich noch lauter: »Clemens!«

Im nächsten Moment kam Clemens herangestürzt: »Herr Major – –?!«

Aber Schwerin war außer sich.

»Was soll das?! Was heißt das?! Weshalb läßt du mich allein?!« und es dauerte eine geraume Weile, bis Clemens mit dem uralten Rezept absoluten Schweigens und jeglichen Verzichts auf eine Rechtfertigung seinen Herrn beruhigte.

In der Droschke begann der Major von Lena zu sprechen, und mit der Offenheit, die er seinem einzigen Vertrauten gegenüber zeigte, erörterte er die traurigen Verhältnisse: »Er hat rein nichts hinterlassen, nicht soviel, daß man Lena ein schwarzes Kleid kaufen könnte. Es ist jammervoll! jammervoll!«

Dann holte er den Brief wieder hervor, den er, zerknittert und zwanzigmal gelesen, beständig bei sich trug.

»50 000 Mark, – hätte ich sie ihm nun gegeben, geliehen, geschenkt, oder wie man das sonst nennen will, so wären sie fort, wie alles andre aus den letzten Jahren. Aber nun sind sie da, sind noch vorhanden, gewissermaßen gespart. Das ist sehr wichtig, beachte das, Clemens.«

»Sehr wohl, Herr Major.«

»Wem gehören diese 50 000 Mark? Mach dir das klar, überleg dir das. Wem werde ich diese 50 000 Mark geben? Selbstverständlich Lena. Sie gehören ihr gleichsam, das ist doch klar? Sie sind sozusagen ihr Eigentum – wie?«

»Ja, das ist klar,« sagte Clemens, der den Zusammenhang nicht recht verstand, aber die dunkle Empfindung hatte, daß die Logik seines Herrn richtig sei.

Schwerin schwieg eine Weile und dachte nach, dann sagte er:

»Ich werde die Vormundschaft übernehmen, obwohl das außerordentlich viel Schreibereien mit sich bringt. Man muß da wiederholt zu Gericht, es ist eine der mühseligsten Einrichtungen, die erfunden sind. Aber ich werde es doch tun, und die Schreibereien wirst du besorgen, denn es sind ganz schematische Schriftstücke, bei denen von Verstand und Nachdenken und besonderer geistiger Beanlagung keine Rede sein kann. Vormundschaften müssen Leute aller Stände übernehmen, folglich wird das rein Technische nicht außerhalb deiner Fähigkeit liegen. Was –? Wie –?«

Clemens bestätigte, daß er diese Schreibereien zu erledigen sich wohl im stande fühle, und Schwerin ging nun über auf die Hauptfrage:

Wie Lena das alles beibringen?

»Ich muß hin. Selbstverständlich. Heute noch. Persönlich. Sofort.«

Dann versank er in Nachdenken: vielleicht war es die schwerste Aufgabe seines Lebens, die da seiner harrte.

Es fiel ihm ein, daß vor vierzig Jahren in seiner Familie die Rede gewesen sei, daß Schwerin Diplomat werden sollte. Man hatte dieses Projekt später verworfen, aus welchem Grunde, erinnerte er sich nicht mehr, – aber immerhin bestand die Tatsache, daß seine Familie, eine ganze Familie verständiger Leute, ihn damals für fähig gehalten hatte, eine so außerordentlich schwierige und die feinsten Verstandeskräfte beanspruchende Karriere erfolgreich durchzuführen.

Diese Erinnerung gab ihm eine große Beruhigung, und obwohl die erste wirklich schwierige diplomatische Aufgabe seines Lebens erst jetzt nach einem so langen Zeitraume an ihn herantrat, so würde er doch fraglos fähig sein, dieselbe in der entsprechenden zartfühlenden Weise zu lösen.

Aber trotz dieser tröstlichen Voraussetzung kam er mit dem »Wie« durchaus nicht ins Reine.

Vielleicht konnte er die Generalin bitten, die Tatsache Lena mitzuteilen, was ja auch durchaus ihre Pflicht sein würde, – aber gleich darauf schämte er sich seines Einfalles.

Bis er schließlich zu der Ueberzeugung gelangte, daß man die traurige Angelegenheit wirklich fein und zartfühlend nur dann einleiten könne, wenn man Lena zunächst ganz ruhig und harmlos entgegentreten würde.

In diesem Sinne ließ er durch Clemens folgende Depesche zur Post geben:

»Meine liebe Lena! Komme morgen mittag durch Oldeslo, nur auf Durchreise. Bleibe zwei Stunden. Wäre erfreut, dich einmal wieder zu sehen, sei am Bahnhof, bitte allein. Dein treuer Schwerin.«

Dieses letzte »Bitte allein« war die entscheidende Wendung der Depesche, denn er fühlte sehr deutlich, daß, wenn andre, z. B. die Generalin, sich in Lenas Begleitung einfinden würden, er kein Wort vernünftig hervorbringen und auf keinen Fall dieser armen kleinen Lena so entgegentreten könnte, wie es notwendig war.

So kam es, daß Lena wieder wie vor Wochen zum Bahnhof ging und den Zug herankommen sah.

Schwerin stand am Fenster und winkte. Er hatte seine Toilette sehr sorgsam und mit langer Ueberlegung zusammengestellt: ein schwarzer Anzug, aber ein heller Paletot, eine schwarze Krawatte und ein schwarzer Hut, aber graue Handschuhe, alles so kombiniert, daß Lena auf den ersten Blick hin nicht erschrecken und doch im späteren Verlauf des Tages in seiner Kleidung nichts Unpassend-Auffälliges finden konnte.

Schon Stationen vorher, ehe er nach Oldeslo kam, hatte er erwogen, mit welchem Begrüßungsworte er Lena entgegentreten wolle, – denn gerade die ersten Worte sind bei solchen Gelegenheiten immer die entscheidenden, – nun er aber Lena so dicht vor sich stehen sah, vergaß er alles, und er rief, wie er immer gerufen hatte, wenn er die Kleine sah: »Holla! Lena!«

Sie sah blaß aus, ein Zug erregter Spannung lag über ihrem Gesichte, als ob sie sich durch den leichten Ton der Depesche nicht hätte täuschen lassen und sehr wohl ahnte, daß der Major in irgend einer besonderen Mission die ganz unerwartete Reise unternommen habe.

Sie lächelte ihm mühsam zu, dann öffnete sie selbst die schweren Messinggriffe des Wagens. Als sie aber nun versuchen wollte, mit Hilfe von Clemens, der aus einem benachbarten Coupé herbei eilte, dem Major beim Aussteigen behilflich zu sein, winkte er ihr ab:

»Nein, nein, Kind, Unsinn. Der Schaffner soll kommen. Diese Trittbretter sind Satanserfindungen, über die ein Mensch mit halbwegs maroden Knochen sich eventuell den Hals brechen kann.«

Der Schaffner erschien, auch der Zugführer, auch der Stationsvorsteher, der sich überzeugen wollte, aus welchem Grunde der Herr nicht ausstieg und infolgedessen eine Verzögerung der Abfahrtszeit veranlaßte, – – dann mit Hilfe oder zum wenigsten unter Assistenz aller dieser Herren gelang es, Schwerin aus dem Coupé auf den Bahnsteig zu schaffen.

Die ganze Scene war so seltsam, daß Lena lächeln mußte, und als Schwerin, der sich schwer auf ihren Arm stützte, merkte, daß er, ohne es zu beabsichtigen, die erste Begrüßung in einer leidlich heiteren Weise bewerkstelligt hatte, wurde ihm leichter ums Herz.

Er ging ganz langsam neben ihr her durch die Anlagen am Bahnhof, dann rechts ab den kleinen Weg, der über den Kirchhof direkt nach der Stadt führt.

Sie sprachen zunächst über gleichgültige Dinge, und als Lena ängstlich nach ihrem Vater fragte, half der Major sich zunächst mit allgemeinen Redensarten über die Beantwortung hinweg. Es war merkwürdig, daß er im Fuße nicht das geringste Stechen spürte, während er seit Wochen und speziell heute während der Eisenbahnfahrt vor Schmerz gestöhnt hatte, – die Wahrnehmung setzte ihn so in Staunen, daß seine Gedanken zwischen dieser unerklärlichen Beobachtung und der schweren Aufgabe, die seiner harrte, hin und her pendelten.

Dann plötzlich hatte er einen seltsamen Einfall: wenn er diese beiden Dinge verknüpfen und das eine als Ausgangspunkt für das andre wählen würde?! Von einem zum andern ließ sich vielleicht eine Brücke schlagen?!

»Du hast keine Ahnung, mein Kind,« sagte er, »was ich in den letzten Wochen gelitten habe. Es sind Schmerzen, von denen jeder, der sie nicht selbst durchgemacht hat, keinen Begriff hat. Ich will nicht übertreiben, aber man kommt da oft zu einer Art von Verzweiflung, und by Jove, ich will verdammt sein, aber es ist wahr, bei Gott im Himmel, Lenachen, ich wollte oft, ich wäre tot.«

Sie suchte ihn zu trösten, und sie unterbrach ihn mit kleinen Fragen nach diesem und jenem, aber der Major blieb zäh bei seinem Thema und mit einer Deutlichkeit, die schließlich anfing, Lena in Erstaunen zu setzen, kam er immer wieder darauf zurück: »Ich wollte, ich wäre tot. Wie viele andre Leute, die ich gekannt habe. Wer die Schmerzen des Lebens hinter sich hat, ist im Grunde der Allerglücklichste.«

Lena widerlegte ihn mit einem Lächeln, aber dieses Lächeln erstarb, als sie in sein Gesicht blickte. Es war, als ob der Major aus den wenigen Predigten, die er in seinem Leben gehört hatte, alle salbungsvollen Worte zusammensuchte, seine Stimme wurde düster, bisweilen von einer grotesken Uebertreibung, dann wieder von einer echten Traurigkeit.

Aber Lena hörte nur immer den Tonfall und das Stichwort, auf das der Major beständig zurückkam: »Glücklich, wer allen Schmerz des Lebens hinter sich hat.«

Der kleine Kirchhof mit der Kapelle und den Kreuzen und den Grabdenkmälern begann sich vor ihr im Kreise zu drehen, ihr Atem ging schwer, dann mit Aufgebot aller Kraft ließ sie seinen Arm los und starrte ihn mit schneeweißem Gesichte an: »Was ist geschehen – –?«

Er war vielleicht auf die Frage noch nicht vorbereitet, er hatte sie vielleicht erst später erwartet, wenn er mit noch deutlicheren Farben gemalt haben würde, – nun fand er nicht gleich die entscheidende Antwort.

Er öffnete nur den Mund, er schloß ihn wieder, er wollte etwas sagen und konnte nicht.

Da schrie sie laut auf:

»Papa –?!! Er ist tot –?!! – –«

– – Und so hatte Schwerin in seiner diplomatischen Weise die traurige Nachricht überbracht. – –«

In der Mitte des kleinen Kirchhofes neben der alten Kapelle, die seit hundert Jahren nicht mehr gebraucht wird und in der die Gärtner ihr Handwerkszeug aufbewahren, stand eine Bank, auf der Schwerin nun schon eine Stunde oder länger neben Lena saß.

Was er in dieser Stunde gesprochen und wie er es versucht hatte, Lena zu trösten, wußte er selbst nicht mehr.

Eine Zeitlang hatte er nur immer gesagt: »Lena, – kleine Lena – ja, ja – ja – –«

Und: »– Der liebe Gott hat ihn nun bei sich, – was das beste ist – er sieht jetzt auf uns beide und auf dich insbesondere hernieder – ja, ja – –«

Und dies und Aehnliches, was man in solchen Stunden sagt, wenn man das sichere Bewußtsein hat, daß der andre nichts sieht und hört und keinesfalls die Worte auf die Goldwage legt.

Er war sehr traurig, der alte Major, und sein Herz so beklommen, daß ihm das Atmen schwer wurde.

Er begann nach einer Weile auch Worte praktischen Trostes einzuflechten, daß Lena sich um ihre Zukunft nicht zu sorgen brauche, und daß er, Schwerin, es für seine selbstverständliche Pflicht erachte, für Lena in jeder Weise einzutreten, – aber gleich darauf hatte er die unangenehme Empfindung, daß es unzart sei, von alledem zu sprechen. So brach er mitten im Satze ab und schwieg.

Immer saß Lena stumm, die Ellbogen auf die Kniee gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben, – es folgten lange Pausen, aber schließlich konnte Schwerin dieses totenstille Schweigen nicht durchhalten. Er versuchte von neuem zu sprechen und immer von neuem, in dem unklaren Gefühl, daß Worte, und wenn es Worte der gleichgültigsten Art seien, allein im Stande sein könnten, in die Verzweiflung hinein wie ein schwacher Trost zu klingen.

»Wir wollen nun aufstehen, Lena,« sagte er. »Ich werde dich nach Hause begleiten, – das wird das beste sein. – Soll ich –?«

Sie ließ sich willenlos in die Höhe richten, als er aber noch einmal wiederholte, daß er sie selbst zur Generalin führen wolle, drängte sie ihn stumm seitwärts in eine ganz andre Richtung.

So gingen sie eine lange Weile, ohne auf den Weg zu achten, von der Stadt fort, immer weiter ins Feld hinein. Immer redete Schwerin, – vielleicht währte es wieder eine Stunde oder länger, bis er nichts mehr zu sagen wußte. Er zermarterte seinen Kopf: ›Was soll ich jetzt noch sagen? Wovon soll ich reden?‹ – Aber er wußte wirklich nichts mehr.

Er war so müde und so zerschlagen, wie in seinem ganzen Leben nicht, sein Kopf war ganz hohl, und als die Spannung in ihm sich nun langsam löste, begann der Fuß wieder zu schmerzen. Er sah sich verstohlen um und bemerkte zu seinem Schrecken, daß sie irgendwo draußen im Felde waren, daß ganz links in der Ferne der Kirchturm von Oldeslo hervorschaute, und daß von Clemens, wie man es nicht anders erwarten konnte, weit und breit nichts zu sehen war.

›Großer Gott‹, dachte er, ›was soll werden? Wie soll ich wieder zurückkommen? Ich kann ohnehin kaum noch von der Stelle.‹

Und in all seiner Trauer und seinem innigen Mitleid erfaßte ihn ein leiser Grimm.

»Wir werden jetzt zurückgehen, Lena,« sagte er mit einer Stimme, die ein ganz klein wenig schärfer klang als vorher. »Wir können unmöglich immer weiter ins Blaue wandern.«

Sie wandte um, ohne ein Wort zu sagen, und wieder gingen sie eine endlose Stunde, in der Schwerin beständig den Versuch machte, trotz des Brennens und Stechens im Fuße zu Lena von Trost zu reden oder von sonst irgend etwas.

Als sie endlich dicht an die Stadt herangekommen waren, hatte er das Gefühl: du kommst nicht mehr weiter, du brichst auf dem ersten harten Pflasterstein zusammen. Wenn du diese Wanderung fortsetzt und sollst etwa noch mit zu der Generalin, durch die ganze Stadt, dann die Treppen hinauf und so weiter, so passiert dir ein Unglück. Und während er, ohne daß es Lena sah, nur auf einem Beine stand und den kranken Fuß in der Luft schweben ließ, sagte er:

»Du wirst nun allein sein wollen, Lena, nicht wahr? Ja, selbstverständlich. Ich bleibe heute in Oldeslo, gegen Abend werde ich der Generalin meine Aufwartung machen. Wir sehen uns dann wieder. Ja –? Soll ich –? Ist dir das recht –?«

Sie nickte stumm –«

Und so trennten sie sich.

Er wartete und blieb aufrecht stehen, bis Lena hinter der Biegung verschwunden war, dann ließ er sich behutsam nieder mit einem von Schmerz verzerrten Gesichte, – und so saß er stundenlang an dem Chausseegraben, ganz unfähig, wieder hochzukommen, in seiner Willenskraft so gelähmt, daß er nicht einmal den Wunsch hatte, fortzugelangen.

*

Lena ging geradeaus, in die Stadt hinein. Sie überlegte nicht, ob sie rechts gehen müsse oder links, sie handelte ohne Bewußtsein, und sie fand doch ihren Weg. Wie eine Nachtwandlerin.

Aber in dem Augenblick, als sie die Türklinke in die Hand nahm und die Tür öffnen wollte, um ins Haus hineinzugehen, lief ein kaltes Zusammenschrecken über sie hin.

Sie ließ den Griff wieder los und strich sich über die Stirn, als ob sie erwache.

Dieses Erwachen war nur ein ganz flüchtiges, – dann ging sie die Straße weiter ohne Plan und Ziel, wieder wie schlafend.

Erst ganz langsam kam sie zu einem matten Denken: ›Was sollte nun werden? wo sollte sie hin? Sie hatte niemand mehr in der Welt, oder doch nur Schwerin, sollte sie zu ihm zurück?‹

Dann plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke: ›Geh zu George.‹

Sie wandte um, sie lief fast, in ihren Ohren summte es mit dem Takt der hastigen Schritte: ›Geh zu George, – geh zu George.‹

Sie stand vor dem niedrigen Gartenzaun, die Gartentür öffnete sich, nun ging sie den schmalen Kiesweg entlang, gerade auf das Haus zu.

Die Haustür war offen, vor Lena lag der kleine niedrige Vorplatz mit der steilen Holztreppe, die in das erste Stockwerk hinaufführt.

Rechts und links zwei niedrige weiß gestrichene Türen, über jeder eine vertrocknete Eichenlaubguirlande und dazwischen ein alter Stahlstich mit braunen Rostflecken und Mahagonirahmen.

Sie atmete tief auf, alles ringsumher war still, nur eine große alte Standuhr, die einen Platz neben der Treppe hatte, ließ ihr eintöniges Geräusch vernehmen.

Lena ging nicht weiter. Sie lehnte mit dem Rücken an dem Holzpfosten der Tür, – ein Friede kam über sie.

›Ich will hier warten, bis George kommt. Einmal wird er kommen. Ich will hier nicht fortgehen, bis George kommt.‹

So stand sie eine Weile, ihr Atem wurde ganz ruhig.

Dann wurden polternde Schritte über ihr hörbar und kamen gleich darauf die Treppe hinab; ein kleines Dienstmädchen erschien in Holzschuhen und mit aufgerafftem Kleide, die Lena verwundert anschaute.

»Zu wem wollen Sie?«

»Wo ist George?«

»Herr George?« – Das Mädchen war erstaunt, sie fand keinen Reim für diese Situation, dann sagte sie zögernd: »Ich weiß nicht, ob der junge Herr zu Hause ist, aber ich will nachsehen und ihn rufen.«

Sie wischte sich die nassen Hände in der blauen Schürze und öffnete die eine der weißen Türen: »Kommen Sie herein.«

Sie ließ ihre Holzschuhe im Flur vor der Tür stehen und ging auf den Strümpfen durch das Zimmer, um die Vorhänge aufzuziehen und das eine Fenster zu schließen. Als sie damit fertig war, wischte sie mit der Schürze über einen Stuhl und sagte: »Bitte,« und noch einmal: »ich will ihn rufen.« Dann schloß sie die Tür hinter sich, und Lena war allein.

Dicht vor ihr auf dem Tisch lag ein weicher grauer Hut, Georges Hut. Sie nahm ihn in die Hände und ließ ihn nicht wieder los.

Ehe das Mädchen die Vorhänge aufgezogen hatte, war es im Zimmer dunkel gewesen, jetzt schien die Abendsonne auf die mächtige, schneeweiße Büste der Juno, die auf einem Gipspostament an der Wand gegenüber den Fenstern stand.

Lena blickte im Zimmer umher. Ihr war zu Mute, als ob Schwerin und seine traurige Botschaft schon viele Tage entfernt seien, – eine dumpfe, stumpfe Abspannung war gefolgt, – nur war es merkwürdig, daß bei diesem matten Halbschlaf der Seele die Augen alles sahen, mit einer solchen Klarheit, daß ihr nichts hier im Zimmer entging.

In der Ecke stand ein polierter Tisch mit Schachfiguren aus Elfenbein, über dem Fußboden lag ein alter verblaßter Teppich, der vielleicht einmal hübsch gewesen war, aber sicher nie einen besonderen Wert gehabt hatte. In schmalen Holzrahmen hingen an den Wänden große Photographien: das Forum Romanum, Pompeji, Genf, Chillon, dann Michelangelos Fresken aus der Sixtina. –«

Lena hatte alle diese Städte und Bilder selbst gesehen, und die ganz leise Freude zog flüchtig durch sie hin, die man empfindet, wenn man Bekannte wiedersieht.

Die Wände entlang standen große Regale mit zahllosen Büchern.

Eine feierliche Ruhe lag über dem Zimmer, es war, als ob jemand das alles geschaffen und zusammengetragen und gesammelt habe, der längst nicht mehr lebt; und als ob seitdem niemand mehr hier drinnen gewesen sei.

Lena saß, ohne sich zu rühren, und als immer noch niemand kam, schloß sie die Augen, und ein flüchtiger Traum ging über ihr Herz: die Tür wird aufgehen und George eintreten und sagen: ›Du hattest nie eine Heimat, Lena; der einzige, der dich schützte und lieb hatte, ist tot. Nun bleib hier und geh nie mehr fort.‹ – Und zwei weiche Hände einer alten Frau würden über ihren Scheitel gleiten und sie emporrichten, und die alte Frau würde sagen:

›Du hast George von hier fortführen wollen in die große Welt, nun kommst du selbst und bittest um eine Heimat. Nun weißt du, daß die Welt draußen die Menschen vernichtet, und wirst hier bleiben immer und mit George glücklich sein. – Komm mit, Lena, dein Zimmer oben ist fertig und wartet auf dich.‹ – –

– Da –! Schritte draußen!

Lena sprang auf.

Schritte, die schlürfend die Treppe herunterkamen, ganz langsam jetzt über die Steinfliesen des Vorplatzes – jetzt an die Tür –«

Lenas Herz schlug zum Zerspringen. – Dann öffnete sich die Tür: – Georges Mutter –.

Die Augen der beiden begegneten sich, sekundenlang, Lenas Augen groß, weit aufgerissen, die der alten Frau etwas verwundert, fast gleichgültig, ohne Verständnis – dann trat Lena vorwärts, ein, zwei Schritte, die rechte Hand flach gegen die rechte Brust gepreßt und die linke Hand flach gegen die linke Brust gepreßt – sie suchte nach einem Wort, sie sagte auch etwas, aber es war nur ein Bewegen der Lippen und ein leiser gurgelnder Ton, – dann trat sie noch einen Schritt vor, sie huschte mit ihren Augen über das Gesicht der alten Frau: ›Nicht wahr, du begreifst? Du verstehst –?‹ – Dann ging ein Zittern über sie hin, – dann fassungslos, außer sich, warf sie sich mit einem erstickten Schrei vor sie nieder. Sie umschlang ihre Kniee, sie vergrub das Gesicht in dem schwarzen Kleide.

– – Sie hörte über sich Worte, – – Worte, die vielleicht erstaunt und geängstigt klangen, – Worte ohne Verständnis und Worte in wachsender Erregung, – aber sie schienen Lena ganz weit her zu kommen, aus einer Ferne.

Sie ließ nicht los, sie umklammerte sie fester: ›Nur so liegen bleiben, in das schwarze Kleid hineinstarren, sich festhalten, festhalten, festhalten – –‹

Da! George! Seine Stimme!

In den Knieen liegend, richtete sie den Oberkörper in die Höhe, ließ sie die Umklammerte frei, schaute sie rückwärts – dann riß sie sich empor –«

»George!«

Sie sah ihm nur einen Moment ins Auge, als sie sagte: »– Mein Vater ist tot, George, du mußt mich schützen –,« dann lag sie in seinen Armen, den Kopf an seiner Schulter, die Augen fest geschlossen.

Nach einer Weile hörte sie fragen: »Wer ist das, George?« –

Und antworten: »Meine Braut –«

Aber sie sah nicht diesen unbeschreiblichen Blick der alten Frau, in dem sich alles zusammendrängte: Frage, Staunen, Schmerz, Empörung, alle Enge einer kleinen Frauenseele und alle Weite des Mutterherzens. –«

Und sie sah nicht Georges Blick, der jenem antwortete, der zuerst weich und flehend sagte: ›Verzeih mir, wenn ich dir nie von ihr erzählt habe, nimm sie hin, tröste sie, sie ist mein Liebstes,‹ – und der langsam starr wurde, kalt, eisig, und dann matt, stumpf –«

– zwei Blicke, die hin und her gehend für zwei Menschen das Schicksal bedeuteten.

Sie fühlte nur, wie George sie nach einiger Zeit ein paar Schritte seitwärts führte und sie niederzog auf den Sessel.

Es war totenstill im Zimmer. Aber sie hielt seine Hände und hörte ihn bisweilen, das Gesicht dicht an ihr Gesicht gelehnt, flüstern: immer dieselben weichen tröstenden Worte.

Sie sah nicht die alte Frau, die an der andern Seite des Zimmers bewegungslos saß, sie wußte vielleicht nicht einmal, daß diese dritte noch im Zimmer war, sie hatte sie vergessen.

Und George, vor Lena in den Knieen liegend, einen Arm um ihre Taille geschlungen, hatte vielleicht auch vergessen, daß eine dritte im Zimmer war.

Die Herbstsonne war längst hinter den Büschen des Gartens verschwunden, es begann zu dunkeln, nur der riesige Kopf der Juno blickte weiß aus dem dämmernden Zimmer.

Vergessen! Die alte Frau saß ganz stumm, den Kopf leicht vorgeneigt, die Hände im Schoß gekreuzt. Sie war vergessen. Die beiden drüben, deren Flüstern wie ein Schatten über das Zimmer glitt, hatten sie vergessen.

Sie begriff das alles erst halb, es war zu rasch gekommen, zu plötzlich.

Der fremde Eindringling war ins Haus getreten und hatte George von ihr fort an sich gerissen, und George, der bisher niemand in der Welt als ihr allein gehört hatte, lag drüben vor dem fremden Mädchen und schaute sich nicht mehr um.

Es war kein rechter Schmerz, der sie beherrschte, sie saß wie in einer Betäubung. Sie hatte jeden kleinsten Schritt in ihres Sohnes Leben bisher geleitet, und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß das je anders werden könnte. Nun hatte man sie beiseite geschoben wie etwas Gleichgültiges, dessen Wille und Entscheidung, falls sie nicht alles gutheißen, nicht weiter in Betracht kommen.

– Ein Klopfen an der Tür – –«

– Und als niemand antwortete, wurde die Tür geöffnet, und das kleine Dienstmädchen trat herein, behutsam auf den Strümpfen gehend. Sie brachte die Lampe, die das Zimmer mit hellem Licht füllte, dann verschwand sie wieder geräuschlos, die Tür leise hinter sich zuziehend.

George war aufgestanden, nun richtete er auch Lena in die Höhe:

»Komm, Lena.«

Sie öffnete die Augen und sah geblendet in das Licht, in dessen vollem Scheine die alte Frau drüben saß, totenblaß und ohne sich zu bewegen, nur den Blick starr auf die beiden geheftet.

Auch Georges Augen wehrten sich mühsam gegen den grellen Schein.

Auch er sah die Mutter, die regungslos herüberschaute.

In einem überströmenden Gefühl, in einer letzten heißen Aufwallung zog er Lena mit sich, dicht vor sie hin: »Komm, Lena,« und beide Hände Lenas in den Schoß seiner Mutter legend, sagte er nichts als:

»Mutter –? – Mutter – –?!«

Aber Lenas Hände lagen auf zwei eiskalten Händen, die sich nicht bewegten, die sich nicht erhoben.

Er sagte noch einmal: »Mutter –«

Und dann noch einmal, mit einem Flehen, durch das es wie dumpfer Groll klang:

»– Mutter!!«

Dann riß er Lena empor: »Komm.«

Er öffnete die Tür und schloß sie. Er geleitete Lena über den Vorplatz, in dem eine kleine Lampe matt brannte, ein eisiger Herbstwind schlug ihnen von draußen her ins Gesicht. Sie gingen durch den nächtlich dunklen Garten den schmalen Kiesweg entlang, dann lagen Haus und Garten hinter Lena.

*

– – Zum ersten Male war Schwerin nach Oldeslo gekommen, als er Lena in den Frühlingstagen hergeleitete, – zum zweiten Male mit der schweren Todesnachricht, – und nun vierzehn Tage später, als der erste frühe Winterschnee über die Felder und Berge ein weißes Kleid gebreitet hatte, kam er zum dritten und letzten Male, um Lena zu holen.

Er saß der Generalin gegenüber in dem engen Sofa hinter dem Mahagonitisch, wo er sich nicht nach rechts und links bewegen konnte, und während die Generalin, in ihrer Dozentenmanier auf und ab gehend, die Tatsachen erörterte, versuchte Schwerin vergebens hin und her zu rücken. Das Zimmer war klein, niedrig, überheizt, und Schwerin saß in seinem Winterpelz, den abzunehmen niemand erschienen war, in unangenehmer Nähe des Ofens. Er zerrte einen Handschuh von den Fingern und zog ihn gleich wieder an, – eine unbehagliche Situation, die durch die langatmigen und sich immer im Kreise drehenden Auseinandersetzungen der Generalin ins Endlose erweitert wurde.

»Ich würde Ihnen, Herr Major, von der Angelegenheit sofort Mitteilung gemacht haben, aber es war aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Denn erstens konnte es mir wirklich nicht bekannt sein, wer die Vormundschaft für Lena übernehmen würde, und zweitens würde es gegen jeder Frau Empfinden verstoßen haben, in Tagen so tiefer Trauer irgend einem Wesen gegenüber, – sei es, welches es wolle, oder heiße es, wie immer es mag, – gewissermaßen als Anklägerin aufzutreten.«

Breit, mit der ganzen schweren Betonung, die ein so ohne Beispiel dastehender Fall zu erfordern schien, wiederholte sie noch einmal alle Einzelheiten, und als sie den Hergang mit jedem Detail zweimal in derjenigen Fassung erzählt hatte, in der Oldeslo noch heute – vierzehn Tage nach dem Geschehnis – die Sache besprach, begann sie den Fall zu verallgemeinern, etwa wie ein Staatsanwalt, der zunächst die nackten Tatsachen referiert, um dasselbe Bild dann in großem Rahmen plastisch zur Anschauung zu bringen.

»Ein junges Mädchen, das einer Dame der besten Gesellschaft zur Erziehung anvertraut worden ist und dem seit mehr als einem halben Jahre in dem Hause dieser Dame, ich will nicht sagen Liebe – denn ich vermeide prinzipiell jeden Ausdruck, der auch nur den schwachen Schimmer einer Uebertreibung bedeuten würde – in jedem Fall aber nichts als Gutes und Freundliches zu teil geworden ist, – ein solches Mädchen erfährt eines Tages die sicherlich unendlich traurige Nachricht, daß die Vorsehung ihm das Teuerste genommen hat. Dasselbe junge Mädchen, sechzehn Jahre alt, – in dem Sinne also, von welchem hier die Rede ist, noch ein Kind – entschließt sich zu einem Schritt – am selben Tage noch, bitte, beachten Sie das, Herr Major – der nicht nur mir (denn mein persönliches Empfinden soll dabei gar nicht in Betracht kommen, weil ein einzelner Mensch in Fragen des Feingefühls und Takts ja immerhin irren kann und vielleicht, seinem subjektiven Empfinden entsprechend, allzu strenge Forderungen aufstellt) – nein, Herr Major, der einer ganzen Stadt und jedem, der davon hört, als geradezu unfaßlich erscheint. Sie geht in das Haus eines jungen Mannes, der in hiesiger Stadt ansässig ist und setzt damit einem Verhältnisse, das an und für sich schon die schärfste Mißbilligung verdient, sozusagen die Krone auf. – – Nichts, Herr Major, liegt mir ferner als die im übrigen durchaus natürliche Erwartung: Lena hätte zu mir kommen sollen und bei dem einzigen weiblichen Wesen, das ihr hier nahestand, Trost suchen, – mein menschliches Gefühl aber, Herr Major, und mein Gefühl als Frau und als Erzieherin und als Dame der Gesellschaft und als ich weiß nicht was sonst noch, sagt mir, daß ein Mädchen, das in solcher Stunde seinem – ich gebrauche das stärkste Wort, weil ich kein andres finde – ›Liebsten‹ nachläuft, – daß ein solches Mädchen in meinem Hause und unter meinen Kindern schwerlich weiterhin den seinem Wesen entsprechenden Platz finden kann.«

Der Major saß ganz stumpf. Er regte sich nicht mehr und hatte den Versuch aufgegeben, sich aus der Enge seines Platzes und seines Pelzes zu befreien. Der Wortschwall betäubte ihn und begann sein Denken zu verwirren.

»Ich habe,« sagte die Generalin, »die Angelegenheit selbstverständlich nicht auf sich beruhen lassen, sondern dieselbe in alle Phasen und alle Instanzen hinein verfolgt, – und ich gebe Ihnen die Versicherung, Herr v. Schwerin, daß nicht nur in diesem Hause, sondern in ganz Oldeslo der Fall in durchaus gleichlautender Weise besprochen wird. Ich habe, meinem innersten Wesen zuwider, die Sache auch insofern weiter verfolgt, als ich mit der Mutter des betreffenden jungen Menschen Rücksprache zu nehmen mich verpflichtet fühlte, und ich kann Ihnen nur soviel sagen, Herr Major, daß die Dame, – eine Dame der guten bürgerlichen Gesellschaft, eine Witwe, die Frau eines früher hier ansässigen verstorbenen Arztes, – meine Ansicht durchaus teilt. – Ich habe dann mit Fräulein v. Baggersen, die seit vielen Jahren die treue Förderin meiner Bestrebungen ist, den Fall hin und her besprochen; wir haben uns beide gefragt, ob es mit Rücksichtnahme auf die verwaiste Lebensstellung Lenas und mit Rücksichtnahme auf das für den Ruf eines jungen Mädchens vernichtende Urteil der Welt nicht doch noch möglich sei, Lena bei uns zu behalten, – aber so schmerzlich es ist, Ihnen, Herr Major, das rund heraus sagen zu müssen, wir sind beide immer wieder zu demselben Schlusse gekommen: nein! es geht nicht! Es gibt eben Dinge, über die man als Frau und Dame und Erzieherin nicht fortkommt, und ein Liebesverhältnis, das – ohnehin schon unstatthaft und im höchsten Maße verwerflich – derartige Konsequenzen angenommen hat, nämlich die Konsequenzen des Nachlaufens und direkt ins Haus des jungen Mannes Gehens, muß jede weitere Gemeinschaft zwischen dem betreffenden Mädchen und uns ausschließen.«

Sie deutete durch eine Handbewegung an, daß sie alles gesagt habe, was dem Major gegenüber zu sagen ihre Pflicht sei, und langsam mit beiden Händen den Mahagonitisch vor sich fortstoßend, gelang es Schwerin, sich aus der Enge zu befreien. Große Schweißperlen liefen ihm über das Gesicht, und während die Generalin klingelte und dem hereintretenden Mädchen die Ordre gab: »Fräulein Lena soll zu mir kommen,« gewann Schwerin das Fenster, wo er die unklare Einbildung einer weniger intensiven Hitze hatte.

Undeutlich, wie ferne böse Schatten glitten die unzähligen Liebessünden seines bewegten Lebens an ihm vorüber, und dieser harte Richterspruch, der da eben über die kleine Liebe eines Kindes gefällt war, schien ihm – aber auch das nur undeutlich – wie eine ins Riesenhafte wachsende Anklage gegen sein eignes Leben.

Ganz schwach dämmerte ihm die Empfindung, daß die Dame da vor ihm als Repräsentantin einer Stadt, einer Gesellschaftsklasse, ja mehr noch: einer ganzen Weltanschauung, mit wuchtiger Hand etwas zerstört habe, das ihm selbst sehr fein und duftig erschien, aber er fand nicht die richtige Formulierung dieser Gedanken.

Es klopfte draußen, dann ging die Tür auf, und Lena kam herein.

Sie zuckte leise zusammen, als sie Schwerin sah, von dessen Ankunft sie zu verständigen niemand für nötig gehalten hatte, aber so gewaltig war die große Würde, die von der Generalin ausging, und mit solchen Zentnerlasten hatte man Lena in diesen vierzehn Tagen zu Boden gedrückt, daß sie scheu an der Tür stehen blieb und dem Major nur flüchtig zunickte.

In dem schwarzen Kleide, das ganz einfach und glatt nach einem uralten Schnitt angefertigt war und das ihre schlanke Gestalt förmlich einzuengen schien, sah sie anders aus als früher, viel jünger, wie ein schmächtiges Kind. Das Gesicht war blaß, sie stand mit gesenkten Augen, die Arme herabhängend, die schmalen weißen Finger ineinandergelegt.

»Ich habe mit deinem Vormunde gesprochen, Lena,« sagte die Generalin. »Du wirst dementsprechend im Laufe des Nachmittags deine Koffer packen lassen, und Herr v. Schwerin wird die Liebenswürdigkeit haben, dich morgen früh mit sich zu nehmen. Oder wünschen Sie die Reisedispositionen in andrer Form, Herr Major?«

»Nein.«

»Dann ist es gut. Du kannst nun gehen, Lena.«

So ging sie wieder.

Ein paar Worte sprach die Generalin noch in gehaltenem Tone mit Schwerin, – dabei streiften seine Augen immer über die Tür hin, als ob der kleine schwarze Schatten da noch stünde.

»Es ist mir schwer gefallen, Herr Major, Ihnen diese Stunde bereiten zu müssen, aber ich hoffe, daß ein Mann Ihrer Erfahrung und Ihrer Grundsätze mir vollkommen recht geben wird. Ich habe eine Verantwortung, Herr Major, in vierfacher Hinsicht: meinen jungen Mädchen gegenüber, deren Eltern gegenüber, ferner vor mir selbst und schließlich vor der Allgemeinheit. Versetzen Sie sich in meine Lage, – das ist alles, was ich sagen kann.«

Schwerin ging mühsam die Treppe hinunter, eine breite steile Holztreppe ohne Teppiche. Er spähte aus nach Lena, um ihr im Vorübergehen tröstend die Hand zu drücken, aber er sah weder sie noch sonst jemand, und so verließ er das Haus. Immer schwirrten ihm diese letzten Worte der Generalin im Kopfe herum: »Versetzen Sie sich in meine Lage,« – als er aber eine Zeitlang das zu tun versucht hatte, vergebens natürlich, blieb er plötzlich stehen, denn eine Erkenntnis kam ihm klarer und klarer zum Bewußtsein – –«

– Seine Hände ballten sich zur Faust, – und indem er sie erhob und gegen irgend etwas drohend schüttelte: vielleicht nur gegen die Generalin, vielleicht aber auch gegen die ganze Stadt um ihn her, fand er endlich das befreiende Wort:

»Hol euch der Satan alle zusammen! – Zusammen!!«

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