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Wilhelm Meyer-Förster: Lena S. - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Meyer-Förster
titleLena S.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunErstes Tausend
year1903
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120708
modified20141205
projectid3c83bd15
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Fünftes Kapitel

Auf einem blauliniierten, zerknitterten Quartblatt, im Zickzack aus irgend einem Schreibheft gerissen, hatte Lena mit Bleistift geschrieben (unorthographisch, wie immer, wenn sie in Hast war):

»Sei Punckt 12 an der Bahn, George, Papa kommt. Er reist Abends 10 wider ab. Du mußt auf jeden Fall kommen. Du mußt ihn sehen. Du sihst ihn zum aller-allerersten Mal! Ich bin glücklich vor Freude! Er kommt Punckt 12 oder ein paar Minuten später.«

– – George war lange vor der festgesetzten Zeit auf dem Bahnhof, und als eine Viertelstunde nach ihm die Generalin erschien und mit Lena auf und ab promenierte, lehnte er seitab in dem Schatten einer Mauer. Aber Lena suchte hastig mit ihren Augen den Bahnsteig entlang, – dann fand sie ihn und nickte mit einem Lächeln.

Sie sah ganz anders aus als sonst. Sie trug das graue Kleid, aber darüber – zu Ehren des Besuches und mit besonderer Erlaubnis der Generalin – eine Jacke aus dunklem Sammet mit Pelz besetzt, in der George sie nie gesehen hatte.

Sie sah strahlend aus, und jedesmal, wenn sie an ihm vorbeikam, lächelte sie ihm zu. Sie wandte den Kopf alle Augenblicke nach der Richtung, aus welcher der Zug kommen mußte, – in jeder Bewegung und Miene sah man das Glück der Erwartung.

Es war ein sonniger Oktobertag. Ein warmer Wind kam über die Felder, und ganz leise lösten sich die Blätter der Platanen und flatterten auf den Bahnsteig und die Schienen.

Links drüben lag der Hardisberg, der mit den braunen Herbstfarben in der Sonne wie ein Schild aus Bronze glänzte.

Nach einer Weile erschien der Stationsvorsteher mit der roten Mütze, hinter ihm der Gepäckträger, der in Oldeslo ein nicht schweres, aber auch nicht einträgliches Dasein führt, ferner der Postbote mit dem kleinen, schmalen, grauen Beutel, in welchem die Oldesloer Briefschaften enthalten sind, und dann endlich trat der Gepäckträger an die große Glocke, die er eine Zeitlang in Bewegung setzte. Denn nun sah man die feine Rauchwolke in der Ferne auftauchen, die dieses Mal keinen der vorbeifegenden Schnellzüge anzeigte, sondern den gemächlichen Mittagszug, der jahraus jahrein an jedem Tage in Oldeslo drei oder vier Minuten Station macht. George trat unwillkürlich ein paar Schritte vorwärts, aber Lena sah ihn nicht, denn mit großen weitoffenen Augen spähte sie dem Zuge entgegen, das Gesicht in einer halb glücklichen, halb ängstlichen Spannung – – – und dann schrie sie auf: »Papa!«

Auf hundert Schritt Entfernung hatte sie ihn am Fenster erkannt.

Mit einem Sprunge war sie von der Seite der Generalin fort, über das vordere Schienengeleise hinweg dem Zuge entgegen, und ehe noch der Zug zum Stehen gebracht war, hing sie an den Griffen des Wagens, die schmalen, gelben Stiefel auf dem Trittbrett, stürmisch dem Vater die Hände entgegenstreckend, der im nächsten Moment nichts sagen konnte als:

»Aber Lena! Aber Lena!«

Der Schaffner eilte heran, um zu öffnen, doch sie war ihm längst zuvorgekommen.

Sie umhalste den Vater, sie belud sich mit seinem kleinen Koffer und dem grauen Bündel, in dem Stöcke, Schirme und Reitpeitschen zusammengebunden waren, dann ließ sie die Sachen achtlos zu Boden fallen und umarmte ihn von neuem, – und nahm die Sachen wieder auf, und schließlich lag sie an seiner Brust, schluchzend, lachend.

Langsam und vornehm kam die Generalin heran; sie betrachtete die Gruppe mit diesem sonderbaren, einigermaßen verlegenen Lächeln, das man bei solchen Gelegenheiten aufsetzt und das eigentlich kein Lächeln ist. Fast gewaltsam machte sich der Rittmeister von Lena frei, aber in seinem linken Arm blieb sie doch liegen, als er nun auf die Generalin zutrat.

Vielleicht war er auf das Zusammentreffen mit der Dame nicht vorbereitet, vielleicht hatte er erwartet, Lena allein zu finden – in seinem hageren, blassen Gesichte zuckte es einen Moment, und es kostete ihm Anstrengung, ein paar Worte zu finden.

»Ich war in Rußland und – in – in England, meine Gnädige, ich wäre sonst längst gekommen. Sie haben sich Lenas so freundlich angenommen, – ja – ich bin Ihnen vielen Dank schuldig.«

Er bot ihr den Arm und führte sie den Bahnsteig entlang dem Ausgange zu, während Lena seine linke Hand umklammert hielt. So kamen sie dicht an George vorüber, und mit strahlenden Augen sah Lena ihm ins Gesicht, als wollte sie sagen:

›Da ist er, George. Was sagst du nun?‹

Sie stiegen in Piepers zweispännigen Wagen, der draußen hielt und in Anbetracht des sehr kurzen Weges vielleicht nicht notwendig gewesen wäre, dessen Gebrauch aber die Generalin, die sonst stets zu Fuße ging, bei solchen Gelegenheiten für unerläßlich hielt. –«

Langsam verließ George den Bahnsteig und langsam kehrte er in die Stadt zurück.

So oft er mit Lena zusammen gewesen war, hatte sie ihm in einer fast überschwenglichen Weise von ihrem Vater erzählt. Er kannte ihr Bild, auf dem der Rittmeister leicht vorgeneigt steht, ein großer, schlanker Mann im dunklen englischen Anzuge, ein aristokratisches Gesicht mit kurzgeschnittenem Haar und kurzem blonden Schnurrbart. Eine sehnige Reiterfigur, der man auf den ersten Blick den Offizier ansah.

Und nun das! George begriff es nicht. Ein müder, gebrochener Mann, dessen Haar und Bart ergraut waren. Der, als Lena ihn stürmisch umarmte, so eigentümlich unsicher, ängstlich gelächelt hatte, und dem man es ansah, wie er sich an der Seite der Generalin Mühe geben mußte, eine straffe Haltung zu wahren.

In der »Kaiserkrone«, in dem kleinen runden Zimmer, das an den großen Speisesaal stößt, wurde das Diner serviert. Die Generalin hatte, wie es die Höflichkeit erforderte, den Rittmeister gebeten, die Mahlzeit in ihrem Hause einzunehmen, als er aber nervös abwehrte und – stockend, in der vagen Hoffnung; sie werde nicht annehmen – sie seinerseits bat, mit Lena und ihm im Hotel zu speisen, fand sie keinen Anlaß, diese Bitte abzuschlagen.

Die »Kaiserkrone« war ein altmodisches Haus, ganz anders als die tausend Hotels, die Lena in ihrem Leben gesehen hatte, und trotzdem hatte sie, nun sie am Arme des Vaters hineinschritt, die wunderliche Empfindung, wieder auf Reisen zu sein, wie einst. Sie war glücklich, sie lachte: »Sieh nur, Papa, die merkwürdige Treppe mit dem Holzgeländer, die niedrigen Korridore und die uralten Bilder.« Der Kellner nahm ihr das Jackett ab, und sie ließ ihn gewähren, ohne sich auch nur umzuwenden, wie eine Dame, wie damals.

Nur einmal, flüchtig kam sie dazu, den Papa zu umarmen, ein paar Worte mit ihm zu flüstern (während die Generalin ihr den Rücken drehte, um vor dem goldgerahmten Spiegel ihre Locken zu ordnen), als sie ihn aber voll anblickte, ging über ihr Gesicht ein ängstliches Erschrecken:

»Papa, du bist krank?! Wie siehst du aus?! Papa, sieh mich an!« Er wehrte ab: »– – Nichts, gar nichts. Aber ich will mit dir allein sein. Ich bin hergekommen, um mit dir allein zu sein.«

Er murmelte etwas vor sich hin und biß sich in zuckender Nervosität auf die Lippen, – dann bot er der herantretenden Generalin den Arm.

Man ging zu Tische.

– – »Das war im Jahre 51, als ich zuerst nach Berlin kam« – erzählte die Generalin, – »mein Gott, wie jung war ich damals!«

Sie nippte an dem spitzen Glas und nippte noch einmal. Ueber ihr vertrocknetes Gesicht hatte der schwere Wein eine sanfte Röte gemalt, und der sonst strenge Mund lächelte, – erzählte – –

»– denn ich war zwanzig Jahre jünger als mein Mann, ich war ja ein Kind, als ich heiratete. Kennen Sie Solms, Herr Rittmeister –? Die alte Excellenz? Er war einer unsrer Freunde. Also er lebt noch! Mein Gott, er lebt noch!« Sie nippte wieder – »Und schließlich: weshalb auch nicht? Weshalb soll er nicht mehr leben, nicht wahr? Er wird kaum achtzig sein.«

Sie sprach fast ohne Unterbrechung, und diese Unterhaltung hatte etwas Einschläferndes, das Lena betäubte. Erinnerungen an ihre wunderliche Kinderzeit zogen an ihr vorbei, an die endlosen Diners in den großen Hotels, bei denen sie im weißen Kleidchen neben den Herren gesessen hatte, wo auch immer von Dingen die Rede gewesen war, die sie nicht kümmerten, und wo sie ebenso wie jetzt Mühe gehabt hatte, gegen das Einschlafen anzukämpfen.

Nur wenn die Kellner neu servierten, wurde sie einige Minuten wach und schob ihren Teller neben den des Vaters, wie sie es immer getan hatte seit den halb vergessenen Kindertagen, in denen er bei den Diners ihren Teller gefüllt und die Speisen zerschnitten hatte. Mit einem erstaunten Blick musterte die Generalin diese eigentümliche Zuerteilung, aber sie dachte: »das ist in der vornehmen Welt vielleicht neuerdings Sitte« – und sie fuhr fort zu erzählen.

Der Rittmeister trank hastig, Glas auf Glas – jetzt hatte er die Empfindung: ›es ist gut, daß die Frau als dritte mitgekommen ist. Wenigstens ist da jemand, der spricht, der über die ersten paar Stunden forthilft, der – der – ja was?‹ Er griff sich an den Kopf, als ob seine Gedanken da drinnen anfingen, aus der Reihe zu springen, – dann schenkte er neu ein: »Trink doch, Lena. Ihr Wohl, meine Gnädigste. Der Wein ist gut. Oder nicht? Was sagst du, Lena?« Er lachte: »Sie versteht sich auf Wein, aber sie hat vielleicht keine Uebung mehr.« Die Generalin stimmte ein in dieses sonderbare Lachen, und ganz Laune und ganz Wohlbehagen beugte sie sich vor und strich Lena mit der warmen, hageren Hand über die Backen: »Sie ist unsre liebe Lena, die wir alle sehr gern haben.«

Das Mädchen zuckte zusammen, aber in des Rittmeisters Herz wühlten die paar banal-freundlichen Worte einen Sturm empor. Der Wein, die tödliche Nervenabspannung, alles drängte ihn vorwärts. Vor seinen Augen flimmerte es, er sah nur undeutlich die Generalin sich zu Lena hinüberbeugen, dann hatte er das Gefühl: ›nimm die Hände dieser Frau! Fleh sie an, Lena zu schützen, wenn – – Wirf dich vor ihr nieder und bitte sie! Bitte sie!!‹

Aber im nächsten Augenblick, noch rechtzeitig, kam er zur Besinnung.

Die Hände auf die Lehnen des Sessels stützend, hob er sich mühsam in die Höhe, – er lächelte – dann bot er, unmerklich wankend, der Generalin den Arm: »Meine Gnädigste –«

Sie war in rosigster Stimmung:

»Sie werden den Kaffee bei uns zu Hause nehmen, Herr Rittmeister, in unserm Garten. Sie müssen doch auf jeden Fall mein Haus sehen, und Lenas Zimmer, und Lenas Freundinnen.«

Wieder half der Kellner den Damen beim Ankleiden, und während der Wirt und die Kellner alle Türen aufrissen und sich tief verneigten, ging man hinaus auf die menschenleere Straße, die mit ihrem weißen Sonnenlichte die Augen blendete.

Immer sprach die Generalin, immer ging Lena stumm hinterher.

Stumm stand sie zur Seite, als die Generalin mit einem ihr sonst fremden Wortschwall Fräulein v. Baggersen vorstellte und, allen Mädchen zärtlich über den Scheitel streichend, die einzelnen Namen nannte.

»Das sind meine Schützlinge, Herr Rittmeister, Lenas Freundinnen, die alle sehr glücklich sind. Seid ihr's nicht, Kinder?«

Die Mädchen blickten sich an, so hatten sie die Generalin nie gesehen. Der Kaffee wurde serviert, dann ließ es sich die Generalin nicht nehmen, dem Rittmeister selbst das Haus zu zeigen, und immer ging Lena stumm hinter ihnen her, während der Rittmeister mit todmüder Artigkeit zu allem nickte und hie und da einige Worte fand.

Erst spät am Nachmittag gelang es ihm, sich zu verabschieden. Die Generalin drang in ihn: »Sie werden uns die Freude machen, Herr Rittmeister, zurückzukommen, um das bescheidene Abendbrot bei uns zu nehmen. Wann fährt Ihr Zug? Erst um zehn? O da haben Sie noch soviel Zeit. Sie müssen es uns versprechen, Herr Rittmeister. Lena wird Ihnen die Stadt zeigen, und du wirst, meine liebe Lena, deinen Papa den Hardisberg hinaufführen, damit er die Aussicht sieht. Dann abends erwarte ich Sie wieder hier, ganz bestimmt.«

Aber er verneinte, und als sie noch einmal darauf zurückkam, schlug er in einem so gereizten Tone die Bitte ab, daß sie plötzlich ernüchtert schwieg.

»Ich habe Lena so lange nicht gehabt, ich habe sehr viel mit ihr zu besprechen. Sie müssen es verzeihen, meine Gnädigste, aber diese wenigen Stunden muß ich Lena reservieren. Sie wird mich abends zur Bahn begleiten, und ich werde Lena mit dem Wagen zurücksenden.«

Dann endlich war er mit Lena allein.

Hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her, aber auch dann lag über den Worten, die sie wechselten, eine bleierne Schwere. Die Stimmung, in der Lena ihn früh erwartet und begrüßt hatte, war unter dem Drucke dieser letzten Stunden niedergepreßt, und sie fand nicht die Elastizität, sich von diesem Drucke zu befreien. Sie zeigte ihm im Gehen die kleinen Sehenswürdigkeiten der Stadt, das Rathaus, die Kirche, das Gymnasium, – dann fragte sie nach Schwerin, wie es ihm gehe, was er jetzt tue und andres mehr. Die Fragen hatten etwas Kaltes, es lag kein rechtes Interesse darin, sie sprach, um zu sprechen.

Als aber die Stadt zurückblieb, der schmale Streifen Felder, der bergansteigend zum Hardisberg führt, hinter ihnen lag und die ersten Buchen mit ihrem schlanken silbergrauen Stamm und der grünen Blätterkrone sie in ihren Schatten aufgenommen hatten, da plötzlich umarmte sie ihn stürmisch:

»Papa, lieber Papa!«

Sie wußte selbst nicht, wie es kam, aber sie brach in Tränen aus, fassungslose Tränen. – Sie umklammerte seinen Hals, sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, es war wie ein Weinkrampf, der ihren ganzen Körper erschütterte.

Erschreckt stemmte er die Hand gegen ihre Stirn und bog mühsam ihren Kopf zurück, um ihr in die Augen zu sehen:

»Kind, was fehlt dir?! Du bist nicht glücklich, Lena?!«

Aber sie umklammerte ihn nur fester: »Du bist es, der nicht glücklich ist, Papa, du nicht. Sag mir, was dir fehlt.«

Es drängte sich ihm auf die Lippen: ›Sag Lena alles, sie ist die einzige, bei der du Trost findest und die dich versteht, und du hast nur noch wenige Stunden vor dir – –‹ – aber rings um ihn lagen die Sonnenlichter über dem braunen Laub des Waldes, und eine feige Stimme in ihm murmelte: ›Du hast noch Zeit; sag es ihr heute abend, wenn es dunkel geworden ist. Versuch diese wenigen Stunden noch einmal heiter zu sein um deinetwillen und um Lenas willen. Wenigstens so lange, bis die Sonne untergeht

Mit einer sonderbaren Ruhe, die ihn selbst in Erstaunen setzte, redete er Lena zu, bis ihre Tränen zu fließen aufhörten und endlich ein Lächeln über ihren Mund huschte.

»Es war die Erregung, Papa, daß ich dich endlich einmal wieder habe! Oder vielleicht, weil ich mir eingebildet habe, du wärest krank und unglücklich. Nicht wahr, du bist nicht krank und nicht unglücklich –?«

Er schüttelte mühsam den Kopf, und sie nahm den Hut ab, glättete ihr Haar, setzte ihn wieder auf und sagte:

»Ich bin so froh, Papa, daß ich dich wieder habe, endlich einmal! Wie kam ich nur dazu, zu weinen, wo ich so heiter und lustig sein müßte?«

Und dann war sie wirklich heiter und lustig. Sie lief wie ein Füllen den Waldweg vor ihm hinauf und wieder zurück in seine Arme, die er weit ausbreitete, so daß sie wie ein Ball hinein flog und einen Moment in seinen Armen schwebte. Sie suchte die letzten Herbstblumen und schmückte ihn damit in kindischer Art und schließlich ging sie gesittet neben ihm und begann wieder nach Schwerin zu fragen:

»Was macht er? Erkundigt er sich bisweilen nach mir? Ich glaube, er sehnt sich ebenso nach mir, wie du es tust. Grüß ihn von mir, hörst du, ich schickte ihm einen Kuß.«

Sie standen oben auf dem Hardisberge, wo man weit in das Tal hineinblickt, und Lena persiflierte die Generalin:

»Dort ist Westen. Wenn man immer geradeaus gehen würde, so käme man zunächst an den Rhein, darauf nach Aachen, hierauf nach Belgien und schließlich nach Paris.«

Und sie deutete mit einer komischen Grandezza nach Süden, nach Norden, nach Osten, in jeder Himmelsrichtung die geographischen Weisheiten zum besten gebend, welche die Generalin nach dem Muster berühmter Pädagogen auf den Spaziergängen, also gewissermaßen spielend, den Kleineren mitzuteilen suchte.

Er lächelte. In diesem müden Gesicht nahm sich das Lächeln seltsam aus, aber Lena bemerkte es nicht. Vielleicht weil ihr die Fähigkeit fehlte, dieses Gesicht, das ihr allzu vertraut war, zu beurteilen. Wie man Menschen und Dinge, die einem am nächsten stehen, oft am allerwenigsten kennt.

In der Langenhagener Mühle jenseits des Berges ließen sie sich ein bescheidenes Abendbrot herrichten. Es war sommerlich warm, aber außer ihnen befand sich niemand im Garten, denn die Leute von Oldeslo kommen mit vereinzelten Ausnahmen nur Sonntags hierher. Sie saßen an den alten Weiden dicht am Bach, wo zwischen zwei Mauern das große Holzrad sich langsam dreht. Vor ihnen lagen die Wiesen, die am Bache her das schmale Tal entlang ziehen, und auf denen mit der sinkenden Sonne der Schatten der Berge sich immer größer und gewaltiger ausdehnte.

Als sie sich auf den Heimweg machten, dieses Mal nicht über den Hardisberg, sondern die Chaussee entlang, tauchte die goldige Scheibe hinter den Spitzen der Berge nieder. Sie sahen noch einmal in einer Waldlichtung sie zwischen den Baumstämmen leuchten, dann sank die Sonne und verschwand.

Ein Frösteln ging über den Rittmeister hin.

Nach einiger Zeit kamen die grauen Farben der Dämmerung. Der Oktoberabend war da, ein kühler Wind machte sich auf, und die Erde selbst begann eine feuchte Kälte auszuströmen. Sie gingen ganz langsam, sie hatten ja Zeit, der Rittmeister zur Rechten, während Lena in seinem linken Arm lehnte, den Kopf leicht an seine Schulter gestützt.

»Weißt du noch, Papa, wie wir einmal so zusammen durch den Schwarzwald gingen, immer weiter, immer weiter, immer in die Tannen hinein, – und du lachtest, als ich ängstlich sagte, wir müßten umkehren? Und als wir dann erst mitten in der Nacht nach Gernsbach kamen und du mich schließlich auf den Rücken hattest nehmen müssen, weil ich nicht mehr weiter konnte?«

Ob er's noch wußte! Es war eine Tollheit gewesen, bei der er sich verirrt und schließlich nicht mehr rechts und links gewußt hatte, – bei der Lena ihm im Arme einschlief, so daß er das Kind stundenlang auf dem Rücken tragen mußte, während ihr kleiner Atem über seinen Nacken strich. Keuchend, todmüde war er mit seiner Last schließlich nach Gernsbach gekommen.

Und es war doch schön gewesen, – er noch jung, – und Lena ein Kind – –!

In der Ferne am Ende der Chaussee blinkten Lichter: Oldeslo. Ueber den Feldern war es Nacht geworden.

Sie gingen schweigend, viele hundert Schritt, ohne ein Wort zu sagen, beide in alten Erinnerungen verloren. Bis plötzlich in Lenas Herz etwas zu zucken begann, immer rascher, immer rascher zu schlagen, so rasch, daß es ihr die Brust zusammenschnürte und ihr fast den Atem nahm, Und als die ersten Häuser der Stadt rechts und links neben ihnen auftauchten, griff sie hastig nach seinem Arm:

»Nein, Papa, nicht hinein! Laß uns draußen bleiben.«

»Weshalb?«

Sie zitterte:

»Ich – ich – ich habe dir – noch – viel zu – sagen.«

Erschreckt blickte er sie an, aber Lena ließ ihm nicht Zeit zum Fragen.

»Komm, Papa, komm mit,« und sie zog ihn mit sich wieder rückwärts in das nächtliche Dunkel, aus dem nur wie zwei lange starre Reihen an beiden Seiten der Chaussee die Bäume sich undeutlich abhoben.

Sie hatte es ihm nicht sagen wollen, aber wie ein Druck hatte es in den düstern Stunden am Mittage und in der übersprudelnden Fröhlichkeit im Hardisberge und schließlich in dieser verträumten Abendwanderung auf ihr gelegen, bis es nun endlich in stockenden, stammelnden, dann immer hastigeren Worten hervorbrach: das einzige Geheimnis, das zwischen ihr und ihm bisher gestanden hatte, das kleine Geheimnis ihrer Liebe.

Er ließ sie ausreden, er unterbrach sie nicht, – erst lange nachher, als sie schon weit in das nächtliche Dunkel hineingeschritten waren und die Lichter von Oldeslo nur noch wie schwache Punkte in der Ferne glänzten, – erst da begann er leise zu fragen, dies und das, wann sie George kennen gelernt habe, und wie alt er sei, – seine Eltern, seinen Beruf – –.

Er trocknete ihr die Tränen mit seinem Tuche und sagte:

»Weine nicht, Lena, es ist ja alles gut!«

Sie wandten um und gingen den Weg zurück, und während ihre Worte, ihr Erzählen leise wie eine feine Melodie an seinem Ohre vorbei klangen, ging etwas über ihn hin wie ein Friede.

Ein Friede, den er so manches Jahr nicht mehr recht gekannt hatte.

Die kleine Lena. – – Ja, sie war kein Kind mehr, und nun war ein andrer gekommen, der Lena für sich nehmen wollte. – – Es war gut so.

Es hatte eine Zeit gegeben, da er für sie Luftschlösser gebaut hatte, damals, als er selbst noch auf der Höhe des Glückes stand. Wenn irgend jemand vom Leben etwas hatte erhoffen dürfen, dann sicherlich das Kind, das in Glanz und Reichtum aufwuchs und nach der einst, wenn sie groß geworden sein würde, sich die Hände der Reichsten und Höchststehenden ausstrecken würden – – –

Nun war auch dieser Traum zu Ende, aber er war fast glücklich darüber. Lena hatte ihren Weg gefunden, einen Weg, der aus der großen Welt zurücklenkte in die kleinste Einfachheit, und dieser Weg war sicherlich der rechte.

Das Mädchen an seinem Arm, ging er schweigend durch die engen Straßen, durch die Häuserreihen, die von den spärlichen Lichtern der Straßenlaternen nur schwach beleuchtet wurden.

Ein paar Leute standen vor den Türen und unterhielten sich mit den Nachbarn, einmal rasselte ein Wagen über den Marktplatz, dann war alles wieder ruhig.

»Zeig mir das Haus,« sagte er, und sie gingen in der Dunkelheit hinter der Kirche vorbei, die Schulstraße entlang nach dem schmalen Heckenwege. Dann standen sie vor dem niedrigen Gartenzaun und blickten in den Garten hinein. Zwei Fenster in Georges Hause waren erleuchtet, sonst lag alles ganz still und tot.

Das würde also Lenas künftige Heimat sein. Eine große Träne lief ihm über die Wange, und dann schloß er das Kind in die Arme und küßte sie:

»Gott segne dich, Lena!«

*

Eine wunderliche Erregung kam über ihn: vielleicht war auch für ihn noch nicht alles verloren, und mit dieser süßen Jugendstimmung, die von Lena ausging, erwachte in ihm eine vage Hoffnung: wenn er noch einmal alles Letzte versuchte, vielleicht noch einmal Schwerin anging, ihn zu retten?! Wenn der noch einmal aushelfen würde?! Er wollte dann nichts mehr vom Leben! Nur noch einen kleinen toten Frieden! Vielleicht hier bei Lena – –!

Großer Gott, wenn das möglich wäre!

*

Und während sie weiter gingen, planlos, und Lena leise, glücklich erzählte, sann er nach, zergrübelte er seinen Kopf: wer konnte ihm noch helfen?! Wer?!!

Schwerin hatte gestern nachmittag im »Hamburger Hof« die Achseln gezuckt: »– – Alles hat seine Grenzen, Joachim, – noch einmal 50 Mille?!! – Nein, Unsinn! Ich bin kein Millionär, Joachim, den Teufel auch! Ich wollte, ich wär's!«

Oder wenn er morgen in Hamburg zu Szatek ging und ihn anflehte –: »Szatek, seien Sie barmherzig, ich kann es nicht zahlen, – ich war wahnsinnig, als ich das Geld an Sie verlor – ich – ich –«

Aber er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Der Pole würde ihn auslachen – oder – –!

Ja, es blieb nur einer, Schwerin!! Wenn Schwerin sich erbarmen wollte! Er war der Einzige, – der Einzige. Dann zuckte ein Gedanke ihm durch den Kopf: Wenn Lena jetzt die Feder nahm und an Schwerin schrieb! Lena würde er das nicht abschlagen. Lena nicht! Lena nicht!

Fieberhaft erregt zog er des Mädchens Arm fester in den seinen, und hastig vorwärts schreitend, sagte er: »Komm mit, Lena, zum Bahnhof – ich – ich – es ist noch etwas zu tun, wobei – – du mir helfen mußt –«. – – – – –

– – – Es war neun Uhr abends, als sie in den Wartesaal traten, er hatte noch eine Stunde Zeit. Der kleine Raum war fast leer, nur vorn am Büffet waren ein paar Leute aus der Stadt mit Kartenspiel beschäftigt. – –«

Nun saß Lena über dem Briefbogen gebeugt, den der Kellner gebracht hatte, und schrieb mit zitternder Hand, was der Vater ihr diktierte, einen langen, ausführlichen Brief, in dem Schwerin zum letzten Male gebeten wurde, mit seiner Hilfe einzutreten.

Es flimmerte ihr vor den Augen, – – nun wußte sie, was dieser Tag und dieses Kommen des Vaters bedeutet hatten.

Die Tür des Wartesaals öffnete sich, und es ging jemand durch. Es war George.

Lena sah ihn nicht.

Mit einer steilen Schrift, die nicht mehr aussah wie ihre eigne Schrift, sondern wie fremde, tote Buchstaben, schrieb sie die letzten Worte: »Tu es, ich flehe Dich an. Ich werde es Dir nie vergessen. Ich bin, lieber Onkel Schwerin, immer in treuer Liebe und Dankbarkeit Deine Lena.«

Sie schloß den Brief und steckte ihn in den Umschlag und schrieb mit bebender Hand die Adresse: »Herrn Major von Schwerin.«

– – Nun standen sie auf dem finsteren Bahnsteig und warteten. Der Zug kam noch nicht. Ein kalter, schneidender Wind fuhr längs der Gleise über sie hin.

Sie sprachen kein Wort mehr, aber Lena hielt seine Hand in der ihrigen und streichelte immer leise darüber hin.

Vielleicht ahnten sie beide, daß es ihre letzte Stunde, die letzten wenigen Minuten seien, die ihnen zusammen in diesem Leben noch gehörten.

In der Ferne ein schriller Pfiff, – dann langsam, fauchend kam der schwerfällige Zug in den Bahnhof gerollt.

Und plötzlich fuhr Lena auf: »Da, Papa!«

»Was?«

»George!«

Sie deutete auf ihn hin. Er stand zehn Schritte von ihnen entfernt, halb abgewandt, als wollte er durch seine Blicke Lenas Abschied von ihrem Vater nicht stören.

Dicht vor ihnen hielt der Zug, die Schaffner öffneten die Wagen.

Da, ganz langsam, ging der Rittmeister ein paar Schritte vorwärts, auf George zu, der zusammenzuckte und sich umwandte und ihn groß, erstaunt anblickte.

Er sah, wie Lenas Vater die Hand erhob und ihm entgegenstreckte, – er legte seine Hand hinein und fühlte einen langen Druck. Kein Wort wurde gesprochen.

– – Die Schaffner schlossen die Wagen, der Zug setzte sich in Bewegung.

Da schrie Lena auf: »Papa!« und sie lief neben dem Zuge her, rascher, rascher, über den Bahnhof fort in die Dunkelheit hinein – aber die hell erleuchteten Wagen schossen an ihr vorbei, einer nach dem andern, – und sie rollten hinaus, weiter, weiter, – bis sie in nächtlicher Ferne verschwanden.

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