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Wilhelm Meyer-Förster: Lena S. - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Meyer-Förster
titleLena S.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunErstes Tausend
year1903
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

In den ersten Tagen des Mai war Lena nach Oldeslo gekommen, und wenige Tage später kehrte George Dufour nach Oldeslo zurück. Nachdem er vier Jahre – mit ganz kurzen Unterbrechungen – von seiner Heimat fern gewesen war. Die ersten Semester in Göttingen, dann in Marburg, schließlich die beiden letzten Jahre wiederum in Göttingen.

Unterhalb des Hardisberges, wo der Oberforstmeister von Auerswald 1868 den hundertjährigen Buchenwald niederschlagen ließ, und die ganze Südseite des Berges dann neu aufforstete, zog sich in Windungen eine Stunde lang oder noch weiter, ein breiter Grasweg durch das noch niedrige Unterholz, das heute vielleicht auch schon ein Wald geworden ist.

Auf diesem Wege an dem letzten heißen Julitage tauschten George Dufour und Lena den ersten Kuß.

Als der Schnee wie ein weißer Teppich den Berg bedeckte, nahmen die beiden auf dem einsamen Wege im Unterholz des Hardisberges Abschied.

Eine Liebe, die in Lenas Herzen unter der Frühlingssonne erwacht war aus Verlassenheit und Heimweh.

Sie gehörten zu einander seit dem Tage, an dem George von Göttingen gekommen war und ihre Blicke sich zum ersten Male getroffen hatten.

Ganz Oldeslo wußte es, – wußte es damals schon, als George und Lena nur stumm aneinander vorübergingen, ohne je ein Wort miteinander getauscht zu haben. Die kleine Stadt mit ihren toten Straßen und den niedrigen Häusern, die aussehen, als ob sie schlafen und in aller Ewigkeit schlafen würden, hat tausend Augen. Hinter den blinden Fensterscheiben späht es hervor, und abends unter den dunklen Haustüren tuschelt es: »George Dufour und das fremde Mädchen. Man weiß, was man weiß, man sieht, was man sieht.«

Zwischen seinen großen ungefügen Händen hielt er ihre schlanke, zierliche Gestalt –: »Lena –«

Und sie lehnte den Kopf an seine Schulter: »George! – –« als ob eine Ewigkeit sie getrennt gehalten hätte und sie in dieser Ewigkeit sich nacheinander gesehnt hätten.

Die Sonne stand über dem Wesertale mit sengender Mittagsglut, kein Blatt regte sich, der große Hardisberg mit seinen Wäldern und Wiesen schien zu schlafen. Zu schlafen schien alles ringsumher: die endlosen Felder im Tale, die Stadt mit den roten Dächern und der langen Hauptstraße, in die man vom Berge gerade hineinschaut, die Dörfer jenseits des Flusses an der andern Seite der Berge, die Menschen; die Tiere und die Pflanzen auch.

Aber der Hardisberg schlief nicht. Unter dem blauen Himmel glänzte er mit seinen Buchenwäldern und den großen Lichtungen an der Südseite wie ein leuchtender Smaragd, und über den ganzen Berg hin lief ein feines Klingen und Summen, das schwingend aus allen Gräsern emporstieg und wie ein flüsterndes Hochzeitslied zwischen die Küsse und die gestammelten Worte ohne Ende hineintönte.

Bisweilen gingen sie ein paar Schritte, dann blieben sie wieder stehen, um sich anzuschauen, – der große George den Kopf niedergebeugt, Lena den Kopf in den Nacken gelegt. Sie gingen weiter und kehrten wieder um, immer nur eine kurze Strecke Wegs, als ob gerade auf dieser Wegstrecke niemand kommen würde, der sie sehen könnte. Er hielt seine schwere Hand so fest um sie gelegt, daß es Lena fast schmerzte. Unter dem dünnen Sommerkleide fühlte er ihr Herz pochen.

Von der Stadt kam der Klang der Turmuhr, zwei lange Schläge, die über den Berg verhallten.

»Ich muß fort, George, sie suchen mich zu Hause, was soll ich sagen?«

Und im nächsten Moment dachte sie: ›Wenn er mich jetzt festhält und nicht fortläßt, so ist es auch gleich, mag kommen, was will.‹

Ihr Gesicht glühte, sie lehnte sich fester an ihn, als ob sie sagen wollte: ›Laß mich nicht, es ist ja alles gleich.‹

Aber George verstand sie nicht.

Wie man eine Feder hebt, nahm er die schmale Gestalt vom Boden zu sich empor; in seinem von Narben zerfetzten Jungengesicht arbeitete es, als suchte er nach einem Worte, – aber er fand es nicht – dann sagte er nur: »Wann treffe ich dich wieder?«

Ein ganz leises Zucken wie Enttäuschung ging über ihr Gesicht, ein ganz leises Zurückzucken durch ihre Gestalt, aber es währte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann ließ sie sich willig von neuem in seine Arme schließen. Mit fliegenden Worten durchsuchte sie die nächsten Tage: – »Am Donnerstag?« – »Oder am Sonnabend?« – –

»Wieder hier –?«

»Ja, hier –«

»Ich werde dir schreiben.«

»Ich dir auch –«

Sie blickte noch einmal kurz, hastig auf den Weg, als ob sie dessen Bild sich einprägen und mitnehmen müsse, sie lehnte noch einmal an seiner Schulter.

Aber dieser Gedanke von vorhin: wenn er dich festhielte und ließe dich nicht fort – kam ihr nicht zum zweiten Male.

Von der Lichtung an der Waldecke sah George ihr nach. Den Feldweg entlang lief sie wie ein gehetztes Reh, an der großen Eiche, wo der Weg in die Chaussee mündet, begann sie langsam zu gehen. Jetzt bog sie rechts ein in den Heckengang, wo ihr niemand begegnen würde, – nun kam sie an der Mühle vorbei – und dann verschwand das helle Kleid.

*

An jedem Nachmittage zwischen vier und sieben ging die Generalin mit ihren Pflegebefohlenen spazieren, die Mädchen zu je zweien nebeneinander in der militärischen Reihenfolge, die in der ganzen Welt bei derartigen Instituten üblich ist und notwendig zu sein scheint.

An jedem Nachmittage kam man an Georges Hause vorbei, dann schlug Lenas Herz zum Zerspringen.

Es waren dreißig Schritte, die man an der Weißdornhecke entlang ging, man hatte volle Muße, in den Garten hineinzuschauen, nach dem niedrigen grauen Hause hinüber, das ein wenig versteckt sich hinter den Bäumen verbarg, – aber Lena sah nichts. Vor ihren Augen flimmerte es, Garten und Haus lagen wie im Nebel.

Sie hatte bisweilen das Gefühl, in einem Traume zu gehen, als seien die Berge da drüben, die kleine Stadt und George selbst Traumbilder, die mit dem Erwachen zerflattern würden.

Als säße sie wieder auf der Tribüne der Rennbahn und hielte die Augen geschlossen, während in der Ferne die Musik spielte und in der nächsten Minute jemand kommen würde, der sie weckte.

Schwerin oder eine der Damen, oder – ja Szatek!

Szatek, der sie plötzlich emporriß und sagte: »Wach auf, du, komm mit!«

Sie war ein Kind gewesen bis zu der Stunde, in der er mit seiner brutalen Hand den Vorhang zerrissen hatte, – nun war sie schon lange kein Kind mehr.

Der erste Kuß hatte George gehört, aber ihre Seele hatte nicht er aus dem Kinderschlaf geweckt, sondern der andre! – –

Bisweilen, wenn sie an Georges Haus vorüberging, traf es sich, daß die alte Frau vorn in der Laube an der Hecke saß, das Strickzeug in der Hand, und mit ihren ruhigen gleichmütigen Augen auf die vorübergehenden Mädchen schaute, – dann war es, als ob durch eine äußerste Anspannung der Willenskraft der Nebel vor Lena sich teilte.

Steif und förmlich verneigte sich die Generalin vor der Dame, und steif und förmlich erwiderte diese den Gruß. Teilnahmlos, wie auf etwas, was man alle Tage sieht, schaute sie die Reihe der vorübergehenden Mädchen entlang, wenn es aber der Zufall wollte, daß ihr Blick über Lena hinglitt und einen Moment auf ihr haftete, so stockte Lena der Atem, und ihr Herz schien still zu stehen.

Seine Mutter!

Sie blickte die Frau an, als ob sie jeden Zug des Gesichtes und jede Bewegung der Hände sich in das Gedächtnis graben müsse.

An dem Holzpfosten der Gartentür befand sich noch der Klingelzug, dessen Draht an den Bäumen entlang gespannt nach dem Hause hinüberlief. Aber die Klingel hatte seit vielen Jahren Ruhe, und das Messingschild mit »George Dufour, Dr. med.« lag oben in dem alten Schranke und wartete auf den Tag, an dem es seinen Platz an der Gartentür unter der Klingel von neuem einnehmen würde, – für George Dufour den Jüngeren.

Er hatte Lena davon erzählt, und jedesmal beim Vorübergeben blickte sie nach der leeren Stelle.

Ein einziges Mal traf es sich, daß die Generalin mit Lena an ihrer Seite an der Laube Halt machte, um einige gleichgültige Worte mit der Dame zu wechseln. Die Reihe der andern ging langsam weiter, um einige hundert Schritte entfernt an der Ecke des Heckenganges Halt zu machen und zu warten.

Ganz flüchtig deutete die Generalin auf ihre Begleiterin: »Fräulein Stennsberg, – Frau Dr. Dufour –«, dann wurde Lena nicht weiter beachtet.

Sie hörte nichts von dem, was die beiden sprachen. Mit starren Augen blickte sie in das Gesicht, das jetzt so nahe vor ihr war, – sie hörte nur den Tonfall der Stimme, der etwas Stumpfes hatte.

Das Gesicht war klein, alt, von Falten durchzogen, in den Augen lag eine Müdigkeit, aber eine Müdigkeit, bei der man den Eindruck hat, als sei sie immer dagewesen, als hätten solche Augen niemals hell und fröhlich geblickt.

So oft Lena dieses Gesicht und diese Augen gesehen hatte, war ihr der Gedanke durch den Sinn gegangen:

Alles wird anders sein, wenn sie spricht. Wenn sie spricht, wird es leise und zärtlich klingen, vielleicht sehr traurig, aber so weich und gütig, daß man vor ihr niederknieen möchte und nur auf diese Stimme hören, die mit innigen bewegten Worten sagen wird: ›Also das ist die kleine Lena, die George zur Frau haben will.‹

Sie hatte sich das hundertmal ausgemalt und sich vorgestellt, wie sie nach diesen weichen Worten die Arme emporschlingen und zum ersten Male ›Mutter‹ sagen würde.

Nun sprach die alte Frau, und Lena stand mit großen weitoffenen Augen, und ihr war zu Sinne bei dieser matten trüben Alltagsstimme, als höre die Sonne zu scheinen auf, als ob sich große schwarze Schatten über den Weg legten.

Ein Vogel sang in der Nähe mit einem klagenden und dann plötzlich laut jubelnden Ton.

Sie blickte nach ihm hin, und gleich darauf schwang er sich von dem Baumzweig dicht vor ihr empor und flog schwingend über den Weg, noch einmal zurück und dann geradeaus in die blaue Luft.

Die Sonne schien wieder, und als sie tiefaufatmend um sich schaute, sah sie, daß sie neben der Generalin zwischen den grünen Hecken schritt, und daß der Garten und die Laube und die alte Frau hinter ihnen lagen. – –«

Die Generalin hatte die Welt mehr kennen gelernt, als die meisten andern Menschen, und sie liebte es, von ihren Reisen zu erzählen, von London und Paris und den italienischen Seen. Dann saßen die Fräulein, die aus Kassel und Hannover stammten, zumeist aber aus der Nachbarschaft von den großen hessischen Gütern, mit erstaunten Augen eine Frau bewundernd, die das Britische Museum und den Louvre kannte, die an Napoleons Grab gestanden hatte und der Königin von England einmal so nahe gewesen war, daß sie sie mit der Hand hätte berühren können.

Seit Lena Stennsberg in ihr Haus gekommen war, hatte die Generalin aufgehört, diese glanzvollen Erinnerungen vergangener Zeiten hervorzuholen, sie waren über Nacht verblaßt, und der feine Nimbus, der jene Reisen in fremde Länder bisher umwebt hatte, war zerflattert. Sie hatte von Paris erzählt, und das sechzehnjährige Mädchen hatte dazu genickt: »Paris ist sehr schön.«

Groß, erstaunt, verblüfft hatte die Generalin sie angesehen:

»Du kennst Paris –?«

»Ja.«

»Wann warst du dort –?«

Und Lena sann nach – – »zum ersten Male 1887, – ja, – dann bei der Weltausstellung, – und dann 91, – wir waren damals den ganzen Winter drüben.«

»Winter drüben –«, sagte die Generalin. Etwas wie eine große Erbitterung kam ihr einen Moment in die Kehle. Es drängte sie zu sagen: ›Jede andre Stadt und jeder andre Aufenthalt wären für ein junges Mädchen glücklicher gewählt gewesen‹, aber sie wahrte ihre Haltung, sie schwieg.

Mit einer etwas erzwungenen Wendung lenkte sie das Gespräch auf London, sie sprach von Westminster-Hall und dem Tower, von dem schönen Richmond und Windsor, sie erzählte lange, länger als sonst, und sie verglich London mit Paris und betonte, ohne Lena anzusehen, aber jedes Wort für dieses Mädchen zugespitzt, daß London doppelt so groß und dreimal so interessant und jedenfalls in jeder einzelnen Beziehung historischer, einflußreicher, bedeutender und für den Fremden lehrreicher sei als das Babel an der Seine. Sie sprach mehr als eine Stunde, sie redete gegen ihre eigne Ueberzeugung (denn jene vierzehn Tage in Paris waren bisher die außerordentlichste Erinnerung ihres Lebens gewesen), und sie endete damit, daß es ihr aufrichtiger Wunsch sei, jeder ihrer Pflegebefohlenen möge es ein freundliches Geschick vergönnen, einmal wenigstens in ihrem zukünftigen Leben diese ganz einzige und volkreichste Stadt der Welt kennen zu lernen.

Und groß, ernst wandte sie sich zu Lena, die, über ihre Arbeit gebeugt, stumm dabei gesessen hatte, mit ihren Gedanken bei ganz anderm als bei Westminster-Hall und den Schätzen des Britischen Museums:

»Lerne London kennen, mein liebes Kind, dann wollen wir beide wieder einmal über Paris zusammen sprechen.«

Zerstreut, wie aus einem tiefen Nachdenken aufgeschreckt, sah Lena sie an:

»London –? – O, ich kenne es. Wir waren jeden Herbst in London, – wenn wir nach Newmarket reisten.«

Eine Todesstille ging über das Zimmer, Die Mädchen im Kreise saßen ganz stumm und starr, kein Kopf bewegte sich, nur die Augen wanderten langsam, von der Generalin zu Lena und von Lena zu der Generalin.

»Ja, so –«, sagte die Generalin nach einer Weile, und weiter sagte sie nichts. Und ohne Lena anzublicken, ging sie ohne Eile, den Mund fest geschlossen und die Augen geradeaus gerichtet, aus dem Zimmer hinaus.

Sie kam nie auf das Thema zurück, aber Fräulein v. Baggersen, die den Unterricht leitete, glaubte im Interesse der Generalin zu handeln, wenn sie – rein gelegentlich und so gut wie absichtslos – Lena ausfragte betreffs der sonstigen Reisen, die Lena vielleicht noch auszuführen Gelegenheit gehabt hätte, und als sie diese Kenntnis mühelos erlangt hatte, stattete sie der Generalin Bericht ab:

»Sie war in Wien, in Rom, in Sizilien, jedes Frühjahr in Nizza –«

»Sie war vielleicht auch in Japan,« sagte die Generalin. »Warum nicht, weshalb nicht?!«

*

Der Hardisberg stand im Regen, es war unsommerlich kalt geworden. Ueber das breite Wesertal fort spannten sich die Wolken von der einen Seite der Berge nach der Bergkette jenseits des Flusses wie eine Brücke. Es war immer noch nicht Herbst, aber auf den endlosen Feldern im Tale sah man die Stoppeln, und die ersten Blätter fielen leise herab.

Die Stadt Oldeslo lag ganz still und tot, und wenn Lena aus ihrem Fenster sich hinausbeugte und die menschenleere Straße entlang schaute, so sah sie nur den Regen, der niederplätscherte und auf dem ausgefahrenen Pflaster und den jahrhundertealten ausgetretenen Granitplatten des Bürgersteiges Lachen bildete.

Die Spaziergänge an den Nachmittagen waren nur noch kurz, und wenn die Generalin es trotz Regenwetter für notwendig hielt, ihre jungen Damen hinauszuführen, so ging man dicht nebeneinander in Gummischuhen und Regenmänteln unter einer Doppelreihe von Schirmen wie in einem Trauerzuge.

Aber Lena war glücklich. Sie sah George jeden Tag; zu einer festgesetzten Stunde ging er am Hause vorbei, und in diesem Harren, Warten und dem kurzen Moment, in dem ihre Augen sich begegneten, in der ängstlichen Sorge, diesen Moment nicht zu verfehlen, lag ein Zauber, der sie vielleicht fester aneinander kettete, als eine ungehinderte Liebesfreiheit die den vollen Becher des Glücks darreicht.

Jetzt war die Zeit der großen Rennen in Iffezheim, die alljährlich in dem Chaos von Hin- und Herreisen eine Art von Ruhepunkt gebildet hatte. Frühmorgens streifte man durch die Berge des Schwarzwaldes, nachmittags fuhr man über Oos in das Rheintal, um die Rennen zu sehen, und am Abende saß man im Kurpark zu Baden-Baden, wo zwischen allen Bäumen bunte Lampions leuchteten, während die Musik mitten in dem Trubel ihre heiteren Melodien ertönen ließ, die dann in dem nächtlichen Schwarzwaldtale die Berge hinauf verklangen.

Lena dachte daran, aber ohne Sehnsucht.

Immer wieder klang aus ihres Vaters Briefen derselbe Ton: »wenn du dich in deiner Einsamkeit und Verbannung nicht glücklich fühlst, Lena, so schreib ein einziges Wort, und ich hole dich –«

– Aber Lena war glücklich. Glücklich wie nie in ihrem Leben zuvor.

Auch Schwerin schrieb. Regelmäßig an jedem Sonnabend setzte er sich hin und verfaßte mit seiner großen steifen Handschrift genau vier Seiten Text, in dem er mit einer sonderbaren Trockenheit genau berichtete, was in der Woche sich zugetragen hatte – zumeist eine rein schematische Aufzählung der sportlichen Tatsachen –, aber Lena wußte sehr wohl, wenn sie am Montag Morgen den Brief erhielt, daß der Major zum mindesten einen Nachmittag zur Abfassung seines Schreibens geopfert hatte.

Und sie mußte lächeln, wenn es, zuerst nur schwach angedeutet, aber dann immer durchsichtiger aus des Majors Briefen wie Reue klang. Er hatte zehn Jahre den Rittmeister mit der Darlegung gequält, daß Lena fortgegeben werden müsse, und nun sein Wille erfüllt war, ging aus jeder seiner stilistisch gewundenen Andeutungen hervor, daß er Lenas Fortsein als eine große Leere empfand.

Es kamen allerlei Sendungen von ihm an, zuerst nur spärlich und in bescheidenem Maßstäbe, dann häufiger, und schließlich in einem Umfange, der die Generalin und alle Bewohner des Hauses in Staunen versetzte. Große Körbe voll Trauben, Kisten voll Süßigkeiten, Blumenarrangements von einer Kostbarkeit, wie sie der Major in seinem bewegten Junggesellendasein an Damen zu senden vielleicht die Gewohnheit angenommen hatte, die im Hause der Generalin aber naturgemäß ein Befremden hervorrufen mußten.

Und Briefe kamen auch von George, die trotz aller Wachsamkeit der durch eine zwanzigjährige Praxis wohlerfahrenen Generalin in Lenas Hände gelangten. Es waren Liebesbriefe einer absonderlichen Art, schwerfällig im Stil und ungelenk, aber so und nicht anders konnte der große George schreiben.

Sie küßte die Briefe und verbarg sie und holte sie wieder hervor, um sie von neuem zu küssen.

Sie war glücklich.

Immer plätscherte der Regen gegen die Fenster, ein kalter Wind kam aus dem Wesertal und fegte draußen im Garten durch die Baumkronen.

Lena breitete die Arme aus und schaute über den Garten weg nach den Bergen, an denen die Wolken wie schwere Schleier hingen. Berge und Tal und Weser und Stadt – nun hatte sie eine Heimat!

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