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Wilhelm Meyer-Förster: Lena S. - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Meyer-Förster
titleLena S.
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunErstes Tausend
year1903
correctorWolfgang Klum
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120708
modified20141205
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Zweites Kapitel

Der Frühlingsabend lag über Hoppegarten, einer der sonderbaren Frühlingsabende, an denen die Sonne nicht niedergehen will, und an denen man sich, immer noch eingedenk der vergangenen Winterzeit, darüber wundert, daß der Tag nicht endet.

Der letzte Extrazug war in der Richtung nach Berlin verschwunden, die letzten Wagen fortgerollt, nun lag der weite Rennplatz wieder einsam. Nur die Kellner waren noch beschäftigt, alles in Ordnung zu bringen, sie gingen in Hemdärmeln, setzten Tische und Stühle zurecht und halfen den Mamsells die ungeheuren Massen von Tellern, Gläsern und Kannen in große Kisten verpacken.

Ein paar alte Frauen wanderten mit Körben umher und suchten die Papierschnitzel zusammen, meist zerrissene Wett-Tickets, die wie häßliche, gelbe Flecken über den weiten grünen Rasen verstreut waren. Die Aufräumungsarbeiter, boten einen wunderlichen Gegensatz zu dem Bilde, das noch vor kaum einer Stunde in buntem Gewoge den Platz geschmückt hatte.

Lena war fort, Schwerin hatte sie auf Stennsbergs Bitte mit nach Berlin genommen, schließlich war der Rittmeister fast der einzige, der noch anwesend war. Er kam mit dem Oberroßarzt vom Logierhause her und ging mit ihm quer über den Platz nach den offenen Holzstallungen, in denen man am Nachmittage die Rennpferde gesattelt hatte, und von wo aus sie, in Decken gehüllt, in ihre Quartiere nach Hoppegarten und Dahlwitz heimgekehrt waren.

Nur ein Tier befand sich noch dort: Kisertet.

Der kleine Stallbursche, der auf ihn Obacht geben sollte, stand an die Holzwand gelehnt und schlief. Es bedurfte ja auch in der Tat keiner besonderen Wachsamkeit. Es würde keiner kommen, der Kisertet zu stehlen Lust hatte, und hätte doch jemand diesen merkwürdigen Einfall gehabt, so wäre es ihm schwerlich geglückt, das Tier auch nur hundert Schritte weit über den Platz zu schleppen.

Der Hengst stand ganz still, wie er schon seit Stunden stand, dicht neben dem schlafenden Jungen, das rechte Bein leicht gekrümmt, den Fuß mit der gezerrten, kraftlosen Sehne gebeugt. Er hielt den Kopf vorgeneigt, und die weit offenen Augen starrten ohne Ausdruck geradeaus nach Westen, wo die Sonne immer noch über dem Kiefernwalde von Dahlwitz stand.

Nach einer Weile fuhr der Junge aus seinem Schlafe auf, er hatte dicht vor sich Stimmen gehört, und als er erschreckt seine Augen aufriß, sah er den Rittmeister neben sich, während ein andrer Herr vor Kisertet kniete und den Fuß des Tieres in beiden Händen hielt.

»Ist Mr. Calder fort?« fragte der Rittmeister. »Ist niemand hier? Auch der Futtermeister nicht? Wo sind die andern Stallburschen?«

»Ja nerozumim, pane, ja nerozumel.«

»Es ist nichts mehr zu machen,« sagte der Oberroßarzt, »fühlen Sie selbst, Herr Rittmeister, das Fußgelenk ist ruiniert, die Sehne völlig zerzerrt und wie zerrissen –«

Stennsberg beugte sich nicht nieder. Er hatte keinen Anlaß, dem Tiere die schmerzhafte und zwecklose Berührung anzutun.

»Ob Sie es versuchen wollen, Herr Rittmeister, den Hengst ein zweites Mal hoch zu bringen, und ob dieser Versuch überhaupt lohnt, das müssen Sie selbst wissen. In einem Jahre kann man ihn vielleicht so weit bringen, daß er den Fuß noch gebrauchen kann, im Schritt, vielleicht auch im Trab, aber von einer Verwendung auf der Rennbahn kann natürlich nie mehr die Rede sein. Was bleibt dann dem armen Kerl übrig?«

Der Hengst stand ganz ruhig, immer den Kopf mit den weit offenem, blinden Augen geradeaus gerichtet, als ob alles, was da gesprochen wurde, ihn nichts angehe.

Der Rittmeister wandte sich ab: »Also bitte, Herr Doktor, was Sie für richtig halten.«

Er ging langsam, die Hände in den Taschen, über den Rasen, und als er sich einmal kurz umschaute, sah er, wie man Kisertet einige Schritte aus dem Stalle herausgezerrt hatte. Der kleine böhmische Stalljunge hielt das Pferd am Zügel und ein paar andre Stallburschen, die noch mit Aufräumungsarbeiten zu tun gehabt hatten, standen im Kreise, aber in einer respektvollen Entfernung.

Dann tönte ein Schuß. Er hallte von den Holzwänden der Tribünen wider und verklang in der Abendlandschaft.

Der Rittmeister wandte sich nicht um. Er hatte an der Eiche Halt gemacht und starrte vor sich hin in die Weite, bis er Schritte hinter sich hörte und der Oberarzt zu ihm trat.

»Wollen wir nun gehen, Herr Rittmeister? Es ist Zeit für Sie. Wenigstens, wenn Sie den Siebenuhrzug erreichen wollen.«

»Ja, gehen wir.«

In der Nähe des Logierhauses trennten sie sich. Der Arzt ging links ab durch die Heckengänge, die auf den Dahlwitzer Weg führen, der Rittmeister legte die paar Schritte bis zum Bahnhofe allein zurück.

Er mußte einige Zeit warten, dann kam der Strausberger Vorortzug, und er stieg ein, der einzige Passagier.

Ein Wort summte ihm im Kopfe, das ihm vorhin an der Eiche eingefallen war und das ihn nun nicht losließ.

›Die Tiere schießt man tot, wenn sie nichts mehr taugen. Was geschieht mit den Menschen?‹

Er schloß die Augen, er war müde zum Sterben.

Eine Weile nachher hielt der Zug, ein paar Türen wurden geöffnet und zugeschlagen, dann ging es weiter.

Er öffnete die Augen wieder und blickte auf die Felder, die, immer noch hell von der Sonne beleuchtet, vorbeiflogen. An dieser Strecke kannte er jedes Haus, jeden Baum, er war sie tausendmal gefahren. Hin, her, immer hin, her, – jedes Jahr hundertmal und öfter.

Er dachte an den Tag, an dem Lena ihn zum erstenmal hatte hinausbegleiten dürfen, einige Wochen oder einige Monate nach dem Tode seiner Frau. Sie war damals ein kleines Ding, kaum sechs Jahre alt. Sie saß in ihrem schwarzen Kleidchen in der einsamen Wohnung in der Kleiststraße und spielte mit ihren Puppen. Wenn er fort mußte, so hockte das Dienstmädchen neben der Kleinen und sagte: »O, Herr Rittmeister können ganz ruhig sein, ich spiele mit Lena, und nachher gehe ich mit Lena spazieren, nicht wahr, Lena?« – – aber er wußte, daß das leere Reden waren, und daß, wenn die Tür hinter ihm ins Schloß fiel, die Kleine todeinsam sein würde.

So hatte er sie eines Tages auf die Rennbahn mit hinausgenommen.

In ihrem schwarzen Kleidchen lief sie wie ein kleiner Hund hinter ihm her, allenthalben hin, in die Wage, zu den Pferden, in die Ställe, und alle seine Bekannten gaben der Kleinen die Hand, und die Damen wollten sie auf den Schoß nehmen und ihr Kuchen geben. So oft er aber Miene machte, sie mit diesen Fremden allein zu lassen, starrte sie ihm mit so großen angstvollen Augen nach, daß er es nicht über das Herz brachte, sie allein zu lassen.

So blieb sie das Hündchen, das hinter ihm herlief.

Jahr um Jahr war dahingegangen, ein Reiseleben, an dem Lena an der Seite ihres Vaters die halbe Welt kennen gelernt hatte.

Jedesmal wenn in diesen nächsten zehn Jahren der Major mit ihm zusammengetroffen war, hatte Schwerin, den Lena »Onkel« nannte, zu dem Rittmeister gesagt:

»Es gibt viele Dinge, Joachim, die man sich mit Ruhe ansieht, aber es gibt auch Dinge, die über das notwendige Maß hinausgehen; so mit Lena. Sie hat keine Mutter, und du schleppst sie mit dir umher, heute dahin und morgen dorthin. Ein Mädchen gehört unter die Frauenzimmer und nicht in die Hotels, nicht nach Nizza und nicht auf die gottverfluchten Rennplätze.«

Und jedesmal sagte dann der Rittmeister:

»Ja, ja, Schwerin, es ist gut, diesen einen Monat noch, dann wird es anders. Ich denke nur darüber nach: wohin. Sobald ich etwas gefunden habe, bringe ich Lena fort, das ist selbstverständlich.«

Aber es war nie dazu gekommen.

In Baden-Baden einmal, bei dem großen vierundachtziger Meeting, wo des Rittmeisters Pferde die Hälfte aller Preise gewannen – damals in Baden-Baden hatte er die kleine achtjährige Lena abends im Hotel auf den Schoß genommen und ihr eine lange Rede gehalten: daß es nun wirklich nicht länger so gehe, daß Miß Mary, die Gouvernante, sehr lieb und sehr gut sei, daß ein kleines Mädchen aber unmöglich länger so umherreisen dürfe und in ein richtiges Haus zu guten Frauen und andern kleinen Mädchen gegeben werden müsse, und daß – ja und so weiter –

»Du weißt es ja selbst, Lena,« sagte er mit einer etwas zitternden Stimme, »du weißt es ja selbst –«

Sie hatte geweint, sie war außer sich gewesen, aber dieses eine Mal blieb er fest, und am nächsten Tage wurde Lena – gegen den ausdrücklichen Willen Schwerins, der Lena in eine kleine Stadt und nicht in das großartige Baden-Baden geschickt zu sehen wünschte – zu der gnädigen Frau von Frankenberg gebracht, wo eine Reihe etwas verschüchterter Kinder sogleich den Auftrag erhielt, mit Lena ihre schönsten Spiele zu spielen, und wo die gnädige Frau mit solcher Liebe und Herzlichkeit Lena »ihr eignes kleines Töchterchen« nannte, daß nichts begreiflicher war als das böse, verbitterte Gesicht, mit dem sie am nächsten Tage beim Abschied Lena die Fingerspitzen ihrer Hand reichte.

»Sie ist auf dem besten Wege,« sagte sie, »Herr Rittmeister, sich zu einem Mädchen auszuwachsen, das Ihnen sehr schwere und trübe Erfahrungen bereiten wird. Ich habe viele Kinder in meinem Leben in meiner Erziehung gehabt, aber ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir ein solches Kind neu war. Ich habe dergleichen in der Tat nicht für möglich gehalten.«

So kam nach der einen Nacht, in der Lenas Herz vor Angst und Verzweiflung hatte still stehen wollen, die Kleine wieder zu ihm, und seitdem hatte er sie trotz Schwerins Mahnungen und schweren Prophezeiungen nicht wieder von sich gegeben. Zum ersten und einzigen Male war er an jenem Tage mit dem Major hart aneinander geraten:

»Scher dich um deine eignen Angelegenheiten, verstehst du mich?! Lena und ihre Erziehung gehen dich keinen Deut an, keinen Pfifferling! Ich verbitte mir jedes Hineinreden, ein für allemal!« So daß Schwerins Monocle – vielleicht auch zum ersten und einzigen Male – klirrend auf die Erde fiel und in Stücke zersprang.

Es dauerte dann in der That geraume Zeit, ehe der Major seine guten Ratschläge in Bezug auf Lena wieder hervorholte.

– – – Es war ein Zigeunerleben und ein Zigeunerreisen: vorn im Zuge im Coupé erster Klasse die Herren und Lena, hinten im Zuge der große rollende Wagen mit den Rennpferden und den Stallburschen.

Ein Zigeunerleben, bei dem man allerorten Vorstellungen gab und die Pferde produzierte, wenn es freilich auch keine armseligen dressierten Zirkusgäule waren, sondern die Elite ihres Geschlechts, von denen jedes einzelne ein kleines Vermögen repräsentierte. Sie wurden ausgepackt, sie liefen auf der Rennbahn, sie gewannen Preise, und sie wurden wieder eingepackt, um drei Tage später hundert Meilen entfernt das Geschäft von neuem zu beginnen.

Ein wehmütiges Lächeln ging über sein Gesicht, als er an die sonderbaren Unterrichtsstunden dachte, in denen Schwerin im Hotel »Gonnet et de la Reine« zu Cannes im Winter 1885 Lena lesen gelehrt hatte, – oder an die ewigen Rechenübungen im Coupé, wenn Schwerin zur anfänglichen Erheiterung und zur allmählichen Erbitterung der Mitreisenden stundenlang das Einmaleins exerzierte.

Dieser Rechenunterricht des Majors, den er in drei Sprachen erteilte, blieb lange Zeit ein beliebtes Thema, um Schwerin im Klub oder auf der Rennbahn zu ärgern, und wenn das kleine Ding auf der Tribüne an der Loge des Herzogs von Sohrau vorbeihuschte, so hielt der alte Herr sie an den Zöpfen fest und examinierte:

»Combien font vingt-neuf et cinquant-deux – –?«

Worauf sie den linken Zeigefinger zwischen die Lippen schob und nach einigem Nachdenken und mit einem ängstlichen Seitenblick auf Schwerin, der steif, ernst und abwartend in der Loge saß, die richtige Antwort fand:

»Quatre-vingt-un.«

»Twenty-two and thirty-five?«

»Fifty-six.«

»Seven!!« schrie Schwerin – und das war für alle Anwesenden das Signal, um den Major einen Tyrannen zu nennen, dessen einzige Beschäftigung es sei, den verhätschelten Liebling der Rennbahn zu quälen. – –«

Mühelos und wie im Spiel hatte sie alles gelernt, was die fremden Länder ihr boten, die Sprachen, – die Kunst, die Museen, – Rom, Paris, London – fast alles, was ein Mensch an Großem zu sehen und zu lernen erhalten kann.

Nur das Beste war Lena fremd geblieben:

Die Heimat!

Und alles was zu »Heimat« gehört: Kinderspiele und Kinderarbeit, Freundinnen, Pflichterfüllung – Sehnsucht! – –«

Er preßte die Hände gegen die schmalen Leisten der Türfüllung und starrte, ohne etwas zu sehen, in die Felder.

»Durch meine Schuld. – Schwerin hat schon recht gehabt.«

Dann richtete er sich auf: »Es ist nie zu spät.«

Bilder tauchten vor ihm auf, eines das andre hastig drängend:

Oldeslo, von dem Schwerin erzählt hatte, – ein großes stilles Haus, in dem man Lena gütig aufnehmen wird, – Mädchen, die zu Lena eilen und sie fragen: »Wie heißt du? Bleibst du hier? Bei uns? –« »Ja, ich bleibe bei euch.« – Ein kleines Zimmer, ein weißes Bett – nichts mehr von dem Lärm, von den verwitterten Gesichtern der Rennbahn. – Im Garten unten ein Lachen, die Mädchen spielen, Lena mitten zwischen ihnen. – Sie sitzt in ihrem Zimmerchen und schreibt einen Brief an ihn: »Ich bin glücklich hier, ich sehne mich nur nach einem, nach Dir.« – Der Kellner im Hotel bringt ihm den Brief, und er setzt sich hin und schreibt: »Noch ein Jahr, Lena, dann hole ich Dich wieder. Aber nicht hierher, sondern in unser eignes Heim. Du wirst Augen machen, Lena, wenn Du das siehst, ich verrate nichts vorher.«

Ein Lächeln ging über sein müdes Gesicht, und mit einem tiefen Aufatmen hatte er die Empfindung, als ob dieser schwere Schlag, der ihn heute getroffen hatte, eine Art Erlösung bedeute, eine Entscheidung, die nun endlich alles Zögern und Erwägen zerbrach und ihm den Weg klar vorzeichnete.

Der kostspielige Reisehaushalt mit der Gouvernante und dem Diener würde aufhören. Er für seine Person bedurfte wenig, fast nichts, das ganze Leben würde halb so teuer sein wie bisher, oder ein Drittel so teuer, oder noch billiger. Er würde sparsam leben wie nie zuvor. Nur die wenigen Monate noch den Kopf oben behalten, dann war aus dem Schiffbruch vielleicht noch genug zu retten, um Lenas Zukunft sicher zu stellen.

Er fühlte diese Spannkraft in sich, die mit einem letzten Rest von Energie den zerbrochenen Spieler auftreibt, ihm Bilder vorgaukelt und immer noch einmal ihn an sich selbst glauben läßt. – –«

Er beeilte sich, er hatte Lena ja versprochen, mit ihr in die Oper zu gehen.

Der Diener erwartete ihn im Hotelzimmer.

»Sagen Sie meiner Tochter, ich käme in zehn Minuten hinüber. Dann holen Sie einen Wagen, Lena soll sich bereit halten. Fragen Sie den Major von Schwerin, ob er mit geht zur Oper.«

Er kleidete sich hastig an, und als der Diener zurückkam, stand sein Herr schon in Frack und weißer Halsbinde vor dem Spiegel.

Er stand straff aufrecht, trotz der grauen Haare und der müde gewordenen Züge immer noch ein Mann, der die Augen der Frauen auf sich lenkte, groß, hager, die alte Reiterfigur, Er lächelte seinem Bilde im Spiegel zu: »Es wird alles gut, es ist immer noch nicht zu spät. –«

Als er in Lenas Zimmer trat, das im Schatten der gegenüberliegende Häuser schon halb im Dunkel lag, erhob sie sich und kam ihm entgegen. Aber erstaunt blickte er sie an. »In dem Kleide? Du willst doch nicht in dem Kleide zur Oper, Lena?«

Sie antwortete nicht, sie kam mit kraftlosen Schritten auf ihn zu und lehnte sich wortlos an ihn.

»Kind was hast du? Lena, ist etwas passiert?«

Sie brach in ein wortloses Schluchzen aus, wie er es nie an ihr gesehen hatte. Aber auf alle seine angstvollen Fragen hatte sie keine Antwort, oder doch nur ein paar tonlose Worte: »Nichts. Es ist nichts.«

Er nahm sie auf seinen Schoß und legte ihren Kopf an seine Brust und wiegte sie hin und her, wie früher, als sie noch ein kleines Mädchen war.

Und während ihr Weinen leiser wurde und die Dunkelheit nun ganz das Zimmer füllte, erinnerte er sich, wie Lena nach dem Rennen totenblaß, schwankend zu ihm gekommen war. Aber er hatte keine Ursache gehabt, sich darüber zu wundern. Sie hatte in ihrer Art in Kisertet mehr verloren als er selbst. Das blinde, hilflose Tier war ihr Liebling gewesen, damals schon, als es klein und wenig beachtet mit den andern Jährlingen von Harzburg gekommen war.

»Weshalb sieht er mich so an?« hatte das Kind gefragt. »Weshalb blickt er so eigentümlich?« Und als man ihr antwortete: »Das Pferd ist blind,« hatte sie in einer Aufwallung von Mitleid den schlanken Hals des Fohlens umarmt, so daß man schließlich Mühe hatte, sie von dem Tiere fortzubringen. – –

Er wußte nicht, daß Lena heute etwas ganz andres verloren hatte. – –«

Erst eine lange Weile nachher brachte er die Rede auf Oldeslo, aber Lena begann wie außer sich von neuem zu schluchzen! »Laß mich bei dir bleiben, gib mich nicht von dir! Nie!«

Einen Moment wurde er wieder wankend, dann setzte er ihr alles auseinander, wie er es bei der einsamen Heimfahrt sich ausgemalt hatte: »Du mußt vernünftig sein, Lena, du mußt an dich denken und an mich, sei mein gutes Mädchen, Lena! Es muß sein, nicht wahr? Und wenn es dir nicht gefällt, Lena, was schadet es? Du kommst wieder. Du schreibst nur ein einziges Wort, und ich komme und hole dich. Das sind sieben Stunden, dann bin ich bei dir. Nicht wahr, du willst, Lena? Glaub nur, es muß sein. – – Ja –?«

Sie hörte nur halb auf das, was er sagte, – aus dem Dunkel tauchte das schreckliche Bild von heute nachmittag vor ihr auf: Szatek, wie er sie am Arm ergriffen und sie an sich gerissen hatte!

Im Fieber, außer sich, sprang sie auf und fuhr sich mit den Händen über Gesicht und Haar, dann klammerte sie sich an ihn:

»Ja, ich will, ich will! Ich will fort!«

Er verstand sie nicht, aber zärtlich zog er sie wieder an sich und nahm sie von neuem auf den Schoß.

»Siehst du, Lena, ein Jahr, was ist das? Das ist ein Nichts, – und dann hole ich dich. Wir schaffen für dich eine Heimat, wir gehen nie mehr auf die Rennplätze!«

Sie umklammerte seine Hand noch fester: »Nie mehr auf die Rennplätze! Versprich es mir!«

Allmählich vergaß sie, und während er sie immer auf den Knieen leise wiegte, ließ er die Bilder an ihr vorbeiziehen, die er sich ausgemalt hatte.

Unten brauste das Tosen der Friedrichstraße. Aus irgend einem Zimmer des großen Hotels drang ein Lärm. Sie hörten nicht darauf. Man hört dergleichen nicht mehr, wenn man jahraus, jahrein in fremden Zimmern unter Fremden wohnt.

Die Nacht kam, eine Frühlingsnacht, die auch hier inmitten der großen Stadt weich und warm durch die offenen Fenster drang. –«

»Lena –?«

Er bog ihren Kopf leicht zurück und sah sie an: sie hielt die Augen fest geschlossen.

Den linken Arm um seine Schulter gelegt, den Kopf an seiner Brust, war sie eingeschlafen, – wie einst.

*

Drei Tage später reiste der Rittmeister nach Moskau, wo man nach Schwerins Behauptung immer noch am ehesten eine Gelegenheit findet, englische Pferde für gutes Geld an den Mann zu bringen.

Wie Schwerin innerhalb und an den Grenzen Europas alles kannte, was andre Leute nicht kennen, die Shetland-Inseln (wo man die Ponies züchtet) so gut wie die Balearen, Oeland wie Kertsch, so wußte er selbstverständlich auch im inneren und innersten Rußland Bescheid. Und als selbst die Leute vom Fach das russische Pferd einer alten Tradition zufolge noch für brauchbar hielten, gab Schwerin bereits vor zwanzig Jahren sein Urteil im entgegengesetzten Sinne:

»Die Gäule taugen nichts, durch die Bank, selbst die Orloffs nicht ausgenommen. Kein Land in der Welt hat für seine Klepper das englische Blut so nötig wie Rußland.«

Stennsberg, der Herzog und Schwerins andre Bekannte legten ihm nahe, diese immerhin interessanten Beobachtungen in einer Zeitschrift zu besprechen, und man sah damals den Major monatelang mit wichtigem Gesichte umhergehen: »Ich werde darüber schreiben – –«

Obwohl er aber eigens dieses Aufsatzes wegen kurze Zeit einen Sekretär engagierte, viele Abende den Klub nicht besuchte und sich schließlich sogar wochenlang nach Friedrichsroda begab, um in der Stille des Thüringer Waldes die Arbeit zu beenden, – so gelangte dieselbe doch nie zur Veröffentlichung.

Er litt später nie, daß man auf dieses Thema in seiner Gegenwart zu sprechen kam, und während er mit außerordentlicher Gutmütigkeit kleine Scherze und Neckereien andrer Art über sich ergehen ließ, kam es des »russischen Pferdes« wegen zwischen ihm und Bernstorff 1883 im Herbst zu einer Forderung, die erst nach Aufwendung eines großen Apparats von Vermittelungsversuchen hoher und höchster Herrschaften kurz vor dem Kugelwechsel beigelegt wurde.

Am Morgen nach der Abreise ihres Vaters fuhr Lena nach Oldeslo, mit Schwerin als Reisebegleiter.

Er strahlte, nun endlich war erreicht, was er in Bezug auf Lena seit undenklicher Zeit vergebens angestrebt hatte.

Während der Rittmeister in diesen langen zehn Jahren zerbrochen war, während Lena sich aus dem kleinen Dinge zu einem großen Mädchen entwickelt hatte, war Schwerin der einzige, der eigentlich noch genau so aussah wie damals. Wenn Clemens, sein Diener, ihn am Vormittag zurecht gemacht hatte und der Major unten im Hotel zum Frühstück erschien, das Monocle im Auge, eine Nelke im Knopfloch, elegant, frisch, rosig, dann sah kein Mensch dem alten Dragoner seine Jahre an, – ausgenommen vielleicht an dem etwas steifen Gange und an der vorsichtigen Manier, mit der er den Stuhl zurechtrückte, um ganz langsam sich niederzulassen.

Ritterlich bot er Lena den Arm. Er trug seinen Reiseanzug, und zehn Schritte hinter ihm ging Clemens, ohne den Schwerin, da er in Oldeslo zu übernachten gezwungen sein würde, die Reise nicht ausführen konnte.

Der Portier stand mit abgezogener Mütze, als Lena mit der kleinen Ledertasche in der Hand durch die Vorhalle des Hotels ging, und der Major faßte flüchtig an den Hut. Sie gingen langsam die Friedrichstraße an dem großen Hotel entlang, denn der Bahnhof war ja nahe, – und Lena wußte nicht, daß, als sie aus diesem Hause hinausgeschritten war, sie auch hinausgeschritten war aus ihrer Kinderzeit.

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