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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX

Onkel Karl

»Heiljer Brummtriesel«, sagte Onkel Karl immer wieder und hielt sich seinen Borstenkopf mit beiden Händen, als fürchtete er, daß ihm dieser wichtige Körperteil plötzlich abfallen könnte. »Fimftausend Tala!«

»Ja – uff eenen Schlach!« bestätigte Frau Lemke nochmals. »Duddu- diddi-dadda – buh!« machte sie dann und fuhr dem Säugling, den sie auf dem Arm trug, mit dem Zeigefinger vor dem Näschen hin und her.

»Fimftausend Tala! Denn kann sich ja eener seen janzes Leben plaren und schinden und kricht nich mal hundert beisammen!«

»Sehste, Onkel Karrel«, sagte Anna, auf das Thema vorher zurückkommend, »wenn't ooch deene Schwester is, diese jute Tante Liese, ick muß dia's doch saren, ick find's nich hibsch von sie! Du kannst et ja nu bejreifen, det man sich uffrecht, wenn man so ville Jeld plötzlich kricht – nich wahr? Det jeht eenen doch durch und durch! Da is et man eben bloß 'n Siebenmonatekind jeworden, und da is doch drieber nischt zu reden! Aba weeßte, wat Tante Liese jesacht hat, noch eh det Kind überhaupt da war? Na, ick willt nich wiederholen!«

»Aba rech dia doch bloß jetz nich mehr drieba uff«, sagte Onkel Karl begütigend, »se is doch schon imma so jewesen!«

»Nee, aber et ärjert mia! Wenn eena zu Besuch kommt, schmeißt man ihn doch nich so wat an'n Kopp! Und wenn sie nachher ooch noch so freindlich zu Willem jetan hat – ick bin mit sie fertich!«

»Wat werdet ihr denn nu mit det ville Jeld bloß machen?« fragte Onkel Karl. Aber Anna beachtete diese Frage gar nicht, sie ging noch immer aufgeregt in der Gaststube auf und ab und wiegte das Kind auf den Armen.

»Jott sei Dank, det ick mia wieder bewejen kann«, sagte sie, »nu, wo ick ma kräftijer fiehle, kommt erst die janze Jalle raus! Du hast dir sehen lassen, Onkel Karrel, hast mia jratuliert, aba Tante Liese is nich jekommen und ihr Mann ooch nich! Nu kannste se aber iber allet uffklären und ihr det von det Lottrielos azehlen, ick jloobe, denn wird se platzen!«

»Nu werd't ihr eich woll 'n Haus koofen?« erkundigte sich Onkel Karl, der mit seinen Gedanken nur bei dem Gelde war. Aber Frau Lemke schüttelte den Kopf. »Wa wissen noch nich, et is natirlich for det Kind bestimmt, dadrieber bin ick mia mit Willem einich!«

»Ick wirde ma doch irgendwo beteiljen«, sagte Onkel Karl, »Akzien koofen oder so, da könnt ihr ja steenreich werden!«

»Nee – nee, erst missen wa Tante Marie bezahlen, die hat uns damals det janze Lokal überlassen. For nischt und wieda nischt konnt sie det doch nich tun, denn hätt se ja selber nischt zut Brocken und Beißen ibrich jehabt. Nu werden wa wenigstens die Abzahlerei mit eenmal los. Und det annre Jeld wird nich anjerihrt, det is for det Kind, ick hab's dia schon mal jesacht, Onkel!«

»Wie soll det Wurm heeßen – Edwin? Is doch keen Name nich!«

»Laß man, den Namen ha'ck ihn ausjesucht, der Junge soll sich nich schenieren später. Int Jejenteil! – Sollen wir'n etwa Aujust rufen oder ...«

»... Karl«, sagte Onkel Karl.

»Sehste, Onkel, ick will dia ja doch nich kränken, aber Karrel is nu doch zu jewöhnlich for ...«

»... det Siebenmonatekind«, ergänzte Onkel Karl; »wenn ihr det arme Wurm bloß nich falsch azieht.«

»Wa'm sachste'n imma ›Wurm – armet Wurm‹, is ja keen Wurm nich, und zu bearmen is's doch ooch nich!« sagte Frau Lemke gekränkt.

»Na entschuldje man jütichst, mia jeht's ja ooch nischt an, von meenswejen könnt ihr'n ja Kasimir rufen und Mama und Papa saren lassen!« »Muß'r ooch, soll'r ooch, wird'r ooch«, sagte Anna, »und nu können wa uns ja später noch drieba zanken, vorleifich is's jenuch. Trink man noch eens, Onkel, wat wiste denn schon wieda losjondeln!«

»Ick muß – ick muß«, sagte Onkel Karl, ein bißchen verschnupft. »Dein Mann kricht man woll iberhaupt nich mehr zu Jesichte, der is woll iberirdisch jeworden?«

»I wo – der is nach Schöneberch!«

»Nanu – woso? Ick denke, da is allens ratzekahl aus?«

»Ja – det dachten wa ooch, aba 's is doch nu anders«, sagte Anna triumphierend. »Wia beziehn doch Bia aus die Brauerei dort – na, und der Kutscha frachte imma so anjelejentlich, bis wa schließlich rauskrichten, det er man bloß for die olle Lemken frachte. Na – und da hat Willem seene Mutta 'n scheenen Jruß bestellt und ihr saren lassen, det er ihr, wenn se neijirich sei, det allet ville bessa azehlen könnte. Und denn hat nächsten Sonnabend der Kutscha wieda eenen scheenen Jruß von sie bestellt – und so is det eben so jekommen, wie't jekommen is, und heite is'r bei sie draußen!«

»So – – –«, sagte Onkel Karl, »nu ha'ck ja 'n janzen Sack voll Neiichkeeten, nu kann ick mit hausieren jehen, wenn ick bloß nischt vajesse! Also: Kasimir – Siebenmonatekind – fimftausend Taler – jroße Aussöhnung – wie ufft Theata! Wenn ick's azehle, werden se 's nich jlooben wollen. Ihr könntet ma eijentlich wat pumpen – wie wär's denn mit so'n paar hundert Taler – Tante Liese wird't ma denn wirklich jlooben, denn so – mit bloße Hände – werden se denken, det is kalter Uffschnitt!«

»Laß se, bei uns is nischt zu erben«, sagte Anna, »jib dia ja keene Miehe, Onkel!«

»Also nee, denn nich! Et war bloß, det ick det Jeld so jut hätte jebrauchen können, und sicher wär's eich jewesen; aba wie jesacht, wenn's nich is – – –! Denn jieß ma noch 'n kleenen Bittan in, denn biste mia los!«

Und dann war Onkel Karl gegangen, und Anna rief zum Hof hinaus: »Tante Marie – kannst kommen, er is wech!«

Als Tante Marie erschien, sah sie sich mißtrauisch um: »Is'r wirklich wech? Der is imstande und dreht noch mal an de Ecke um. Ick weeß selba nich, wat ick jejen ihn habe, aba det war schon imma so! Irjendwat is ooch mit ihm los, der macht faule Jeschäfte, man weeß ja janich, von wat er eejentlich lebt. Wollt er nischt jepumpt haben – ja? Na ja, det ha'ck ma jleich jedacht. Aba 't war Essich?«

»Na natürlich!« sagte Anna. »So, Tante, nu nimm du mal den Kleenen, ick muß ja noch so ville zurechtmachen für't Abendbrot.«

Aber das Kind begann bei diesem Wechsel sofort zu schreien. »Bschsch! bschsch! bschsch!« machte Tante Marie, »wirste stille sind, wer wird denn so brillen!«

»Ja, det hat'r raus«, sagte Anna mit einem kleinen Seufzer, »manchmal jeht's de janze Nacht, denn will er nich mehr nutschen, trocken licht'r ooch, da weeß man nich, wat man mit ihn machen soll.«

»Villeicht sieht er wat, kleene Kinder sollen ja Jeister sehen können. Kiekt er denn nach eenen bestimmten Fleck?«

»Da ha'ck wahaftich noch nich uffjepaßt«, sagte Anna, »det wär doch aba furchtbar, wenn kleene Kinder schon sonne Ascheinungen hätten, da können se ja vor Schreck wechbleeben!«

»Können se ooch! Denn werden se blitzblau int Jesichte, kriejen de Krämpfe, und denn is aus mit se. Laßt'n man bloß schon toofen.«

»Na ja doch, Willem is ja raus bei de Ollen und lad't se in. Ick bin ja mechtich neijierich, wie det abjeloofen is. Er könnte ooch schon längst zurück sind, aber et is wahaftich wahr: Sitzt er hier, denn kricht man ihn bloß mit Jewalt raus, und is er denn eenmal draußen, kricht man ihn nich wieda rin!«

»Laß ihn man«, beschwichtigte Tante Marie, »wat hat der allet zu azehlen, bedenke man bloß! Von den Oogenblick an, wo ihr hier anricktet und er draußen vor de Türe stand – bis jetz! Sonne Vasöhnung dauert lange, da reden doch alle mang, und der olle Lemke wird sich doch erst aweichen lassen. Ick halt det for 'n sehr jutes Zeichen, det Willem noch nich da is – und wa broochen ja ooch nich uff'n zu lauern – schneid mir man ooch jleich ne Stulle ab.«

Tante Marie hatte den Säugling in den Korb gelegt und ihm nach eigener Melodie vorgesungen:

»Weene nich, et is vajebens,
Jede Träne dieses Lebens
Fließet in een Kellaloch,
Deine Keile kriste doch!«

Und Edwin war allmählich still geworden, vielleicht weil er gegen Tante Maries Organ doch nicht aufkommen konnte. »Wie so'n kleener Engel liecht er nu da«, sagte sie, »mia vasteht er noch am besten, zu schade, det ick nich ooch 'n Sohn habe, der könnte ma nu ne Stitze sind!«

»Tante, hör uff, du wirst sonst wieda so melangklöterich, und denn is nischt mehr mit dia anzufangen. Willste Käse oder Wurscht uff die Stulle haben?«

»Nee, keenen Keese, ooch keene Wurscht nich, ick bin jetz so mißtrauisch von wejen die Trichinen. Det is furchtbar, wat die Jelehrten allens entdecken, et wird noch so weit kommen, bis se rausjeheckt haben, det in die Trichinen wieda noch kleenere Trichinen sitzen!«

»Kann allens möchlich sind, ick möchte denn bloß wissen, wat man nachher essen soll, wenn een allens vajrault wird. Aba die Zwiebelwurscht kannste ruh'ch essen, Zwiebel können se nich vatraren, da sind se alle schon tot!«

»Nee – denn jib mia doch lieba Keese – da sieht man doch wenichstens, wenn wat druff rumkraucht und kann et rauspolken!«

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