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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc3e7af53
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VII

Besuch bei Onkel August

»Weeßte wat, Willem«, sagte die junge Frau Lemke – oder »die Lemken«, wie man sie jetzt in der Nachbarschaft auch nannte –, »weeßte wat, zieh dia an, mach dia fein, und jeh 'n bißken los – komm womöchlich erst uff'n Abend wieda!«

»Nee«, sagte Wilhelm, »wo soll ick mia denn rumtreiben, und warum denn ooch?«

»Ja, mach Beene«, sagte auch Tante Marie, »wa stolpern bloß iba dia, und jebrauchen können wa dia doch nich heite. Jeh, besuch ma' de Verwandten, det jehört sich so!«

»Ibahaupt 'n bißken frische Luft täte dia sehr jut, du siehst schon jrien und jelb aus und wirst ma ooch zu dick!«

»Ihr wollt ma bloß wechhab'n, am Ende jeht's heite hia los!«

»Achjottachjott, Willem«, sagte die Lemken, »Jrütze haste nich in'n Kopp, aber 'n Jrützkopp biste doch! Wozu haste denn deene Finga, zähl dia's doch ab – wie kann det denn heite schon losjehen.«

»Na – wenn du dia man nich varechnest«, sagte Wilhelm gekränkt, »aba wenn ick hia so ibaflissich bin, loof ick ooch iber, allens wie ihr wollt, ärjern laß ick ma nich, det ha'ck nich neetich, ick ärjre ja ooch keen!«

»Wat der Mann jetz for'n Zungenschlach kricht«, sagte Frau Lemke, »is ma schon 'n paarmal uffjefallen in die letzte Zeit. Nu, sei keene jekränkte Lebawurscht, wa meenen's ja bloß jut zu dia.«

Und Wilhelm ließ sich überreden. »Jewiß ja«, sagte er, »ick kann ma ja in Jlanz werfen und mal bei Onkel Aujust jehen!«

Trotzdem er geglaubt hatte, sich allein zurechtfinden zu können, mußte er dann doch schließlich fragen, wo Neu-Kölln am Wasser sei. Endlich kam er in das Fischereiviertel: Niedrige, räuchrige Häuschen, hin und wieder mit den Abzeichen der Gilde geschmückt, Fischtonnen, deren Geruch die Luft erfüllte, standen mitten auf dem Bürgersteig, und mit Kopfschütteln sah Wilhelm die aus der Spree ragenden Holzgerüste, an denen die Fischkästen hingen.

»Ne dufte Jejend, wenn ick man nu bloß wißte, wo er hia wohnt?«

Da hinten war ein riesengroßes, etwas amphibisch aussehendes Wesen beschäftigt, ungeheure, grüngestrichene Bottiche auf einen Wagen, vor dem kein Pferd war, aufzuladen. »Villeicht weeß der hier Bescheed«, dachte Wilhelm.

Zu seiner Freude sah er dann, daß das Amphibium Onkel August selbst war. »'n Tach«, sagte Wilhelm und streckte ihm die Hand hin. Aber der Onkel, obwohl er sich im ersten Augenblick unwillkürlich die nasse Hand an den Hosen abwischte, schüttelte den Kopf, als wäre ihm eine Fliege angeflogen. »'n Tach«, antwortete er und sah mit seinen kleinen, scharfen, blauen Augen Wilhelm starr und fremd an.

»Onkel, kennste mia denn nich?«

Onkel August blieb in seiner gebeugten Haltung, in der er gerade den Fischkübel auf den Wagen setzen wollte und sah ihn stumm an.

»Aba, du wa'st doch bei uns uff de Hochzeet, ick bin doch der Mann von deene Nichte Anna Zander, ick bin doch der Willem Lemke!«

Bei Onkel August schien – ganz in der Ferne – etwas zu dämmern, wenigstens setzte er den Bottich ab, nahm einen Holzspan von der Erde, mit dem er die herausgelaufene Wagenschmiere aus dem Hinterrad des Wagens kratzte und lackierte sich damit die ungeheuren Schaftstiefel an einer rötlich gewordenen Stelle.

»Wennste mia aba nich kennen tust – – –«, sagte Wilhelm kleinlaut.

»Ick tu dia schon kennen«, sagte Onkel August, »du kamst ma jleich so bekannt vor, ick konnte man bloß nich uff dia kommen.« Und dann reichte er ihm wirklich, wenn auch noch immer zögernd, die Hand. »Wat wiste denn?«

»Meene Frau schickt ma, ick sollte eich besuchen kommen!«

»Heite? – Na – denn besuch uns man«, sagte Onkel August. Er schien selbst neugierig zu sein, wie das wohl gemacht würde. Vorläufig war es ihm wichtiger, die anderen Bottiche aufzuladen. Nach einer Weile fiel dann zufällig sein Blick wieder auf Wilhelm, der unschlüssig dastand und mit seinem Stock Funken aus dem Pflaster zu schlagen versuchte.

»Det jeht ville bessa mit'n Absatz«, sagte Onkel August, nachdem er interessiert zugesehen, »kiek ma', so!« Und er brachte es wirklich fertig, daß die Funken stoben. Seine Laune wurde besser, er machte eine einladende Handbewegung nach dem Häuschen und sagte: »Jeh man rin, ick komme nach, ick hab hia bloß noch wat zu tun!«

»Nee, nee«, sagte Wilhelm, »ick kann ooch noch 'n bißken warten, mia pressiert's ja nich!«

»Na, denn bleib ma hia stehen, denn werd ick ma rinjehen un 's meene Olle saren, det se sich 'n bißken ßurechtemacht!«

Eigentlich wäre es Wilhelm ganz lieb gewesen, wenn er sich in der bisherigen zwanglosen Weise mit Onkel August weiter hätte unterhalten können; auf Tante Liese war er zu verzichten bereit – sie hatte zu feine Manieren. Doch da klirrte das kleine Fenster im ersten Stock, Onkel August zwängte seinen Hummernkopf durch die Öffnung und rief hinunter: »Meene Frau läßt dir bitten, näher zu treten!«

Oben in der guten Stube mit dem schwarzen Ledersofa und den goldgerahmten Bildern roch es ein bißchen nach Fisch. Tante Liese, die nach Wilhelms Ansicht wie frisch gestrichen in dem neuen roten Kleid aussah, empfing ihn mit feierlicher Miene und geleitete ihn nach dem Sofa. »Bitte, Herr Lemke, nehmen Sie gefälligst Platz«, dann setzte sie sich daneben und deutete Onkel August an, daß er sich auch niederlassen solle.

»Ick stehe lieberst«, sagte er ablehnend. Sie warf ihm dafür einen mißbilligenden Blick zu und wandte sich zu Wilhelm: »Der Kaffee wird jleich kommen!« »Ach – desterwejen bin ick ja nich herjekommen!« sagte Wilhelm bescheiden ablehnend.

»Aba der Anstand erfordert det«, sagte Onkel August, der offenbar das Bestreben hatte, sich an der Konversation zu beteiligen.

»Schschscht!« machte Tante Liese drohend, aber Onkel August sah sie ganz verwundert an: »Det haste vorhin doch selbst jesacht – – –!«

»Und wie jeht's Ihre liebe Frau?« schnitt Tante Liese ihres Mannes Einwendung ab.

»Na – se krabbelt ja noch rum, aba nu wird's wohl bald soweit sind!«

Tante Liese zog die Augenbrauen hoch. »Das kann wohl nicht jut sein, das ist ja nicht möglich.«

»Doch«, sagte Wilhelm, »wa awarten's jeden Tach!«

»Aber Sie sind doch noch gar nicht so lange verheiratet!«

Als Onkel August das verdutzte Gesicht Wilhelms sah, fing er zu schnaufen an, und um die Zischlaute zu unterdrücken, hielt er sich die Nase zu.

»Mein Jott und Vata, schäm dir doch was«, sagte Tante Liese, »Aujust, wie kannste denn da lachen!« Und dann zu Wilhelm: »Nicht wahr, das müssen Sie doch zugeben, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann – dann ...«

»Jewiß – jewiß«, sagte Wilhelm, »bloß et is nu mal so!«

»In unserer ganzen Verwandtschaft ist so was noch nicht dajewesen«, bemerkte Tante Liese, »ich hoffe ja auch, daß Sie sich irren!«

»Aberst er wird doch in seene eejenen Familienanjelejenheiten Bescheed wissen«, versuchte Onkel August, Wilhelm zu Hilfe zu kommen.

»Na, wir werden ja sehen«, sagte Tante Liese, »entschuldjen Se mir einen Augenblick, ick will bloß kieken, ob das Wasser kocht«, und sie stand auf und ging in die Küche.

»Laß ihr reden, imma laß ihr reden«, sagte Onkel August.

»Ick sitze ja hia wie ne Klammer uff de Leine«, sagte Wilhelm, »wat mach ick ma denn aus den Kaffee, wenn ick so wat mit anhören muß! Wa sind doch rejelrecht verheirat', und meene Frau kann doch 'n Kind kriejen, wenn se will!«

»Und so ville, wie se will«, bekräftigte Onkel August.

Tante Liese stieß die Tür mit dem Fuß auf und trug mit beiden Händen ein großes Tablett herein, auf dem drei schöne große Tassen, die Kaffeekanne und ein Napfkuchen standen.

»Nu wollen wa orntlich rinsteijen«, sagte Onkel August, »Willem, halt dia feste ran, et jeht los!«

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