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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 53
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc3e7af53
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XIII

Besuch beim Ordinarius

»Na – Meester Stefan, wat bringen Sie da Scheenet?« sagte Onkel Karl, dem Briefträger das Schreiben abnehmend. »Aha, ick seh schon, det jeht den Mußjeh Edwin an – da, haben Se, nu sind wa jlatt ...«, und Onkel Karl bezahlte das Briefporto mit der Ruhe eines Mannes, der sich durch nichts, was da auch kommen möge, aus der Fassung bringen ließ.

Dann schnitt er das Kuvert auf und studierte – die Brauen hochgezogen – das Schreiben. Allmählich verfinsterte sich sein Gesicht, als er begriff, was der Zusatz auf dem Arrestzettel besagte: »Der Schüler Edwin Lemke erweist sich leider als ungeeignet für die Gymnasialbildung. Zu einer Rücksprache mit den Eltern gern bereit, am besten in den Nachmittagsstunden zwischen 5 – 6 Uhr. Dr. Barth.«

»So'n Schafskopp!« sagte Onkel Karl. »Wat heeßt denn det – ›unjeeijnet‹ – man muß bloß vastehen, die Kinna wat beizubringen! Ochse der ...«

Onkel Karl sah nach der Uhr, kratzte sich den Borstenkopf, und dann wurde ihm plötzlich ganz heiß bei dem Gedanken, daß er es noch schaffen und dem Lehrer einen Besuch abstatten könnte.

»Minna«, sagte er aufgeregt und riß die Küchentür auf, »ick hab'n sehr wichtijen Jang vor! Kann man Sie mal ne halbe Stunde alleene lassen? Die paar Jäste um die Zeit jetz, det werden Se ja schaffen können, und det Frikassee is doch fertich – wat? Also denn jeh ick«, sagte Onkel Karl, als das Mädchen nickte, »nu zeijen Se mal, det Sie Anlage ßu ne Jastwirtin haben.«

Eine halbe Stunde später stieg Onkel Karl die teppichbelegten Treppen zur Wohnung des Lehrers hinauf und wischte sich, da es unterwegs gestaubt hatte, an jeder Stufe das Oberleder der Stiefel ab. Dann, da ihm diese Säuberung nicht genügte, nahm er auf dem letzten Treppenabsatz sein Taschentuch, schnaubte sich sorgfältig und begann seine Stiefel mit dem Tuch zu bearbeiten.

Er vollführte damit einen solchen Lärm, daß die Hausbewohner die Korridortüren öffneten, um zu sehen, was es da draußen gäbe.

»Denn brauch ick ja janich zu bimmeln«, sagte Onkel Karl, als sich die Tür, vor der er sich reinigte, ein wenig öffnete und jemand mißtrauisch durch die Spalte lugte. »Wohnt hia der Jimnasiallehra?«

Jemand machte den Versuch, die Tür möglichst rasch und leise zu schließen, aber Onkel Karl verhinderte es, indem er den Spazierstock dazwischensteckte. »Wat machen Se denn erst ßu, wenn Se doch jleich wieda uffmachen missen«, sagte er, »ick bin bestellt und werd schon awartet, also jehen Se rin und melden Se mia an!«

»Wer sind Sie denn?« fragte das unsichtbare Wesen hinter der Tür.

»Hab ick Sie schon jefracht, wer Sie sind, ick kenne Ihn doch ebensowenich«, sagte Onkel Karl, »ick komme wejen die unjeeijnete Jimnasialbildung – so wat lassen wia uns nich jefallen, saren Se det jefällichst drinne!«

Die Tür öffnete sich, eine ältliche Frauensperson wurde sichtbar und sagte mißtrauisch: »Bitte scheen, jehen Se hia rin, der Herr Dokta wird jleich kommen!«

»Wenn er etwa jrade bei't Kaffetrinken is, denn lassen Se'n man erst ruhich austrinken«, sagte Onkel Karl gutmütig, »solange wart ick jerne!«

Dann trat er in die Stube und sah sich um, schüttelte den Kopf, als er die vielen Bücher in den Regalen sah, und musterte dann seine Erscheinung in dem Wandspiegel. Als er noch an der Krawatte zupfte, trat Dr. Barth ein.

»Ju'n Tach!« sagte Onkel Karl mit einer höflichen, aber sehr gemessenen Verbeugung. »Hia is meene Lejitimation«, und er überreichte den Arrestzettel.

»Nehmen Sie Platz – Sie sind der Vater?« fragte Dr. Barth.

Onkel Karl sah den Lehrer durchdringend an: »Können Sie die jeringste, aba ooch nur die jeringste Ähnlichkeet entdecken? Nee, det können Se nich, die Lemkes haben 'n janz annern Fassongkopp! Aba ick bin der Onkel von den kleenen Edwin, und ick hab ihm ufft Jimnasium jebracht, und ick ärjere mia jetz von wejen unjeeijnete Jimnasialbildung!«

Dr. Barth, der inzwischen begriffen hatte, daß seine steife Würde nicht gut angebracht sei, hielt es für das beste, Onkel Karl, der offenbar ein Spektakelmacher war, durch Milde und Freundlichkeit wieder loszuwerden.

»Sie haben von den Eltern Vollmacht?« erkundigte er sich aber doch noch.

»Wird ick sonst hia sitzen? Die Eltern haben den Kopp mit annere Sachen voll. Unse Jroßmutta – die olle Lemken aus Schöneberch, wenn Se die jekannt haben – liecht int Sterben, und an sonne kritischen Tare hab ick imma injejriffen – Onkel Karrel is nehmlich meen Name!«

»So – so!« sagte Dr. Barth und zwang sich zur Freundlichkeit.

»Ja – und nu möcht ick ma' wejen unsen Edwin mit Sie reden von wejen unjeeijnete Jimnasialbildung«, sagte Onkel Karl, »ick halte det nehmlich for ne vasteckte Beleidjung, det heeßt doch nischt anneres, als det Sie unsa Edwin nich fein jenuch is. Wia können ihn aba ooch Pumphosen machen lassen – wenn's dadruff ankommt!«

»Was reden Sie denn da für Zeug«, sagte Dr. Barth mit scharfer Stimme, »verdrehen Sie doch die Sachlage nicht! Ich bin doch der, der Rücksprache mit Ihnen respektive mit den Eltern des Knaben zu nehmen wünscht – nicht wahr? Ich tue das lediglich im Interesse des Fortkommens des Kindes – –«

»Also Se wollen ihn rausschmeißen, wat quetschen Se sich denn so jewählt aus – Fortkommen – wat heeßt denn det anners als Schassen ...«, sagte Onkel Karl, der vor Ärger einen roten Kopf bekam. »Aba – wa'm wollen Se'n schassen, det frare ick Ihnen als Anjehörijer und Onkel?«

»Die Unterhaltung mit Ihnen ist völlig zwecklos«, sagte Dr. Barth erregt und erhob sich, »ich habe keine Lust, meine kostbare Zeit mit Ihnen zu vertrödeln!«

»Ach Jott, ach Jott«, sagte Onkel Karl, »man bloß nich so haben! Uff mia lauat ooch schon allet, und ick halte doch stand! Meene Zeit is mindestens ebenso kostbar.«

»Wenn Sie mich einmal ruhig sprechen lassen wollen und hören, was ich Ihnen sage, so bin ich auch jetzt noch bereit dazu«, sagte Dr. Barth gemessen.

»Also – bitte ...«, sagte Onkel Karl.

»Wie es mir scheint«, sagte Dr. Barth, »ist der Übergang des Knaben von der Gemeindeschule aufs Gymnasium zu rasch erfolgt. Die Vorbildung für die Sexta ist zu mangelhaft gewesen. Der Knabe beherrscht die deutsche Sprache ...«

»Padong«, sagte Onkel Karl, »sie saren imma Knabe! Det is doch unsa Edwin?«

Dr. Barth seufzte tief auf und sah Onkel Karl kopfschüttelnd an. »Also – Ihr Neffe – der Schüler Edwin Lemke beherrscht die deutsche Sprache leider so mangelhaft, daß es ihm unmöglich ist, im lateinischen Unterricht zu folgen!«

»Aba er sprecht doch janz jut deutsch«, sagte Onkel Karl.

»Man kann darüber verschiedener Auffassung sein«, meinte Dr. Barth. »Es hätte ja auch sein können, daß die neue Umgebung, die andern Knaben, einen günstigen Eindruck auf Ihren Neffen ausgeübt, aber – wie sich herausstellt, wirken nicht sie auf ihn, sondern er auf sie.«

»Wie is det?« fragte Onkel Karl verdutzt.

»Ja – zu meinem Bedauern bin ich gezwungen, Ihnen das zu sagen: Das sittliche Niveau der Klasse ist gesunken, seitdem der Schüler Lemke aufgenommen wurde.«

»Na – wat machen wia denn da?« fragte Onkel Karl. »Wenn ick Ihnen richtich vastanden hab, führt sich unsa Edwin unanständich uff. Aba det hat der Bengel schon von kleenuff jetan, det is ihn nich abzujewöhnen.«

»Ich würde Ihnen empfehlen, den Knaben in eine Privatschule zu geben, wo ihm eine individuelle Behandlung zuteil werden kann.«

»Nee, wia sind froh, det wia'n uff'n Jimnasium haben«, sagte Onkel Karl, »aba wie wär't denn mit Privatstunde?«

»Sie meinen Nachhilfeunterricht«, sagte Dr. Barth, »es könnte sein, daß sich da ein Erfolg erzielen ließe, aber ich glaube nicht recht daran.«

»Na, denn ibalejen Se't sich ma', ick komme in'n nächsten Tagen wieda!« sagte Onkel Karl.

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