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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII

Onkel Karls Vollmacht

Als Edwin nach Hause kam, fand er dort alles in größter Aufregung. Onkel Karl fuhr, neben dem Kutscher auf dem Bock sitzend, mit einer leeren Droschke vor und gab dem Mann mit dem schwarzen Glanzhut Anweisung, vor dem Halten gleich umzulenken, daß er »direktemang nach Scheeneberch« fahren könne.

Und dann lief Onkel Karl im Galopp ins Haus und schrie: »Nu ha' ick eene awischt, se steht vor die Tire, nu könnt ihr losjondeln – ick hab extra 'n Schimmel jenommen, der bringt Jlick!«

Aber weder Herr noch Frau Lemke sahen so aus, als wenn sie sich von dem klapperdürren weißen Tier besondere Chancen versprächen. Ihre Gesichter blieben ernst und bekümmert, und ehe Frau Lemke einstieg, sagte sie zu Onkel Karl – der den Schimmel an der Nase hielt, weil er ihn für sehr feurig hielt: »Karrel – nu können wia uns ma' uff dia valassen, wahr? Du wirst uff die Kinna scheen uffpassen und uns vatreten. Man weeß ja nich, wie lange et dauert, aba bei sonne traurijen Jelejenheeten tritt allens z'rick, da muß et ooch ma' so jehen – wahr?«

»Na – ick sollte meenen, du kennst mia«, sagte Onkel Karl mit bescheidenem Stolz. »Fahrt janz ruhich ab – ick weeß ma schonst zu helfen. Und jrißt Jroßvatan recht scheen von mia und Jroßmuttan, wenn se noch nich janz tot is, ooch. Und denn kannste ihr ja noch saren, det ick jroße Sticke von sie jehalten habe ...«

Herr Lemke, der seinen Schmerz nicht länger zu bezwingen vermochte, zog sein großes buntes Taschentuch und schneuzte sich. »Hör uff, Karrel, is schonst so traurich«, wehrte er ab. »Willem«, sagte Onkel Karl, ließ den Schimmel los und faßte nun Herrn Lemke an der Schulter. »Willem, ick steh dia trei bei Seite! Ick hab schon so ville in meen Leben durchjemacht – dunnemals mit Nulpen und denn mit den vaflixten Bau – ick weeß also janz jenau, wie eenen da zumute is und wie det wohl tut, wenn man da ne treie Seele hat!«

»Nu is jut –«, unterbrach Frau Lemke energisch, »laß Willem jetz los, det er insteijen kann, und denn los!«

Onkel Karl schloß den Wagenschlag, klatschte dem Pferd auf die Schenkel und sah dann, den Kopf hin und her wiegend, der Droschke nach. Als er sich umwandte, bemerkte er Edwin, der ganz betroffen der Abfahrt zugesehen hatte. Er winkte ihn gebieterisch heran: »Fasse dia, Edwin«, sagte er, »deene Jroßmutta is sehr krank, heite oda morjen sterbt se.«

Als Edwin erschrocken das Gesicht verzog, sagte Onkel mißbilligend: »Hör uff, sonst kannste nachher nich bei't Bejräbnis weenen, wo't doch notwendich is. Imma 'n bißken denken, Edwin, wozu hat eenen denn der liebe Jott den Jrips jejeben! Und denn, Edwin, merk dia, laß dia nie nich mit Jespensta in. Det hat deene Jroßmutta leida jetan. Deene Urjroßmutta – Lemkes selje Witwe, wie se mit ihre sämtlichen Vor- und Zunamen heeßt –, die zieht ihr nach. Det is 'n richtjet Jespunst jeworden, und wennste erst späta jrößa sind wirst, werd ick dia ma' die janzen Jeistajeschichten azehln, die wa frieha mit die Olle alebt habn!«

Und dann hielt es Onkel Karl für angebracht, Edwin auf andere Gedanken zu lenken: »Heite ha' ick hia Vollmacht, da derf mia keena nich zwischenreden, und da sollste ma' sehen, wie det flutscht, wenn ick die Sache deichsele«, sagte er und rieb sich die Hände.

Im Hause angelangt, gab er dem Dienstmädchen, das ihn angstvoll und erschrocken anstarrte, einige Anweisungen und setzte wohlwollend hinzu: »Sind Se nich so verdattert, wenn ick wat sare; ick beiß doch keenen! So – Edwin, und nu eßte deene Klopse, und denn kommste nach die Kolonnade, da machen wia zusammen deene Jimnasienarbeeten!«

»Kann ick denn nich erst 'n bißken spielen?« fragte Edwin kleinlaut.

»Nee – is nich, eß«, sagte Onkel Karl, und um zu beweisen, daß er nicht spaße, nahm er Edwins Schultasche und untersuchte den Inhalt. »Den scheen'n Fedakasten hab'n wia wahaftich nich mehr wiedajekricht«, Onkel Karl betrachtete ärgerlich die neue billige Federhülse, dann aber faßte er plötzlich nach dem blauen Extemporalheft und meinte interessiert: »Ja, wat ick saren wollte – wat is denn da neilich aus die vaflixte Jeschichte jeworden, wo du uff den Katheda jesessen hast?«

Und da hatte er schon die letzte Seite aufgeschlagen, wo das riesengroße rote Fragezeichen stand und – dick unterstrichen – zu lesen war: »Völlig ungenügend!!! Lemke wird nach Maßgabe seines Verhaltens mit Arrest bestraft!«

Onkel Karl betrachtete kopfschüttelnd bald die Seite, bald Edwin, dem der letzte Klops beinahe im Halse steckenblieb.

»Mensch –«, sagte Onkel Karl fassungslos, »det is ja det reene Blutbad! Und da kannste hia so ruhich sitzen und essen? In die kleenen roten Tintenflaschen sind man imma bloß 'n paar Troppen drinne; wenn also eener mit det teire Zeich so zu asen bejinnt, denn ist die Sache kritisch – aba sehre!«

Edwins Gesicht zog sich in die Länge, Augen und Nase begannen gleichzeitig feucht zu werden.

»Ach Jott – bloß nich so«, wehrte Onkel Karl ab, »damit machste nischt bei mia! 'n Mensch, den se mit Arrest bestrafen, wascht sich uff die Weese nich mehr reene! Det kommt jleich hinter't Ferdestehlen! Zieh nich so durch die Neese, sonst vastehste doch nich, wat ick sare«, schrie er ihn an, »is ja 'n unausstehliches Jereisch, a's wenn eena Marks aus die Knochen lutscht!«

»Also, jetz hörste uff damit«, sagte er streng, nachdem er ihm eine Beruhigungsfrist gewährt, »det war eben det letztemal, vastehste? Und nu will ick die Jeschichte haarkleen wissen, det ick die Sachlare richtich beurteile. Haste also abjeschrieben oda nich?«

»Ick konnte doch nich, ick saß doch uff't Katheda!« sagte Edwin.

»Det erstemal meene ick doch!«

»Da ha' ick bloß vajlichen«, schluchzte Edwin.

»Du bist een janz jeriebener Bursche«, sagte Onkel und klopfte Edwin mit dem Knöchel an die Stirn, »von wen haste denn det jeerbt?«

»Der – der – Lehra hat – je–sacht, ick rede wie aus'n Rinnsteen, wie – so'n Rinnsteenklaua – und da ha' ick jesacht, meen Onkel Karrel beuffsichticht mia – –«, brachte Edwin mühsam hervor.

Onkel Karl sah ihn verdutzt an. »Wie meensten det?« sagte er. »Soll det nu wat Jutet oda wat Schlechtet von mia sind?«

»Ick weeß nich!«

»Na, wat quatschte denn da so int Blaue rin«, sagte Onkel Karl, »bringst mia da in ne Jeschichte rin, die mia höchst unanjenehm is? Wat muß denn der Mann for'n Bejriff von mia kriejen, der denkt amende, ick berlinere ooch so wie du! Hat'r denn nich wissen wollen, wer ick bin?«

»Nee!«

»Denn kennt er mia villeicht schon«, sagte Onkel Karl befriedigt. »Aba – nu möcht ick ma' wissen, wat nu eejentlich wird – wenn spunnen se dia denn nu in?«

»Nu kommt doch erst der Arrestzettel an, und det kost'n Jroschen, weil keene Marke druff is«, erklärte Edwin.

»Also nich ma' unentjeltlich is's!«

»Und dann muß der Arrestzettel noch untaschrieben mitjebracht werden – –«, sagte Edwin.

»Horrrjott, und denn fährt woll die jriene Minna hia vor? Bloß jut, det Mutta nich za Hause is, die wirde vor Jram und Kumma vajehn«, sagte Onkel Karl.

»Na – und Vata erst«, sagte Edwin.

»Na nu – mach man nich jemeinsame Sache mit mia«, sagte Onkel Karl, »det Bedauern is janz uff meene Seite, vastehste, du hast janischt ßu bedauern! Et kommt mia vor, a's wennste schon wieda ibamütich werden willst!«

»Nee, ick frei mia bloß, det Mutta nich da is!«

»Dafor sterbt deene Jroßmutta!«

»Villeicht wird se ooch wieda jesund«, meinte Edwin.

»Ick weeß nich, wat du for ne Jemietsvaanlagung hast«, sagte Onkel Karl kopfschüttelnd, »du bist janz aus die Art jeschlaren, aba janz und jar! 'n annerer Junge wirde vor Jram und Kumma und Schmerz und Scham und Reie, und wat weeß ick, wie'n Schneemann vajehen, aba du jrienst mia vajniecht wie so'n Schneekönich an! Watte man, meen Sohn, dia werden sie die Fleetentöne schon noch beibringen, wennste keen Onkel Karrel mehr habn wirst, der dia allemal aus die Patsche helft!«

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