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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI

Zwei Stunden Arrest

Vor der lateinischen Stunde, die zur Rückgabe der Extemporalhefte bestimmt war, erkrankten die verzweifeltsten der Jungen. Sie legten sich nasse Taschentücher auf den Kopf oder hielten sich den Leib mit beiden Händen und krümmten sich. Und einer fragte den anderen, ob man es ihm nicht ansähe, wie krank er sei; und wenn der andere nicht, ehrlich besorgt, seine Teilnahme bekundete, suchte man die Krankheit zu steigern. Erfahrene Gemüter, die da wußten, daß man mit Kopf- und Bauchschmerzen keine glaubhafte Wirkung erzielen konnte, suchten ein sichtbares Leiden zu bekommen, steckten den Finger in den Hals, damit ihnen schlecht würde, oder lahmten plötzlich, suchten sich jedenfalls gegenseitig zu übertrumpfen, denn daß gleich drei oder vier Jungen zu derselben Zeit erkrankten, schien ihnen selbst ein wenig unwahrscheinlich.

Als dann Dr. Barth in die Klasse trat, verloren die Jungen aber den Mut zu dem Komödienspiel, die Hände, die sie emporgestreckt, um die Krankheit zu melden, verschwanden; nur ein Arm blieb in heftiger, dringender Bewegung oben, über den Köpfen der Jungen, sichtbar.

Und dieser Arm gehörte Edwin Lemke.

»Was willst du denn?« schrie Dr. Barth ärgerlich, denn dieser zappelnde, zuckende Arm ließ ihm nicht einmal Zeit, den Stoß Hefte hinzulegen.

Edwin erhob sich: »Ha Dokta, ick kann uff det eene Ooge nich kieken!«

»Lemke –«, sagte Dr. Barth fassungslos, »was sprichst du denn da für eine Sprache? Du bist doch hier nicht auf der Straße, und selbst dort dürftest du so nicht einmal sprechen. Achtet denn niemand zu Hause auf dich und korrigiert dich?«

»Ja, Onkel Karrel!«

»Also, was ist mit deinem Auge?«

»Es wird mia imma so jrien und jelb davor, denn uff einmal blau und rot und denn wieda anders – ibahaupt alle Farben, die es jibt.«

»Komm mal vor – so! Hast du dich ans Auge gestoßen, oder hat dich jemand geschlagen?«

»Nee – nein!«

»Ich kann auch nichts daran entdecken«, sagte Dr. Barth kopfschüttelnd. »Oder simulierst du etwa gar? Das würde dir nichts nützen, deinem Schicksal entgehst du doch nicht!«

»Jetzt is's auf einmal wieda wech –«, sagte Edwin, »wie wechjeblasen!«

»Du scheinst mir ein ganz geriebener Bursche zu sein«, sagte Dr. Barth, »hinter deine Schliche komme ich aber doch – mir entgeht keiner. Nun setze dich nur ganz still und bescheiden wieder auf deinen Platz, denn ich habe noch ein Hühnchen mit dir zu pflücken.«

Geknickt schlich Edwin nach seiner Bank und sah in düsterer Resignation zu, wie der Primus die Hefte verteilte.

»Das Resultat ist diesmal erfreulich, man merkt, daß ihr euch auf die Hosen gesetzt habt. Nur einer ist völlig entgleist –«, und jetzt nahm Dr. Barths Stimme einen grollenden, dumpfen Ton an, »dieser eine ist dieser Bursche hier!« Er wies mit einem Zeigefinger, der sich vor Entrüstung nach oben krümmte, auf Edwin.

»Lemke, willst du jetzt der Wahrheit die Ehre geben und eingestehen, daß du neulich Wort für Wort vom Primus abgeschrieben hast?«

Edwin blieb stumm, aber seine Blicke durchspähten den Raum, als suchten sie irgendwo ein Schlupfloch.

»Also – du hast nicht den Mut, dein Vergehen einzugestehen?« sagte Dr. Barth tief bekümmert.

»Den Mut ha' ick schon, denn jeht's mia doch aba noch dreckijer –«, sagte Edwin.

»Junge, was sprichst du denn für eine entsetzliche Sprache – das ist ja Rinnsteindeutsch.« Dr. Barth ekelte sich: »Brrr!« machte er und schüttelte sich, und Edwin dachte: »Et sieht aus, als wenn er eenen Bittern jetrunken hat.«

»Und welch bodenlos feige Gesinnung liegt in diesem indirekten Geständnis, das ist die Logik eines Berufsverbrechers! Tritt vor, Lemke, komm hier aufs Katheder – so! Und nun sieh mal deine Kameraden an, nicht ein einziger würde so tief sinken wie du!«

»Hach – die klauen ja alle eener von'n andern ab!« sagte Edwin trotzig.

»Wa–as?!« Dr. Barth sank im Stuhl zurück und starrte an die Decke.

Und Edwin, dem nun angst wurde und der deshalb seine Behauptung zu begründen versuchte, setzte kleinlaut hinzu: »Untern Tisch haben se alle Schmus und Klatschen, und uff die Löschblätter haben se die Rejeln jeschrieben, und vorsaren tun se sich ooch jejenseitich!«

Ein drohendes Murmeln erhob sich in der Klasse: »Is nicht wahr, is nicht wahr!«

Dr. Barth richtete sich langsam auf: »Kannst du – diese deine Behauptung durch Namennennung stützen?«

»Ick hab nich vastanden, wie Sie det meinen«, sagte Edwin.

»Nenne Namen!« schrie Dr. Barth wie ein gereizter Löwe.

»Na – zun Beispiel: Büttner, Korn, Rosenberg, Krause, Cohn I, Bindemann ...«, zählte Edwin auf.

»Genug – wessen beschuldigst du Bindemann?«

»Bindemann hat von Korn abjeschrieben, und nu sacht er zun Dank dafür Korn vor, wenn er drankommt!«

»So – und was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?« fragte Dr. Barth die beiden Knaben.

»Er schwindelt, Herr Doktor«, antworteten sie wie aus einem Munde.

»Ja, ich glaube auch, daß er in seiner Feigheit und Angst vor keinem Mittel zurückschreckt, sich weißzuwaschen. Er drückt das sittliche Niveau der Klasse, um sich zu heben – pfui – pfui und nochmals pfui!« Dr. Barth bedeckte die Augen, als sei ihm Edwins Anblick unerträglich geworden. Und dann setzte er dumpf und feierlich hinzu: »In Anbetracht der bodenlos gemeinen Gesinnung, die dieser Bursche gezeigt hat, tritt eine Strafverschärfung ein: statt einer erhältst du zwei Stunden Arrest, nimm deine Bücher – fort von dem gestohlenen Ehrenplatz neben dem Primus – scher dich, wohin du gehörst, auf die letzte Bank – – marsch, geh mir aus den Augen!«

Wie ein Geächteter, Gebrandmarkter schlich Edwin durch den Gang. Und bei welchem Jungen er auch vorüberkam, von jedem erhielt er heimliche Püffe und Stöße gegen das Schienbein.

Hinten, auf der einsamen Bank, überkam ihn trotz allen Kummers ein leises Gefühl des Behagens und der Sicherheit. Da vorn, neben dem Primus, hatte er wie unter einer Lupe gesessen, nicht mal die Nase hatte er sich reiben können, ohne daß es Dr. Barth gesehen. Aber dann überwältigte ihn doch plötzlich der Schmerz, die Tränen stürzten ihm in die Augen, und eine, die auf die schwarze, schräge Tischplatte gefallen, rollte wie ein Bächlein den Abhang hinunter. Bei dem Versuch, dem andern Auge nun auch eine so große Träne zu erpressen und sie genau auf dieselbe Stelle fallen zu lassen, wurde er wieder ruhig, hob – als daß Experiment mißlang – den Kopf und sah sich in der Klasse um.

Nein, niemand kümmerte sich um ihn, Dr. Barth erklärte eine neue lateinische Regel, die so schwer war, daß selbst der Primus, den er fragte, einen ganz roten Kopf bekam. Als Edwin merkte, daß die beiden sobald nicht fertig werden würden, faßte er unter den Tisch in seine Schultasche und fühlte, wo das Frühstückspäckchen saß. Mit äußerster Vorsicht, damit das Papier nicht knisterte, öffnete er die Umhüllung, bröckelte ein Stück Brot ab und schob es in den Mund. Er hatte nur sehen wollen, was für Belag auf der Stulle sei – nun, als er merkte, daß es Leberwurst war, überfiel ihn ein fürchterlicher Heißhunger. Immer größer wurden die Stücke, die er abbrach, und während er sie verschluckte, stellte er vergleichende Betrachtungen zwischen dem Gemüt seiner Mutter und dem seines Lehrers an.

So günstig diese Vergleiche aber auch für seine Mutter ausfielen, so konnte sich Edwin doch nicht verhehlen, daß es eine Katastrophe geben werde, wenn der Arrestzettel ankäme.

Und er sann und sann, ob er gleich, wenn er nach Hause komme, alles erzählen oder damit warten solle, bis der Briefträger den unfrankierten Brief abgab. Er vermochte zu keiner Entscheidung zu kommen und wußte selbst dann noch nicht, was er tun sollte, als es zum letzten Male läutete und die Schule aus war ...

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