Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erdmann Graeser >

Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 50
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110506
projectidc3e7af53
Schließen

Navigation:

X

Das Extemporale

»Wenn doch alles nur ein Traum wäre«, dachte Edwin, gab sich – wie sonst, wenn er früh geweckt wurde – einen jähen Ruck und hoffte, daß sich dadurch alles verändern werde. Aber starres Entsetzen überkam ihn: Dr. Barth stand da wirklich auf dem Katheder, diktierte noch immer, und die ganze Klasse schwitzte vor Eifer und Angst.

Edwin drehte, ohne den Kopf zu bewegen, die Augen nach rechts und schielte auf das Heft seines Nebenmannes. Aber wie zufällig hob dieser gerade den linken Ellbogen und versperrte damit die Aussicht. Edwin stieß den Jungen unter der Bank mit dem Fuß an. Statt daß Lehmann jetzt aber den Arm weggezogen und das Heft etwas nähergerückt hätte, machte er eine ungestüme Bewegung des Ärgers und legte nun den Arm ganz offensichtlich als Schutzwall vor sein Geschreibsel.

Das wagte Lehmann, dieser »Ochse«, der mit seiner Versetzung doch ebenfalls »auf der Kippe« stand! Und vor Empörung trat ihm Edwin gegen das Schienbein.

»Auah!«

Die ganze Klasse drehte sich bei diesem lauten Schmerzensschrei erschrocken nach den letzten Bänken um.

»Lemke – vorkommen!« donnerte Dr. Barth. »Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Pfeifer mit Lemke tauschen, rasch, rasch!«

Der kleine Pfeifer, der vorn neben dem Primus gesessen hatte, eilte nach der Bank der »Faultiere«, und Edwin kam blaß und zitternd vor.

»Hier setzt du dich hin«, fuhr ihn der Ordinarius an, »und wenn du jetzt noch ein einziges Mal störst, mußt du vor die Klassentür und bekommst ›ungenügend‹! Rrrruhe! Es geht weiter: Die Troßknechte aber...« Und Dr. Barth, hin und wieder einen haßerfüllten Blick auf Edwin werfend, diktierte im Kommandoton weiter.

Zuerst war Edwin ganz verwirrt und betäubt, hier vorn hatte er ja noch nie in seinem Leben gesessen. Er befand sich unmittelbar vor dem Lehrer, dessen blaue Weste sich wie ein Abhang über Edwins Kopf wölbte und ihn gleichsam beschirmte. Und unter diesem Schutzdach konnte er mit einiger Vorsicht bequem den Kopf drehen und die klare, deutliche Schrift des Primus erkennen.

Das Herz stand ihm still, die Augen wurden starr und groß, saugten sich an dem fremden Heft fest ... Dann begann er plötzlich, wie ein Fieberkranker so hastig und aufgeregt, abzuschreiben, immer von der Angst erfüllt, der Primus könne das Blatt zu früh umwenden.

Der kranke, blasse Junge, der ganz von seiner Aufgabe erfüllt war, merkte nichts. Da und dort hatte er verbessert, durchgestrichen und drüber geschrieben – Edwin dagegen konnte sofort das Richtige hinsetzen.

»Hefte zu – Schluß – die Federn hinlegen«, donnerte Dr. Barth.

An allen Gliedern zitternd, blaß wie eine Kalkwand, hob Edwin den Kopf und atmete tief auf, es war ihm geglückt, sogar den letzten Satz noch abzuschreiben. Aber nun war ihm zumute, als habe er unter einem Eisenbahnzug gelegen, habe alle Wagen über sich hingleiten sehen und wunderte sich, daß er trotzdem unverletzt wieder aufstehen könne.

Der Primus sammelte die Hefte, trug den Stoß vorn nach dem Katheder, wo Dr. Barth eigenhändig die Verschnürung der Hefte vornahm. »So«, sagte er nach dem letzten Knoten, und sah mit triumphierendem Lächeln auf die Schüler, »dieses Extemporale enthielt einen Extrakt dessen, was ihr während der Ferien lernen solltet. Ich kann daraus ersehen, wer wirklich gearbeitet hat.«

Und dann wollte er – wie sich das eigentlich für die erste Stunde nach den Ferien gehörte – freundlich und kameradschaftlich tun, fragte, wer verreist gewesen wäre, und bezeigte die Absicht, kleine geographische und geschichtliche Examina daran anzuknüpfen, aber die Schüler waren zu sehr erschöpft; Dr. Barth bekam nur widerwillige Antworten, und alle atmeten auf, als jetzt die Glocke geläutet wurde.

Drei Tage später gab Dr. Barth das Extemporale zurück.

»Siehst du, Lemke«, sagte er, mit eigentümlich wohlwollenden Blicken den Knaben betrachtend, »siehst du, dein Ferienfleiß hat gefruchtet, du hast die beste Arbeit in der Klasse geliefert!«

Alle Jungen staunten Edwin Lemke an.

»Zuerst hatte ich dich ja im Verdacht, du hättest vom Primus abgeschrieben, aber bei genauer Vergleichung sah ich, daß du selbst an den schwierigsten Stellen sofort sicher übersetzt hast, wo er gezögert und geschwankt hat. Nur zum Schluß sind dir einige kleine Flüchtigkeiten unterlaufen. Fahre so fort, Lemke!«

Das wollte Edwin ganz gewiß, denn nun kam er auf den Platz neben dem Primus und konnte künftighin weiter abschreiben.

»Im übrigen ist das Resultat dieses Extemporale geradezu niederschmetternd«, fuhr Dr. Barth die Klasse an, »wir werden sofort eine neue Arbeit schreiben, da ich hoffe, daß ihr euch diesmal besser präpariert habt! Hefte aufschlagen, wir schreiben!«

Gerade als er mit dem Diktat beginnen wollte, kam Dr. Barth vom Katheder. »Lemke«, sagte er, »damit du deine Nebenmänner nicht in Versuchung führst, daß sie von dir abschreiben, kannst du dich hier oben auf meinen Platz setzen!«

Da begriff Edwin, daß Dr. Barth doch nicht das Nilpferd war, für das er ihn gehalten hatte. Im Gegenteil: Dieser Mensch hatte sich bis jetzt nur verstellt, um sich nun in seiner ganzen Gemeinheit zu zeigen.

Blaß, aber völlig gefaßt, stieg Edwin zum Katheder hinauf und starrte nun wie von einem Schafott auf das Gewimmel der Köpfe. Lauter höhnische, grinsende Gesichter; Lehmann, genannt der »Ochse«, wagte es sogar, ihm, durch den dicken Konrad vor des Lehrers Augen geschützt, eine lange Nase zu machen.

Und nun begann Dr. Barth zu diktieren, das Kritzeln der Federn erfüllte den Raum, die Köpfe der Jungen röteten sich allmählich, und manchmal ging es wie ein Aufstöhnen durch die Klasse.

Edwin machte den Versuch, ebenfalls zu schreiben, aber die wenigen Worte, die er da aufs Papier brachte, erschienen ihm selbst so sinnlos, daß er sie wieder ausstrich – erst dünn, dann dicker, schließlich so dick, daß die Tinte durchschlug und das nächste Blatt beschmutzte. Mit großem Erstaunen beobachtete er dann, wie die Mitschüler die vollbeschriebene Seite umwandten und wohlgemut eine neue begannen. Hin und wieder war es ihm, als müsse doch nun endlich ein rettendes Wunder wieder geschehen, aber als es ausblieb, erfaßte ihn eine seltsame Sorglosigkeit. Er begann mit seinem Federhalter in dem Tintenfaß des Lehrers zu fischen, machte aus seinem Löschblatt kleine Kugeln, die er mit Tinte tränkte und dann in die Klasse schnellte, und hatte jedesmal sein Vergnügen daran, wenn er sah, welchen Schrecken und Ärger diese »Stinkbomben«, wie er sie nannte, bei den Getroffenen erregten.

Dann hieß es plötzlich wieder: »Fertig – Hefte abgeben – Primus sammeln.«

In den nächsten Tagen, bis zur Rückgabe der Hefte, ging Edwin umher wie ein Mensch, der seine Sache auf nichts gestellt hat.

Onkel Karl, der ihn mißtrauisch beobachtete, sagte: »Junge, Junge, mit dia is's nich richtich, da steckt wat hinta!«

»Nee –«, versicherte Edwin.

»Mia kannste doch nischt vorspinnen«, sagte Onkel Karl, »det ick dia iba bin, sollste doch nu nachjrade wissen. Also, jesteh in, wat is los?«

»Meen Lehra is so jemeen jejen mia«, sagte Edwin und begann plötzlich zu heulen.

»Woso?« sagte Onkel Karl streng.

»Ick hatt so'n jutet Extemporale geschrieben, und da hat er jedacht, ick hab abjeklaut, und da hat er mia ufft Katheda jesetzt, und da bin ick so vawirrt jeworden, det ick janischt hab schreiben können!«

»Du hast ufft Katheda jesessen?« sagte Onkel Karl voll des höchsten Mißtrauens. »Wer soll dia denn det jlooben? Denn hat er sich woll so lange uff deenen Platz jesetzt?«

»Er hat nebenbeijestanden!«

»Edwin, schäme dia doch wat und schwindle nich so«, sagte Onkel Karl entrüstet. »Seh mal, wennste in ne Patsche sitzt, denn helf ick dia doch jerne, aba denn derfste doch nich mit sonne Zicken kommen, det vatrare ick nich!«

»Wahr und wahaftich, du kannst ja alle Jungs fraren«, heulte Edwin.

»Ick werd mia scheene hiten, ihr steckt ja doch alle unta eene Kappe«, sagte Onkel Karl. »Und da haste janischt schreiben können?«

»Nee!«

»Wat kristen denn, wenn er det nu entdeckt?«

»Denn krieje ick Arrest!«

»Ouatschkopp du, du bist doch nich bei't Militär, tu dia man nich jar so dicke mit deen Jimnasium! Keile wirste kriejen!«

»Nee, Arrest –«, sagte Edwin.

»Na, denn komm ick dia mal besuchen.«

»Man bloß eene Stunde krieje ick doch Arrest!«

»Ach so –«, sagte Onkel Karl enttäuscht. »Na, denn reiß dia man bloß keen Been aus!«

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.