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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 49
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX

Ferienarbeiten

Edwin war wirklich »uffs Jimnasium jekommen«, wie Onkel Karl sagte, und alle Glieder der Familie erfüllte diese Tatsache mit einer etwas feierlichen Genugtuung. »Nu lerne, Edwin, det dia die Schwarte knackt«, ermunterte Onkel Karl immer wieder. »Wenn mia meen Vata so zu't Lernen anjehalten hätte, wie ick dia, denn broochte ick heite nich so zu schuften!«

Und an manchen Tagen, besonders wenn er sich vor Frau Lemke sicher wußte, konnte er plötzlich – eben noch ganz friedlich und vergnügt – im strengsten Tone fragen: »Edwin, haste ooch deene Jimnasienarbeeten jemacht? Ja, na – wenn't man wahr is? Mia kommt det höchst vadächtich vor, wenn fangste denn nu mit den Jriechisch und Französisch an?«

»So weit sind wa noch nich, det kommt erst in die obersten Klassen«, sagte Edwin.

»Na, wat lernt ihr denn eijentlich jetz for det teire Schuljeld?«

»Deitsche Jrammatik und Jeographie und allerhand – ooch Lateinisch!«

»So – na, denn laß ich deen Herrn Lehra saren: Die Hauptsache is Rechnen und ne jute Handschrift, und denn – selbstvaständlich – ne scheene Aussprache. Seene Muttasprache muß man natierlich aus'n Effeff kennen. Da derf man nich immafort mia und mich vawechseln. Wenn ick dia jetz bleistiftsweese frare, Edwin, wie heeßt et: Mia blutet der Finga, oda: mich blutet der Finga, wat sachste denn?«

»Ick blute«, half sich Edwin über die Schwierigkeit.

»Denn weß doch keena, wat blutet, denn kann's ja ooch aus die Neese sind«, sagte Onkel Karl mißbilligend, »lerne du man hibsch fleißich, dette dia nich so rauszureden broochst wie eben, det kann mia janich jefallen.«

*

Und Edwin, in dem allmählich der Ehrgeiz zu erwachen begann, gab sich wirklich Mühe: man konnte ihn jetzt täglich in einem abgelegenen Winkel des Gartens sitzen sehen, wie er den Kopf in die Hände stützte, die Augen schloß und die Wissenschaft mit Gewalt in sich hineintrieb, um Oktober versetzt zu werden. Gut nur, daß nun die großen Ferien kamen, da wollte er alle Lücken seines Wissens verstopfen.

Doch als dann die Ferien endlich da waren, brauchte er die erste Woche, um sich in der ungewohnten Freizeit zurechtzufinden. Und in den folgenden Wochen vermochte er trotz des Arbeitsplanes, den er sich für jeden Tag zurechtgemacht hatte, wegen der großen Hitze nicht zu arbeiten. Dieser Arbeitsplan wurde überhaupt sein Verhängnis. Früh um acht Uhr wollte er stets anfangen, eine Stunde Deutsch, eine Stunde Lateinisch, dann wieder eine Stunde Rechnen und nachher noch wieder eine Stunde Geographie oder Geschichte treiben – so konnte er nie aus dem Geleise kommen und war um die Mittagszeit ein freier Mann.

Wäre es ihm geglückt, diesen Plan gleich am nächsten Tage durchzuführen, so hätte er seine Pflicht auch redlich weitergetan und jedesmal drei Stunden gelernt. Da es ihm aber nicht geglückt war, entschied er sich dafür, erst am nächsten Montag regelrecht anzufangen, da diese Woche nun ja doch schon angebrochen war. Seine Gewissenhaftigkeit war eigentlich daran schuld, die sich sträubte, einen Zeitabschnitt mitzurechnen, den er als vollständig nicht mitzählen durfte. Er hätte es Onkel Karl gegenüber auch gar nicht zu behaupten gewagt, daß er Tag für Tag seine Schuldigkeit getan, wenn dessen Kontrolle damit nicht gestimmt.

Der Montag war gekommen, und pünktlich wie zur Schulzeit schleppte Edwin das Bücherpaket nach dem grünen Tisch in dem Gartenwinkel und schlug entschlossen die lateinische Grammatik auf. Aber die Sonnenlichter, die über das Buch tanzten, ließen alles so sonderbar erscheinen, daß er nichts zu erfassen vermochte. Als eine halbe Stunde vergangen war, entdeckte er, daß er überhaupt noch gar nicht angefangen hatte. Nun war der richtige Zeitpunkt wieder versäumt.

Ehe sich Edwin noch selbst darüber klar war, hatte er alle Bücher schon zusammengepackt und sich entschlossen, nun – obwohl ihm dabei zumute war, als säße er auf einer Schaukel – auch diese ganze Woche nichts zu arbeiten, ja selbst die nächste Woche bis zum Mittwoch tatenlos verstreichen zu lassen. Denn dann war gerade die Hälfte der großen Ferien vergangen, er hatte sich genügend erholt und wollte nun in der andern Hälfte, statt drei, täglich vier Stunden mit neuen Kräften arbeiten und alles nachholen.

Als jener Mittwoch aber überraschend schnell gekommen war, hielt Edwin eine erste und gewissenhafte Zwiesprache mit sich selbst und kam zu dem Ergebnis, daß es das beste sei, in der letzten Woche gründlich zu »schuften«, denn dann war die Gefahr vollständig ausgeschlossen, wieder etwas zu vergessen, wie es sonst vielleicht geschehen wäre.

So brach jener Montag an – mit eisernem Fleiß sollte die Arbeit einsetzen. Aber da ergab sich, daß etwas Seltsames mit Edwins Kopf vorgegangen sein mußte: Das Hirn wollte nichts fassen, es erschien ihm alles in lächerlichem und komischem Licht, daß er sich wunderte, wie er früher ernsthaft dabei hatte bleiben können.

Vielleicht ging es ihm nur mit der lateinischen Grammatik so, aber das Geographiebuch erschien ihm plötzlich noch viel närrischer, und die Geschichtszahlen glichen Seifenblasen, die in seinem Hirn platzten. Doch die lächerliche Stimmung ging allmählich in zehrende Verzweiflung über, denn – was sollte nun eigentlich werden? Er begriff, daß er die kostbare Ferienzeit unwiederbringlich verloren hatte und daß es ihm nichts nützen würde, selbst wenn er Tag und Nacht lernte. Sein Gehirn hatte das wenige Wissen vollständig ausgeschwitzt, anders vermochte er sich die seltsame Leere nicht zu erklären.

Die Angst steigerte sich, je länger er darüber grübelte, und machte ihn unfähig, still zu sitzen. Er packte die Bücher zusammen, schlich sich damit in die Stube und versteckte sie.

Frau Lemke, die in der kühlen Gaststube saß, beobachtete ihn heimlich voller Mitleid. In der ersten Woche hatte Edwin der Muter erzählt, was er an Ferienaufgaben zu bewältigen hatte, und Frau Lemke hatte gesagt: »Hör uff, hör uff, mia schwindelt der Kopp!« Nun sah sie ihm mißtrauisch nach, als fürchte sie, Edwins Kopf, der so vollgestopft worden war, könne durch eine unvorsichtige Bewegung zum Explodieren gebracht werden.

Edwin fühlte diese Blicke und schämte und verachtete sich; da aber die Katastrophe nun doch nicht mehr abzuwenden war, gab er sich einen Ruck, nahm seinen Flitzbogen und verschwand damit.

*

Und die Ferien waren vergangen und der erste Schultag gekommen. Als Edwin in die Klasse trat, erkannte er seine Kameraden kaum wieder. Die meisten sahen aus wie Mulatten und hatten laute und rauhe Stimmen gleich Seeleuten. Nur der Primus sah wie immer ein wenig blaß und kränklich aus. Alle gaben sich der Hoffnung hin, daß heute am ersten Schultage noch nichts zu befürchten sei, aber so recht wohl war doch keinem zumute.

Und darum verzehrten einige ihr Frühstück wie eine Henkersmahlzeit, aßen die Wurstscheiben vom Brot und stellten wehmütige Vergleiche mit den Tagen vorher an, da sie »sonst um diese Zeit« am Strande oder im Walde gewesen waren. Andere, die ihre Sache auf nichts gestellt, wurden plötzlich von einer unheimlichen Lustigkeit erfaßt und suchten sich ihr Dasein, solange es noch ging, zu verschönern. Sie kletterten über Bänke, rissen den Primus trotz der Heiligkeit seiner Person an der Nase oder eröffneten mit angebissenen Birnen ein Bombardement.

Edwin dagegen wurde fromm. Er gelobte ein neues Leben, wenn alles gut ablaufen sollte. Sein Vordermann war – falls der Blitz nicht bei ihm einschlage – zu jeder Unterstützung Edwins bereit, wollte außerdem lieber Zahnschmerzen haben oder sich mit einer Stecknadel unter den Daumennagel »pieken« lassen als »reinfallen«. Und als Vorspiel knabberte er sich sämtliche Fingernägel ab und drehte sich ganze Haarbüschel aus.

Optimistische Gemüter unter den Jungen suchten das Versäumte nachzuholen. Ohne ihre Umgebung zu beachten, trotz des Lärmens und Tumultes, lernten sie – die Augen in die Ferne gerichtet; wenn sie noch etwas länger Zeit hätten, wären sie ja gerettet gewesen.

Da klappte plötzlich die Tür, Dr. Barth, der Klassenlehrer, war eingetreten und bestieg das Katheder. Wie ein Feldherr übersah er die Schar, dann kommandierte er: »Richtung – Vordermann – setzen!«

Und gerade als die Jungen aufatmen wollten, weil »der Alte« gut gelaunt zu sein schien, donnerte er: »Hefte vor – wir schreiben Extemporale!«

Eine Bewegung des Schreckens ging durch die ganze Klasse, nur der Primus blieb zuversichtlich.

»Rrruhe – ich bitte mir Rrruhe aus, es geht los. Vorwärts: Als Caesar nach Gallien kam...«, diktierte Dr. Barth, und gleich darauf hört man das Kritzeln der Federn.

Edwin hatte den Kopf gesenkt und tat, als wenn er schrieb, aber er vermochte nicht ein einziges Wort zu übersetzen. Während des Lehrers scharfe Stimme weiterklang, verfiel er in einen seltsam traumhaften Zustand: er dachte an Onkel Karl, an die Straßenjungen, die er, durch den Gartenzaun gesichert, mit seinem Flitzbogen bedroht hatte, an Ede Müller, der auch vorübergekommen war – und auf einmal kam es ihm zum Bewußtsein, daß er ja hier in der Klasse sitze.

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