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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 48
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII

Einflüsse der »Seljen«

Auf dem Heimwege hatte Onkel Karl das Lesebuch des kleinen Edwin zurückgekauft. »Nu is allens wieda jlatt«, dachte er befriedigt, »bloß den scheenen Fedakasten von Jroßvatan ha' ick nich! Na – villeicht fang ick den Ede Müller später noch mal, wenn er nich inzwischen baden jejangen is!«

Als Onkel Karl nun den Biergarten betrat, merkte er auf den ersten Blick, daß hier irgend etwas nicht stimmte. Herr Wilhelm Lemke stand am Eingang der Kolonade, machte ein düsteres Gesicht und schlenkerte, wie immer, wenn ihm etwas quergegangen war, mit der Hand. »Mensch – wat haste bloß jemacht?« sagte er.

Onkel Karl fiel es wie Mehltau auf die Seele. Dann aber zog er die Augenbrauen hoch und sagte: »Heite kommt mia nich – ick rat's eich!«

»Karrel«, sagte Herr Lemke, »Karrel, du wirst schon kleenlaut werden, wennste hörst, watte anjerichtet hast!«

»Ick hab nischt anjerichtet, sonne Ausdrücke muß ick mia sehr verjebeten haben!«

»Wennste noch jrob werden willst, denn freß et alleene aus«, sagte Herr Lemke. »Mutta wart schon uff dia!«

»Denn werd ick ma' jleich bei ihr jehen, aba jleich –«, sagte Onkel Karl hitzig.

»Jeh man, jeh – ick bleib hia«, sagte Herr Lemke.

Als Onkel Karl aber ins Haus kam, erschrak er: Frau Lemke hatte ihr »jutes Schwarzes« an und probierte eben den großen Federhut vor dem Spiegel auf. Jetzt drehte sie sich um, sah Onkel Karl von oben bis unten an und wandte sich wieder ab.

»Ihr jeht woll heite int Theata?« fragte Onkel Karl freundlich.

»Watte man ...« Frau Lemke schwenkte den Kopf und bohrte in höchster Erregung die Hutnadel durch das starke gelbe Haar. »Watte man ...«, wiederholte sie, »laß mia man zurückkommen!«

»Wo jehste denn hin?«

Frau Lemke machte kehrt und kam schnurstracks auf ihn zu: »Du hast natierlich wieda keen Schimma, watte anjerichtet hast, du bist unschuldich wie'n Neijebornet, wahr?«

»Ick werd dia ma' wat saren, Anna«, sagte Onkel Karl, »wenn dia ne Laus iba die Leba jeloofen is, denn hetze sie nich uff mia, vastehste!«

»Stille – sei janz stille!« warnte Frau Lemke. »Reje mia nich noch mehr uff!«

»Jottes willen«, sagte Onkel Karl, »da schlare doch der Deibel Purzelboom! Wat is denn ibahaupt hia los?«

»Ick jeh jetz bei'n Rektor, und wenn ick zurück bin, werd ick mia schon mit dia aussprechen!«

»Wa'm jehste denn aba bei'n Rektor?«

»Wa'm ick bei'n Rektor jehe – weil er mia hinbestellt hat«, sagte Frau Lemke, »und wa'm hat er mia hinbestellt, weil sich der Herr Lehra iba dia beschwert hat! Und det weeßte woll ooch nich, det Edwin Keile jekricht hat, det er hinten blaue Flecke hat und det er außadem noch ne Stunde hat nachsitzen missen?«

»Watte ma', wer kann denn det allet uff eenmal behalten?« sagte Onkel Karl und faßte sich an den Kopf. »Also, wat war det erste?«

»Ick kann mia jetz nich mit deenen schwachen Kopp inlassen«, fuhr ihn Frau Lemke an, »mach bloß, dette schon rauskommst. Ick muß mia den Untarock noch ma' hochziehen, der kiekt mia vorne vor!«

»Ick werd mia bloß annere Stiebel anziehen, denn komm ick mit«, sagte Onkel Karl eifrig, »denn – denn saren wia ihn beede Bescheed.«

»Untasteh dia – laß dia ja nich noch ma' in die Schule sehen«, sagte Frau Lemke. »Ick hätte't von frieha her wissen sollen, det du allet bloß vaderbst. Ick dachte ja, du könntest eenen mal 'n Jang abnehmen, aba nee! Nu ha' ick die Bescherung, nu mach ick mia de jrößten Vorwirfe selba!«

»Brauchste nich«, sagte Onkel Karl, »der Lehra is wortbrichich jeworden, den jeb ick morjen frieh eens ins Jenicke, det ihn die Kohlrübe wackelt!«

»Denn schlacht er Edwin tot!« sagte Frau Lemke.

»Denn schlare ick ihn ooch tot und tret noch mit'n Absatz druff!« sagte Onkel Karl.

»Hör uff, in die Art und Weise is nischt ßu machen.«

»Ick wüßte schon, wie man die Bande ärjern könnte«, sagte Onkel Karl, »ick wirde den Rektor janz jehörich Bescheed stechen, denn wird ick Edwin sofort abmelden und ihn ufft Jimnasium schicken! Jroßvata sacht det ja schon lange! Wat braucht er denn von die Klippschila Unjeziefa za Hause bringen!«

Frau Lemke schwieg nachdenklich und zerrte an ihrem Kleid. »Jeh man jetz ma' raus«, sagte sie dann, »det ick endlich fertich werde, ick mißte schon längst da sind!«

»Also mach, wie ick's dia jesacht hab«, sagte Onkel Karl im Abgehen, »und wennste denn nachher zurückkommst, werd ick dia azehlen, wat ick heite frieh jemacht hab. Du wirst staunen!«

»Laß mia lieba nich staunen, Karrel«, sagte Frau Lemke niedergeschlagen, »denn nachher kommt det dicke Ende jedesmal nach!«

»Diesmal nich«, sagte Onkel Karl, und dann drückte er die Tür zu, um zu Edwin zu gehen, den er verweint und traurig in einer Ecke fand.

»Konnste dia nich vorher 'n Pappdeckel untalejen?« fragte er teilnehmend. »Det ha' ick imma jemacht, ehe die Sengerei losjing.«

Edwin begann von neuem zu schluchzen, und Onkel Karl hörte ihm ein Weilchen voll stummer Anteilnahme zu. Dann plötzlich sagte er: »Na – nu, nu höre uff, et klingt schon kinstlich, besonners der eene Schnorax, den du mit die Neese machst!«

Und dann erzählte er ihm ein bißchen umständlich, wie er heute früh Ede Müller gefangen, ihm die Beute abgejagt und ihn schließlich gelyncht hatte. »Da hättste ma' hören sollen, wie det klingt, wenn eener wirklich Heulkrämpfe kricht – da kommst du ja nicht jejen an. Und hia haste den Sechsa, den du dia als Karussellschieba vadient hast, und nu tröste dia: Ick hab vaanlaßt, dette uff'n Jimnasium kommst, da derfen die Lehra keenen schlaren, und die Jungs können machen, wat se wollen, denn dafor bezahlen se ja Schuljeld!«

»Da muß man aber so ville lernen«, sagte Edwin, »allet so'n schweret Zeich, ick weeß doch!«

»Et is ja richtich«, sagte Onkel Karl, »du hast'n schwachen Kopp, und er wird dia woll mechtich bei uffquellen, aberst ick werde dia schon imma ibahören, so lange, bistet wirklich kannst!«

Diese Aussicht schien Edwin mit etwas weniger großer Freude zu erfüllen als Onkel Karl, der nach einer ganzen Weile noch hinzusetzte: »Uff die Weise lerne ick denn ooch noch Lateinisch und Jriechisch und sojar jratis; schade man bloß, dette nu deen Lesebuch nich jebroochen kannst. Na, denn vaklopp et man wieda und koof dia wat Nitzlichet for det Jeld!«

*

Eine Stunde später war Frau Lemke von ihrem Besuch bei dem Rektor zurückgekehrt, aber sie wollte nicht eher erzählen, als bis sie sich das Staatskleid ausgezogen und es sorgfältig in den Kleiderschrank gehängt hatte. Dann, als sie sich die große weiße Latzschürze über den Alltagsrock gebunden und Kaffee gekocht hatte, faßte sie alles, was sie an Eindrücken und Erfahrungen heute gesammelt, in der Behauptung zusammen: »Lehrers dürfte't ibahaupt nich jeben!«

»Woso?« fragte Onkel Karl, der sich damit nicht zufriedengeben wollte.

»Wer nich selbst eenen Kinde det Leben jejeben hat, der weeß nich, wat een Kind is«, sagte Frau Lemke.

»Det mußte näher bejründen, Anna«, sagte nun auch Herr Lemke, »ick a's Vata beispielsweese ...«

»Nee, nee«, wehrte Frau Lemke ab, »laß man, Willem, jib dia keene Mihe mit die Vatafreiden. Aba nu paßt mal bloß uff: Also, ick erzähle den Rektor allet janz jenau, wie't mit Edwin jewesen is, ehe er uff die Welt kam. Dunnemals hätte jrade wieda mal die Selje jespukt, und ick hab ihn auseenandaklamüsert, wat det mit die Selje for ne Bewandtnis hat, aba er hat bloß die Achseln jezuckt und jesacht: ›Das is doch barer Unsinn.‹ Wie kann der Mann bloß so sprechen, wo er doch nich mit alebt hat, wat wia dunnemals bei Jroßvatan in det Schöneberjer Spukhaus und denn bei uns in die ›untairdische Tante‹ durchjemacht haben. ›Herr Rektor‹, ha' ick ßu ihn jesacht, ›det jeht bis in't dritte und vierte Jlied, und wat die Selje is, det is ne sehr enerjische Pason jewesen. Det letztemal hat se Klamotten in'n Schornsteen jeschmissen. Und wie ick mit Edwin jing, war sie janz aus de Fassong jekommen, und det hat uff det arme Kind jewirkt – et is ja ooch ßu frieh uff die Welt jekommen und imma schwächlich und kränklich jeblieben‹!«

»Na, und denn?« fragte Onkel Karl, dem Frau Lemke viel zu weitschweifig erzählte.

»Na, und denn«, sagte Frau Lemke, »hab ick for dia Abbitte leisten müssen, denn sonst wären se wejen Beleidjung jejen dia vorjejangen.«

»Na, kommt denn nu Edwin ufft Jimnasium?« fragte Onkel Karl.

»Der Rektor hat jesacht, wenn't so'n nervöset Kind is, denn wär't allemal det Beste, wia schicken ihn in ne Privatschule, und da ha' ick'n also abjemolden!«

»Det vadankste mia, Edwin«, sagte Onkel Karl freudestrahlend.

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