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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII

Die Reinigung

In höchster Befriedigung verließ Onkel Karl die Schule, besah sich draußen, von der anderen Straßenseite, das Schulgebäude noch auf seine architektonische Schönheit und ging dann mit raschen Schritten dem Kanal zu. Er hatte wirklich keine Zeit mehr gehabt, dem Lehrer den gestrigen Tag in allen Einzelheiten zu schildern, denn eine viel wichtigere Sache tat not: Ede Müller, den großen Straßenjungen, zu fangen.

Diese schwierige Aufgabe, die sich Onkel Karl aus freiem Antrieb gestellt hatte, erforderte ein ganz ungewöhnliches Maß von List und Geschicklichkeit, und er wollte zeigen, daß er die zehn Taler nicht umsonst erhalten hatte. Mit dem behäbigen, ruhigen Schritt eines harmlosen Spaziergängers schlenderte er nun unter dem Grün der Bäume dahin, bückte sich ab und zu nach einem flachen Stein, ließ ihn über die Wasserfläche tanzen und freute sich, daß er noch so gut »Butterstullen« werfen konnte. Aber dann gingen seine scharfen Augen sofort wieder in die Runde und spähten nach Ede Müller aus.

Dort hinten, wo die Karrenschieber die Ziegelsteine von den Lastkähnen schafften, sah er ein paar verdächtige Gestalten. Und dann gab es ihm plötzlich einen Ruck durch die Glieder: »Da is ja ooch meen lieba Freind und Kuppastecha, na nu, Karrel, blamier dia nich!«

Ede Müller, der – dank seiner glücklichen Veranlagung – stundenlang zusehen konnte, wie andere arbeiteten, war ganz in den Anblick der Karrenschieber vertieft gewesen. Nun aber verstummte plötzlich sein halblautes Pfeifen, er nahm die Hände aus den Hosentaschen, kratzte sich nach seiner Gewohnheit eilfertig das pockennarbige Gesicht und blinzelte Onkel Karl an. Offenbar kam ihm der Herr dort bekannt vor, er wußte wohl bloß noch nicht, wo er ihn schon einmal gesehen hatte, ob er Freund oder Feind sei.

Wie Ede zu seiner Beruhigung dann feststellte, nahm der Herr gar keine Notiz von ihm, sondern starrte unausgesetzt in das Geäste eines der Bäume. Ede, den ein Instinkt warnte und der deshalb schon zur Flucht bereit gewesen war, begann nun, Onkel Karl vorsichtig zu umkreisen, immer enger, immer enger, endlich stand er nur drei Schritte weit entfernt still, legte den Kopf ins Genick und starrte ebenfalls in das Blättergrün. Dann kam er plötzlich ganz dicht heran, sah Onkel Karl ins Gesicht, um sich genau dessen Augenrichtung zu merken, und machte den letzten ärgerlichen Versuch, irgend etwas Interessantes in dem Baumwipfel zu entdecken. Und dann sagte er verächtlich: »Wat kieken Se denn da immafort?«

Onkel Karl erwachte wie aus einem tiefen Traum, sah Ede Müller geistesabwesend an und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wat saren Se?« fragte Ede.

Onkel Karl kratzte sich nachdenklich den Kopf, schien weitergehen zu wollen und sagte seufzend: »So eenen mißte man haben, sonnen biechsamen Ast, denn könnte man se fangen!«

»Wat könnten Se denn fangen?« fragte Ede interessiert: »Vöjel?«

»Nee – Karnickels!«

»Quatsch – wo wollen Se die denn fangen? Oda sind Sie welche wechjeloofen?«

»Nee, wilde«, sagte Onkel Karl, »in die Hasenheide wimmelt's von.«

»Ja – det ha' ick ooch schon jemorken«, sagte Ede, »bloß man kommt nich ran!«

»Braucht man ja ooch janich, wenn man sonnen Ast hat, da macht man doch die Falle von!«

»Die Falle möcht ick sehen«, sagte Ede höhnisch.

»Wenn ick man bloß sonnen biechsamen Ast hätte, denn wirdste schon sehen und dia von ibazeijen können«, sagte Onkel Karl seufzend.

»Ick werd ma' so'n Ast runtaholen«, sagte Ede entschlossen.

»Du krichst ihn doch nich ab!«

»Ick hab doch 'n Messa, det schneid't wie Jift!«

»So – na denn!«

Geschickt wie eine Katze begann Ede an dem Stamm emporzuklimmen. »Welchen meenen Se denn nu?« fragte er von oben herab.

»Den da –«, und Onkel Karl bezeichnete ihm einen hübschen, geschmeidigen Ast, den Ede dann abschnitt und hinunterwarf. Gleich darauf stand der Junge neben Onkel Karl und sah zu, wie der Blätter und Zweiglein entfernte. »Na – wie is, wiste dia nu ooch 'n Karnickel fangen?«

»Sie sollen mia doch eens abjeben, ick hab Sie doch den Ast for abjeschnitten«, sagte Ede, als ob ihn Onkel Karl schon betrogen hätte.

»Na, denn mußte mitkommen«, sagte Onkel Karl, »und dia mit uff die Laua lejen.« Und dann ließ er den Ast sausend durch die Luft fahren und prüfte ihn auf seine Geschmeidigkeit. »Der jeht –«, sagte er befriedigt und setzte sich in Bewegung.

Ede, der zu der Überzeugung gekommen war, daß diese neue Bekanntschaft immerhin von Vorteil sein könnte, trabte neben ihm her.

»Womit wollen Se denn die Karnickels anlocken?«

»Det wirste ja sehen!«

»Machen Se se jleich tot?«

»Bloß die Zibben.«

»Heeßen die denn ooch Zibben – ick denke, bloß die Sies von die Ziegenböcke?«

»Wennste nachher ooch so ville frachst, wirste bloß die Karnickels vascheichen«, sagte Onkel Karl. Und der Junge, der sich ärgerte, daß er nicht für voll genommen wurde, verkniff seine Neugierde und lief nun stumm weiter mit.

Endlich kamen sie aus den Straßen heraus, vor ihnen dehnte sich die riesige Fläche des Tempelhofer Feldes.

»Da jeht's doch lang, da is doch die Hasenheide«, sagte Ede, auf das Kieferngehölz weisend.

Onkel Karl beschattete die Augen mit der Hand und besah sich die Gegend: Ganz hinten, in weiter Ferne, übten Soldaten, nirgends sonst in der Runde ein menschliches Wesen zu sehen.

»Na«, sagte Onkel Karl, »denn wollen wa ma erst die Falle machen, jib ma mal deen Messa, ick muß ne Kerbe in den Ast schneiden!«

Ede nahm das Messer, das er gestern dem kleinen Edwin abgenommen hatte, aus der Tasche und sah neugierig zu, wie Onkel die Kerbe schnitt und dann in der Zerstreutheit das Messer in die Weste steckte.

»Nu haben wia die Hauptsache vajessen«, sagte Onkel Karl und schlug sich ärgerlich an die Stirn.

»Woso?« fragte Ede.

»Ick brauch doch 'n Paar Hosenträjer zu!«

»Na, nehmen Se doch solange meene«, sagte Ede und knöpfte sich die Riemen ab.

»Scheen«, sagte Onkel Karl, »jib her. Nu kannste nich mehr rennen, sonst rutschen dia die Hosen, wat?«

Ede kniff plötzlich die Augen zusammen und sah Onkel Karl mißtrauisch an.

»Ja, kiek man, meen Sohn«, sagte Onkel Karl, »wat ick dia beweesen wollte, is man bloß, det et doch noch hellere Köppe jibt a's wie du. Det Kanickel, wat ick fangen wollte, bist du nehmlich!«

Ede erbleichte bis in die Haarwurzeln hinein, dann machte er eine blitzschnelle Wendung und versuchte davonzulaufen, aber die weiten, sackähnlichen Hosen, die herunterrutschten, hinderten ihn.

»Mach mia nich erst wietend«, sagte Onkel Karl, »sonst fessele ick dia. Seh ma', meen Sohn, jestern haste den kleenen Edwin in eene Falle jelockt, und heite biste selba rinjejangen, hast dia sojar den Ast abgeschnitten, mit den du nu deene Senge beziehen wirst. Hia kannste schreien, so ville wieste willst – et hört dia keena als der liebe Jott! Und nu jib ma' erst die sechs Dreia raus for det Lesebuch und den Sechsa for det Karussellschieben, den hat sich der kleene Edwin redlich vadient.«

Ede sah Onkel Karl stier an, dann faßte er in die Tasche und holte das Geld hervor.

»Also – den Parajrafen hätten wia ooch aledicht – nu ma' weita! Du weeßt doch, watte allet uff'n Kerbholz hast, anjefangen von die Schultasche in'n Kanal bis ßu det Steenjeschmeeße zuletzt, um den Kleenen loszuwerden. Janz abjesehen von die Sorje und Uffrejung, in die du Vatan, Muttan und mia eenen janzen langen Tach vasetzt hast. Weeßte det?«

Ede blieb stumm, nur die Blicke irrten umher.

»So – na!« Onkel Karl spuckte sich in die Hand und faßte den geschmeidigen Ast fester.

»Nu, meen Sohn, bück dia recht scheen tief, und zieh dia mit bede Hände die Hosen so stramm, wieste kannst. Ick zähle jetz bis fimfundzwanzich, und du rechnest laut mit. Wennste springst oda zappelst, denn jilt der Schlach nich, denn fangen wa janz von vorne ßu zählen an!«

Und als Ede zauderte, tönte Onkel Karls Stimme wie eine Posaune über das Feld: »Runta mit 'n Kopp, Hosen strammjezoren! Denkst woll jar, ick spaße mit dia? Nee, meen Sohn, der Denkzettel jetz rettet dia villeicht vor't Zuchthaus!«

Da begriff Ede Müller, daß es keine Rettung mehr gab, und nach einem letzten, verzweifelten Blick auf Onkel Karls Gesicht bückte er sich langsam.

Gleich darauf prasselten die Schläge auf seine Kehrseite, und Onkel Karl schrie wütend: »Wiste mitzählen – achte, neine, zehne!«

»Halt!« kommandierte sich dann Onkel Karl selbst. »Is jenuch, det ibrije schenke ick dia in Jnaden. Da haste deene Hosenträja wieda, und nu loof, watte loofen kannst, und laß dia nich wieda in unse Jegend sehen, sonst biste jeliefert!«

Ede, der sich, laut heulend und jämmerliche Mißtöne ausstoßend, die Kehrseite rieb, schlich mit einem schielenden Blick auf Onkel Karl davon, und Onkel drohte ihm mit der Faust nach.

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