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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 45
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V

Verlaufen

Eine halbe Stunde später saß Edwin in der Wachstube des nächsten Polizeibüros und verzehrte mit Heißhunger und doch voll inneren Widerstrebens eine Zwiebelleberwurststulle, die ihm der Wachtmeister gegeben hatte. Trotz seines Heißhungers schmeckte die Stulle »nach Polizei«, wahrscheinlich weil sie der Beamte längere Zeit hindurch in seiner Hosentasche gewärmt hatte.

Und ab und zu schluchzte Edwin jählings wieder auf, wenn er an das eben überstandene Verhör dachte, und wie man ihn mit Fragen gemartert hatte, bis er alles verraten: daß er die Schule geschwänzt und mit Ede Müller Karussellschieber geworden sei. Und auch wo er wohne, wie er heiße, wann er geboren sei, hatte er eingestanden. Statt ihn ins Gefängnis abzuführen, hatte man ihm dann ein Plätzchen angewiesen, und der Wachtmeister hatte ihn getröstet und gesagt, daß nun bald jemand von seinen Angehörigen kommen und ihn abholen werde. So verheißungsvoll das auch geklungen, so sah Edwin der Wiedervereinigung mit seiner Familie doch mit etwas gemischten Empfindungen entgegen. »Der Junge ist ja schon auf allen Revieren als verschwunden angemeldet«, hatte der Wachtmeister zu den anderen Beamten vorhin gesagt, und Edwin entnahm dieser Äußerung, daß die Nachforschungen nach seinem Verbleib wohl im größten Maße angestellt worden waren. Er hörte auch, daß seine Schulmappe nicht im Kanal untergegangen, sondern aufgefischt worden sei. »Die Eltern werden wohl schon das Schlimmste befürchtet haben und froh sein, daß sie den Bengel so heil wiederkriegen«, hatte der Beamte hinzugesetzt, »aber soll man's glauben, auf was diese Lümmels alles kommen!«

Bei der Erinnerung daran, wie er vorhin an der Straßenecke von dem Beamten aufgegriffen und dann, unter dem Gejohl der Straßenkinder, abgeführt worden war, überwältigten Edwin die Empfindungen jedesmal aufs neue. Das Taschentuch hatte ihm Ede Müller heute früh abgenommen, und so war er gezwungen, die Feuchtigkeit aus Nase und Augen mit dem Jackenärmel zu beseitigen. Allmählich erwies sich dies aber als unmöglich, denn der Ärmel glich – wie Edwin in seinem Kummer dachte – »eener janz richtjen Schlidderbahne«. Mit Dankbarkeit nahm er es daher auf, als ihm ein freundlicher Schutzmann ein altes, mürbes Zeitungsblatt gab und ihn aufforderte: »Hia – schnaub dia mal jrindlich aus, und denn falte's sauba zusammen und steck dia't in die Tasche. Detstet janich etwa hia wo wechschmeeßt, denn schneid ick dia die Horchlappen ab.«

Und dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und hereinstürzte – hochrot und schwitzend vor Eile und Aufregung – Onkel Karl, am Arm einen großen Henkelkorb, der – wie sich später herausstellte – Würste, Eier und Schinken enthielt, zur ersten Labung für den Wiedergefundenen.

»Mensch –«, sagte Onkel Karl, mitten in der Wachstube stehenbleibend, und sah Edwin starr an. »Mensch – wat machste bloß?« Und dann, sich zu den Beamten wendend, setzte er hinzu: »Wenn ick meen'n Bluthund, den Nulpe, noch jehabt hätte, wirden wia die Spur schon ville eha jefunden haben. Ick schaff mia aba ooch wieda so'n Tier an, det is durchaus notwendich!«

Aber in kurzem amtlichen Ton fragte der Wachtmeister: »Sie sind der avisierte Verwandte?«

»Nee, ick bin bloß eenfach jlicklich«, sagte Onkel Karl.

»Das jeht mich janischt an – sind Sie der Vater des Kindes?«

»Jott sei Dank, nee! Det weeß ick jenau!« Und bereitwillig setzte Onkel Karl hinzu: »Wenn Sie det aba allet for die Ibajabe des Findlings notwendich halten, könnte ick Sie ja meen Lebenslauf azehlen. Ick hab ooch annere Legitimationen – – –.« Als er aber seine ungeheure lederne Brieftasche, die sich im Jackenfutter festgesetzt, herausziehen wollte, sagte der Beamte zu Edwin: »Kennst du den Herrn da?«

»Det is ja unsa Onkel Karrel«, sagte Edwin.

»Also – es genügt, lassen Sie man«, wehrte der Wachtmeister ab, als ihm Onkel Karl die ganze Brieftasche überreichen wollte, »es genügt, nehmen Sie sich den Bengel, und passen Se andermal besser drauf auf!«

»Da haste't – mia trefft diesmal aba keene Schuld«, sagte Onkel Karl, und sein Brustton grollte, »int Jejenteel, ick hab die Mappe aus'n Kanal jeholt ...«

»Jut, jut, jut – die Sache ist erledigt!«

»Denn komm, denn wollen wia hia wechjehen!« Und gemessen faßte er Edwin hinten am Kragen und sagte: »Bein jeringsten Fluchtvasuch schieß ick dia nieda! Adje, meene Herrn!«

Draußen auf der Straße aber blieb er plötzlich stehen: »Haste Hunga – nee? Haste Durscht? Nee – Keile kriste doch, watte man, laß uns man erst za Hause sind!«

Und dann, da ihm das für einen richtigen Gefangenentransport angemessener erschien, winkte er einem Droschkenkutscher, ließ ihn vorfahren und umbiegen und öffnete den Wagenschlag.

»Injestiegen, sonst lej ick dia Fesseln an die Jelenke!« Der Eindruck dieser Drohung wirkte ersichtlich imponierend auf die Neugierigen, die sich sofort angesammelt hatten.

»Also, Kutscha – direktemang nachs Scheeneberjer Ufa, aba 'n bißken Trab!« Und als Onkel Karl dem Arrestanten dann gegenüber Platz genommen, sagte er: »For deene Ajreifung sind mia zehn Tala bewillicht worden!«

Aber trotz dieser hohen Summe zeigte Edwin keine besondere Ergriffenheit. »Wenn ich druff bestanden, hätt ick ooch mehr jekricht!« Und da Edwin auch jetzt noch stumm blieb, setzte Onkel hinzu: »Laß jut sind, meen Sohn Absolom, die Vastockheet werd ick dia schon austreiben, und wenn ick dia wie ne Flunda reichern sollte.«

Mit Genugtuung konstatierte Onkel Karl, daß Edwin mürbe zu werden begann, aber mit diesen paar Tränen, die dem Jungen übers Gesicht liefen, war ihm noch lange nicht gedient.

»Du wirst deen Alibibi nachweisen müssen, ibalech dia also die Schose!« sagte er.

»Ick hab ja meen Hut«, trotzte Edwin.

»Du Dussel«, sagte Onkel Karl verächtlich, »Alibibi is doch janz wat anneres als 'n jewöhnlicha Bibi, komm mia bloß nich so, sonst vaderbstet ooch noch mit mia!«

In dumpfem Schweigen ging die Fahrt nun weiter. Als Edwin dann aber das mürbe Zeitungsblatt aus der Tasche holte, die Augen damit abwischte und sich schnaubte, faßte Onkel Karl, dem das verdächtig vorkam, plötzlich zu: »Wat is denn det for ne neimodsche Sache?«

»Det hat mia der Schutzmann jejeben!«

»Ick hätte't nie for möchlich jehalten, det'n Mensch in sonne kurze Zeit so tief sinken könnte«, sagte Onkel Karl kopfschüttelnd, »Schnuppticha aus olle Zeitungen – hat man det jehört? Hia, haste meens, det Papia nehme ick in Beschlach!« Und er faltete es und steckte es vorsichtig in die Tasche.

Nach einer Weile sorgfältiger Überlegung sagte Onkel dann: »Ick wirde an deene Stelle 'n janz offnet Jeständnis ablejen, det jibt mildernde Umstände. Azehle mal also janz von vorne an.«

Nur mit Mühe konnte sich der jetzt wirklich ganz zerknirschte Junge so weit beruhigen, daß er bei dem strengen Verhör zu antworten vermochte. Dann wurde er von selbst ausführlicher, als er Ede Müllers Auftreten schilderte.

»Is det so eena mit jriene Hosen?« unterbrach Onkel Karl, »denn den kenne ick, det is so'n Klamottenschmeißa.«

»Nee – mit jesprenkelte –«, sagte Edwin.

»Denn hat er sich annere anjezoren, det er unkenntlich is. Wat hat er noch for Kennzeechen?«

»Er is 'n Kopp jrößa wie ick!«

»Det is selbstvaständlich –«, wies Onkel Karl zurück; »dette dia von 'n kleeneren vaschleppen lassen wirst, is doch nich jut denkbar. Steht det eene Ohr von'n Kopp ab, denn da ha'ck ma' dran jezoren?«

Edwin konnte über die Ohrstellung nichts aussagen. »Aba int Jesichte hat er lauta sonne kleenen Kuten!«

»Sommasprossen?«

»Nee – Kuten, wie von Schrotkureln!«

»Nu weeß ick, wer't is –«, sagte Onkel Karl, »det is der Barfbeenije! Mit sonne janz kleene schwarze Oogen wie so'n Wiesel – wahr?«

Und als Edwin nickte, sagte Onkel in tiefer Befriedigung: »Also der! Na – ick solln man erst jefaßt haben, den laß ick nich mehr labundich aus die Finga!«

Nun bog der Wagen in die stille Gegend am Kanal ein, man mußte bald am Ziel sein. Vorher wollte sich Onkel aber noch über einige dunkle Punkte völlige Klarheit verschaffen. Und so fragte er plötzlich:

»Wat habt ihr for det scheene Lesebuch jekricht?«

»Sechs Dreia!«

»Na watte man«, grollte Onkel Karl vor sich hin. Und dann ließ er sich ganz genau beschreiben, wo der alte Buchhändler wohnte.

»Det Taschenmessa hat mia Ede Mülla ooch wechjenommen«, sagte Edwin, der das Bestreben hatte, völlig reinen Tisch zu machen.

»Und det haste ooch wirklich so hinjejeben?« Aus Onkels Gesicht schwand alle Genugtuung, und das heimliche Mitleid, das er für Edwin empfunden, war wie weggeflogen: »Seh ma', allet könnt ick dia vazeihen, aba det vazeih ick dia nich! So dumm derf keena nich sind, det is strafbar, det vadient jehörje Keile. Weeßte, wat det Messa jekost hat?«

Dann gab er, als Edwin schwieg, selbst die Antwort: »'n Tala – 'n schweren Tala. Det Messa schnitt wie Jift, und die Schale war echt Schildpatt! Et soll mia aberst ne Lehre sind: In meen janzet Leben schenk' ick dia aba ooch nich mehr so ville, eha laß ick mia in Sticke zarreißen. Junge – Junge, Edwin, Mensch, bist du ne Schafsneese!«

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