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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV

Ede Müller, der große Straßenjunge

Die Sonnenstrahlen wurden schräger – immer weiter rückte der Nachmittag vor, und immer tiefer geriet Edwin in die Gewaltherrschaft seines Freundes. Anfänglich hatte dieses freie Leben noch einen romantischen Anstrich gehabt: Sie waren – mühsam durch den lockeren weißen Sand watend – auf den Gipfel des Kreuzbergs gestiegen, und Ede Müller hatte Edwin eine Stelle gezeigt, an der er einmal Geld vergraben haben wollte. Während er es sich dann in einer Sandmulde behaglich machte, die Jacke auszog – wobei ein unglaublich buntes Hemd zum Vorschein kam – und in die Sonne blinzelte, hatte Edwin im Schweiße seines Angesichts nach dem vergrabenen Schatz »buddeln« müssen.

»Wennsten nich findst, denn missen wia uns uff annere Weise Jeld beschaffen«, hatte Ede nachher gesagt, »wa missen uns Schrippen koofen, sonst vahungan wa. Nu jeh ma' und seh ma', obste ollet Eisen findst, varroste Näjel und so wat; det vakloppen wia denn bein Lumpenmatz!«

Aber so weit auch Edwin umherschweifte – außer einer verbeulten Kasserolle und einer gekrümmten Schuhsohle fand er nichts.

»Mensch – du wirdest vahungan, wennste alleene uff die Welt wärst; sei bloß froh, dette mia hast! Nu penne man ooch 'n bißken, ick werd dia schon saren, wat wia nachher machen, hab also keene Bange nich!«

So lagen sie beide regungslos lange Zeit zwischen den dürren, stacheligen Büscheln des Bocksbartgrases und ließen sich von der Sonne braten. »Wenn wia Hunde wären, krichten wia nu bald die Tollwut«, hatte Ede gesagt, »wia missen uns ooch mal uff die annere Seite drehen!« Mit großer Gewissenhaftigkeit hatte Edwin diesen Ratschlag seines erfahrenen Freundes auch befolgt, schließlich aber – beim Blinzeln nach den weißen matten Schmetterlingen, die vorüberflatterten, durch das Flimmern des heißen trockenen Sandes ringsum, die tiefe Stille und den weiten Marsch ermüdet – war er eingeschlafen.

Und ganz verdutzt und verwirrt blickte er nun um sich und suchte zu begreifen, wo er war, als ihn jemand heftig an der Schulter rüttelte.

»Mensch – wach doch schon uff, sonst vadörrt dia ja det Fleesch uff die Knochen«, sagte Ede Müller, »komm – nu jeht's weita, wa missen Jeld vadienen!«

Noch immer wie betäubt, zog dann Edwin hinter seinem Freunde her. »Wo jehen wia denn nu hin?« hatte er einmal zu fragen gewagt, aber Ede hatte eine ganz unbestimmte Handbewegung über die weite, baumlose Fläche des Tempelhofer Feldes gemacht. Und erst eine ganze Weile später – wie zum Trost – setzte er hinzu: »Det wirste ja sehen!«

Nun, als der Wind die Töne eines Leierkastens herübertrug, ein paar kleine Häuschen – eins davon mit einem grüngestrichenen Turm – zwischen Fliederbüschen und stacheligen Hecken auftauchten, ließ sich Ede herab und fragte: »Biste schon mal nach die Türmchen jewesen?«

»Nee –«, sagte Edwin.

»Nich ins neie Türmchen – ooch nich ins alte? Weeßt woll ooch janich, wat det is?« setzte Ede geringschätzig hinzu.

»Nee!«

»Na – denn wirste ja Oogen machen«, sagte Ede, »halt dia nu imma janz dichte an mia ran!« Und die Hecken, die die beiden Biergärten von dem staubigen Wege trennten, wie ein Fuchs umschleichend, drang er plötzlich durch die Zweige und stellte sich – als habe er dort schon immer gestanden – neben das große Karussell.

»Ran –!« kommandierte er wütend, als er sah, wie Edwin noch immer zwischen dem Dornengestrüpp steckte. Und ob der sich nun auch die Hände und das Gesicht zerriß, er gehorchte dem Befehl und kämpfte sich mit verzweifeltem Aufgebot seiner letzten Kräfte durch.

»Nu missen wia warten, bis der Karussellmann wieda neie Jungs braucht, die det Dings drehen helfen, denn melden wia uns und vadienen uns wat«, sagte Ede.

Und getreulich hielt Edwin neben dem erfahrenen Freunde aus. Ach, aber wie kam er sich vor, als er nun die anderen Kinder sah, die dort bei ihren Eltern an den Tischen des Lokals saßen, Kaffee und Bier trinken und nachher Karussell fahren konnten. Eine heiße Sehnsucht erwachte – nach seiner Mutter, seinem Vater, selbst nach Onkel Karl, nach großen Schinkenstullen und Weißbier.

Aber Ede Müller ließ ihm keine Zeit, trübselige Betrachtungen anzustellen. »Uffjepaßt, jetz werd ick mit den Mann sprechen, und denn kommste nach, wenn ick dia winke!«

Gleich darauf sah Edwin, wie Ede auch wirklich mit dem Mann verhandelte, wie dieser nickte und Ede dann das verabredete Zeichen gab. Die geheimnisvollen roten Vorhänge in der Mitte des Karussells wurden sekundenlang zurückgeschlagen – die beiden Jungen schlüpften durch den Spalt, liefen eine Wendeltreppe hinauf – und unmittelbar über ihren Köpfen spannte sich nun die graue Leinwand des spitzen Karusselldaches. Vor ihnen aber – als wären sie zwischen die Speichen eines umgefallenen Rades gekommen – streckte sich eine sinnverwirrende Reihe von Querbalken. Und als nun der Leierkasten zu spielen begann, setzten sich diese Balken in Bewegung, und Edwin konnte gerade noch Edes Beispiel folgen, der sich mit der linken Schulter gegen einen Balken gestemmt, ihn vorwärts schob und dabei im Kreise lief, so rasch seine Beine konnten. Und wie Edwin so dahinkeuchte, immer in Todesangst, der Balken hinter seinem Kopfe könne ihn einholen und treffen, begann sich plötzlich alles vor seinen Augen zu drehen. Er wollte schreien, rufen, hörte aber bei dem Dröhnen des Leierkastens seine eigene Stimme nicht mehr. Dann war's ihm, als versinke er in schwarze Tiefen, und nur aus weiter, weiter Ferne drang ganz leise und fein die Melodie des Drehorgelliedes an sein Ohr.

»Meen kleena Bruda is schwindlich jeworden«, hörte er dann die Stimme seines Freundes Ede, und als er die Augen aufschlug, sah er den hohen blauen Himmel und das schwarzbärtige Gesicht des Karussellbesitzers über sich.

»Na – wie jeht's dia denn, Steppke?« fragte der Mann.

»Jut!« sagte Edwin und rappelte sich von dem Rasen auf.

»Sehste, du bist noch ßu kleen for so wat!« Und dann fuhr der Mann plötzlich wütend auf Ede los: »Nu machste, dette mit den Kleenen za Hause kommst, Lausejunge, und wennste dia hia noch mal sehen läßt, schlag ick dia't Kreiz in!«

»Erst meenen Sechsa raus«, sagte Ede und senkte den Kopf, als wollte er damit gegen den Bauch des Mannes Sturm laufen.

»Da hast'n – aba nu zieh Leine, sonst vajreif ick mia an dia«, sagte der Karussellbesitzer und hob die Hand.

»Los!« sagte Ede und trat einen Schritt näher. »Los – bloß eenen eenzjen Schlach! Ick kann Ihn'n saren – – –.« In dumpfem, drohendem Gurgeln erstickten die anderen Worte, und der Kopf hob und senkte sich, als suche er das Ziel.

Aber im nächsten Augenblick sah Edwin, wie sein kühner Freund hinten im Genick gepackt und vorwärts geschoben wurde, daß die Staubwolken aufwirbelten. Dann gab's ein Knacken und Brechen im Gezweig der Dornenhecke, und Ede Müller befand sich draußen.

»Nu vaschwind du man ooch«, sagte der wütende Mann zu Edwin, »sonst kriste die annere Hälfte! Vorwärts – wiste durch!«

Und Edwin sprang in seiner entsetzlichen Angst in das Gestrüpp, hatte die Empfindung, als würden ihm alle Haare vom Kopf gerissen, und befand sich dann zu seinem Erstaunen wieder draußen auf dem staubigen Wege.

Dort hinten sah er Ede Müller und lief ihm nach und schrie seinen Namen. Aber Ede war offenbar taub geworden, blieb nicht stehen, ging weiter.

Endlich hatte ihn Edwin eingeholt. »Wat wisten?« schrie ihn Ede an. »Bleib du man da – bei den Karussellfritzen!«

»Ick hab dia doch janischt jetan«, heulte Edwin, »wat kann ick denn 'for, det dia der Mann vadroschen hat!«

»Der mia vadroschen?« wiederholte Ede in maßlosem Erstaunen. »Haste nich jesehen, wie ick ihn mit de Faust unta die Neese jefahren bin, det er jleich Backenzehne jespuckt hat?«

Edwin konnte sich wirklich nicht erinnern, etwas Derartiges gesehen zu haben.

»Et stoobte ßu sehr«, sagte er entschuldigend.

»Du bist eben noch ßu kleen«, sagte Ede verächtlich, »mit sonne Dreikäsehochs derf man sich ooch wirklich nich inlassen. Wat wisten ibahaupt noch von mia? Mach doch, dette za Hause kommst, deene Mutta wird dia schon ibaall suchen!«

»Ick trau mia nich«, heulte Edwin.

»Wat – du traust dia nich«, sagte Ede, »soll ick dia mal Beene machen, wiste jleich loofen – loof, sonst schmeiß ick!« Und er hob einen Stein so groß wie einen Kinderkopf und zielte nach Edwin.

»Ick find ja nich za Hause!« schrie Edwin angstvoll.

»Loof! – Eens – zwee – drei!« Und im nächsten Augenblick fiel der große Stein dicht neben Edwin nieder.

Und da begann Edwin wirklich zu rennen, hörte die Schritte seines Verfolgers hinter sich und sah ab und zu den schweren Stein dicht neben sich auf die Erde fallen.

Als er dann beinahe in die Knie brach und sich endlich wieder einmal umzusehen wagte, war Ede Müller verschwunden. Und nun fühlte sich Edwin Lemke noch unglücklicher als vorher, denn jetzt spürte er in der hereinbrechenden Dämmerung seine ganze Einsamkeit. Ringsum, so weit er sehen konnte, das weite Feld – da und dort ein Baum – aber kein menschliches Wesen.

Doch – da klang durch die Abendstille der langgezogene Pfiff einer Lokomotive, und Edwin erinnerte sich, daß er heute früh auch über eine Eisenbahnbrücke gekommen war. Ede Müller hatte dort noch begierig die weißen Dampfwolken eingesogen und gesagt: »Det rieche ick for meen Leben jern!«

Nun hatte Edwin wenigstens ein Ziel, und mühsam schleppte er sich vorwärts. Dann, als er die Brücke wirklich erreicht, hörte er Trompetensignale, und wieder erinnerte er sich, daß er heute früh auch an einer Kaserne vorbeigekommen war. So schleppte er sich noch ein Stück weiter, bis er endlich wieder unter Menschen kam. Aber nun fehlte ihm der Mut, zu fragen, er wußte sich nicht mehr zu helfen, blieb verzweifelt an einer Straßenecke stehen und begann laut zu weinen.

Die Leute sammelten sich um ihn – ein Auflauf entstand. Alle sprachen auf ihn ein, fragten ihn, streichelten ihn oder lachten ihn aus, bis Edwin so verwirrt war, daß er sich nicht einmal mehr erinnern konnte, wie er mit dem Vatersnamen heiße und wo er wohne.

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