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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

»Jeschwänzt«

Später als sonst waren die Kinder ins Bett gekommen, und Frau Lemke hatte am nächsten Morgen die größte Mühe, Edwin und Lieschen zur rechten Zeit in die Schule zu schicken.

»Det is nischt, det derf nich wieda vorkommen«, sagte sie zu sich selber, als sie sah, wie dem kleinen Mädchen, nachdem es schon gewaschen und gekämmt war, die Augen immer wieder zufielen. Und drohend rief sie fortwährend: »Nuddele doch nich so rum, Junge, zieh los!«

Endlich waren die Kinder fertig und stürmten davon. Lieschen hatte es nicht weit und verschwand bald in dem großen, roten Ziegelsteingebäude. Edwin, dem es nun war, als habe ihm sein letzter guter Geist verlassen zog – langsam und immer langsamer – am Kanalufer dahin.

Dort blühten in dem hohen dichten Grase, das die Uferböschungen bedeckte, große, gelbe Butterblumen und zierliche Gänseblümchen. Unten, auf dem trüben Wasser, lagen die Frachtkähne verankert, und Edwin blieb – beim Entziffern der Inschriften an den Kajüten – schließlich stehen und stellte wunderliche Mutmaßungen über das Schiffervolk an. Er sah, wie die buntblusigen Frauen Kartoffeln schälten und Windeln wuschen, hörte die Spitze und die kleinen bissigen Köter unausgesetzt kläffen, beneidete die Schifferkinder, die da so friedlich im Sonnenschein auf Deck spielten – und hielt es dann für geraten, sich ins Gras zu legen und mal erst sein Frühstücksbrot zu verzehren.

Die Kajüten der Schiffer übten eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus – was hätte er dafür gegeben, wenn er einmal in solch einem geheimnisvollen Raum gewesen wäre, der wie eine Stube aussah und doch keine Stube war, trotz der Betten und der Schränke, die man darin erblickte. Und dann daneben diese winzige Küche – und die kleinen Blumenbretter vor den Fenstern!

Stundenlang hätte Edwin da so liegen und zusehen können, und wer weiß, wie lange er auch gelegen, denn plötzlich bekam er einen furchtbaren Schreck: irgendwo schlug eine Uhr, und wie er so mitzählte und die Schläge gar nicht verstummten, immer wieder noch solch ein langgezogener Ton erklang, machte sich etwas wie Leibschneiden bei ihm bemerkbar. Und während dieser wunderlichen Empfindungen brach sich gleichzeitig die Erkenntnis Bahn, daß es nun wohl keinen Zweck mehr habe, noch in die Schule zu gehen. Was sollte er denn jetzt in der letzten Stunde, im Gesangunterricht, nachdem er Religion, Rechnen und Deutsch versäumt!

Überhaupt – das war das Entsetzliche bei der ganzen Geschichte – stand er nun nicht völlig vereinsamt in der Welt da? Wo gab es einen Menschen, der nicht erschrocken die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, daß er – Edwin Lemke – die Schule geschwänzt hatte!

Nur ein Wildfremder, der keine Ahnung von diesem furchtbaren Verbrechen hatte, konnte ihm überhaupt noch Teilnahme erweisen. Solch eine teilnahmsvolle Seele schien ihm der große, wild und verwegen aussehende Straßenjunge zu sein, der ihn seit einiger Zeit umkreiste.

Und dieser Junge stand plötzlich unmittelbar vor Edwin, sah ihn mit seinen kleinen schwarzen Augen durchdringend an und fragte – während er sein pockennarbiges Gesicht eilfertig kratzte: »Wat machsten hia – hia derfste doch janich liejen!«

»Ick hab bloß meene Stulle jejessen«, sagte Edwin kleinlaut.

»Haste noch eene?«

»Ja – mit Zungenwurscht!«

»Jib ma' her!«

Nie hatte Edwin ein Butterbrot rascher verschwinden sehen als hinter den großen weißen Raubtierzähnen dieses Jungen, der ihn dabei unausgesetzt betrachtete.

»Wat hasten noch in die Mappe?«

»Man bloß meene Schulbiecher!«

»Zeich mal her!«

Der neue Bekannte unterzog die Mappe einer gründlichen Revision. Weder die Bücher noch die Hefte schienen ihn sonderlich zu interessieren, aber der Federkasten, ein Geschenk Großvaters, erregte seine Aufmerksamkeit. »Den werd ick dia traren«, sagte er, »der zaknautscht ja bloß die Hefte.« Und zu seinem Erstaunen sah Edwin, daß der Junge eine Tasche besaß, in der ein ganzer Federkasten bequem untergebracht werden konnte.

»Wat hasten sonst noch so?« Und gleichzeitig beklopfte der Junge Edwins Anzug. »Da – in die Jacke steckt doch wat – hol't ma' raus!«

Ein hübsches Taschenmesser, das Edwin von Onkel Karl zum Geburtstag erhalten hatte, kam zum Vorschein.

»Jib ma' her, sonst schneidste dia noch mit«, sagte der fürsorgliche Junge. »Haste denn keen Jeld nich?«

»Zwee Sechsa –«, gestand Edwin.

»Davor koofen wa uns jetz wat«, entschied der neue Bekannte. »Wia wollen jute Freinde werden«, setzte er hinzu, »ick heeße Ede, Ede Müller, und du heeßt Edwin, det ha' ick schonst uff deene Schulhefte jelesen. Jib ma' die Sechsa her, det se nich valorenjehen, bei mia sind se sicherer!«

»Det derf ick nich«, sagte Edwin weinerlich.

»Wat – wat derfste nich?« schrie Ede. »Soll ick dia ma' in die Schule bringen, bei deen Lehra? Da kriste sonne Senge, dette nich sitzen kannst. Denkste, ick weeß nich janz jenau, dette hinter die Schule jejangen bist?«

Edwin gab völlig eingeschüchtert das Geld hin.

»Und nu will ick dia ma' wat saren: Die Mappe mit die ollen Schreibhefte schmeißen wia in'n Kanal – die broochste ja doch nich mehr –, und det Lesebuch jehen wia jetz vakloppen.«

Und gleich darauf sah Edwin seine Schulmappe auf dem Wasser dahinsegeln. Ede Müller kniff die Augen zusammen und bog den Kopf bald rechts, bald links, als habe er eine Kegelkugel abgeschoben, nickte befriedigt und sagte: »Nu saucht se schonst Wassa, nu jeht se bald unta! Ick werd ihr noch ne Klamotte nachjeben, det se sich nich so lange quält!« Dann – als er ein paar Steine nachgeworfen – faßte er Edwin am Jackenärmel: »Los – nu halte dia feste mit ran.« Es ging im Eilschritt durch allerlei Straßen. Hin und wieder ließ Ede Müller eine Bemerkung fallen. »Ville werden wa ja for det Buch nich kriejen, et sind schonst ßu ville Eselsohren drinne, ooch 'n Klecks, und denn is deen Name vorne so dick rinjeklaut, den hätten wia ausradieren müssen, aba wia haben keene Zeit nich!«

Er sah sich um, als fürchte er, daß man sie verfolge. »Holt uns keena mehr in, wia haben 'n ßu jroßen Vorsprung! Da drieben is't schon«, er wies auf eine kleine Buchhandlung, »ick jeh jetz rin, und du bleibst solange an die Ladentir stehen, vastehste?«

Durch die Scheibe sah dann Edwin, wie sein neuer Freund mit einem alten, vertrockneten Männchen eine lebhafte Unterhaltung führte. Der Buchhändler schüttelte immerfort den Kopf, während er das Lesebuch durchblätterte oder prüfend an dem umgebogenen Deckel hochhielt und schüttelte, ob keine losen Seiten herausfielen.

Schließlich faßte er in die Kasse und warf mürrisch ein paar Geldstücke auf den Ladentisch. Ede Müller ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. »So'n olla Jauna«, sagte er, als er herauskam, »ick hab mia die Schnauze fusselich reden missen, und denn hat er doch bloß sechs Dreia jejeben. Den Jroschen krieje ick – da haste deen Sechsa, und nu jehen wia uns wat koofen!«

In der nächsten Straße drückten sich dann beide die Nase an der Fensterscheibe eines Ladens platt. »Wat koofst du'n dia?« fragte Ede fortwährend. »Kiek ma' da hinten det Rote mit Zuckajuß, wat mach det sind, villeicht Mazzepan! Oda wiste dia lieba ne Bonbontorte koofen, die sind man bloß imma so hart! Oda kiek ma', sonne kleene Himbeerpulle, die hackt eenen nachher an die Zunge, aba wennste sie loskrichst, kannste sie als Tintenfaß benutzen!«

»Erst sach ma', wat du dia koofst«, meinte Edwin vorsichtig.

»Ick weeß noch nich«, sagte Ede, »villeicht Lakritzen oda Sißholz oda Naute. Villeicht koof ick mia ooch Jahannisbrot, det is nahrhaft!«

»Denn koof ick mia ooch welches«, sagte Edwin, der hinter seinem Freunde nicht zurückstehen wollte.

»Nee, koof dia man hia wat, nachher kommen wia an keen Laden mehr. Und ick jeb dia ja ooch von meen Johannisbrot ab!«

»Aba watten? Sach du – wat ick mia koofen soll!«

»Na – koof dia – – –.« Ede suchte das ganze Schaufenster mit den Augen ab. – »Koof dia Jummibonbons, die können wa uns am besten teilen, und da kaut man in eene Tour druff rum und hat furchtbar lange wat von!«

»Jut –«, sagte Edwin, »aba du jibst ma denn ooch von deens ab!«

»Wah und wahaftich!« schwor Ede.

Da ging Edwin Lemke in den Laden, kaufte Gummibonbons und brachte sie seinem Freunde.

So ergiebig erwies sich dieser Einkauf übrigens nicht. Nach redlicher Teilung und nachdem Ede erst einen Gummibonbon als Probe gekostet hatte, kamen auf jeden nur fünf Stück.

»Und lutschen tut man ooch nich lange dran, die Olle da drinne hat dia nich die richtjen jejeben!« Als Ede den letzten in den Mund gesteckt hatte, verzog er plötzlich das Gesicht: »Det Zeich schmeckt ja nach Seefe – pui Deibel!« Und Edwin sah dann, wie der an die Fensterscheibe gespuckte Bonbon langsam an dem Glase hinunterrutschte.

»Wat koofst du dir'n nu?« forschte Edwin, der seinen Einkauf heftig bereute und nun auf Entschädigung rechnete.

»Ick weeß noch nich«, sagte Ede, villeicht Zijaretten, villeicht spar ick ooch!«

Edwin war sehr enttäuscht: »Wa'm wisten sparen?«

»Ick muß, ick werd doch nu bald injesejent«, sagte Ede sorgenvoll, »bedenk ma', wat ick da allet brauche: Neie Stiebeln, neien Hut, 'n schwarzen Anzuch, Schemisett und noch so ville!« Und dann sah er Edwin plötzlich mißgünstig an: »Wiste nich lieberst za Hause jehen, du wirst Keile kriejen, wennste so spät kommst!«

»Nee, ick jeh nich mehr za Hause«, sagte Edwin, »ick trau mia nich!«

»Denn komm«, sagte Ede, »nu jehen wa woanners hin.«

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