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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
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Dritter Teil

Edwin kriegt Nachhilfestunden

I

Deklamationsunterricht

In dem großen Biergarten von Lemkes am Schöneberger Ufer war es jetzt, wie immer um diese Nachmittagsstunde, etwas einsam. In Reih und Glied standen die vielen Stühle und Tische – als warteten sie auf die Gäste –, nur auf dem sogenannten »Hügel« in der Nähe des Zaunes saß bereits das »Strickkränzchen«, eine Schar ältlicher Damen, die fleißig die Nadeln klappern ließen und sich durch große Kaffeeportionen stärkten.

Wenn der Wind über die Baumkronen strich, fanden die Sonnenstrahlen Eingang durch das Gewirr der Blätter und Äste. Und jedesmal flogen dann die Sperlinge, die sich in dem lockeren Sand bei der Kolonnade badeten, erschrocken auf, denn sie fürchteten ein Attentat Onkel Karls auf ihre Freiheit. Aber Onkel Karl, der in den letzten Jahren ein gewisses Embonpoint und einen etwas kahlen Kopf bekommen hatte, was er beides dem Genuß des vielen fetten Gänsebratens zuschrieb, kümmerte sich heute gar nicht um die Sperlinge – ihn bewegten höhere, sozusagen ästhetische Interessen: Tante Marie, seine Schwester, deren unermüdlicher Fürsprache er es verdankte, daß ihn die Lemkes, trotz der vielen Konfusionen, die er angerichtet, immer noch bei sich behalten hatten, diese gute Tante Marie feierte morgen ihren Geburtstag, und Onkel Karl war der Meinung, daß die Feier einen besonders würdigen Anstrich erhalten müsse. Schon Herrn Krauses wegen, der immer so tat, als sei er ein Opfer Maries geworden, als habe sie ihn mit List und Schlauheit ins Ehejoch gelockt. Es war dringend nötig, daß man diesem Herrn endlich einmal zeigte, wie hoch entwickelt der Sinn für Schönheit und Poesie in allen Familienmitgliedern sei.

Und Onkel Karl, der in seinem nach Art einer Kapitänskajüte eingerichteten Stübchen saß, nahm sein Fernrohr vom Wandbrett, »sichtete« den Hügel, eine seiner letzten Schöpfungen, verzog – als habe er etwas Bitteres verschluckt – den Mund beim Anblick des Strickkränzchens und durchforschte – als er Edwin bei den alten Damen dort oben nicht erblickte – nun den übrigen Teil des Gartens.

Dann nickte er befriedigt, als er den Jungen in der Kolonnade erspäht, nahm den »Deklamator für alle Gelegenheiten« und schlenderte, ein Liedchen trällernd, zu dem schon unruhig werdenden Opfer.

»Na – Edwin, ick komme dia ibahören, dette morjen nich steckenbleebst; hastet dia denn noch ma' jrindlich injeibt?«

Der Junge, der bis zum letzten Augenblick gehofft hatte, sich durch einen kühnen Seitensprung retten zu können, gab sich nun verloren, obwohl er noch einen kläglichen Versuch machte, loszukommen.

»Mutta hat jesacht, du derfst mia nich so piesacken mit det olle Jedicht, du sollst et alleene auswendich lernen und uffsaren!«

»Edwin«, sagte Onkel Karl mit großer Sanftmut, »Edwin, soll ick dia mal eene rechts und links stechen, sonne richtje Knallschote?«

»Muttaa – Onkel Karrel haut mia«, schrie der Knabe, so laut er konnte.

»So, meen Sohn, da haste, det's ooch wahr is«, sagte Onkel Karl und gab ihm eins in den Rücken. »Steh jrade, nimm die Hände aus die Hosentaschen. Und denn fang an, aba erst schnaub dia noch mal, da haste meen Schnupptuch, in deens jeht ja nischt mehr rin!«

Und Edwin – nun ganz hoffnungslos und verzweifelt – vollzog in aller Eile eine so radikale Säuberung, daß Onkel Karl schon fürchtete, er werde ihm mit dem Taschentuch zugleich die abgebrochene Nase übergeben. »So – nu is jenuch, wat scheuersten noch imma?« suchte er die Prozedur zu beschleunigen.

Edwin zog noch einmal entschlossen hoch und stand dann wie ein Rekrut. »Nu los –«, Onkel Karl nahm das Buch und zog sich etwas in den Hintergrund zurück.

Und mit stierem Blick zu dem Kolonnadendach schnatterte Edwin los: »Die Frauenlieb' ist eine Knospe. Tritt ein Mädchen ...«

»Pause hinta Knospe«, unterbrach Onkel Karl, »haste denn det noch nich kapiert, det is doch die Ibaschrift, da mußte doch 'n Punkt in die Luft machen!«

»Ick krieje den Punkt aba nich raus«, sagte Edwin weinerlich, »ick hab mia schonst die jrößte Mihe jejeben!«

»Denn werd ick dia also imma an die Stelle eens ins Kreiz vasetzen, und denn hältste die Puste an, vastehste? Und wa'm sachsten imma Knuspe? Et heeßt doch Knooo–spe! Sach's mal nach – immafort: Knospe, Knospe, Knospe ...«

Aber der Feuereifer, den Edwin im Nachsprechen dieses Wortes zeigte, wurde jäh wieder gedämpft.

»Halt – hör uff, jetz sachste ja Knosch–pe!« schrie Onkel Karl dazwischen. »Edwin – Mensch – biste denn wirklich so'n Dusseltier, dette det nich mal richtich nachsprechen kannst?«

»Wennstet mia bloß uffsaren lassen tätest«, heulte Edwin, »ick kann et mit janz richje Betonung!«

»Denn sach's uff, aba wehe, wennste steckenbleebst!«

Und mit neuer Hoffnung begann der Knabe:

»Tritt ein Mädchen zum Altare,
Reicht die Hand fürs ganze Leben,
Läßt ihr Herz für ihn nur schlagen ...«

»Schschscht – uffhören – halt«, sagte Onkel Karl und winkte mit der Hand ab. »Seh ma', Edwin, det is keen Vortrach nich, det is'n Leiakasten. Horch ma', wat ick dia jetz als Hauptrejel vorlesen werde: ›Bei der Kunst des Vortrages ist die Hauptsache die Mienensprache, sie liegt in den Augen. Um nun ein ausdrucksvolles Auge zu bekommen, muß man viel denken. Sodann bestrebe man sich, den Charakter zu veredeln‹ ...«

»Na, det is nu Quatsch – mit den Karakta«, unterbrach sich Onkel Karl selbst, »det wollen wa ma' sind lassen, aba wat hasten for Oogen, kiek mia mal an – orntlich – so!«

»Nee – Edwin«, sagte Onkel Karl dann kummervoll, »du hast'n ßu stieren Blick! Denk ma' an wat Scheenet, an Weihnachten oda deen Jeburtstach!«

Aber obwohl Edwin das tat, seufzte Onkel Karl dann bei der Prüfung tief auf. »Nun sehste aus wie so'n richtjet Schaf, mach man deene Oogen so, wie du sie zuerst hattest. Und denn halt ooch deene Hände anners, so wie't hia in den Deklamata steht, paß uff, wat ick vorlese: ›Die Bewegungen dürfen nicht eckig und abgerissen sein, sondern wellenförrmig und im selben Satz miteinander verbunden.‹ Vastehste det?«

Und als Edwin nickte, sagte Onkel Karl: »Na, ick noch nich, aba nu mach's mal!«

Das Resultat war unbefriedigend: »Weeßte nich, wat ne Welle is? Ne Welle uff'n Wassa, nich ne Bauchwelle! Na, Junge, ick merke schon, du wirst mia ja scheen blamieren. Jetz iebe et mal, tu mal so, als wennste janz alleene bist, ick werd mia umdrehen. Wennste aba etwan auskneifst, jeht's dia eklich!«

Onkel Karl besah sich angelegentlich einen Pfosten der Kolonnade, kratzte mit dem Fingernagel einen hervorgequollenen Harztropfen ab und drehte sich dann behutsam um: »Kannstet jetz – na, denn los!«

»Tritt ein Mädchen zum Altar«,

begann Edwin, aber weiter kam er nicht.

»Wa'm machsten den kleenen Finga so steif und streckst'n so weit wech?«

Da Edwin nicht begriff, was Onkel Karl meinte, stürzte sich dieser auf ihn und riß an dem aufrührerischen Finger, um ihm die richtige Stellung zu geben.

»Auah!« sagte Edwin.

»Det hat bloß so jeknackst, weh hat det nich jetan«, beschwichtigte Onkel Karl, »aba ich werd's deene Mutta saren: du hast ne heimliche Braut. Willste jetz jar ßu heulen anfangen, schäm dia lieba, so'n jroßa Junge! Wirste jleich hiableeben!«

Und dann faßte er ihn um und koste ihn: »Nanu, Edwin, du krichst ja morjen ooch wat Scheenet, sach man det Jedicht so uff, wiestet kannst, du broochst jar kene Bewejungen ßu machen, det kommt von janz alleene. Also los: ›Die Frauenlieb' is eene Knospe‹ – sehste, ick kann's ooch schon! Na, nu weita: ›Tritt een Meechen zu'n Altar ...‹«

»Zum Altar«, schluchzte Edwin weiter und suchte seine Stimme zu festigen:

»Reicht die Hand fürs ganze Leb'n,
Läßt ihr Herz für ihn nur schlag'n,
Treu ist sie ihm stets ergeben!«

»Sehr scheen«, lobte Onkel Karl, »det wird tiefen Indruck uff alle Jemieta machen. Nu is for heite jenuch, aba morjen, ehe die Jäste kommen, hör ick dia noch mal ab – nu loof!«

Und Edwin lief, so rasch ihn seine Beine zu tragen vermochten, zu seiner Mutter. Frau Lemke, die in dem kühlen Gastzimmer auf dem schwarzen Ledersofa gerade ein bißchen eingeschlafen war, fuhr jäh aus ihrer bequemen Haltung auf.

»Wat is'n nu schon wieda los?« fragte sie verdrießlich.

»Janischt«, sagte Edwin, »ick komme bloß bei dia, Mutta, weil mia Onkel Karrel wieda jacht!«

»Denn jeh dahin, wo er dia nich jaren kann«, sagte Frau Lemke.

»Wo is denn det, Mutta?«

»Det weeß ick doch ooch nich«, sagte Frau Lemke, »een richtja Junge weeß sich alleene ßu helfen!«

»Denn jeh ick bei det Strickkränzchen«, sagte Edwin, »und schmeeße mit Steener!«

»Die werden ooch nich jrade iba dia erfreit sind, se haben neilich schon jesagt, du machst ßu ville Stoob. Wa'm spielsten nich mit Liesken?«

»Ick weeß ja nich, wo se is«, lehnte Edwin ab.

»Na, ick will dia jetz ooch nich haben«, sagte Frau Lemke, »denn mach, watte wist!«

»Ick hab Hunga«, sagte Edwin.

»Denn jeh in die Kiche und laß dia von Minna ne Stulle jeben!«

»Nee, uff Stulle nich!«

»Uff wat denn – uff Sißichkeeten, Jeld vanaschen, wahr?« sagte Frau Lemke. »Jibt nischt, mach dia det man ab, von det ville siße Zeich kriste bloß Wirma in'n Bauch und hohle Zehne.«

»Die ha' ick ja schon«, sagte Edwin.

»Und da freiste dia ooch noch drieba«, sagte Frau Lemke, »warte man, wenn de erst sonne Schmerzen haben wirst wie ick, denn wird dia det Jelache schon vajehen. Und nu zieh Leine, mach dia 'n bißken nitzlich!«

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