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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 39
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVII

Weihnachten

»Viel wird ja heite nich werden«, sagte Herr Lemke, »an so'n Tach wie heite bleibt ja allet jern in die Familje!«

»'n paar werden doch kommen, die keene Menschenseele haben, aba nu doch Heiligabend feiern wollen«, sagte Tante Marie.

»Na ja – und jerade vor die muß man't recht jemietlich machen«, sagte Frau Lemke und beobachtete mißtrauisch Onkel Karl, der – auf einem Tisch stehend – den großen Weihnachtsbaum putzte.

»Vata sachte jestern, er will sehen, ob er Muttan in ne Droschke kricht, det sie ooch ma' bei uns is«, sagte Herr Lemke.

»Ick kann se ja abholen«, schlug Onkel Karl vor.

»Du bleibst hia und wirst dia nich wieda dricken wollen, wennste mal wirklich 'n bißken wat machen sollst«, sagte Frau Lemke drohend. »Wer soll denn die Tillen rindrehen – etwa ick?«

»Denn nich«, sagte Onkel Karl, »ick hätte ooch jar keene Zeit nich jehabt, denn wat ick noch allet zu tun habe! Mia wird orntlich angst und bange!«

»Jott, mia ooch«, sagte Frau Lemke unruhig. »Mit die Karpen hat eich Onkel Aujust ibrijens jründlich anjeschmiert, da is ooch nich een eenzjer rogener bei!«

»Ick denke, et sollen lauta milcherne sind«, sagte Onkel Karl.

»Wia ha'n uns desterwejen beinah noch jezankt«, sagte Herr Lemke, »ick hab mia jleich jedacht, det det nich stimmen wird, und Onkel Aujust hat sich ooch jewundert, aba Onkel Karrel hat immafort behauptet, du hättest milcherne jesacht!«

»Hat se ooch«, sagte Onkel Karl aus seiner sicheren Höhe herab. »Kannste etwan von Rogen Soße machen – aba von milcherne, sehste!«

»Dia derf man eben nich schicken«, sagte Frau Lemke.

»Ick bin ja bloß aus lauta Jefällichkeet mitjejangen«, sagte Onkel Karl, »andermal nich – et soll mia ne Lehre sind!«

»Mia ooch«, sagte Frau Lemke, »und nu wollen wia in die Kiche jehen, Tante, sonst werden wia wirklich nich fertich!«

Als die Dämmerung hereinbrach, stand der große Tannenbaum in all seiner Pracht neben der langen, weißgedeckten Tafel. Onkel Karl, das mußte man ihm lassen, hatte seine Sache wirklich gut gemacht, und unter den Lobsprüchen, die ihm alle zollten, wurde sein Herz auch wieder weicher, und er sagte anerkennend: »Aus eire Kiche riech't ooch sehr scheen – ordentlich appetitlich. Villeicht kommt's ooch daher, det ick noch nischt Ordentliches in'n Bauch hab. Aba Heilichabend is det ja imma so vaquast, da jibt's nie nich 'n vanünftjes Mittag, bis man ibahungert is und nachher janischt essen kann!«

Tante Marie sah ihn kopfschüttelnd an. »Von Vahungern kann doch keene Rede nich sind«, sagte sie, »ick hab doch vorhin jesehen, wie du dia heimlich mit die Feffakuchen volljestoppt hast!«

»So – na, dafor esse ick ooch nachher keene«, erklärte Onkel Karl, und dann sagte er plötzlich: »Stille, ick hör wat, villeicht sind se det?«

Alle lauschten. »Nee«, sagte Frau Lemke, »det sind keene Räder, det sind Kirchenjlocken!«

Tante Marie faßte sich vorwurfsvoll an die Stirn: »Jott – ja, ick hätte ooch jehen sollen, det jehört sich doch so in die Christnacht!«

»Aba nu sind se't«, rief Onkel Karl triumphierend und stürzte hinaus. Herr Lemke lief ihm nach, und Tante Marie nahm Edwin vor, kniff ihm mit ihrer weißen Schürze etwas unter der Nase weg und ermahnte ihn, »scheen artich ßu sind, denn sonst bringt dia Jroßvata nischt mit«!

Und dann hielt Onkel Karl die Tür auf, und die alte Frau Lemke, von Wilhelm und ihrem Mann gestützt, kam langsam herein. »Na – da sind wia ja doch jlicklich anjelangt«, sagte der Alte. »Jott sei Dank! Nu, Mutta, kommste jleich an'n warmen Ofen, dette ufftauen kannst. Karrel, sind Se doch mal so jut – draußen in die Droschke liejen 'n paar Pakete, die holen Se doch mal rin, sonst fährt der Kerl fort!«

»Ach Jott, wie scheen, wie scheen«, sagte die alte Frau Lemke, wehmütig-froh den geputzten Baum betrachtend, »wer hat denn den so scheen jemacht?«

»Ick«, sagte Onkel Karl, erwartungsvoll hervortretend, und legte ihr die hereingeholten Pakete vor die Füße.

»Nee, jetz noch nich«, protestierte der alte Lemke, »for Sie is ja ooch wat bei, Mann, aba jetz is noch keene Inbescherung!«

»Det wär ja ooch noch scheena, erst essen wia«, sagte Frau Lemke.

»Und die Kinda – Edwin und Lieschen, wo steckt ihr denn?« fragte Großmutter Lemke. Tante Marie führte sie ihr vor, und Edwin zeigte – was ihm Tante beigebracht –, wie man eine Verbeugung mache. »Der Junge wird ja reizend«, lobte die alte Frau gerührt, »ach – und nu erst Lieschen, wie niedlich is die Kleene!«

»Nu wollen wia bloß schon essen«, suchte Frau Lemke junior geschmeichelt abzuwehren, »kommen Sie, Jroßmutta, ick helfe Sie – und ihr annern kommt ooch!«

Und dann nahm man die Plätze ein, und das neu gemietete Dienstmädchen brachte die Biersuppe und dann nachher die Fische herein.

»Habt ihr denn noch imma keen'n Kellna?« erkundigte sich der alte Lemke.

»Jetz in'n Winta kellneriere ick«, sagte Onkel Karl, »nachher in'n Somma nehmen wia Sticka sechse an, und ick werde Ober!«

»Karpen – von Onkel Aujust«, bemerkte Tante Marie, »nu eßt nich so hastig, det eich keene Jräte in'n Hals hackenbleibt!«

»Paß du man uff dia uff«, sagte Onkel Karl, der sich durch den Blick, den sie ihm zuwarf, gereizt fühlte. »Wenn ick mia asticken sollte, jebt mia rasch 'n paar Mohnpielen, damit reinje ick den Schlund!«

»Hör uff, du vaderbst mia den Appetit«, sagte Frau Lemke, »wat sollen denn die Kinna denken?«

Schweigend, bedächtig und vorsichtig aßen sie dann alle. Nur hin und wieder sagte einer: »Kann ick noch'n bißken kriejen? – Fisch, ja, und Soße ooch zu!« Und dann wurde abgeräumt, und Tante Marie brachte die Kinder aus der Stube, weil Onkel Karl nun die Lichter des Weihnachtsbaumes anstecken sollte.

»Wollen wia nun erst die Kinda inbescheren oda uns?« fragte Onkel Karl.

»Uns –«, wiederholte Tante Marie ein bißchen höhnisch, »du meenst doch dia!«

»Denn sonst vakleide ick mia als Weihnachtsmann«, sagte er, Tante Marie mit Verachtung strafend. »Aba – wenn ihr nich wollt ...«

»Vakleid dia man, sonst haben wia ja doch keene Ruhe vor dia«, sagte Frau Lemke, und als die anderen nickten, verschwand er eilfertig. Als er dann nach langer Zeit wieder hereinkam, sah er mit der vorgebundenen Maske so schrecklich aus, daß Tante Marie laut aufkreischte.

»Nee, det jeht nich, Karrel«, sagte auch Frau Lemke, »du sehst ja aus wie der Deibel, die Kinda bleiben mia ja wech vor Schreck!«

»Ob ick's eich mal, ooch bloß een eenzichtes Mal, recht machen kann«, sagte Onkel Karl dumpf hinter der Maske hervor. »Die Ausristung hat doch nu so ville Jeld jekost't – soll det allet wechjeschmissen sind?«

»Is dia recht, wa'm sachste nischt vorher, imma det jeheimnisvolle Jetue, und wat kommt nachher bei raus?« fertigte ihn Tante Marie ab.

»Denn beschert eich alleene in«, sagte Onkel Karl mit erstickter Stimme, »ick sehe ja, ick bin hia janz ibaflissich!«

»Wie so'n kleenet Kind, schämste dia denn nich?« fragte Frau Lemke. »Nimm dia den Pelz von Jroßvatan, setz dia meenswejen ooch wieda den schwarzen Kochtopp uff, denn wird dia Edwin schon nich akennen!«

Sie hatten alle viele Mühe, Onkel Karl wieder in Stimmung zu bringen, denn – wie er sagte – »eejentlich wollte er sich uff seene Stube zurückziehen und for sich alleene Weihnacht feiern«!

»Mensch, du machst mehr Umstände wie die Kinda«, sagte Herr Wilhelm Lemke, »laß dia doch nich so zureden!«

»Mia is ja nun doch schon die janze Freide vadorben«, sagte Onkel Karl, schließlich gefügiger werdend, »aba Weihnachtsmann kann nu Jroßvata alleene spielen, ick nehme man bloß noch an die Bescherung teil!«

Und damit man weiterkam, übernahm der alte Lemke auch die Rolle des Weihnachtsmannes, und Onkel Karl begnügte sich damit, untergeordnete Dienste zu verrichten und zu klingeln, als Zeichen, daß die Kinder kommen durften. Er tat das mit einer Gründlichkeit, die etwas verstimmend wirkte, da man aber seinen guten Willen schätzte und ihn durch einen neuen Verweis offenbar der Verzweiflung preisgegeben hatte, hielt man sich lieber die Ohren zu und wartete, bis er sich »ausgeklingelt« hatte.

Und dann folgte die Bescherung.

*

Onkel Karl ging am Spätabend um den Weihnachtsbaum und bemühte sich mit versagender Lungenkraft, das oberste und letzte Licht des Tannenbaumes auszulöschen. Er war in weihevoller, gerührter und etwas zerknirschter Stimmung, die ihn zeitweilig, wenn er an die Einzelheiten des schönen Abends zurückdachte, fast zu überwältigen drohte. Er besaß jetzt einen Kompaß in echter Goldfassung, an der Uhrkette zu tragen, ein Dutzend schöner roter Taschentücher, drei Paar Socken, ein Messer, das man auch als Säge verwenden konnte, eine neue Pfeife, eine Ziehharmonika, eine Tüte mit Schnupftabak und drei blanke Taler. Was waren dagegen die weißen Mäuse, das Fläschchen mit selbstverfertigtem Patentkitt, der schwarze Siegellack (für den Fall, daß mal eine Trauerbotschaft abgeschickt werden müsse), der Hampelmann und die amerikanischen Nüsse – kurz, seine Geschenke, mit denen er alle hatte übertrumpfen wollen!

Und nun konnte er trotz aller Anstrengung das Licht nicht auslöschen! Da zog er kurz entschlossen den Stiefel aus und warf ihn nach der Flamme. Und das wirkte, das Licht erlosch, aber der Stiefel blieb oben im Baum sitzen, und so mußte Onkel Karl, wenn er in der Dunkelheit nicht Unheil anrichten wollte, vorläufig auf die Fußbekleidung verzichten. Nach einer Weile ärgerlichen Nachsinnens zog er dann hinkend auf Stiefel und Socke mit seinen Geschenken ab.

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