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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI

Der Patentkitt

Allmählich kam Ordnung in das neue Heim. »Jroßvata Lemke«, wie der kleine Edwin den alten Herrn nannte, war fast täglich nach dem Schöneberger Ufer gekommen und hatte Küche und Gastzimmer einrichten lassen.

»Et is nehmlich bessa, ick mach det«, hatte er zu seiner Schwiegertochter gesagt. »In die Kichenanjelejenheiten will ick mia nich rinmengen, det vastehst du bessa, bloß det Kuppajeschirr will ick besorjen. Aba die Jastzimmer ibalaß mia man, da derf keen so'n moderner Klimbim rin, hia muß et jemietlich sind, jenauso wie frieha, bloß sauberer. Jetz in'n Winta is nich ville los, Hauptsache is ja ooch der Jarten, und ihr mißt et eben vastehen, eich die Jäste ranzuholen. Die meesten werden ja denken, die scheenen Zeiten sind hia vorieba – und schließlich werden se doch wiedakommen, wenn det Essen jut is und die Bedienung.«

Und die junge Frau, die sonst immer auf ihrem eigenen Kopf bestand, ließ den alten Herrn nach Herzenslust wirtschaften. Sie wußte, besser als er verstand ja doch keiner, den Betrieb wieder in Gang zu bringen.

Die Stammgäste, die damals beim Scheiden des alten Besitzers so getan hatten, als habe man sie bestohlen oder enterbt, kamen ab und zu, um zu sehen, wie weit die Verwüstung hier schon vorgeschritten sei. Zu ihrer Überraschung fanden sie dann eine freundliche, stattliche Wirtin, einen behäbigen, netten Mann als Wirt, die sich beide bemühten, es ihren Gästen behaglich zu machen.

Und das Essen war besser als früher.

Dann geschah es wohl, daß einer oder der andere der alten Herren Frau Lemke zu sich winkte, mit einer Kopfbewegung in den Garten hinauswies und vertraulich fragte: »Sagen Sie mal, Frau Lemke, wer is denn das da eijentlich – ja, dieser Mensch da? Aus dem wird man ja nicht mehr klug?«

»Det is Onkel Karrel!«

»So? Gemeingefährlich ist er nicht?«

»I bewahre! Warum denn?« erkundigte sich Frau Lemke verwundert.

»Na ...« Die Gäste wollten dann nicht so recht mit der Sprache heraus. »Ehe Sie hierher zogen und dieser Onkel Karl hier noch allein das Regiment führte, da haben wir ihn zuerst für den neuen Wirt gehalten. Er tat auch immer so, als wenn er der Besitzer sei. Und da hat er uns die merkwürdigsten Geschichten erzählt.«

»Det kann ick mia ja denken, dadrinne is er jroß. Wahrscheinlich wollt er hia wat bauen oder wat anlejen?« fragte Frau Lemke.

»Das kann man alles gar nicht wiedergeben«, sagten die Gäste. »Soviel man aus ihm klug wurde, sollte hier ein Vergnügungspark eröffnet, eine Rollschuhbahn gebaut werden, Schießbuden herkommen, Militärkapellen – die reine Hasenheide, aber alles im größten Maßstabe.«

»Na ja – nu sehen Se ja, wat bis jetz draus jeworden is«, sagte Frau Lemke, »nee, nee, det bleibt hia allet so, wie't von Anfang an jewesen is!«

Da stellte sich eines Tages das Damenkränzchen wieder ein, eroberte mit Jubelschreien den alten Platz und brachte nun auch in die bisher so stillen Nachmittagsstunden Leben.

Die ganze Behaglichkeit des Hauses zeigte sich aber erst, als dann draußen im Garten hoher Schnee lag, die Fensterscheiben dick gefroren waren und in den Stuben die braunen Kachelöfen prasselten.

Es ging stark auf Weihnachen zu – in einem großen Schneehaufen hinter der Kolonnade stand schon der riesige Tannenbaum, den Onkel Karl für das Fest besorgt hatte – Tante Marie klebte den ganzen Tag, am Ofen sitzend, bunte Papierketten als Schmuck für den Baum, und Herr und Frau Lemke berieten immer wieder den Küchenzettel für die Festtage.

»Onkel Aujust könnte uns doch die Karpen liefern«, sagte Frau Lemke, »wat sollen wia denn die bei fremde Leite koofen!«

»Da haste ja ooch recht«, meinte Herr Lemke, »bloß mit Onkel Aujust is det imma sonne Sache! Der tut imma so, als wollte man wat jeschenkt haben, und eh man denn bis bei ihn in die Jejend kommt!«

»Willem – sei nich so faul«, sagte Frau Lemke mit zärtlichem Vorwurf, »et täte dia sehr jut, 'n bißken Bewejung! Meenswejen nimm dia Onkel Karreln mit, und denn jeht beede los. Kiekt eich doch ooch den Weihnachtsmarcht bei't Schloß an und kooft wat in – da sieht man doch allerlei!«

*

Als Herr Lemke nachher Onkel Karl in seiner Stube aufsuchte, fand er ihn bei der Anfertigung von ein paar Schneeschuhen. »Det ha' ick mia for Edwin ausjedacht, da kann er nachher in'n Jarten mit loofen«, sagte Onkel Karl triumphierend. »In Lappland loofen die kleensten Kinda uff Schneeschuh!«

»Ach Jott«, sagte Herr Lemke verdrießlich, »ibalech dia doch det selbst, Karrel, wo wird denn Mutta alooben, det sich der Junge sonne Faßreifen an de Beene bind't! Da brecht er sich doch det Jenicke, mußte dia doch selbst saren! Mach dia man die Schneeschuh alleene, aber nich jetz – wia sollen jehen und von Onkel Aujust Karpen holen und uns den Weihnachtsmarcht ankieken!«

»Ihr vaderbt mia aba ooch jede Freide«, sagte Onkel Karl gekränkt, »wenn die Faßreifen nich so dinne wären, hätte ick ja ooch die Schuhe for mia jemacht!«

»Wo hast'n die Dinga ibahaupt her?«

»Na, von det Sauakohlfaß!«

»Ei weih«, sagte Herr Lemke, »ei weih!«

»Wa'm schlenkerst'« so mit die Hand?«

»Det Faß jeht doch nu ausenander!«

»Det war schon«, sagte Onkel Karl, »die Soße war wenichstens schon rausjeloofen!«

»Weeßte wat, Onkel Karrel? Ick rat dia, vasteck die Dinga, wo du kannst, und denn wollen wia schleunichst machen, det wa wechkommen, denn sonst alebste eenen Krach, wie'r noch nie dajewesen!«

»Ick werd se uff det Dach von die Kolonnade schmeißen«, sagte Onkel Karl, »da find't se keena, da ha' ick bis jetz allens vastochen!«

»Los, los, aba det se dia nich awischt!«

»Ick werd mia jleich die dicke Jacke anziehen und die Mitze uffsetzen, denn jehen wia ßusammen«, sagte Onkel Karl, dem etwas bänglich zumute wurde. »Wia können ja ooch hinten rumjehen und iba den Zaun klettern?«

»Det sieht ßu vadächtich aus«, sagte Herr Lemke, »ick kann ooch nich so iba die Zäune wie du!«

»Na – entdecken tut sie't ja doch«, sagte Onkel Karl plötzlich ganz resigniert, »sowie ick aus die Stube bin, schnüffelt sie hia rum, und wenn sie't nich find't, denn find's Tante Marie – eene von beeden find's uff jeden Fall, und wenn ick die Schnipsel ooch vabrenne, denn setzen se die Asche wieda ßusammen!«

»Denn komm man, denn is ja allens janz ejal, denn mußtet iba dia ajehen lassen«, sagte Herr Lemke.

»Imma dreist und jottesfirchtich«, ermutigte sich Onkel Karl selbst, als sie dann durch den Garten gingen. »Paß ma' uff den Schislameng uff, wie ick die Dinga jetz uff det Dach schmeiße.«

Und mit der Gewandtheit eines Taschenspielers ließ er die Reifen plötzlich verschwinden.

*

»Wat war denn det, wat Onkel Karrel da eben uff det Dach von die Kolonnade jeschmissen hat?« sagte Tante Marie. »Der Mann hat doch nie een jutet Jewissen!«

»Et is 'n rechtet Unjlick mit sonnen ruhelosen Jeist«, sagte Frau Lemke. »Ick hab's jrindlich satt mit ihn! Wenn't nich jrade jetz vor't Fest wär', mißte er wech! Wat man ooch anfaßt, hat er in de Mache jehabt, und denn nimmt er't eenen ooch noch ibel, wenn man denn 'n Wort sacht!«

»Wie neilich mia, wo er den Kitt afunden hatte«, sagte Tante Marie.

»Wat war denn det – davon weeß ick ja janischt«, sagte Frau Lemke, »davon haste mia ja keen Wort nich jesacht?«

»Na nee, wa'm solltest du dia denn ooch noch ärjern«, sagte Tante. »Karrel kommt vorjestern bei mia und sacht: ›Tante Marie‹, sacht er, ›ick hab een'n Patentkitt afunden, soll ick dia mal wat kitten?‹ ›Nee‹, sare ick, ›jeh mia wech mit det Zeichs, ick hab nischt ßu kitten!‹ ›Laß dia doch wat kitten‹, sacht er und bettelt und barmt in eene Tour und azehlt, wat det for'n Wundakitt sind soll. Nu wird er 'n reicha Mann, sacht er, det wäre die jrößte Afindung der Neuzeit, mit een Wort: er quatscht, und quatscht, bis ick mia wirklich von den Schafskopf breetschlaren lasse."

»Na – und wat war denn nu?« fragte Frau Lemke gespannt.

»Na – wat is, wenn man sich mit diesen Karrcl inläßt?« sagte Tante Marie bedrückt. »Ick nehme schließlich meene scheene Jeburtstagstasse – die mit den Joldrand – und töppere se uff de Diele, weil er jesacht hat, det, wenn er sie kittet, ooch nich der kleenste Sprung nachher ßu sehen is.«

»Na – und hat er sie denn nu jekitt?« fragte Frau Lemke. »Azehl doch, Tante, du läßt dia ja heite allens so aus de Neese ziehen!«

»Erstens haben wia janich alle die kleene Scherben wiedajefunden, und zweetens wußten wia nich, wie die tausend Sticke zusammenjehörten und drittens klebte det Dreckzeich, wat er da afunden hatte, bloß an die Poten. Man krichte die Splitta nich mehr von die Finga, und dadruff war der Schafskopp ooch noch janz stolz. Und wie ick nu wejen meene scheene Tasse weente, is der Kerl ooch noch frech jeworden und hat jesacht, seen Kitt sei ooch bloß for janz echtet Porzlan, und die Tasse wäre man bloß Steenjut – die jute Tasse!«

Frau Lemke sah Tante Marie starr an: »Nu wird mia ja vielet klar«, sagte sie sinnend. »Darum ooch – darum! Da'm jehen jetz die Henkel von die janzen Tassen ab – wat man ooch anfaßt, een Sticke bleibt stehen, und die annre Hälfte hat man in die Finga! Na, warte man, Karrel!«

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