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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc3e7af53
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XV

Herr Krause drückt sich

Ein paar Tage später sagte Tante Marie, nachdenklich die Karten mischend: Also – nu wollen wia det mal festhalten: Wenn die Selje ascheint, denn bedeitet det nich imma Unjlick, sondern ooch manchmal det Jejenteel!«

»Na ja – nachjerade wissen wia det, nu lech doch aba schon mal die Karten, damit wia wissen, wat mit dia los is«, sagte Frau Lemke.

Tante Marie hatte es aber nicht so eilig, ihr Schicksal zu erfahren. »Und denn«, lenkte sie ab, »die Ibaraschung mit Onkel Karrel – ick hab mia imma jedacht, det sie ihn injespunnt hätten – derweile looft der quietschfidel rum und spielt sich als Jrönlända uff!«

Frau Lemke nickte ein bißchen ungeduldig: »Ja doch – Tante, wiste nu aba nich mal deen Herze ausschitten und mia azehlen, wie weit du nu mit deenen lieben Herrn Krause bist?«

Tante Marie ließ plötzlich den Kopf auf die Brust sinken und schluchzte jäh auf: »Ick jloobe, det wird Essich!«

»Det jloob ick nehmlich ooch«, sagte Frau Lemke, und als Tante Marie sie starr und verzweifelt ansah, setzte sie tröstend hinzu: »Du valierst nischt an den – sei froh, det et nischt jeworden is! Jlicklich hätte der dia nich jemacht, der hält sich for wat Höheret mit seine Bildabogen und Leiakastenlieda!«

»Aba – wa'm hat er denn dann mit mir anjefangt – mit die Appelsinen und det Theatajehen?« schluchzte Tante Marie.

»Weeß Jott«, sagte Frau Lemke, »wer kann die Männa int Herze kieken, villeicht hat er dia for unse Erbtante jehalten, und als er nu jetz jehört hat, wie die Vahältnisse liejen, is er abjeschnappt. Wie jesacht – wer kann die Männa int Herze kieken! Wat war det neilich mit meen'n Willem! Zieht der sich an, macht sich fein und jeht wech – und is doch sonst nich so!«

Aber Tante Marie beschäftigte jetzt nur ihre eigene Herzensangelegenheit: »Ick jloobe nich, dettet nua wejen det Jeld war! Nee, nee, da steckt ne annere hinta, det is so jut wie jewiß. Denn det hat er ja oft jenuch jesacht, er sehnt sich nach Familienjlick!«

Frau Lemke sah Tante Marie, die Augenbrauen hochgezogen, kritisch an: »Sach mia bloß det eene noch – haste dia denn zujetraut, dette nu noch wat Kleenet krichst?«

»Det kann niemand nich wissen«, sagte Tante verschämt und zupfte die verstaubte Taftschleife am Hinterkopf zurecht.

»Wenichstens vorher nich«, stimmte ihr Frau Lemke zu, um ihr über die Verlegenheit hinwegzuhelfen. »Aba – Tante – wat hättste von jehabt, nimm et mia nich ibel, denn der Krause is doch eejentlich schon 'n recht oller Knaster, und sonne ollen Männa nörjeln in eene Tour und haben allerlei Eijenheiten!«

»Ick hätte ihm allet so jerne jemacht«, sagte Tante Marie, in neu hervorbrechendem Schmerze aufschluchzend, »mia is er imma so stattlich vorjekommen, besonners neilich int Theata, schon wie er den Kellna imma so jroßartich jewunken hat, wie so'n Jraf!«

Frau Lemke begriff, daß sie diese zarten Beziehungen nicht so ganz abgetan behandeln durfte, daß sie etwas Tröstendes, Hoffnungsvolles sagen mußte. »Hör doch uff, Tante, dia stößt ja schon der Bock, azehl mia lieba mal, wie det anjefangen mit det Uffhören!«

Und als sich die Weinende dann endlich ein wenig beruhigt, gab sie eine Art chronologischer Übersicht: Apfelsinen, Couplets, Träume und Punktierkunst spielten in diesem Bericht eine große Rolle. »Aba eejentlich«, sagte Tante Marie, »is et wejen den ollen Oljanda jekommen!«

»Woso?« fragte Frau Lemke verblüfft.

»Von wejen, weil ick imma nach die Köters jeschmissen hab, die da dranjingen«, erklärte Tante. »Den letzten Tach, wo er noch hia war, azehlte er sonne lange Jeschichte – ick weeß nich mehr, von wat, ick jloobe aus'n Kriech – und det wollte keen Ende nehmen und wollte keen Ende nehmen. Und draußen an den Oljandatopp waren zwee sonne vadammte Teelen, die jingen nich von den Topp wech. Und da konnt ick's mia nich mehr vakneifen und hab mit Kartoffeln nach sie jeschmissen. Und det hat mia der Herr Krauss so firchterlich ibeljenommen, er sachte, mein Topp sei mia wichtjer als er, und ick interessier mia zu wenig for seene Lebensschicksale!«

»Wat soll man da nun machen«, sagte Frau Lemke, »det eenzichste is und bleibt abwarten. Manche Männa kricht man bloß, wenn man se bei't Schlafittchen nimmt, an de Leine knippert und nich mehr losläßt. Wohinjejen annere wieda nua mirbe werden, wenn man sich janich um sie kimmert!« Und so schwer Tante Marie unter dieser Ungewißheit auch leiden mußte, sie war bereit, sie zu ertragen, »denn man um Jottes willen nich biejen oda brechen«!

»Du ziehst nu mit uns mit, Tante«, sagte Frau Lemke, »und du wirst ma' sehen, wenn er merkt, du machst dir nischt aus ihm, kommt er dia nachjeloofen!« – – – – –

Endlich, ein paar Wochen vor Weihnachten, war alles erledigt, Lemkes konnten ihr neues Heim beziehen. Als die Droschke, die sie von der Landsberger Straße nach dem Schöneberger Ufer gebracht hatte, vor dem Gartentor hielt, wurde eine Flagge gehißt.

»Wenn det nich Onkel Karrel seene Mache is, denn weeß ick nich, wer noch uff so wat vafallen könnte. Wahrscheinlich will er sich bei mia lieb Kind machen«, sagte Frau Lemke und blickte mißtrauisch um sich.

»Ick finde det sehr nett von ihn«, meinte Herr Lemke anerkennend, »et hat doch wat for sich, wenn eener 'n bißken Sinn for Feierlichkeiten hat. Ick seh ihn ooch schon, da hinta die Kolonnade steht er, wahrscheinlich scheniert er sich vor eich wejen damals, als er unta die Vabrecha jehen wollte. Komm man vor, Onkel Karrel, wia haben dia schon jesehen«, rief Herr Lemke laut und winkte.

»Ick wollte noch 'n kleenen Böller loslassen«, sagte Onkel Karl näherkommend und winkte allen vertraulich zu.

»Untasteh dia ja nich!« sagten Tante Marie und Frau Lemke fast gleichzeitig.

»Et jeht ooch nich, det Pulver is ßu feucht jeworden«, erklärte Onkel Karl. »Neilich jing's sehr jut, bei die Kolonnade is nehmlich een Echo!«

»Ach du lieba Jott und Vata«, sagte Tante Marie, »vor dia is ooch nischt sicha, wie haste denn det nu wieda entdeckt?«

»Ick hab's jemorken«, sagte Onkel Karl.

»Wie et scheint, haste dia hia schon recht jut injelebt«, fragte Frau Lemke, »wat jibt's denn noch hia allet, ick bin nehmlich nich for Ibaraschungen?«

»For Edwin ha' ick da hinten ne Schaukel jemacht!«

»Die machste wieda ab, aba jleich«, erklärte Frau Lemke, »der Junge soll sich woll 'n Loch in'n Kopp schlaren. Haste etwa ooch Fallen jelecht?« examinierte sie weiter.

»Eene –«, gestand Onkel Karl.

»Die machste ooch wech«, sagte Frau Lemke streng, »ibahaupt allet, watte hia inzwischen anjestellt. Det hört nu uff, sonst is jleich wieda aus mit unse neie Freindschaft!«

»Ooch die Flagge?« fragte Onkel Karl kleinlaut.

»Die Flagge kannste oben lassen, wenn se ordentlich feste is, und nu wollen wia hia nich länger in'n Wind stehen, sonnern machen, det wia int Haus kommen!«

Dort besserte sich die Stimmung gegen Onkel Karl, denn man merkte, welch redliche Mühe er sich gegeben hatte, die Räumlichkeiten behaglich zu machen. In den Öfen glühte das Feuer, auf dem Herde in der Küche stand als erste Labe eine große Kanne mit Kaffee, und auf dem Fensterbrett lagen sechs tote Schwaben, die er erlegt hatte.

»Det haste recht jemacht«, lobte ihn Frau Lemke, »ibahaupt, Onkel Karrel, wennste dia in die Weise nitzlich machen willst, hätte ick nischt jejen. Vastehste – mehr will ick nich saren!«

»Ihr jloobt ja janich, wat ick hia jeschuft' habe«, sagte Onkel Karl, »da hinten in'n Jarten is die reene Wildnis jewesen!«

»Dia derf man wahaftich nich loben«, sagte Tante Marie, »sonst fängste sofort in deene vaflixte Manier an. Jeh jetz lieba und hol 'n paar Stihle rin, det wia uns nich uff die blanke Diele setzen missen, und denn paß draußen uff, ob der Möbelwagen kommt!«

»Ick tue allet aus freien Sticken«, sagte Onkel Karl mit erhobener Stimme, »merk dia dett, Marie, kommandieren laß ick mia nich von dia, dettet also weeßt!«

»Ach Jott«, sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung, »tu bloß nich so, Karrel, wennste ooch zehnmal ne Pelzmitze uffhast – du bist und bleibst een jroßer Quatschkopp!«

»Dia wird noch mal die Jalle ibaloofen, und denn sterbste«, sagte Onkel Karl mit einem düsteren Blick auf Tante Marie. »Na« – und wat haste denn? Denn kannste mit deene Jallensteene Murmel in'n Himmel spielen.« Nachdem er ihr diese Perspektive eröffnet, ging Onkel Karl hinaus, fand im Garten Herrn Lemke und nahm ihn ins Schlepptau, um ihm alle Verbesserungen zu zeigen, die er inzwischen geschaffen hatte. Und endlich wurde ihm volle Anerkennung.

»Sehr scheen, Onkel, allet wat recht is, du hast dir wirklich jroße Mihe jejeben«, sagte Herr Lemke.

Onkel Karl begann ein bißchen krampfhaft zu schlucken. Plötzlich wandte er sich ab, hielt die Hand vor die Augen und schüttelte trostlos den Kopf. »Meen Leben is ja doch vafuschert«, brachte er mühsam hervor, »wat hätte aus mia werden können! Meene Zeitjenossen hätten stolz uff mia sein können, ibahaupt ...«

Er machte eine Handbewegung, als umspanne er den Erdkreis, schneuzte sich dann gewaltig und wandte sich zu Herrn Lemke. »Willem«, sagte er ärgerlich, »Willem, lobe mia nie wieda, det vaträcht meene Natur nich, da kommt mia allet ruff, und ick ziehe mia bei det Jewirje noch'n Halsleiden zu. Et is ville jescheiter, wennste mia jedesmal een jewisset Recht inräumen wirdest. Seh ma', von nebenan den schwarzen Kata, der hia imma die Vöjel in'n Jarten nachstellt, den möcht ick jern eens uffbrennen, wennstet aloobst?«

»Von meenswejen immazu«, sagte Herr Lemke.

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