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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV

Der Eisbahnpächter

Wilhelm hatte keine Lust mehr, ins Theater zu gehen – die Freude trieb ihn heim. Er wollte auf dem Rückwege das Gartenlokal aufsuchen, um seiner Frau dann eine anschauliche Schilderung geben zu können. Als er nun durch die Potsdamer Straße der Brücke zuging, bemerkte er auf der anderen Seite ein Individuum, dem alle Leute verwundert nachsahen, weil es eine außergewöhnliche hohe und spitze Pelzmütze und einen riesigen Schulterkragen von gelbem Fell trug. In respektvoller Entfernung folgte diesem Individuum eine Horde Straßenjungen, die laut und ungeniert allerlei Mutmaßungen über den Besitzer des Pelzkragens und der Pelzmütze anstellten. Von Zeit zu Zeit blieb das Individuum unvermittelt stehen, drehte sich um und bedrohte die zurückweichenden Jungen.

Als Herr Lemke junior das einige Zeit mit angesehen hatte, konnte er sich der Überzeugung nicht mehr verschließen, daß der Pelzträger mit seinem verschwundenen Onkel Karl identisch sein müsse. Er ging deshalb hinüber, tippte ihn auf den Arm und sagte treuherzig: »Soll ick dia jejen die Bande beistehen, Onkel Karrel?«

Der war zusammengefahren, kniff nun die Augen zusammen, musterte Wilhelm von Kopf bis zu Fuß und sagte: »Ick kenne dia doch janich!«

»Mach doch keenen Fez hia uff de Straße«, sagte Wilhelm ein bißchen ärgerlich, »ick hab mia doch bloß 'n bißken fein jemacht! Ick bin Willem Lemke, und du bist Onkel Karrel mit den vakrachten Bau!«

»I bewahre – ick bin Eisbahnpächta«, sagte der Pelzmann.

»Det du mit was Kaltet zu tun hast, sieht man dia ja schon von weiten an«, bestätigte ihm Herr Lemke, »aba frieha ...?«

»Ick weeß nischt von frieha«, sagte das Individuum.

»Na, denn nich, Onkel, ick hab's bloß jut jemeent.«

»Nu loof doch nich schon wieda wech, wia können uns ja noch 'n bißken drieba untahalten«, schlug das Individuum vor, als es sah, daß Wilhelm nach der anderen Straßenseite hinüber wollte, »merkste denn nich, det mia det wurmt, wenn man mia an meen Unjlick ainnert?«

Wilhelm, sofort versöhnt, suchte bereitwillig dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Wo haste denn Nulpen jelassen?« fragte er teilnehmend.

»Den ha' ick uff'n Kopp und um de Schulta. Mit den Schwanz will ick mia noch die Ärmel besetzen«, sagte Onkel Karl voll Stolz und Genugtuung. Als aber Wilhelm einen wehmütigen Blick auf den Pelzreichtum richtete, setzte Onkel Karl erklärend hinzu: »Ick hatte det Biest ja von Anfang an in Vadacht, dettet ibakandidelt is, und nachher, als et die Jalloppade hinta mia her anfing, hat et richtich die Tollwut jekricht!«

»Ach – det war doch man bloß Treie und Anhänglichkeit«, meinte Wilhelm.

»Jewiß doch, det war die eenzichte Kreatur, die noch an mia jloobte, aba Nulpe hetzte mia die janze Bande von Halsabschneidern nach, sie brauchten ja bloß hinta ihm herzurennen, denn der fand mia allemal!«

»Na – nu hat er ausjelitten – det arme Biest – und nu machste in Eis, Onkel?«

»Ja, ick hab hia draußen bei'n Faulen Jraben 'n jroßet Terräng jepachtet, det schon von janz alleene unta Wassa steht. Nu braucht et bloß zu frieren, denn is die scheenste Eisbahn fertich. 'n Thermometa ha' ick ooch schonst«, setzte Onkel Karl triumphierend hinzu und klopfte auf die Brusttasche.

»Jott sei Dank, die Sache wird schon schiefjehen –«, sagte Wilhelm, »wo kann denn det frieren, wennstet in de Tasche wärmst? Außadem braucht man zu det Jeschäft doch 'n sojenanntes Barameta!«

»Laß jut sind, Willem, ick brauch jar keens von die teiren Dinga; wenn't in meene jroße Zehe kribbelt, weeß ick schonst Bescheed!«

Nachdenklich gingen sie ein Weilchen stumm nebeneinander her, dann fragte Onkel Karl plötzlich interessiert: »Und wat hast du hia draußen in diese Jejend jemacht?« Wilhelm erzählte von den Veränderungen, die in seinen Verhältnissen bevorstanden, und Onkel Karl machte große Augen. »Ja, bei eich heckt det Jeld«, sagte er wehmütig, um dann aber gleich hinzuzusetzen: »Sach mal, Willem, soll ick dia villeicht eenen sehr tüchtijen, jewissenhaften und fleißijen Menschen empfehlen, der det jroße Jrundstick beuffsichtjen hilft?«

»So jroß is et nich«, lehnte Wilhelm ab.

»Wenn dia der zu teier wär, könnt' ick dia ja ooch 'n annern tichtjen jungen Mann vorschlaren«, meinte Onkel Karl kleinlaut. Und als Herr Lemke nur den Kopf schüttelte, sagte er dringlich: »Seh ma, Willem – eventuell wird ick selbst den Posten ibanehmen, denn dazu jehört doch eener, der sich vor Tod und Deibel nich fürcht't, nachts mit'n scharfen Hund det Jrundstick abjeht und et eventuell mit zwee, drei Mann jleichzeitich uffnehmen kann!«

»Det is doch nischt«, sagte Wilhelm, »tagsiba rackerst du dia uff de Eisbahn ab, und nachts wiste bei uns Wechta sind ...«

»Eventuell wird ick die Eisbahn schießenlassen«, kam Onkel Karl bereitwillig entgegen, »die Pacht ha' ick nehmlich noch jar nich bezahlt, bloß den Thermometa.«

»Ach herrjeh – aba seh ma', Onkel, ick kann dia wirklich mit'n besten Willen noch jar nischt vasprechen, ick weeß doch selba noch nich, ob die Sache perfekt wird. Ibrijens, hia is et.«

Herr Lemke wies auf das Grundstück, das durch einen grünen Lattenzaun von der Straße abgetrennt war. Vornan erhob sich ein niedriges, langgestrecktes Haus mit schwärzlichem Ziegeldach. Rechts davon hatte man einen Überblick über den großen Garten, der jetzt – mit den zusammengeklappten Tischen in der Kolonnade, den entlaubten Bäumen und den frierenden, vom Wind zerzausten Sperlingen – einen etwas trübseligen Eindruck machte.

»Det kann doch eener alleene janich ibablicken«, sagte Onkel Karl mit sanftem Vorwurf. »Die Kolonnade mißte im Friehjahr abjerissen werden und ne hibsche Jlashalle for ne Militärkapelle hinjebaut werden.« Und um Herrn Lemke die Vorschläge begreiflicher und anschaulicher zu machen, ging er hinein in den Garten, zeichnete mit seinem Stock im Sande den Grundriß der Halle auf und unterzog dann die Kolonnade einer eingehenden fachmännischen Prüfung.

Wie er so an den Ecken rüttelte und mit dem Stock klopfte, sah es aus, als wollte er sie überhaupt gleich einreißen. Da man von dem Hause aus dieses bedenkliche Vorhaben beobachtet hatte, erschien der Besitzer des Lokals auf der Bildfläche und sah etwas mißtrauisch dem weiteren Beginnen Onkel Karls zu. Der ließ sich aber gar nicht stören, sondern drang immer weiter auf diesem Neuland für eine ersprießliche Tätigkeit vor, und Herr Lemke hielt es deshalb für angebracht, sich dem Besitzer vorzustellen und ihn über den Zweck des Besuches aufzuklären. Mit einer gewissen Genugtuung empfand Wilhelm die Wirkung, die der Name seines Vaters hervorbrachte – den Sohn »des ollen Lemke ans Schöneberch« behandelt man mit Respekt, und ein Abglanz davon entfiel auch auf Onkel Karl, den – als er hinzukam – der Besitzer »Herr Injinjeur« titulierte.

Onkel Karl nahm das äußerlich mit der ganzen Gelassenheit eines bedeutenden Mannes entgegen und bekundete seine Genugtuung nur dadurch, daß er nach Art der Denkmalshelden die rechte Hand pathetisch vorn in den Rock steckte und die Beine zu kreuzen versuchte. Dann aber machte er eine zarte Andeutung, daß man jetzt ein bißchen in die Gaststube gehen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne.

Drinnen in dem Hause war es sehr gemütlich. Der altmodische Eindruck, den hier alles machte, schien eine gewisse Anziehung gerade auf ein feineres Publikum auszuüben: da saßen an ihrem Stammtisch eine Anzahl weißhaariger Herren, die Schach spielten – ernst, gemessen, nachdenklich in Haltung und Bewegung –, an dem Kachelofen spielte eine andere Gesellschaft – etwas lebhafter und erregter – Skat, und um den Sofatisch herum thronte ein Kaffeekränzchen angejahrter Damen, deren gedämpfte und doch deutliche Stimmen mit ihren vielen Zischlauten den Raum erfüllten. Onkel Karl zog eine Brieftasche hervor und machte sich eifrig Notizen, unbekümmert darum, daß die Anwesenden durch sein Gebaren den Eindruck empfingen, er nehme von jedem das Signalement zu einem Steckbrief auf.

Der Wirt ließ – um den Herrn Ingenieur von dieser aufsehenerregenden Tätigkeit abzubringen – schleunigst einen schönen Kalbsbraten und eine Flasche Rotwein auftragen, und der leckere Geruch stach Onkel Karl sofort in die Nase, daß er – mit bedauerndem Kopfschütteln – seine Tätigkeit unterbrechen mußte, die Brieftasche einsteckte und nun auch das Essen einer genauen Prüfung unterzog.

Das Ergebnis war befriedigend, und Onkel Karl versprach aus eigenem Antrieb, Herrn Lemke einen günstigen Bericht erstatten zu wollen.

»Haben Se ma' vasucht, hia in den Jarten ne Eisbahn zu machen?«

»Nee –«, sagte der Wirt betroffen.

»Ja – sehen Se, det war 'n Fehla«, sagte Onkel Karl. »Wenn die Jeschichte hia sich jejen die iberall uffblühende Konkurrenz halten soll, denn muß 'n janz annerer Schwung rinjebracht werden.«

»Dazu sind wia eben schon zu alt«, sagte der Wirt, »wia wollen uns jetz ßu Ruhe setzen – meene Frau und ick. Ja – wenn wia Kinda jehabt hätten, denn wirden wia ja ooch nie nich an eenen Vakoof jedacht haben – aba so!«

»Nu werden Se woll ooch keene mehr kriejen«, sagte Onkel Karl. »Ibrijens seien Se froh, Kinda machen schwere Sorjen, wer weeß, wat Sie bei die Teilung des Jrundsticks for Ärjer alebt hätten! Hoffentlich besuchen Sie uns mal späta hia?«

»Ach Jott«, sagte der alte Mann wehmütig, »det beste wär woll, ick käme dann nie wieda hierher. Denn wie der Herr Injinjeur vorhin sachte, det hia der jrößte Teil von die ollen, scheenen Beime jefällt werden mißte, da is's mia wie so'n Stich durch det Herze jejangen.«

»Ja – wat sein muß, muß sind«, sagte Onkel Karl energisch, »wat denken Sie, ick hab mia doch sojar von meenen Lieblingshund trennen missen, als et notwendich war.«

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