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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII

Die Selige macht sich bemerkbar

Es wurde – nach diesem großen Ereignis – ziemlich schwierig, sich wieder in die Prosa des Alltagslebens hineinzufinden. In Frau Lemkes Herzen war eine Sehnsucht nach Romantik und Schönheit erweckt worden, die sich innerhalb der Weißbierstube nicht recht zu entwickeln vermochte und sie außerdem zu ihrem Mann in Gegensatz brachte.

»Is det nu eejentlich ne jlickliche Ehe, in die wia leben, oda is det keene?« fragte sie ihn manchmal. Aber Herr Lemke ließ sich auf derartige Auseinandersetzungen nicht ein. »Wennste dia 'n Ritter hättst heiraten wollen, hättste frieha uffstehn missen. Ick kann doch hia nich in Stulpenstiebel Weißbier abzappen!«

»Aba 'n bißken könnteste wahaftich uff deen Äußeres jeben, Willem, zieh dia wenichstens die Hosen 'n bißken stramm, du weeßt ja janich, wat du von hinten fer ne Fijur machst!«

»Ick muß mia bicken können«, beharrte Herr Lemke ärgerlich, »wennste willst, kannste mia ja zu Weihnachten sonne Ristung schenken, da werd ick die Feiertare denn mit rumrennen und mia zu'n Affen machen!«

»Ach Jott, Willem, ick lieb dia ja ooch so, bloß 'n bißken kühna könntste doch aussehen.«

»Kühna? Laß man die Jungs mit ihre Pappristungen kommen, die haue ick allesamt noch mit de Köppe zusammen«, sagte Herr Lemke und reckte sich. Dann fuhr er, wie das so seine Gewohnheit war, wenn ihn ein Gedanke stark beschäftigte, mit dem Handrücken über die Stoppeln des breiten, runden Kinns und sagte: »Weeßte wat, Anna, ick werd dia mal wat saren, ick werd ma' ooch in det Theata jehen!«

»Na, det ha' ick dia doch imma schon jesacht, Willem –«, aber Frau Lemke war doch ganz betroffen von dieser plötzlichen Willensäußerung ihres Mannes.

»Ja – womöchlich heite schon«, sagte Herr Lemke, »denn du hast janz recht, wat soll ick hia eenen Tach for'n annern sitzen, ick vasaure bloß!«

»Na, denn man zopp, los, los!«

Sie hatte gedacht, daß er nur Redensarten gemacht habe, aber zu ihrem Erstaunen band er sich wirklich die blaue Schürze ab und ging nach der Hinterstube.

»Wat is denn in den jefahren«, fragte sie sich, »wat hat'r mia denn da so ibeljenommen, er is doch sonst nich so!« Aber sie ließ sich nichts mehr merken, zeigte auch keine Verwunderung, als Wilhelm nachher in seinem schwarzen Sonntagsanzug zum Vorschein kam.

»Na – nu amisier dia man, Willem!«

»Ja, det will ick, seh ma' nach, Anna, ob die Krawatte hinten sitzt, ick kann so schwer hintenrum langen.«

Sie half noch ein bißchen nach, trat dann zurück und musterte ihn: »So jefällste mia schon bessa als vorhin!«

»Det jloob ick«, sagte er, »na, nu laß dia die Zeit nich lang werden, adje!«

»Jetz schon, wo wiste denn jetz schon hin?«

»Erst will ick noch mal nach Schöneberch – bei Muttern, und denn will ick mia ooch mal 'n bißken umkieken in de Stadt, vor Weihnachten is ja so ville los, und denn jeh ick ins Theata!«

»So – na denn uff Wiedasehen«, sagte sie und wandte sich kurz ab, um ihren Ärger zu verbergen.

»Nu paß jut uff die Kinda uff – also adje.« Und damit ging er wirklich und ertrug mit großer Gelassenheit die Verwunderung der Nachbarschaft, die Herrn Lemke in solchem Staat noch nie gesehen hatte.

Er wußte selber nicht, was plötzlich über ihn gekommen war, und fühlte sich ganz unglücklich, so allein durch die Straßen zu laufen. »Aba wat red't se imma so, det wurmt eenen doch schließlich ooch mal. Und daran is bloß der vaflixte Kerl, der Krause, schuld, der hat ihr und Tanten mit seen Jequatsche varickt jemacht.« Am liebsten wäre er, nachdem er eine halbe Stunde kreuz und quer gelaufen, wieder umgekehrt, doch die Angst, daß ihn Anna auslachen könnte, trieb ihn weiter. »Nu muß ick's schon wahrmachen, wat ick jesacht hab«, dachte er, »Mutta wird sich ja ooch freien, wenn se mia wiedasieht.« Und so wartete er Unter den Linden, bei der Friedrichstraße, bis der Omnibus vom Stettiner Bahnhof kam, stieg ein und fuhr bis zur Endstation nach der Kurfürstenstraße. Das kurze Stück, das er noch zu laufen hatte, nahm er in behaglichem Schlenderschritt, denn plötzlich war ein frohes, angenehmes Gefühl über ihn gekommen, die alte, heimatliche Gegend wiederzusehen, so sehr sie sich auch verändert hatte.

Und dann, als er vor dem Hause stand und nach dem Fenster neben der Haustür spähte, erblickte er hinter den grünen Polsterkissen, die auf dem Fensterbrett lagen, den schlohweißen Kopf der Mutter. Als die eiserne Gittertür klappte, sah die Mutter auf, und trotz der ungewohnten Aufmachung, in der sich Wilhelm befand, hatte sie den Sohn sofort erkannt.

Ehe er dann noch den Porzellangriff des Klingelzuges berührt, wurde die Tür geöffnet – der alte Lemke stand da und fragte atemlos: »Et is doch keen Unjlick nich passiert, Willem?«

»Nee, Vata – ick komm eich bloß mal wieda besuchen!«

»Jott sei Dank – Mutta hat keen schlechten Schreck jekricht«, und der Alte atmete erleichtert auf. »Wia dachten, et is wat mit die Kinda! Et is doch ooch wirklich nischt?« Und dann, als er den Sohn prüfend angesehen, wies er nach der Kratzbürste und sagte: »Ordentlich reene machen, man sieht jeden Tapsen jetz bei det Dreckwetta, det Meechen bleibt in eenen Scheuern! Und denn rasch rin, sonst heezen wia for umsonst, die Stuben sind sowieso nich mehr warm zu kriejen!«

»Nu –Willem – was is?« fragte die Mutter ängstlich, gab sich aber, nach einem Blick auf Wilhelms Gesicht, gleich selbst die Antwort. »Keen Unjlick – keen Ärjer – keen Zank, ach – und 's hätte allet uff eenmal kommen können, wenn's jewollt.« Sie seufzte tief auf.

»Nehmlich«, sagte der alte Lemke, »aba lang dia mal erst 'n Ziehjarn aus die Kiste von't Spinde, Willem, und denn setz dia dahin an det annere Fensta, det Mutta nich so direkt den Qualm in de Oogen kricht – nehmlich wia hatten jrade von so wat jesprochen, Willem!«

»Na, denn kann ick mia ja denken, wat hia los is«, sagte Herr Lemke junior und sah mißtrauisch in alle Winkel, »die Selje jeht wieda mal um!«

»Ja, se macht sich bemerkbar«, sagte der alte Lemke respektvoll, und seine Frau setzte erklärend hinzu: »Se schmeißt in de Nacht Klamotten in die Schornsteene, imma von zwölfe bis eens bullert's in eene Tour!«

»Als wenn se Kejel schiebt«, sagte der alte Lemke, »und denn is allemal wat jewesen!«

»Ick weeß ja, ick weeß«, stimmte Wilhelm zu, »dunnemals, wie't so furchtbar in Schöneberch jebrannt hat!«

»Und ooch dunnemals, wo Mutta nach'n Dönhoffsplatz uff'n Jänsemarcht jejangen is und det scheene neie Pottmaneh mit die fuffzich Tala valoren hatte!«

»Die sind mia doch jestohlen worden«, sagte Frau Lemke, »jedenfalls, eens is sicha: Wia können uns wieda uff wat jefaßt machen.«

»Und da red'ten wia eben von«, sagte der Alte, »und da mußt du ooch jrade kommen, und da jloobten wia, bei eich hat's schon injeschlaren!«

»Nee – bei uns is allens jut«, beruhigte sie Wilhelm.

»Aba wia hatten uns wat ibalecht«, sagte die Mutter, »seh ma', wia sind doch nu alte Leite jeworden, wie lange kann't noch dauern, denn buddelt uns der Totenjräber in. Vatan nich, der lebt noch lange, aba mia – jajaja, ihr braucht eich ja keene Mihe jeben und mia wat vormachen, ick weeß janz jenau, wat da los is! Und ick will eich ja janich damit traurich machen, denn sterben missen wia ja alle, aba ick wollte bloß saren, ob et nich ville jescheita wäre – na, Vata, nu red du ...« Sie lehnte sich zurück und schloß erschöpft die Augen.

»Kurz und jut«, sagte der Alte mit feierlicher Entschlossenheit, »et handelt sich um det Jeld.« Er prustete, als wenn er eine Last abgeworfen hätte. »Nehmlich – ihr sitzt nu da draußen in die fremde Jejend und quält eich um jeden Dreia, und ihr könntet doch eiern Betrieb vajrößern und die Sache janz anners anjreifen, wat, Willem?«

»Na – Vata – ick freie mia ja, dette die Ibazeijung jewonnen hast«, sagte Herr Lemke junior.

»Nu wirden wia eich ja janz freie Hand lassen, aba eenen Vorschlach möchten wia eich doch machen. Nehmlich, ick hätte wat in petto, und det könntste dia ja mal mit deene Frau ibalejen.«

»Erstens wollten wia eich 'n bißken näher haben«, schob Frau Lemke ein, »und zweitens is's wejen die Kinda. Der Edwin und die kleene Liese, die sind beede nich so jesund, wie sie sein könnten, wenn se mehr an de frische Luft kämen.«

»Und da dachten wia an eenen scheenen, jroßen Jarten, so wie wir'n in Schöneberch hatten«, sagte der Alte, »kurz und jut: Weeßt doch, Willem, wo die Potsdamer Bricke is? Eh man riebakommt, wenn man da rechts an'n Kanal lang jeht, imma jrade aus, da liecht een scheenet, altet Jartenlokal – und det is jetz zu vakoofen. Wie wär't damit, Willem?«

Und als Herr Lemke junior, noch ganz verblüfft und gerührt, kein vernünftiges Wort herausbekommen konnte, sagte die Mutter: »Wirst doch zujeben, det det bessa is, als wenn ihr eich da oben in die Landsberjer Straße weita abrackert? Det Jeld könnte doch janich bessa anjelecht werden?«

»Na, nu – Willem, is doch keen Jrund nich, sich so zu haben«, wehrte die alte Lemken mit gutmütigem Lächeln den Sohn ab, der ihr immerfort die Hand schüttelte. »Denn seh mal, von Rechts wejen hätten wia det schon längst machen sollen, aba wia wollten erst mal sehen, wie sich die Heirat mit die Anna anlassen wirde. Aba nu wissen wia ja, dette jar keene bessere Frau hättest kriejen können, und da is nu jetz der jinstigste Oogenblick für't Einjreifen jekommen!«

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