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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In »Walhall«

»Ick bin doch mechtich runterjekommen«, sagte Tante Marie ein paar Wochen später und besah sich kummervoll im Spiegel.

»Et is ja wahr, 'n bißken dürre biste jeworden, aba et kleidet dia«, sagte Frau Lemke tröstend. »Eß man jetz imma tichtich Schabefleesch und Schinken. Herr Krause sacht, du sehst jetz so disquinjiert aus!«

»Wie meent er'n det?«

»Jott – da kann sich jeder bei denken, wat er will«, meinte Frau Lemke.

»Ja – et is 'n feiner, jebildeter Mann«, sagte Tante Marie, »det muß man ihm lassen. Schade, schade, det ick den nich in meine Jugend jekannt hab, in den hätte ick mia valieben können!«

»Na, wer weeß, wie noch allet kommt«, meinte Frau Lemke, »laß man erst dein neiet Kleid fertich sind!«

»Denn jehen wia aba ooch wirklich in't Theata, det nich wieda wat zwischenkommt!«

Die Aussicht auf den Theaterbesuch hielt die Frauen und auch Herrn Krause in ständiger Aufregung.

»Wenn wia nu man schon wißten, in welchet«, sagte Frau Lemke, »wenn wia uns jetz nich entschließen, stehen wia 'n Sonntach da und wissen nich wohin.«

»Nach ›Walhall‹ in die Charlottenstraße«, sagte Tante Marie, »weeßte denn nich mehr, wie Tante Liese damals jeschwärmt hat? Da wird jetz wieda een Stick jejeben, det furchtbar aschitternd is!«

Und als galanter Mann pflichtete Herr Krause bei: »Ick hab's ooch noch nich jesehen, aba et soll wirklich sehr riehrend sind. Und denn soll ooch det Essen da sehr jut sind, et jibt jroßartije Schinkenstullen mit Lamberkänks!«

»Mit wat?« fragte Tante Marie.

»Mit Lamberkänks – so wird det ausjesprochen, jeschrieben wird et hinten mit'n q – Lamberquinz, det heeßt, der Schinken is mit'n Faltenwurf iba die janze Stulle rieba!«

»Na – wie bei uns«, sagte Frau Lemke, »desterwejen brauchten wia ja janich int Theata zu jehen!«

»Jewiß, Ihre Schinkenstullen sind ja berihmt«, begütigte Herr Krause, »aba die da sind ooch jut.«

Und eines Sonntags abends kam Herr Krause dann die beiden Damen abholen. Eine gewisse feierliche Stimmung herrschte – alle standen unter dem Eindruck, daß man sich heute sozusagen dem Luxus ergab, und in Tante Maries Herzen nagte heimlich die Reue.

Frau Lemke, die ihr diese Empfindung vom Gesicht ablas und fürchtete, daß vielleicht noch in letzter Minute ein Hindernis entstehen könnte, sagte mit aller Entschiedenheit: »Tante, damit wia uns von vornerin klar sind: Bezahlen tu ick – also kannste deen Pottmaneh ibahaupt ßu Hause lassen.«

»Is jut, nechstetmal revanschier ick mia«, sagte Tante Marie befriedigt.

Sie fuhren mit dem Omnibus bis in die Nähe des Theaters, stiegen dann aus und bogen in die Charlottenstraße ein. »Seh doch bloß mal die Masse Menschen«, sagte Frau Lemke aufgeregt und voller Unruhe, »wia missen schnella jehen, sonst kriejen wa keen Platz nich mehr.« Und mit feindseligen Gefühlen betrachtete sie jeden, der sie überholte.

»Jadrobe jeben wia nich ab«, instruierte Herr Krause, »det wär' wahaftich wechjeschmissenet Jeld. Die Damens lejen nachher ihre Mantilljens iba die Stuhllehne, meenen Hut behalt ick in de Hand, und mit den Schirm mach ick det so –", und zum Erstaunen seiner Begleiterinnen knöpfte er sich die Weste auf und schob, wie einen Säbel in die Scheide, den Schirm in das Hosenbein.

»Det is sehr praktisch«, lobte Tante Marie. Frau Lemke aber meinte: »Nu werden Se bloß nich loofen können!«

»Doch – 'n bißken steifbeenich, aba det schad nischt, ick werd dann allemal for'n Jeneral in Zivil jehalten, die jehen ooch imma so«, sagte Herr Krause.

Und zu ihrer großen Genugtuung gelang es auch, in den Saal zu kommen, ohne daß der Schirm entdeckt worden war. »So jenau wird's ja hia janich mit die Jadrobe jenommen – bloß in die keeniglichen Theata, und da is et mia leida Jottes schon mal passiert, det ick mia habe vor alle Leite die Hosen uffkneppen missen, weil se jejloobt hatten, det ick den Schirm jestoblen hätte.« Und mit Feldherrnblick umherspähend, kommandierte er plötzlich: »Rasch, da sind noch drei Stihle frei, aba nu dalli durch det Jedrängle durch!«

Unbekümmert, wen er trat und stieß, stürzte er vorwärts und brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig zwei Stühle so zu besetzen, daß sie ihm nicht mehr weggezogen werden konnten, und auf den dritten legte er feierlich Hut und Hand und erklärte einem wütend dreinblickenden Herrn: »Ooch besessen – da kommt schon die Besitzerin!«

Gegen Frau Lemke wagte der Herr nicht anzukämpfen, er sah Herrn Krause und seine beiden Damen verächtlich an und schimpfte dann im Abgehen: »Die Stühle waren schon längst mit Beschlag belegt, aber mit solchen Menschen will ich mich gar nicht einlassen, wir sind doch hier nicht in der Hasenheide.«

»Det is ibrijens 'n Jedanke, da missen wia ooch mal hinjehen«, sagte Frau Lemke, ohne sich weiter um den Herrn zu kümmern. Und mit Befriedigung um sich blickend, setzte sie hinzu: »So – von meenswejen kann et nu anfangen, wia sitzen jut!«

»Allens feinet Publikum hia«, sagte Tante Marie ein bißchen bedrückt, »kiek ma' die da mit die Marabufedern uff'n Kopp!«

»Det sind doch keene echten, wenn't ibahaupt welche sind«, sagte Frau Lemke. Aber Herr Krause, der Wert darauf legte, seine Damen in eine feine Umgebung geführt zu haben, pflichtete Tante Marie bei: »Se können Jift druff nehmen, et sind echte, Frau Lemke.«

Doch – sie ließ sich nicht so leicht irremachen: »Ick hab doch ooch Oogen in'n Kopp, det sind höchstens Reiha. Und so wat Feinet, wie ihr denkt, is det ooch nich! Ne reichjewordene Schlechtameestern – seh dia doch die Hände an, Tante Marie!«

Dann brachte der Kellner das Bier, und Herr Krause kaufte einer alten Frau, die allerlei Backwaren und Süßigkeiten feilbot, Salzbrezeln ab.

»Nee, danke, Herr Krause, sehr nett von Sie«, lehnte Frau Lemke die für sie bestimmte Brezel ab, »det Zeich is mia 'n bißken zu hart, und ick muß mia vorsehen, det ick nich wieda Zahnschmerzen krieje!«

»Det könnt' uns ja jetz jrade so passen – Zahnschmerzen«, sagte Tante Marie, »da wirden wa 'n scheenet Vajniejen von haben. Denn faste lieba, ick werd die Brezel schon runterkriejen! Und laß det, polk nich mit die Haarnadel mang die Zähne, ooch nich mit die Zunge, sonst werden die Wurzeln uffriehrerisch!«

Herr Krause wollte ein Programm kaufen, aber Tante Marie hinderte ihn daran: »Is doch nich nötich«, sagte sie zärtlich, »wozu denn? Wia sehen doch allet, und hören werden wia ooch janz jut. Wenn Se aba ma' jerne in so'n Zettel rinkieken wollen, borjen ihn uns die Leite nebenan von'n Tisch!«

Frau Lemke war derselben Ansicht, glaubte außerdem, daß Herr Krause ihnen durch derartige unnütze Ausgaben nur imponieren wolle. Und um ihm zu beweisen, daß sie sehr wohl wisse, was sich in einem Theater schicke, zog sie sich mit der ganzen Langsamkeit und Umständlichkeit, die sie bei anderen beobachtete, ein Paar rotbraune Glacéhandeschuhe an. »'n Opankucka hätten wia uns ooch mitbringen können«, sagte sie, als sie sah, wie andere ihre Gläser einstellten.

»Ja – «, Tante Marie stimmte zu, »villeicht könnte man denn durch die Köppe durchkieken«, denn sie grollte allen Leuten, die da noch vor ihnen saßen. Und dann vertieften sich beide in das Studium des bunten Vorhangs, suchten das Guckloch darin, von dem sie so viel gehört, und waren glücklich, als sie es entdeckten. Zum ersten-, zweiten- und zum drittenmal hatte es geklingelt – da endlich hob sich der Vorhang.

»Et jeht los.« Tante Marie schob den Rest der Brezel in die Backe und hörte – wie ein Kaninchen – plötzlich mit Kauen auf, auch Frau Lemke saß steif da, und Herr Krause behielt das nonchalante Gebaren eines routinierten Theaterbesuchers bei.

Alle Hoffnungen, die man sich von einem richtigen Theaterstück gemacht hatte, gingen prompt in Erfüllung: Die Tugend wurde zuerst gequält und gemartert, und das scheußlichste Laster triumphierte, man bekam Rüstungen und viele Schleppgewänder und viele vornehme Personen zu sehen, dann wurde die Tugend langsam, aber gründlich weiß gewaschen und der Schuft und Bösewicht bestraft.

Tante Marie, Frau Lemke und das übrige Damenpublikum – alle weinten wie die Schloßhunde, legten sich keinen Zwang auf, und wer sein Taschentuch vergessen hatte, borgte es sich von seiner Nachbarin. Selbst die verhärtetsten männlichen Gemüter operierten verstohlen mit dem Knöchel, und als es unerwartet hell im Saale wurde und Herr Krause seinen Finger nicht so rasch von der Nase wegbekam, behauptete er, daß ihm etwas ins Auge geflogen sei.

In den Zwischenpausen tröstete man sich dann, daß »det allet ja janich wahr sei«, obwohl Herr Krause betonte, »det een historischer Hintajrund hinta sei«. Der Schlußakt wurde geradezu stürmisch. Das Gerechtigkeitsgefühl wollte sich mit aller Macht auslösen, man nahm persönlich an der Rache teil. »Feste, feste«, ertönten die Zurufe aus dem Publikum, um die Schauspieler zu ermuntern, als die Tugendhaften von ihnen dem Schurken auf den Leib rückten. Und man bedauerte nur, daß jener nicht bei lebendigem Leibe geröstet wurde.

»Na, et war sehr scheen«, sagte Frau Lemke mit tiefer Befriedigung, als der Vorhang endgültig gefallen war, »det Stick muß sich Willem ooch ansehen, det is det Jeld wert. Schade man bloß, det ick mia bei det viele Klatschen meene scheenen Handschuhe so rujiniert habe!«

»Wia können ihm ja ooch den janzen Inhalt azehlen«, sagte Tante Marie, »ick weeß allet janz jenau!«

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