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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc3e7af53
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V

Die Sache macht sich

»Wia haben dia ooch wat mitjebracht«, hatte Frau Lemke nachher gesagt, und Herr Lemke hatte die Kognakflasche ausgepackt und Onkel Karl überreicht.

»An so wat haben wia nu janich jedacht«, sagte Onkel August betreten, »ick hätte dia ja sonst ooch wat aus meen Jeschäft mitbringen können – 'n scheenen Hecht oder 'n fetten Aal ...«

»Denn wär mia schon 'n Karpen lieba jewesen, weil ick mia nehmlich 'n janzen Teich anlejen würde«, sagte Onkel Karl, »'n scheenen rojenen Karpen, den hätt ick denn hia losjelassen. Ick kann mir'n ja ooch noch morjen bei eich holen kommen!«

»Det kannste, aba mit die Fischzucht wird det woll Essich werden. Warum? Det will ick dia saren!« Und dann hatte Herr Zander ausführlich seine Gründe entwickelt. – – –

Sie saßen und tranken noch immer Kaffee. Nach und nach waren auch Frau Lemke und Tante Liese ins Gespräch gekommen. Den Anlaß hatte Edwin gegeben, der – starr und steif, den Mund offen – unausgesetzt Frau Zander angesehen hatte.

»Mach bloß de Klappe zu, Edwin, sonst fliecht dir noch ne Micke rin«, hatte Frau Lemke gesagt, aber Edwin hatte seiner Mutter nur einen raschen Seitenblick zugeworfen und dann wieder Tante Liese angestarrt.

»Ich gefall' ihm wahrscheinlich so gut«, bemerkte Frau Zander.

»Kann sind oda ooch nich, man weeß det niemals janz jenau bei det Kind – et is von Anfang an 'n bißken tiefsinnich jewesen. Se wissen ja, et is 'n paar Monate zu früh uff de Welt jekommen – Se haben mia det damals ja noch so ibeljenommen!«

»Ich wollte nicht mehr von diesen alten Geschichten sprechen, wenn Sie aber wieder davon angefangen haben, denn muß ich Sie sagen, daß Sie mir großes Unrecht getan haben«, sagte Tante Liese eifrig. »Heute glaub ich's Ihnen gerne, man sieht es ja dem Jungen gleich auf den ersten Blick an, daß was mit ihm los ist!«

»Meenen Se villeicht damit, det er Anlare zu'n Varicktsein hat?«

»Sehen Sie, Frau Lemke, Sie fassen das immer gleich so scharf auf! Ganz im Gegenteil, der Knabe hat so was ...«

»Ibakandideltes – –«, schlug Onkel Karl vor, als Tante Liese nicht gleich den richtigen Ausdruck fand.

»Nein – wie kannst du denn so was sagen«, wehrte Tante Liese ab, »er hat was Vergeistigtes.«

»Ick dachte, et würde janz wat annres rauskommen«, sagte Herr Lemke, »ick als Vata hab bis jetz nur eens imma an ihm bemorken!« Und er beugte sich zu Tante Liese und sagte ihr etwas ins Ohr. Sie fuhr betroffen zurück und nahm unwillkürlich ihr Kleid zusammen. »Da muß man sich ja vorsehen«, sagte sie.

»So schlimm is's ja nich«, beschwichtigte Frau Lemke, »bloß uff'n Schoß derfen Se'n nich nehmen, det kann er nicht vatraren. Und nu, Edwin, steh ma' uff und loof 'n bißken rum, hia kannste ibaall spielen, Onkel Karrel aloobts dia!«

Und wie Edwin nun aufstand, sahen ihm alle bedenklich nach. »Aba reiß nischt ab«, ermahnte Onkel Karl, »oda warte ma, ick werd lieba mitkommen und dia zeijen, wo et is!«

»Und die Kleine haben Sie Lieschen genannt, das ist ja sehr schmeichelhaft für mich«, sagte Frau Zander.

»Ja – die hat so wat Etepetetes an sich, is man aba leida Jottes 'n sehr nervöses Kind«, sagte Frau Lemke, die in versöhnliche Stimmung kam. Und als dann das kleine, ein bißchen kränklich aussehende Kind von allen begutachtet worden war, sagte Onkel Karl, der zurückgekommen war: »So, meene Herrschaften, nu hat woll det Kaffeejelabbere 'n Ende, und nu will ick Sie ma 'n bißken wat zeijen. Aheben Se sich, wia machen jetz eenen Rundjang durch die Plantasche. Erst will ick aba noch det Jeschirr rintraren, ick kann sonne bekleckerten Tassen nich stehen sehen!«

Und mit den Manieren eines Kellners setzte er alles auf einem Brett zusammen und verschwand damit in dem Rasenhäuschen. »Der Kaffee hat sehr scheen jeschmeckt«, lobte ihn dann nachher Frau Lemke, »man hat et janich jespürt, det Zichorje mang war!«

»Und et war ne Masse mang«, sagte Onkel Karl triumphierend. »Uff'n Tempelhofer Feld wachst se ja wild, wa'm soll ick ihr da nich benutzen, ick hab Zichorjen sojar anjeflanzt. Ibahaupt, wat man sich selbst anbauen kann, bau ick ooch an. Ainnert ihr eich noch, wie wir dunnemals bei die Kindtoofe in Schöneberch waren, da lief doch eener von die Vawandtschaft aus Wilmersdorf rum, so'n Järtner – den ha' ick uffjesucht und allerlei abjekneppt und anjeflanzt. Er hat mia von alle seene Samensorten jeben missen. Zaerst hatte ick Backpflaumen jesteckt, det Zeich jing aba nich an, so ville ick ooch jejossen hab. Denn hatt ick mia uff Mais jelecht, weil man da bekanntlich türkschen Tabak von machen kann. An alle Droschkenhalteplätze hab ick die Körna uffjesucht. Aberst bloß det, um det ick mia janich jekümmert, is jewachsen. Hia könnt ihr's sehen, det sind Appelsinen!«

»Wo – det?« sagte Onkel August mißtrauisch, »det sieht doch man aus wie Jras!«

»Na, jewisse Ähnlichkeit is ja vorhanden«, sagte Onkel Karl, »aba wie sieht zum Beispiel 'n Huhn aus, wennt uff de Welt kommt – wie'n Ei – und denn is's doch 'n Huhn!«

»Det waren also die sojenannten Südfrüchte«, sagte Onkel Karl, einen Bogen über das Beet beschreibend, »nu kommen wia zu die Heilflanzen, ick hab det nehmlich allet jenauso wie in'n Botanischen Jarten injericht, bloß det ick keene lateinischen Namen ranjeschrieben!« Und dann entwickelte er ihnen seine Spekulation: Seiner Meinung nach könnte man das beste Geschäft mit den Apotheken machen: »For'n Jroschen Fefferminztee, da kricht man sonne kleene Prise; wenn man den Apotheka nu dreimal so ville for'n Jroschen liefert, macht er noch imma 'n jutes Jeschäft und ick ooch!«

Und deshalb hatte Onkel Karl Fenchel, Baldrian, Kamille, aber auch Giftpflanzen wie Schierling, Wolfsmilch und Tollkirschen angepflanzt. »Man muß nu bloß uffpassen, det's nich durchenanda wachst, sonst kann man sich vajiften.«

»Da haste recht«, sagte Frau Lemke, »Edwin, komm her, du hast doch noch nich wat von jejessen, det wär ja ne scheene Jeschichte!«

»I wo –«, sagte Onkel Karl, »keene Sorje, außadem wirkt det nich jleich. Und späta werd ick jeden von eich ne kleene Hausapotheke inrichten, da könnt ihr eich selbst kurieren und schwitzen, so ville wie ihr wollt!«

»Und nu kommen wir zu die Kichenflanzen. Da wachsen die Radieser, von die ick eich neilich mitjebracht, hia is Sellerie, Petersiljen, Kohlrabi, Mohrrüben, Bohnenkraut ...«

»Wo?« sagten alle.

»Na hia – se sind bloß noch nich anjejangen, der Boden is hia ßu sandig!«

»Denn zeij uns mal, wat man sehen kann«, sagte Herr Lemke.

»Da missen wia in die annere landwirtschaftliche Abteelung, wo ick die Viehzucht betreibe, aba die Tauben habt ihr ja alle schon jesehen, und wat 'n Karnickel is, wißt ihr doch woll ooch?«

»Aba du hast doch neilich wat von Spanferkel azehlt, wo sind denn die nu?« fragte Tante Liese.

»Von Spanferkel?« sagte Onkel Karl, »ach so, eens hatt ick ooch, aba det is wild jeworden und ausjebrochen. Det wirde ßu ville Mihe machen, wenn ick det nu erst infangen sollte; denn da muß man sich ja stundenlang uff de Laua lejen.«

»Na, denn wolln wia man wieda nach deene Villa jehen und uffpassen, wie de Sonne untajeht«, sagte Herr Lemke.

Das taten sie dann auch, und die Damen setzten sich auf das eiserne Bettgestell und die Herren auf die Erde.

»Wollen wa nich wat Scheenet singen?« schlug Onkel Karl vor, »eens von die Lieda, die wa in den Jesangvaein injeibt hatten?«

»Ach – nee, man wird denn imma so traurich, und man ainnert sich an allet von frieher her«, sagte Frau Lemke, »wat mag zun Beispiel aus den Kapellmeesta jeworden sind, aus den armen Herrn Hahn?«

»Um den mach dia man keene Sorje, den jeht's jut, der is jetz nich mehr Klavierhengst, sondern bei eene Baujesellschaft. Er wird mia nechstens mal besuchen und mir een paar baureife Parzellen zeijen, die janz billich zu haben sind«, sagte Onkel Karl.

»Wa'm will er'n dia die zeijen?« erkundigte sich Onkel August.

»Warum?« Onkel Karl zog pfiffig die Augenbrauen hoch. »Man kann ja nie wissen, villeicht fang ick ooch 'n bißcken zu bauen an!«

»Du?« Onkel August sah Onkel Karl in maßlosem Erstaunen an.

»Wo hast'n det Jeld her?«

»Jeld? Wozu denn Jeld?«

»Zu't Bauen!«

»Aba dazu braucht man doch keen Jeld – wenichstens heitzutare nich mehr. Nee, lieba Aujust, da biste schief jewickelt, det war mal frieha so. Du mußt dir det mal von den Herrn Hahn ausenanderklamiesern lassen, und ick sare dia, du wirst staunen, wat heitzutare allet jemacht wird.«

»Ick staune jetz schon, wie dia der Herr Hahn inseeft«, sagte Onkel August, »aba ick warne dia, denn bei mia derfste nachher nich kommen, wennste in die Patsche drinnesitzt!«

»Wia jeben ooch nischt«, sagte Frau Lemke, »also – Onkel Karrel – dette dia nu nich etwa uff uns valäßt!«

»Kinda – Kinda, wat seid ihr – na, ick hätte beinah wat jesacht. Aba ihr könnt janz beruhicht sind, eha hack ick mia meen linket Been ab, eh ick wat von eich nähme. Aba wenn ick denn erst Hausbesitza bin, will ick eich die erste Etasche billich vamieten!«

»Na – wollen wia det beste hoffen«, sagte Onkel August.

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