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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
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IV

In »Neu-Kalifornien"

Inzwischen war die Familie Lemke glücklich in »Neu-Kalifornien" angekommen – ganz so leicht, wie man sich's vorgestellt, war es ja allerdings nicht gewesen: Erst war man durch eine Reihe von Straßen gezogen, die alle neu angelegt, zum größten Teil auch schon bebaut, aber noch gänzlich unbewohnt waren. Trotz des warmen Sommertages wehte dort aus den Neubauten eine eisige Luft, es roch nach Ölfarbe, Mörtel und Asphalt.

Dann schnitt der Straßenzug jäh ab, als wäre den Unternehmern der Mut vergangen, weiter vorzudringen. Denn ein wüstes Terrain kam, auf dem sich eingefunden, was Berlin hatte loswerden wollen, Blechkasserollen, verbeult und ohne Boden, Fetzen von schwarzer Dachpappe, Batterien von Konservenbüchsen, und hin und wieder erhob sich auch ein Müllhaufen, aus dem verzweifelte Heringsköpfe melancholisch gen Himmel blickten. Irgendwo stand dann auch jedesmal ein Schild mit der Drohung, daß Müll und Schutt hier nicht abgeladen werden dürfe, aber es sah schief, krank und pessimistisch aus, als bezweifle es selbst seine Existenzberechtigung.

»Na – hia müßte't doch nu bald sind", sagte Frau Lemke verzweifelt, »er hat et doch ›Nei-Kalifornien‹ jenannt, weil die Jejend ne wahre Joldgrube for ihn sind soll. Und damit kann er doch man bloß so'n Klamauk jemeent haben, wie er hia rumliecht. Denn wat annere Leite wechschmeeßen, hebt er ja wieda uff und macht sich wat von. Und nu wolln wa mal an den Zaun hia langjehn, da hinten scheint ja wat zu sind, paß aba 'n bißcken uff deene Beene uff, Willem, sonst tritt ma hia wo rin!"

Herr Lemke konnte es aber nicht unterlassen, dann und wann durch eine Zaunritze zu spähen, und jedesmal sagte er: »Kiek mal ooch durch, Mutta, det find allens Stätteplätze!" Aber Frau Lemke wollte nicht, sie sah ja nur immer »detselbichte", wie sie sagte: Rüstzeug für die Bauten, kalkbespritzte Bretter und Stangen, verrostete Röhren, Schienen und eiserne Reifen, grüne Möbelwagen und Haufen schadhafter Tonnen. »Jott, wat mö'jen da for Ratten drunta sitzen!"

Ein Stück weiter wurde es dann freundlicher: Wegebreit und Knöterich wucherten aus der Erde, gelbe oder schon verblühte flockige Butterblumen leuchteten aus dem Grün, auf einer Rasenfläche weidete ein klapperdürres, altes elendes Pferd, das die Annäherung der Familie Lemke mit mißtrauischen Augen beobachtete. Weiterhin wurden rote und buntgewürfelte Betten gesonnt, dann erklangen Kinderstimmen, »und wenn ma nu nich da sind", sagte Frau Lemke, »dreh ick wieda um und jeh za Hause, denn zum Narren laß ick mia ooch nich machen."

Als sie endlich die Zaunecke erreicht hatten, sahen sie eine Kinderschar, die – mit Konservenbüchsen, alten Schirmgestellen und Schuhsohlen bewaffnet – gerade in eine furchtbare Schlacht verwickelt war und nun die Flucht vor Lemkes ergriff. Nur ein kleiner Junge, der auf dem Kopf einen Schmuck von Schwanzfedern längst verzehrter Hühner trug, blieb trotzig stehen, hob mit Mühe einen zerbrochenen Ziegelstein hoch und schrie: »Ick schmeiße mit Klamotten, wenn Se mia wat tun! Hia derf niemand lang, det Betreten diesa Wiese is bei Strafe vaboten!" Und er wies auf einen Pfahl, der diese Inschrift trug.

»Komm ma' her, du Lausejunge", rief Herr Lemke, »wo jeht's denn hia nach Nei-Kalifornien?"

»Na – da hinten, wo die rote Fahne is, können Se denn nich kieken?" schrie der »Lausejunge" zurück. »Imma de Neese lang...!"

Und das schrie er ihnen noch nach, als sie schon so weit von ihm weg waren, daß sie ihn kaum noch sehen konnten.

Ja, das war »Neu-Kalifornien". Wunderliche Machwerke aus Latten, Dachpappe, Rasen und geteerter Leinwand erhoben sich da in buntem Durcheinander, Lauben und Buden, umgeben von gravitätischen, steifen Sonnenblumen, überwuchert von rotblühenden Feuerbohnen.

»Na – nu haben wa's woll jeschafft«, sagte Frau Lemke keuchend, »weiter hätt ick det Kind ooch nich mehr schleppen können, mia sind alle beede Arme steif jeworden, und Edwin kann ooch nich mehr loofen.«

»Kiek mal, Mutta«, sagte Herr Lemke, »wat die sich hia allens anjebaut haben – Petersilje und Zwiebeln und sojar Kohlköppe!«

»Na ja – eenen Zweck muß det doch haben«, sagte Frau Lemke, »nu möcht ick bloß wissen, wo sich Onkel Karrel hia vastochen hat, wia können doch nich die janzen Buden absuchen. Is schon eene Art von den Mann – lockt er een'n in sonne Wildnis, und denn steht man nu da und kann die Aussicht jenießen.«

»Da seh ick so wat wie'n Taubenschlach«, sagte Herr Lemke, »wollen wa mal hia durch die Beete jehen, ohne wat zu zatrampeln!« Und um die Ankunft anzumelden, steckte Herr Lemke die Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus.

Gleich darauf gellte derselbe Pfiff als Antwort.

»Ja – wo is det nu, det kam doch aus de Erde«, sagte Frau Lemke, »nee, och sonne Varicktheit, hia rauszuloofen!«

»Komm man, Mutta, jetzt weeß ick's schon«, sagte Herr Lemke und nahm Edwin auf den linken Arm. »So – und nu jib ma mal die Kleene her, und denn heb dia 'n bißken die Röcke, Mutta, sonst reißte mit deene Schleppe die janze Plantasche kaputt, du hast schon 'n janzen Schwanz von Suppenjrien hinten dranhängen!«

»Na – eenmal un nich wieda«, sagte Frau Lemke, »keene zehn Ferde bringen mia noch mal in diese vaflixte Jejend! Wennste aba denkst, det du scheen aussiehst, denn irrste dia. Merkste denn janich, dette schon seit ne halbe Stunde ne olle Sprungfeda an'n Stiebel zu bammeln hast?«

»Jemorken ha' ick schon wat, ick wußte bloß nich, wat et war«, sagte Herr Lemke, »et konnte ja ebensojut ne Fußangel sind!« Dann pfiff er wieder, und von irgendwoher kam die Antwort. »Et klingt schon näher!«

»Na – uff die Weise kann et Abend werden, bis wa uns jefunden haben, wia sind doch keene Affen«, fagte Frau Lemke empört, und dann rief sie mit ihrer gesunden, lauten Stimme in die grüne Wirrnis hinein: »Onkel Karrel, wennste jetz nich jleich vorkommst und noch länger so'n Quatsch machst, denn« – sie blickte sich suchend um, womit sie ihm wirksam drohen konnte –, »denn kriste nich, wat wia dia mitjebracht haben, und ick zatrample hia den jelben Kürbis zu Appelmus!«

Die erste Drohung hatte die größere Zugkraft: »Ohioo – ohioo« kam es melodisch langgestreckt zurück, »wat habt ihr'n mitjebracht? Hia jeht's lang!« Und dann hörte man es von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet, knacken und rascheln, und Onkel Karls Borstenkopf kam zum Vorschein.

»Na, du bist mia eena«, sagte Frau Lemke.

»Aba – Jott – ick mußte mia doch erst 'n bißken menschlich machen«, sagte er zu seiner Entschuldigung, »ihr kommt ja ville ßu früh! Als ick dia det erstemal feifen hörte, jloobte ick an ne Sinnestäuschung. Ick war jrade bei't Umziehen und hatte bloß eenen Riemen um'n Bauch, na – so konnt' ick mia doch nicht presentieren! Da ha' ick mia die Sachen uff'n Arm jenommen und hab se mia anjezoren, während ick mia an eich ranschlich!«

»Sehste –«, sagte Herr Lemke zu seiner Frau.

»Wer denkt denn ooch an so wat«, sagte Frau Lemke, »also nu is jut, nu zeije uns mal det Blockhaus!«

Unter seiner Führung ging es dann durch ein Bohnenspalier in gebückter Haltung weiter. Als man sich endlich wieder aufrichten konnte, befand man sich auf einem kleinen freien Platz mit einer Feuerstelle in der Mitte, neben der ein Schusterschemel stand.

»Sehr scheen«, sagte Frau Lemke, »hia trinkste woll imma deen'n Kaffee? Und wo is nu det annere?«

»Den Taubenschlach habt ihr noch nich jesehen –«, Onkel Karl wies auf das Pfahlgerüst, auf dem sich ein großer, viereckiger Kasten befand.

»Doch, den hab'n wia schon von janz hinten bewundert!«

»Et kommt mia vor, als wenn ihr 'n bißken entteischt seid?«

Frau Lemke sah ihren Mann an. »Nich im jeringsten«, sagte sie, »nua – –?«

»Na, ick will eich nich länger uff de Folta spannen, det is hia bloß, wenn ick die Leite irreführen will! So – un nu paßt mal uff, kommt mal hinta mia her, aba haltet eich janz dichte an mia ran. Seht ihr, hia denkt man, et jeht nich weita, wa? Det is aba ne Türe!«

Er wies auf ein Erbsengerank, bog es auseinander und schlüpfte hindurch. »So – könnt ihr mia noch sehen?«

»Nee!«

»Det hättet ihr in eier janzet Leben nich entdeckt«, sagte Onkel Karl, »und nu kommt mal durch.«

»Donnawetta, det is wirklich ne Iberraschung«, hörte Frau Lemke ihren Mann sagen, der sich durchgezwängt hatte. Und als es ihr dann geglückt war, ebenfalls durchzuschlüpfen, stand sie sprachlos da: vor einem Häuschen aus grünem Rasen stand eine alte, eiserne Bettstelle, auf der – wie auf einem Sofa – Onkel August und Tante Liese saßen.

»Na – seid ihr da?« sagte Onkel August und erhob sich schwerfällig, »wia hätten uns jerne eha bemerkbar jemacht – aba er wollte partuh nich! Und wa'm sollten wia ihm denn ooch die Freide vaderben!« Er schüttelte Frau Lemke die Hand: »Da – setzen Se sich uff det Kannapeh zu meene Jattin – ihr habt eich beede lange nich jesehn!«

»Nee – seit die Hochzeit nich!« sagte Frau Lemke steif.

Frau Zander nickte würdevoll. »Sehr erfreut«, sagte sie.

»Ick kann mia noch nich so rasch klarwerden iba meene Jefiehle«, sagte Frau Lemke, »ick finde't nua unrecht von Onkel Karrel, det er nich vorher jesacht hat, det noch annrer Besuch kommt!«

»Woso?« sagte Onkel Karl.

»Na, weil ick mia denn ooch meene seidne Talje hätte anziehen können!«

Und dann ging sie zu dem Bettgestell und sagte: »Et wird doch ooch nich umkippen, wenn ick Ihn'n die Balanze halte?«

»Det wollen wia nich hoffen«, sagte Onkel August.

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