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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

Übernatürliche Dinge

Tante Marie hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben! »Irjendeener muß doch in die Wirtschaft sind und de Jäste vasorjen!« Und an solchen Tagen, da sie das Regiment, wie in früherer Zeit, allein hatte, pflegte das alte geschäftige Frauchen wieder aufzuleben, merkte nichts von dem chronisch gewordenen Hexenschuß, der sie sonst quälte, und war in fortwährender Tätigkeit, um es allen recht zu machen.

Trotzdem hatte ihr Frau Lemke, ehe sie mit ihrem Mann und den Kindern fortgegangen, noch allerlei Verhaltungsmaßregeln gegeben: An die Sülze sollte sie jedesmal, wenn ein Gast davon verlangte, »noch 'n Schuß Essich jeben« – »uff Jroßetjeldwechseln sollte sie sich mit unbekannte Leite nich inlassen« – und »wenn etwa Onkel Aujust mit seene Frau käme«, sollte sie sie nachschicken: »Imma die Landsberjer Allee runta, und denn wirden se ja sehen, anners hat's uns Onkel Karrel ooch nich beschrieben!«

»Det is imma een Jemache, eh se wechkommen«, dachte Tante Marie, »imma, als wenn ick schon nich mehr janz richtich in'n Kopp bin; so alt bin ick doch noch janich, manch eene denkt da noch ans Heiraten – sechzig – da hab ick noch wenichstens zwanzich vor mia. Und dabei denken se nich an sich und vajessen die Hauptsache – da steht nu wieda die scheene Milchflasche for Lieschen, und ick hatt ihr noch abjekocht!«

Tante Marie hatte ihr »Jrienjesprenkeltes mit die Puffärmel« angezogen, die große, gewichtige Goldbrosche vorn an den Hals gesteckt und sich ein schwarzes Häubchen höchst kunstgerecht auf dem Hinterkopf angebracht, so daß der dünne, graue Scheitel verdeckt wurde. Nun sah sie ganz stattlich aus, »frisch gestrichen«, wie einer der Gäste sagte, der mit seinen Freunden zum Sonntagnachmittagsskat angerückt war.

So gegen fünf Uhr kam auch Herr Krause, der Zigarrenhändler, um seine Weiße zu trinken. Er hatte seinen »Salz- und Pfeffernen« an, der ihn so jugendlich machte, und unter dem Arm trug er ein in blaues Papier gehülltes Päckchen, das er mit geheimnisvoller Miene auf den weißgescheuerten Tisch legte.

Als Tante Marie das Glas vor ihn hinstellte, sagte sie mit einem gutmütigen Lächeln: »Se sitzt wieda 'n bißken schief, Herr Krause!«

Er fuhr sich verlegen nach der Krawatte und rückte an dem kleinen schwarzen Knoten, der unter dem Klappkragen zum Vorschein kam, aber Tante Marie schüttelte lächelnd den Kopf: »Nee, nee, die annere, Herr Krause!«

Nun wußte er, was er gleich gefürchtet hatte, daß es die graumelierte Perücke war, und er drehte sich hastig nach dem Spiegel um und beklopfte mit den Fingerspitzen den Kopf.

»Jott ja – der Jüngste is man jerade ooch nich mehr, aba immahin –«, sagte er wie zur Entschuldigung, gab seinem Oberkörper einen Ruck und zupfte die Weste herunter.

Und um das Thema zu wechseln, deutete er nun auf das Päckchen und sagte: »Ich hab Ihn'n die Biecha mitjebracht!«

»Det is scheen, Herr Krause, obschonst ick mia lieba mit Ihn'n drieba untahalte; man is ja doch keen Professor – wahr? –, und denn versteht man manchmal nich allens. Wo haben Se denn die Biecha her?«

»Se missen ma' rinkommen ßu mia in'n Laden und sich det ansehn«, sagte Herr Krause, und dann schilderte er ihr, daß er – um seine Einnahmen aufzubessern – auch einen kleinen Handel mit Traum- und Punktierbüchern und den neuesten Couplets angefangen habe. »Ick hatte mia, als ick hia in die Jejend zog, doch 'n bißken vaspekuliert, ick dachte, wenn ick den schwarzen Jipsmohren und die beeden jroßen Knastarollen int Fensta stelle, wirde det jenuch Zuchkraft ausüben. Pustekuchen – die Leite sind hia sehr sparsam: for'n Sechsa zwee Ziehjarren, for'n Dreier Schnupptabak, damit reichen se ne Ewigkeit, und nu jar erst, die Rippenknasta koofen. Mit die Tonfeifen is ooch keen Jeschäft mehr ßu machen, die kommen janz aus de Mode, und wer kooft sich denn mal wirklich ne lange Piepe, höchstens als Jeburtstagsjeschenk oda ßu Weihnachten! Aba mit die Dinga hia« – er schlug auf das Päckchen, »is wat ßu machen, da haben se Jeld for ibrich. Ick klebe die neuesten inwendig an de Fensterscheibe, und denn jibt's allemal 'n jroßet Jedrängle draußen, und die Ladenjlocke jeht in eene Tour!«

»So?« sagte Tante Marie. Der Ausdruck ihres Gesichts verriet, daß sie eine Frage auf dem Herzen hatte, deren Beantwortung sie doch noch mehr interessierte als die Geschäftstüchtigkeit des Zigarrenhändlers. Aber sie ließ ihn reden, bis sie dann schließlich merkte, daß er überhaupt ganz vom Thema abkam und aus seiner frühesten Jugend erzählte. Da unterbrach sie ihn: »Na ja, Herr Krause – aba nu saren Se mia – jlooben Se daran oda jlooben Se nich daran, aba nu seien Se janz ehrlich?«

»An wat?« sagte der Zigarrenhändler ganz verblüfft, plötzlich vor solch einer Gewissensfrage zu stehen.

»Na – an allet so wat: an Träume, an Gespensta, an't Kartenlejen –«, sagte Tante Marie verschämt.

»Det kommt druff an«, sagte Herr Krause und wiegte wie ein alter Diplomat den Kopf hin und her. »Jedenfalls – det is meene Ansicht von die Sache – jibt et wat, wovon wir nischt wissen!«

»Janz jenau meene Meenung«, sagte Tante Marie und schlug sich erfreut mit der Faust der Rechten in den Handteller der Linken.

»Man muß jenau alle Umstände prüfen und kann det nua imma von Fall ßu Fall untascheiden«, belehrte Herr Krause weiter.

»So is's –«, sagte Tante Marie triumphierend.

»Sehn Se, desterwejen ha' ick Sie ja die Biecha mitjebracht!« Er griff nach dem blauen Paket und mühte sich, mit den Fingelnägeln den Knoten der Schnur zu lösen.

Tante Marie wurde dabei etwas ungeduldig. »Wat knippern Se denn so lange, warten Se, ick hol ne Schere«, sagte sie.

»Nee, nee, nee«, wehrte Herr Krause ab, »et jeht schon, nich so hastich, die Strippe kann man imma noch jebrauchen –«, und er wickelte sie sorgfältig zusammen und steckte sie in die Westentasche. »Sehn Se – also det sind hia Traumbiecha, det hia Punktierbiecha, und die da belehren eenen über't Kartenlejen!«

»So –«, sagte Tante Marie mit einem tiefen Atemzug, »det sind also die Kartenlejerbiecha«, und sie wandte kein Auge mehr davon. Und Herr Krause, der wie ein alter, weiser Magier mit spitzen Fingern die Bücher sortierte, sagte bestätigend: »Ja, det sind die – eijentlich lej ick den Hauptwert uff die Punktierbiecha, denn da bekommt ma imma janz jenaue Auskunft, während det mit die Kartenlejerei manchmal sonne Sache is!«

»Mit eenen Wort«, sagte Tante Marie ein wenig enttäuscht, »von die Karten halten Se nich so ville – ick aba! Ick hab janz wunderbare Beispiele alebt, det muß ick Ihn'n janz jenau azehlen, Herr Krause. Aba warten Se, erst will ick Ihn'n noch ne Weiße jeben, und ick werd mia 'n kleenen Bittern holen, denn mia wird imma so schummrich rum um 'n Maren, wenn ick an sonne ibernatierliche Sachen denke!«

Und als sie dann zurückkam und sich gestärkt hatte, begann sie – weit ausholend – von Lemkes seliger Witwe, »dem Jeschpunst«, zu berichten. Wie Herrn Lemkes Großmutter, also die verstorbene Mutter des alten Herrn Lemke, in dem Hause draußen in Schöneberg »umginge«, und daß dies der eigentliche Grund sei, warum der »olle Lemke« Haus und Grundstück verkaufen wolle. »Et wird ihm aba nischt nutzen«, schloß Tante Marie, »denn die Selje läßt ihn nich locker und zieht ihn nach. Und wenn er se uff die Weise loswerden will, wird se rachsichtich werden!«

Herr Krause schien einige Zweifel an der Existenz von Lemkes seliger Witwe zu haben, aus der Art aber, wie Tante Marie gesprochen, merkte er, daß jeder Spaß übelgenommen werden könnte. Er fragte daher vorsichtig hintenherum: »Hat denn der olle Herr Lemke an seene Frau Mutta schlecht jehandelt? Denn da läßt eenen det Jewissen keene Ruhe nich!«

»I bewahre, so hängt det nich zusammen, janz int Jejenteil, er hat ihr furchtbar jeliebt und jeht ihr jetz noch imma bejießen!«

»Denn is't det Muttaherz, det nich ßu Ruhe kommen kann«, sagte Herr Krause.

»Ooch nich, haben Se schon mal 'n Herz alleene mit'n Umschlaretuch in de Nacht rumloofen sehn? Na – also! Et is een janz richtjer Jeist, bloß det er keene irdischen Bedirfnisse mehr hat ...« Sie unterbrach sich, holte aus ihrer Kleidertasche eine rohe Kartoffel und schleuderte sie geschickt durch die offene Tür nach einem Hund, der sich an den verkümmerten Oleander gestellt hatte. »Warte man, komm du ja nich wieda«, rief sie ihm drohend nach, als der Hund nur einige Schritte trabte, dann gelassen stehenblieb und mit den Hinterpfoten kratzte, als wolle er Tante Marie mit Sand bewerfen.

»Wenn man da so nen Jeist anstellen könnte, der die Hundeteelen vatreibt«, sagte Herr Krause. Aber da wurde Tante Marie empfindlich. »Nee, nee«, wehrte sie ab, »lassen Se det lieba, Herr Krause, iba so wat scherz ick nich! Wer det mit alebt hat, wat ick alebt hab, der nimmt sich in acht. Denn die Selje macht Abstecha – eenmal is se sojar nach die Ackastraße jekommen, bis von Scheeneberch nach die Ackastraße, obschonst det ja for'n Jeist keene Entfernung nich is. Damals, als sie det erstemal kam, hat se uns ja Jlick jebracht, wenigstens meene Nichte, die junge Frau Lemke, die in de Lotterie jewonnen hat. Aba als sie't zweetemal kam, bracht se Unjlick, damals is Willem vor Jericht vaknackt worden!«

Und nun kam Tante Marie auf alte Geschichten, bis Herr Krause wieder nach den Büchern griff und Tante über die Kunst des Punktierens belehrte. Wenn es sie auch interessierte und sie sich auch sattsam über das Orakel wunderte, so gestand sie schließlich, daß ihr die Karten doch lieber seien. Und nun begann sie Herrn Krause zu belehren, daß alles auf den Karokönig oder die Karodame ankomme. »Det sind die, deren Zukunft man erfahren kann. Und nu will ick se Ihn'n mal lejen, und Se können mia denn späta saren, ob allens richtich injetroffen is!«

Erst aber mußte sie noch einmal nach den Gasten sehen, die schon ungeduldig mit den Gläsern auf den Tisch klopften.

Und dann prophezeite sie, und Herr Krause ging am Abend mit dem tröstenden Bewußtsein heim, »det ihm mal eene liebende Hand die Oogen zudrücken werde«!

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