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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XX

Auf dem Korridor des Gerichts

Einen Tag vor der Gerichtsverhandlung mußte sich Frau Lemke legen – sie war in ihrem Zustand so elend geworden, daß sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

»Jott, Willem, det is die fortwährende Uffrejung, die muß ja 'n Menschen runtabringen«, sagte Anna. »Ick wär so jerne mitjekommen, um ßu sehen, wat nu eejentlich wird! Und nu sollste so muttaseelenalleene jehn, denn Tante Marie muß doch wejen die Jäste hiableiben! Wenn sie dia nu jleich dabehalten?«

»Mia is allens janz ejal«, sagte Wilhelm, »meenswejens können se Hackfleesch aus mia machen, aba det eene weeß ick, ehe se mia inspunnen, reiß ick die Portjehfrau den Kopp ab und schmeiß'n durch die Fensterscheibe uff die Straße!«

»Det wirste nich tun, Willem, mach dia nich unjlicklich for't janze Leben!«

»Siehste, Anna, uff de Menschen is eben keen Valaß. Wenn man ne Landpartie macht oda Kindtoofe feiert, denn haben se imma Zeit. Aba – wo is nu Onkel Karrel und Onkel Aujust?«

»Dettet bloß nich vaschläfst, Willem, ick werd ja de janze Nacht wachliejen, aba jrade an sonne Tare, da kann ma und kann ma sich frieh nich amuntern. Putz dia man heite abend schon de Stiebel und bürscht dia den schwarzen Rock aus, sonst haste Uffenthalt!«

Zu derselben Zeit, da Wilhelm am anderen Morgen aus dem Keller trat, verließen die Portiersleute und Frau Kufahl das Haus, alle drei in ihrem Sonntagsstaat. Wilhelm, der sofort auf die andere Straßenseite ging, hatte sich zwar von den Handschuhen, die er heute trug, einen besonderen Effekt versprochen, nun hielt er es aber doch für angebracht, sich unterwegs noch eine neue Krawatte zu kaufen. Mit der Gewissenhaftigkeit, mit der er nachher seine Aussagen machen wollte, reinigte er sich dann, ehe er das Gerichtsgebäude betrat, die Stiefel an der Kratzbürste. In dem Augenblick aber, da er die Tür öffnete und das Stimmengesumme in den Korridoren hörte, wurde er plötzlich gedächtnisschwach, mußte sich erst den Brief mit dem Stempel und den Aktenzeichen vornehmen und – obwohl er die Zahl zu Hause auswendig gelernt – noch einmal nachsehen, in welchem Zimmer er sich einfinden sollte.

Beim Suchen danach stieß er auf lauter Türschilder, die ihn entmutigten und verzagt machten. »Angeschuldigte – Präsident – Gerichtsphysikus – Staatsanwalt«, und wenn sich eine dieser Türen öffnete, wenn jemand heraustrat, fürchtete er durch die Spalte mitten in ein entsetzliches Geheimnis zu blicken. Schließlich war es ihm, als spazierte er in einem Irrgarten: Die Schilder waren voll Tücke, die Pfeile, die die Richtung angeben sollten, zeigten plötzlich nach der Decke, alle Türen sahen gleich aus, und dabei geriet er zu seinem maßlosen Erstaunen doch immer wieder trotz allen Laufens an dieselbe Stelle, an der er eben erst gewesen. Er war in der richtigen Verfassung, ganz kopflos zu werden, und es tröstete ihn nur, daß er noch andere geängstigte, erhitzte Menschen in dem großen Gebäude umherjagen sah, die sich ebenfalls nicht zurechtfinden konnten. Durch irgendeinen Zufall geriet er an eine Tür, auf der die Nummer, die er suchte, groß und deutlich prangte, und verblüfft fragte er sich, warum er sie nicht gleich entdeckt, da sie ja, wie er nun sah, ganz leicht zu finden gewesen war.

Er blickte auf seine dicke, große Taschenuhr und war froh, als er merkte, daß er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, ehe es »anfing«. Nun setzte er sich auf eine der Bänke und spähte nach den Portiersleuten aus: Ja, da waren sie, und auch Frau Kufahl, die sogar etwas aß. Dick und behaglich saß sie da, wie ein Kaninchen, die Kinnbacken in gleichmäßiger Kaubewegung. Eine Stulle nach der anderen kam zum Vorschein, sie wickelte sie aus, besah sich den Belag, stopfte das Papier in die Spalte zwischen Bank und Wand und hörte zu, was die Portiersfrau erzählte. Der Portier aber hatte das Angstgähnen bekommen und steckte die anderen damit an. Erst hatte er es zu unterdrücken versucht, wischte sich mit dem Knöchel verstohlen die Tränen aus den Augen, aber dann wurde es immer schlimmer mit ihm, und schließlich folgte dem Aufreißen der Kiefer ein langgezogener melancholischer Laut, wie von einem dressierten Hunde. Er schien selbst darüber erschrocken zu sein und blickte nach dem Gerichtsdiener.

»Wat hujaxten immafort, hättste lieber wat jejessen«, hörte Wilhelm die Portiersfrau sagen, und er merkte, daß auch er besser daran getan hätte, sich eine Stulle mitzunehmen. Mit der Schrippe, die er heute früh um sechs Uhr hastig heruntergeschlungen, würde er es kaum aushalten können. Denn nun war es schon über eine halbe Stunde nach der angesetzten Zeit, wer weiß, wie lange es noch dauern konnte!

Dabei war eine ungeheure Geschäftigkeit in dem Hause, ein fortwährendes Kommen und Gehen. Die Rechtsanwälte flatterten mit ihren schwarzen Roben und Mützen durch die Korridore. Schutzleute und Gendarmen erschienen, geschminkte Mädchen, und da war ja auch der »jesetzeskundje Mann«, der sich benahm, als wenn er hier geboren worden wäre. Er nickte den Rechtsanwälten vertraulich zu, nahm sich eines Neulings an und teilte ihm mit, »det det Zimma, wo die Zeijenjebührn ausbezahlt werden, ne Treppe tiefa, jleich rechts neben den Einjang wäre«! Aber kopfschüttelnd ging er dann weiter, als er merkte, daß der Mann auf alle Zeugengebühren verzichten wollte, wenn er dafür nur etwas früher fortkommen könnte, denn er wartete, wie er sagte, »schon zwee jeschlarene Stunden und habe za Hause ne kranke Frau«!

Und dann wollte der »Jesetzeskundje« plötzlich in einen der Säle dringen, wurde aber von dem Gerichtsdiener zurückgehalten und wagte nun sogar zu streiten. Nein, er wollte sich nicht dort auf die Bank setzen, er wollte in den Saal, und wenn er daran gehindert werde, würde er sich beschweren. Und als ihm das nichts half, begann er aufgeregt kreuz und quer umherzulaufen, um sich besser überlegen zu können, was er nachher »da drinne« zu sagen habe, denn er müsse seinen Klienten verteidigen. Und wie ein Schauspieler, der eine Rolle lernt, begann er zu gestikulieren, stieß dumpfe Drohlaute aus und blickte mit geistesabwesenden Augen über den Diener hinweg, bis er dann wieder in Meinungsverschiedenheiten mit ihm geriet, wobei er beteuerte, ein »freier Mann zu sein, der stets seine Steiern bezahlt habe«.

Wilhelm sah, wie der Portier in dem Zimmer verschwand, und hielt es für angebracht, ihm nachzugehen. Aber erst prüfte der Gerichtsdiener die Vorladung, verglich etwas mit einem Zettel, den er besaß, und dann schob er Wilhelm mit sanfter Gewalt vorwärts in eine Art Gehäuse, das an die geschlossenen Kirchenbänke erinnerte.

Und da saß nun Wilhelm zu seiner eigenen Überraschung neben dem Portier auf einer Bank, starrte die schmutziggrauen Wände, die mit grünem, schon zerschlissenem Tuch bedeckten Tische an, wunderte sich über das mächtige schwarze Tintenfaß und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Denn im übrigen hatte er die Empfindung, daß ihn das alles gar nichts anginge, erinnerte sich nur immer für eine Sekunde daran, wenn er den Portier neben sich sah, und schließlich verfiel er in behagliches Träumen: Er dachte an den großen Garten draußen in Schöneberg, bekam eine heiße Sehnsucht nach seiner Mutter – und plötzlich erhob er sich erschreckt mit den anderen Anwesenden und blickte erwartungsvoll die Herren an, die hinter den grünen Tischen Platz genommen hatten.

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