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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II

»Zur unterirdischen Tante«

In der Ackerstraße, im äußersten Norden Berlins, betrieb Anna Zanders Tante eine Kellerwirtschaft. Frau Puhlmann war eine schiefgewachsene kleine Person mit kümmerlichem grauen Scheitel und einem roten Wolltuch um den Hinterkopf.

»Scheene Jeschichte det«, sagte sie, als ihr Anna alles erzählte. »Und wo is er denn nu?«

»Draußen wart't er!«

»Na, wat heeßt denn bei, se werden dir'n stehlen, deen Willem, den tu dir man in de Kommode und heb dir'n uff oder laß'n for Angtreh sehen, det scheint mir ja der richtje Held zu sind!«

»Tante, wenn du so anfängst, zieh ick sofort wieder Leine. Desterwejen bin ick nich herjekommen! Du kannst froh sind, wenn du mir in die Wirtschaft hia krichst!«

»Ja – dir!«

»Und Willem gehört ßu mia – et is imma jut, wenn ne Mannsperson bei is, hier bei die Sorte, wo alle Oogenblicke mal Krach is!«

»Ja, wo soll ick eich denn aba untabringen, wa können doch nich alle drei in die kleene Kamurke schlafen!«

»Nee, det jenierte mia ooch, aber in die Lojiestube!«

»Det jeht nich!«

»Na, wa'm soll denn det nich jehn? Jeht allens, wenn man bloß will. Natürlich krichste deen Jeld!«

»Ach so – wa'm hasten det nich jleich jesacht, na, denn hol'n man rin, aber laß'n nich fallen!«

»Tante, ick sach's dir noch ma', laß det sind, kopfschei derfsten nich machen!« Sie klopfte an die Fensterscheibe und winkte Wilhelm herein. Dann stellte sie vor: »Jestatte, liebe Tante, meen Breitjam Willem Lemke – –! Lieba Willem, meene Tante Marie!«

»Na – det is sehr feierlich, wat, Herr Lemke«, sagte Frau Puhlmann, »aber meene Nichte is von kleen uff so jewesen – immer jroßartich, det hat se jeerbt – von ihre Mutta – die war ooch immer for det Jroßkotzije. Uff mia wirkt det imma ansteckend, also wenn ick bitten derf, nehmen Se jefällichst Platz – womit kann ick dienen, meene Herrschaften, denn ihr werdet woll mächtjen Hunga haben?«

»Tante, laß doch det Affentheata«, sagte Anna mit einem verweisenden Blick, »natürlich haben wa Hunga, det Jeschleppe mit den Korb! Wenn uns der Kutscha nich mitjenommen, krauchten wa womöchlich noch draußen rum!«

Als die Tante hinter den Schanktisch ging, faßte Anna Wilhelm um die Schulter: »Na, dia is woll noch 'n bißken bammlich? Det vazieht sich, morjen früh is allens wech! Und denn kannste ja deene Eltern schreiben, wo du bist. Und nu jräm dia nich, Willem, und jib ma etwa keene Schuld, det is allens so von alleene jekommen. Et is sehr jut, dette nu lernst, uff eejene Beene ßu stehen, du wärst sonst ewich 'n Schlappschwanz jebliebn. Det sare ick dir!«

Nachher, als sie die Buletten und die Soleier gegessen hatten, wurde die Quartierfrage nochmals besprochen.

»Du brauchst dia wahaftich keene Umstände zu machen, Tante, du hast deene Kamurke, Willem nimmt die Lojiestube, und ick weeß schon, wo ick bleibe. Ick werd dir noch deen Bette beziehn, Willem – Tante, jib man die Blaukarierten raus – un denn wollen wa machen, det wa in die Posen kommen, sonst knick ick um!«

*

Wilhelm hatte gleich am nächsten Tage an seine Mutter geschrieben und auf Antwort gehofft, aber zwei Wochen waren seitdem vergangen, ohne daß ein Brief eingetroffen wäre. Heimlich hatte er ganz fest damit gerechnet, daß die Mutter kommen und ihn und Anna zurückholen werde, nun – als es nicht geschah – erbitterten sich seine Gedanken, und das half ihm über die Traurigkeit und den Trennungsschmerz hinweg. In der ersten Zeit glaubte er, sich gar nicht in die neue Umgebung einleben zu können; der dunkle Keller, die engen Räume und Tante Maries Wesen bedrückten ihn.

Aber Anna ließ ihm keine Zeit zum Kopfhängen, er mußte ihr fortwährend zur Hand gehen. »Det is keen Betrieb hia, Tante«, hatte sie gesagt, »hia muß feste Zuch hinta jemacht werden, sonst vaschimmeln wa allesamt in det Kellerloch. So kommen wa uff keenen jrienen Zweich, wenn hia abends zwee, drei sonne ollen Bowken sitzen und an ihre Neeje nippen. Woßu jibt's denn hia Bier, die Jäste müssen Durscht kriejen. Außerdem, Tante, wie sieht det von draußen aus – mit die roten Kattunvorhänge und die bekleckerte Wand, da traut sich ja keen Mensch rin, denkt ja jeder, et is ne Reiberhöhle. Und denn, Tante, det Kind muß doch 'n Namen haben, die Leute müssen doch wissen, wo se hinjehören. Da müssen wa uns mal alle drei hinsetzen und wat Feines rausknobeln. ›Zu Tante Marie‹ oder ›Zum strammen Willem‹ oder so wat Ähnliches – det zieht! Ooch mit die Soleia und die Buletten, Tante, det is doch nischt, wer soll denn det jeden Tach hintakriejen, da verjeht een'n ja der Apptit. Nee, der Jeruch muß jleich jeden in die Neese fahren – saura Hering oder ooch Heringssalat – oder Kartoffelpuffa – und sonntachs machen wa mal Schweinebraten – oder Jänsebraten und jeben ne ordentliche Portsjon, det die Jäste denken, se kriejens immer so!«

Und sosehr sich Tante Marie gegen diese Reformen wehrte, weil sie tief in den Beutel fassen mußte, schließlich gab sie doch nach, denn Anna ließ keine Ruhe. Sie hatte gesehen, wie es andere machten, wie solch eine kleine Wirtschaft plötzlich Zuspruch erhielt, wenn es gemütlich und behaglich dort zuging. Und von Frau Lemke hatte sie gelernt, wie man die Küche einrichten müsse, was zu kochen sei, um den Ansprüchen der Gäste zu genügen. »Se missen denken, se sind bei Muttan, und det se's ßu Hause ooch nich besser kriejen können!«

Tante Marie ließ sich wirklich überreden, neue Gardinen anzuschaffen, und zum Erstaunen der Nachbarschaft und besonders der Straßenjungen erschien eines Tages ein genial, aber auch ein wenig verhungert aussehendes Individuum, das mit einem gewaltigen Pinsel die Wände zwischen den Kellerfenstern und die Tür mit einer schönen, hellbraunen Farbe bemalte. Und dann wurden Zettel angemacht: »Frisch gestrichen.«

»Wat is denn bei Puhlmanns los«, sagten die Leute, »die Olle will wohl ihre Sparjroschens loswerden, oda is det 'n Onkel von sie, den sie ooch beschäftigen muß?«

Und nachdem der schöne hellbraune Anstrich getrocknet und der Malkünstler einige Tage unsichtbar geblieben war, sah ihn die Nachbarschaft eines Morgens wieder, wie er geheimnisvolle Arabesken auf die glänzenden Flächen zeichnete und dabei Weißbier trank.

Als die Kinder aus der Schule kamen, waren sie nicht schlecht verwundert, daß aus den Arabesken Buchstaben geworden waren. »Alle Sorten verschiedene Biere« lasen sie und erzählten es zu Hause Vater und Mutter. Und diese Sensation dauerte fort. »Weiß- und Bayrischbier, echter Nordhäuser Korn« stand am nächsten Tage neben der Kellertür; der Höhepunkt der allgemeinen Verwunderung aber war erreicht, als der geniale Künstler auf einen Stuhl stieg, seinen Malstock über dem Kellereingang anlegte und mit einem kolossalen Aufwand von blauer Farbe die Inschrift anbrachte:

»Die missen jeerbt haben«, war die öffentliche Meinung, denn anders konnte sich die Ackerstraße diesen großartigen Aufschwung der bisher ganz unbeachteten Kellerwirtschaft nicht erklären. Und als am nächsten Sonnabend ein Stuhl mit einer weißen Schürze vor dem Kellereingang aufgehängt wurde und dies weithin sichtbare Zeichen verkündete, daß es heute bei der unterirdischen Tante frische Blut- und Leberwurst gäbe, besah sich die Nachbarschaft auch das Lokal von innen. Der Eindruck war günstig. Die Tante hatte statt des alten roten Wolltuches eine Art weißer Haube auf dem Hinterkopf, hielt sich aber trotz dieses Schmuckes etwas zurück. Hinter dem Schanktisch stand Anna, das gelbe Haar zu einem riesigen Knoten oben auf dem Kopf getürmt und von unzähligen starken Nadeln zusammengehalten. Die dicken roten Arme waren von den Ellbogen ab frei und verkrochen sich nur ab und zu in dem Latz der weißen Schürze.

Wilhelm reichte ihr zu. Trotz seiner blütensauberen Hemdsärmel und der neuen blauen Schürze machte er mehr den Eindruck eines angenommenen Hausknechtes. Und die Gäste hielten ihn auch zumeist dafür, nur die Stammkundschaft wußte, daß er der Sohn des »ollen Lemke« sei, der »da draußen bei Schöneberch« die bekannte Gastwirtschaft »Zur Märzweiße« hatte. Von den zarten Banden, die zwischen Anna und Wilhelm herrschten, merkte man nichts. Sie kommandierte ihm nur: »Willem, det Wassa in'n Kessel is nich mehr heeß, du mußt nei uffsetzen, aba 'n bißken dalli!« – »Willem, hol man imma schon neue Pullen, du siehst doch, det det nich mehr langt!«

Und während sie einschenkte, die dampfenden Würste auf die Teller legte, Sülze zerschnitt und die »selbst eingemachten Rollmöpse« aus dem Fäßchen nahm, spekulierte sie: »Die Jäste kieken noch ßu sehr in die Winkel rum, nächsten Sonnabend laß ick 'n Leierkasten oder eenen mit ne Ziehharmonika kommen!«

Als der größte Ansturm vorüber, nahm Wilhelm Annas Platz hinter dem Schanktisch ein. Sie selbst ging zu den Gästen, mischte sich in das Gespräch und erkundigte sich, ob das Essen geschmeckt habe und das Bier gut sei. Gewiß – ja, zu klagen hatte keiner, im Gegenteil. Aber trotzdem gab es einige spekulante Köpfe, die ihr andeuteten, was sie noch alles tun könne, um dem Lokal die »richtje Fasson« zu geben. Die Wand nach dem Logiszimmer müsse sie durchbrechen lassen und dort ein Billard aufstellen, es wäre auch gut, wenn sie einen »rejulären Mittagstisch« einrichtete und abends »länger uff« hielte.

»Ja, ja, eens nach's andre, man bloß nicht drängeln«, jetzt müsse sie doch erst mal an die Hochzeit denken. Das gab Anlaß zu allerlei Andeutungen, die sie jedoch so parierte, daß sie die Lacher nachher auf ihrer Seite hatte.

Es war später als sonst geworden, ehe der letzte Gast gegangen. Nun kam auch Tante Marie zum Vorschein, die sich ein bißchen zurückgesetzt fühlte und durchblicken ließ, daß die Herrlichkeit wohl nicht lange dauern werde, trotz der neuen Gardinen und selbsteingelegten Rollmöpse.

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