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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI

In Schildhorn

Nach dem Essen hatten die Damen Kaffee gekocht – nun saß die Gesellschaft an den in langer Reihe zusammengestellten Tischen und überlegte, ob alle wieder etwas zusammen unternehmen sollten oder ob sich nun jeder nach seiner Fasson amüsieren könne.

»Ick werd mia da lange den Kopp zabrechen«, sagte Onkel Karl zu Onkel August, »komm, wa jehen los, wer Lust hat, kann hinterherzoddeln!« Sie fanden nur eine geringe Anhängerschaft, und als ihr Bestreben, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen, dann ganz offenkundig wurde aus der Art, wie sie jeden Zuruf unbeachtet ließen, blieben die anderen zurück, gründeten selbst eine Partei und zogen mit der weiter. Und so verschwand nach und nach die ganze Gesellschaft, zurück blieb nur Tante Marie mit dem kleinen Edwin, um auf die Sachen der anderen aufzupassen.

Und so saß sie, trotz der warmen Luft des schönen Tages in ihr Umschlagetuch gehüllt, einsam da, erfreute sich an dem Widerspiel der Himmelsfarben im Wasser, an den flinken Booten, die im Sonnenschein glänzten, dem Kiefernduft, den der Wind herübertrug, und dann suchte sie zu ermitteln, von welcher Seite es am meisten zog. Während sie noch mit diesen meteorologischen Feststellungen beschäftigt war, sah sie Wilhelm zurückkommen.

»Nanu – wa'm bisten nich mit?« fragte sie verwundert. »Wo ist denn Anna?«

»Die jondeln«, sagte Willelm.

»Na – und du?« »Mia wird schlimm nach, ick kann's nich vatraren, det is imma, a's wenn ick uff ne Schaukel sitze!«

»Na, denn bleib hia und setz dia hin, hia is ooch sehr scheen«, sagte Tante Marie. Als sie ihn dann aber näher ansah, fragte sie verwundert: »Wat is dia denn for ne Laus iber die Leber jeloofen, Willem, wa'm ärjerst du dir'n so?«

Er antwortete nicht gleich, schließlich, als sie weiterbohrte, kam er mit Gegenfragen: »Is dia denn nischt uffjefallen, Tante?«

Sie sann nach. »Onkel Karl is'n bißken riedich heite!«

»Nee – na, laß man sind, et wird sich ja alles uffklären!«

Aber nun war Tante Marie neugierig geworden, und sie ließ alle Eindrücke des Tages vorüberziehen. »Ach so – jetz ha' ick's, du meenst von vorhin, bei't Spielen, als Anna den Herrn Hahn den Kuß jab. Aba, det war doch bei't Fänderauslösen, Willem! Onkel Aujust wußte doch janich, wen der Schlüssel jehörte, vielleicht dachte er, et is de Olja ihrer, die doch 'n Kieker uff den Hahn hat. Und da wollt er die jewiß ne Freide machen, als er den Quatsch von den Kuß sachte.«

»Meenste?« sagte Wilhelm zweifelnd. »Aba et war mia ßu zärtlich!«

»Na ja, det is ma och uffjefallen, aba det hat nischt uff sich«, tröstete Tante Marie. »Et is ja richtich, se hat ne Schwäche for den Kerl, det jibt se selba zu! Weil er Musike machen kann und sich imma so hat mit seene feine Abstammung. Aba desterwejen laß dia wahaftich keene jrauen Haare wachsen, Willem! Nee, janz int Jejenteil, wenn der wat von se wollte, denn wird se ihn 'n paar Knallschoten runterhauen, aba jehörije!«

»Aba – wa'm jondelt se denn mit ihn in eene Jondel alleene«, sagte er zweifelnd, »konnte sich doch bei die andern setzen und ihn die Olja überlassen!«

»So – jondelt er mit sie alleene?« fragte Tante Marie nachdenklich. Aber dann schüttelte sie energisch den Kopf. »Nee, wat du denkst, Willem, is nich. Ins jerade Jejenteil, weil se sich nischt bei denkt. Se weeß doch, se hat Edwin und dia und mia und det Lokal, der Spaß käm sie zu teier. Ick hab doch ne Pike uff den Hahn, und ick wär jewiß die erste, die wat röche, aba du irrst dia, Willem, ick sach's dia noch mal. Wat mia aba nich abhalten soll, 'n wachsamet Ooge uff ihr ßu haben. Na – und denn is ja imma Zeit, zwischenzufahren – wahr?«

Und dann – um ihn auf andere Gedanken zu bringen, begann sie von dem kleinen Edwin zu sprechen, von Tante Liese, die auch diesmal nicht mitgekommen sei, und daß sie sich Onkel Karls wegen ein bißchen geniere. »Man derf ihn nich so ville durchenandertrinken lassen«, schloß sie ihre Rede.

Wilhelm hörte gar nicht hin, was sie da sprach. Von Zeit zu Zeit hob er schützend die Hand, damit ihn die Sonne nicht blendete, während er über die Wasserfläche nach den Booten ausspähte. Der ganze Himmel erglänzte jetzt in einem wundervollen, strahlenden Rotgelb, das Sonnengold fing sich in den Kiefernwipfeln, und die roten Stämme glühten auf.

Noch immer waren die Boote da hinter der Landzunge nicht zum Vorschein gekommen, und einige besorgte Mitglieder des Gesangvereins, die sich jetzt einfanden und schon vorher geäußert hatten, daß das Wasser keine Balken habe, ergingen sich in den schauerlichsten Mutmaßungen über das Schicksal der kühnen Seefahrer, vertraten außerdem die Ansicht, daß es viel besser sei, zu würfeln. Und zur Unterstützung dieser Behauptung zeigten sie ein paar blaue Glasvasen, die sie gewonnen hatten.

»Da kommen se ja!« sagte Tante Marie. Es war aber nur Onkel August mit Onkel Karl.

»Die zanken sich«, sagte eine der Damen, und es hörte sich wohl auch so an, aber wie sich beim Näherkommen herausstellte, unterhielten sie sich nur ganz gemütlich über die Konstruktion des Waldhorns, das Onkel Karl dem glücklichen Besitzer abgenommen hatte, um ihm zu zeigen, wie man »richtije Signale« darauf blasen könne. Da nach seiner Ansicht aber – denn sonst hätte er die Töne sofort herausbekommen – »die Tute vastoppt war«, hatte er mit einem Ast in der Trompete gestochert, wobei der Ast abgebrochen und in dem Waldhorn steckengeblieben war. Aus Onkel Karls Unterhaltung mit Onkel August ging nun hervor, daß man sich über die Methode nicht einigen konnte, wie das Aststück wieder herauszukriegen sei. Onkel Karl hielt es jedenfalls für das beste, die Trompete ins Feuer zu legen, denn dann verkohle das Holz und käme von ganz allein heraus. Onkel August aber war entgegengesetzter Meinung, und der Waldhornbesitzer wiederholte fortwährend die Behauptung: »Se haben's kaputt jemacht, hätt ick's Se bloß nich jejeben!«

»Von Kaputtmachen is iberhaupt keene Rede nich«, sagte Onkel Karl, »die Tute funkschoniert oogenblicklich nich, det is alles, und nu lassen Se mir zufrieden, vastehn Se!«

Auch bei den anderen machte sich eine gewisse Mißstimmung geltend, man wollte nach Hause fahren und konnte nicht fort, weil die Gesellschaft noch nicht vollzählig war.

»Det is doch imma so uff Landpartien«, sagte Onkel August, »da wart't imma eener uff'n andern, und schließlich hat keena wat von, da'm kommt meene Olle ooch nie mit!«

»Jott sei Dank!« sagte Onkel Karl, und als Onkel August auffahren wollte, setzte er hinzu: »Ick meene bloß: Jott sei Dank, da kommen sie endlich!«

Wirklich, da tauchten die Boote auf. »Wenn ihr nich schneller macht, fahren wa ohne eich ab«, schrie ihnen Onkel Karl über das Wasser zu, um ihnen die am Lande herrschende Stimmung anzudeuten.

»Ja – Ja –«, kam die Antwort, und wie auf Verabredung begannen die Bootsfahrer zu singen:

»Za Hause – za Hause,
Za Hause jehn wa nich –«

»Denn laß se –«, sagte Onkel Karl, »ick jeh jetz – wer kommt mit?«

Und alle zogen hinter ihm her, ohne sich noch weiter um das Landen der Boote zu kümmern. Vor der Ausspannung stand der Kremser schon bereit, und Tante Marie hatte sich mit dem kleinen Edwin den geschütztesten Platz ausgesucht. »Ick muß hia sitzen«, sagte sie zu den Ankömmlingen, »ick hab bei't Sitzen an't zujije Wassa eklich wat ins Kreiz jekricht. Bloß jut, det wa Oponuljuk ßu Hause haben!«

»Et heeßt Opolduldok«, sagte Onkel Karl, »du vaquatscht ooch allet, Tante, laß bloß die Fremdwörta! Ick setz ma jedenfalls wieda bei'n Kutscha uff'n Bock. Jeben Se mia mal Ihre Posaune her, villeicht krieje ick den Ast jetz raus, und denn können wa doch noch blasen!«

»Nee, die ha' ick injewickelt«, sagte der Waldhornbesitzer, »sonst jeht se noch janz kapores!«

»Denn nich, denn mach ick se Ihn'n ooch nich janz, aba nu jeben Se mia ooch keene Schuld mehr!«

Wilhelm hatte abseits gestanden, als ginge ihn der ganze Trubel nichts an, und nur verstohlen nach seiner Frau geblickt, die mit Herrn Hahn als letztes Paar ankam. Als Anna ihn jetzt erblickte, kam sie eilig auf ihn zu: »Ach, Willem, war det scheen, siehste, wa'm biste nicht mitjejondelt! Wo is'n Tante und Edwin?«

»Wennste dia bis jetz nich um det Kind jekimmert hast«, sagte Wilhelm, »nu laß man, nu reiß et nich aus'n Schlaf!«

»Ach herrjeh«, sagte Anna, »du tickscht woll! Ick hab's ma ja jleich jedacht, dette ma zum Schluß noch de Freide vaderben wirst! Man soll bloß mal 'n bißken vajniecht sind. Na – meenswejen, ich ärjere mia nich – so blau!«

Und ohne sich weiter um ihn zu kümmern, stieg sie in den Wagen, quetschte sich bis zur Tante Marie durch und sagte: »Jib det Kind her, sonst ha' ick noch mehr Ärger.«

Herr Hahn aber trat inzwischen zu Wilhelm und sagte: »Sie werden es begreiflich finden, daß ich Ihre Gattin vor ungerechten Vorwürfen zu schützen suche. Wenn ein Verschulden vorliegt und jemandem ein Vorwurf zu machen ist, so trifft er nur mich allein, Herr Lemke, denn Ihre Gattin hat sich fortwährend um Edwin geängstigt, aber sie konnte doch nicht ans Land schwimmen!«

»Da hat er recht«, schrie Onkel Karl, »jetz jeht's los!«

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