Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erdmann Graeser >

Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/graeser/lemkes/lemkes.xml
typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110506
projectidc3e7af53
Schließen

Navigation:

XV

Die Landpartie des Gesangvereins »Blaue Kaffeetiete«

Onkel Karl konnte sich nun der Überzeugung nicht länger verschließen, daß der von ihm gegründete, organisierte und dirigierte Männergesangverein »Blaue Kaffeetiete« demnächst eines armseligen Todes sterben werde, wenn nicht irgend etwas Außerordentliches geschähe, was das Interesse der Mitglieder aufs neue entfachte. Denn an den drei letzten Sonnabenden war Onkel Karl der einzige, der noch erschienen und gesungen. Herr Hahn hatte die Begleitung dazu gespielt, bis dann Anna das Vereinszimmer betreten und gesagt hatte: »Onkel, hör uff, det kann keen Schwein vatraren, et mach ja sehr scheen sind, aba ick werd varickt, wenn ick det noch länger mit anhören muß, wie du jrölst. Du hast ßu ville Jefiehl, warte lieba, bis mal wieda die andern mitsingen, denn hört man deen Orjan nich janz so schrecklich!«

Onkel Karl, der sonst gewiß nicht empfindlich war, hatte Anna diese Einwendung gegen seine Kunstbetätigung sehr übelgenommen. »Wo is'n meen Hut, ick jeh za Hause, is ja keen Vaein nich, wenn man sich nich mal wat Neiet inüben derf«, hatte er gesagt. Als er aber schon auf der Kellertreppe war und ihn wirklich niemand zurückhielt, kam er plötzlich wieder herunter, sagte mit fremder, herrischer Stimme: »ne kleene Weiße, ick bezahl se –« und warf das Geld auf den Schanktisch. Und Anna nahm wahrhaftig den Groschen fort.

»Ja«, sagte Onkel Karl, zu sich selbst sprechend, und seine Stimme klang zuerst noch barsch, bekam dann plötzlich aber einen Bruch und war nun gerührt und halb erstickt, »ja, da jibt man sich die jrößte Mihe und rennt sich die Hacken schief, und denn hat man nischt wie Ärja; ob's ma aba nich imma so jeht. Wenn ick ma schon erst tot wär!«

»Nu plinst er iber seen eejnet Bejräbnis«, sagte Anna mitleidlos. Wilhelm aber, der nach seiner Gewohnheit vom Winter her am Ofen gestanden hatte und ganz in Gedanken versunken war, ging zu Onkel Karl, zog ihn nach dem runden Stammtisch und goß einen Magenbittern ein: »Da, Onkel, stärk dir!«

Herr Hahn bürstete sich den blonden Schnurrbart und betrachtete sich im Spiegel. Dann meinte er so nebenbei: »Man müßte eine Landpartie machen, nach dem Grunewald, da würden schon alle kommen. Und dann wäre doch das was ganz anderes, wenn man draußen in der schönen freien Natur anstimmen könnte: ›Wer hat dich, du schöner Wald ...‹«

»... uffjebaut so hoch da droben«, fiel Onkel Karl unwillkürlich mit noch ganz gebrochener Stimme ein. Und wie zur Entschuldigung setzte er hinzu: »Ick kann doch nischt dafor, wenn ick so jerne singe!«

»Et nimmt dir ja ooch keen Mensch ibel, bloß wenn's zu ville wird. Und for deenen scheenen Jesang alleene hab ick doch det Vaeinszimma nich injerichtet, Onkel«, sagte Anna. »Hia – haste deenen Jroschen wieda, ick will ma nich an dia bereichern!«

Und nun kam das Gespräch in versöhnliche Bahnen, und die Landpartie, zu der alle Sangesbrüder feierlich eingeladen werden sollten, wurde eingehend beraten.

In der Frühe des ersten Pfingstfeiertages hielt dann ein mit Birkenreisern geschmückter Kremser vor der »unterirdischen Tante«. Als er vorfuhr, wurden da und dort an den Fenstern verschlafene Gesichter bemerkbar, die von diesem Ereignis Notiz nahmen und wieder verschwanden und dann nach einiger Zeit wieder verschönert auftauchten, um die Weiterentwicklung der Dinge zu beobachten. Der Kutscher war inzwischen abgestiegen, knallte mit der Peitsche und streichelte die Pferde, die unter dieser Berührung erzitterten. Da erschien Wilhelm, schritt gelassen durch das Spalier von Bäckerjungen und Milchmädchen, ging zum Kutscher, wechselte mit ihm einige Worte, und beide blickten zum Himmel.

»Von wejen die neien weeßen Hosen, die er anhat«, sagte die Portiersfrau, die sich ebenfalls eingefunden, verständnisinnig. Wilhelm und der Kutscher schienen, trotz des gefährlichen Beinkleids, übereinzustimmen, daß sich das schöne Wetter halten werde. Und dann verschwanden beide im Keller.

Eine neue Sensation: Frau Lemke erschien in lilafarbenem Kleid, und hinter ihr Tante Marie mit dem kleinen Edwin auf dem Arm. »Die Olle hat ooch wat Neiet an, na – se können's sich leisten«, erklärte die Portiersfrau und nickte dann überaus herzlich Frau Lemke zu. »Als se hiaher kam, hat se woll jrade een Hemde jehabt – heite kann se koom noch nicken, wenn man ihr bejrunzt!«

Doch – nun wandte sich alles um und blickte die Straße hinunter: dort kam Onkel Karl mit Onkel August. Beide trugen statt der üblichen Kopfbedeckung bunte Papiermützen. Sie begrüßten Anna sehr herzlich und sahen sich dann hochmütig die Versammlung an, ob etwa jemand an ihren Papiermützen Anstoß nähme, aber keiner wagte es. Onkel Karl begutachtete die Pferde, ob sie die bevorstehenden Strapazen auch aushalten könnten, und dann probierte er alle Sitze des rotgepolsterten Wagens durch, bis er zu der Überzeugung kam, daß er wohl am besten auf dem Bock neben dem Kutscher untergebracht sein würde. Er belegte diesen Platz mit seinem Schirm und nahm dann Onkel August unterm Arm, um mit ihm ebenfalls in der »unterirdischen Tante« zu verschwinden.

Und nun kamen plötzlich – es schlug gerade sechs Uhr – die Mitglieder des Vereins »Blaue Kaffeetiete« von allen Seiten, Männer, Frauen und Kinder mit Paketen, Botanisiertrommeln – einer sogar mit einem Waldhorn – und alle festlich gekleidet. Man lief sich entgegen und schrie sich von weitem zu, und aller Freude war unbeschreiblich.

Nach aller Erwartung hätte jetzt wohl die Abfahrt erfolgen müssen, Frauen und Kinder hatten den Kremser besetzt. »Aba wo sind denn nu die Männer?« fragte eine der Damen. Ja – die waren alle in der »unterirdischen Tante« verschwunden, und wie es schien, wären sie alle gern darin geblieben. Nur »troppenweise«, wie Tante Marie sagte, waren sie wieder herauszubekommen, und dann war es ihre größte Sorge, ein Bierfaß zwischen den Wagenrädern unterzubringen, damit man nachher nicht im Walde »verdursterte«.

Dann endlich zogen die Pferde an: »Nu jeht's los, adschee, adschee, haben wa ooch nischt vajessen?«

»Nee – habt ihr denn alle eire Schirme?« fragte Onkel Karl vom Bock herunter in den Wagen hinein. »Kinners, ick sach's eich vorher, wa rejnen in!«

Aber man ließ sich die Stimmung nicht stören. Als der Wagen zum Brandenburger Tor hinausrollte, blies der Herr mit dem Waldhorn ein schönes Signal und heimste Anerkennung dafür ein, nur Onkel Karl sah ihn mißbilligend an und bemerkte zu dem Kutscher: »Det is doch noch keene Jejend für so wat, der Kerl wird et noch beschreien mit seene vadammte Tute! Kieken Se mal, wie die Vöjel dichte uff de Erde lang schießen; wenn det nich heite noch wat Ordentlichet jibt, will ick meen Lebelang Steene kloppen! Sehn Se da die Hagelwolke?«

Als er dann aber über Wilhelms weiße Hosen herzog und er den anderen die Stimmung beinahe wirklich verdorben hatte, lenkte er ein. »Wenn sich's bis Mittach so hält, kommen wa villeichte bloß mit'n paar Troppen wech, der Wind hat sich jedreht.« Doch als er dann eine Bremse um die Pferde schwirren sah, wurde er sofort wieder zum Pessimisten. »Die Fliejen pieken«, verkündete er, »wa kriejen doch noch 'n janz jehörijen Ballabatsch!« Und als dann wirklich aus einer vorüberziehenden Wolke ein Tropfen fiel, jauchzte er: »Jetz jeht's los, Kinners, ha'cks eich nich jesacht, wenn wa bloß unter Dach und Fach wären. Jott sei Dank, ick hab ma ja jestern abend noch meene Stiebel mit Fett injeschmiert!«

Man hörte gar nicht mehr auf ihn, die Frauen hatten so viel andere und wichtigere Dinge zu besprechen, und die Männer bestimmten das Programm des Tages.

»Wat sacht denn aba Ha Hahn dazu?« fragte jemand. Ja plötzlich wurden sie sich alle bewußt, daß sich der Herr Kapellmeister heute ganz im Hintergrunde hielt.

»Und Frau Lemken is ooch so still«, bemerkte eine der Damen.

»Nanu«, sagte Anna, »det klingt ja höchst komisch, wie Se det so saren! Nee, mia wird bloß imma 'n bißken melangklöterich, wenn ick mal so frieh in die freie Natur komme!«

Und nun ergriff Herr Hahn das Wort und faßte das Programm zusammen: »Wenn wir in Schildhorn sind, singen wir das Begrüßungslied, legen dann die Sachen in der Kolonnade ab und gehen in den Wald und lagern uns dort, bis das Mittagessen fertig ist. Es gibt gewiß Gänsebraten und Stachelbeeren. Und am Nachmittag spielen wir Blindekuh und Plumpsack oder gondeln auch und fahren Karussell, wie sich's eben trifft!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.