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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
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XIV

Der Klavierhengst

Wenn Onkel Karl nicht den Ehrgeiz gehabt hätte, Gründer, Vorsitzender und Dirigent des Gesangvereins zu sein, wäre es vielleicht für die Pflege des deutschen Volksliedes besser gewesen. So ergaben sich jedoch eigentlich recht kümmerliche Resultate, trotz der Sangesfreudigkeit der Mitglieder. Gegen Onkel Karls eigensinnigen Kopf war nicht anzukommen, selbst Herr Hahn, der Klavierspieler, vermochte seinen Willen nicht durchzusetzen und mußte nachgeben.

Und das wollte etwas heißen, denn Herr Hahn war doch eigentlich »die Seele von's Buttajeschäft« und führte gewöhnlich das große Wort. Nach jenem ersten Abend, da er sich in der »unterirdischen Tante« eingefunden und durch sein flottes Spiel alle entzückt, betrachtete er sich, wie er selbst sagte, »zur Familie gehörig« und hatte sich häuslich niedergelassen. Nach der Einweihungsfeier am nächsten Morgen hatte er sich seinen Koffer von der Bahn geholt, einen bescheidenen, kleinen Koffer, und hatte die »schöne Frau Wirtin« gebeten, diesen Koffer irgendwo in einen Winkel des Vereinszimmers stellen zu dürfen. Dagegen wäre ja auch gar nichts einzuwenden gewesen, aber er packte den Inhalt des Koffers aus und brachte die Sachen – Schuhe, Pomadentöpfchen, Noten, Vorhemden, saubere und auch nicht mehr ganz saubere Papierkragen – in äußerst geschickter Weise an den verschiedensten Stellen in der Stube unter. In der Ofenröhre und hinter dem Ofen, auf den Fensterbrettern und dem Klavier, ja selbst unter dem Sofa konnte man Herrn Hahns Eigentum finden, und als Wilhelm sich darüber wunderte, beschwichtigte ihn Anna: »Det is 'n Schenie«, sagte sie, »Schenies sind imma so, hast ja jehört, wat Onkel Karrel von ihm azehlt hat!«

Ja, Onkel Karl, der auf die Entdeckung des Herrn Hahn sehr stolz war, hatte höchst romantische Geschichten von seinem Schützling zu berichten gewußt. »Der hatte Professa studieren sollen, aba denn hat er wejen eene Jräfin een richtjes Duell jehabt mit Säbel und Pistolen – ihr seht ja noch die Schmarre uff die Stirn – und denn hat er sich wejen det jroße Talent ausbilden lassen und is Kinstleer jeworden. Und Kinstleer jeht's imma 'n bißken dreckich, und die haben imma wat Besonneres an sich!«

»Ja, det hat er«, sagte Wilhelm, »ick finde et aba ßu komisch, wenn sich eener so bei janz fremde Leite innistet!«

»Aba Willem«, sagte Anna, »er nist't sich doch nich in! Der arme Kerl kann eenen wahaftich barmen, so abjeklappert seht er aus. Wenn hia ooch noch eener mitißt, det merkt man ja janich, und wia haben doch den jrößten Vorteil von!«

Gewiß, das mußte Wilhelm zugeben. Wenn sich Herr Hahn ans Klavier setzte und zu spielen begann, lockte er die Leute an, die draußen an der »unterirdischen Tante« vorübergingen. »Et is mia man ßu jemischt«, setzte Wilhelm hinzu, »wat da jetz so allens rinkommt, et is nich mehr die solide Kundschaft von frieher, Tante Marie hat janz recht!«

Ja, Tante Marie hatte einen entschiedenen Widerwillen gegen Herrn Hahn und die Veränderungen, die er einführte. »Ick hab wat jejen den Kerl«, sagte sie, »ick kann't bloß nich saren wat. Ick wird's ihn nich alooben, det er hia den janzen Tach mit seene jriene Schlafschuhe rumlooft, det sieht doch aus, a's wenn's 'n Vawandter von eich wär. Fehlt bloß noch, det er hia ooch noch pennt! Und ick vasteh dia ooch nich, Anna, dette den Kerl jejenüber so schwach bist und ihm det nich mal janz jehörich sachst!«

»Mia tut er leid«, sagte Anna, »man sieht doch, et is 'n Mensch aus jute Familie, der Unjlick jehabt hat und sich nu erst wieda uffrappeln muß. Wenn't ma ßu ville wird, werd ick's ihm schon saren, da hab ma keene Bange nich! Aba uffhetzen laß ick mia ooch nich! Und wenn wir'n rausschmeißen, haben wa doch keenen, der spielt, und wozu haben wa denn det Klavier eejentlich anjeschafft!«

»Und wat ma ooch so ärjern kann – det er imma wie Nulpe tut und von nischt nich weeß«, hatte Tante Marie noch gesagt, »aba mia kann't ja ejal sind, ihr mißt ja wissen, wat ihr ßu tun habt.«

Ja, Herr Hahn zeigte darin eine glückliche Veranlagung, er merkte nie, daß er Verstimmung erregte oder jemandem im Wege war. Im Gegenteil, gerade in solchen kritischen Augenblicken kam er mit irgendeinem Anliegen, das man ihm nicht abschlagen konnte. Aber wenn er erreicht, was er gewollt und Wilhelm nun glaubte, daß das Maß voll sei und dies Herr Hahn selbst begreifen müsse, verrieten dessen Andeutungen, daß er nun selbst die Überzeugung von der gutmütigen Bereitwilligkeit der Lemkes erlangt habe und sich deshalb die Freiheit nehmen werde, mit einem wirklichen Anliegen herauszurücken.

Und dieser Virtuosität seines Benehmens, der ganzen Art seines Auftretens, verdankte er es, daß jedermann den Eindruck hatte, Herr Hahn sei immer in der »unterirdischen Tante« gewesen und gehöre dazu wie der Oleander vor der Tür. Und da Herr Hahn von Onkel Karl und Onkel August so zu sprechen pflegte, als wenn es seine eigenen Onkel wären, zweifelte schließlich niemand mehr daran, daß er selbst auch so eine Art Verwandter sei.

Nur Tante Marie sorgte dafür, daß sich derartige Legendenbildung nicht zu üppig entfaltete. Mit ihrem Spiel Karten kam sie jetzt wieder öfter in den Keller, setzte sich an den Stammtisch und enthüllte sich selbst und allen, die es wünschten, die Zukunft. Herr Hahn zeigte dafür etwas weniger Verständnis, und wenn ihm Tante Marie aus heiler Haut heraus allerlei prophezeite, schüttelte er pessimistisch den Kopf.

»Veränderungen, liebe Tante? Ich habe es aufgegeben, Fortuna nachzujagen, ich habe auf Glück und Lorbeer verzichtet, nach meinem Tode erst wird man meine Bedeutung zu würdigen wissen!« »Nee, so is det nich jemeent«, sagte Tante Marie, »wer red't denn von Lorbeerblätter, hia in die Karten steht: Se werden sich vaändern! Wissen Se nich, wat vaändern is? Vaändern is, wenn eener seene Strimpe, die untert Sofa liejen, zusammenrollt und denn woanders hinzieht!«

»Ach so!« Und Herr Hahn schien dieser Möglichkeit nachzusinnen, gelangte aber zu einem anderen Resultat und sprach dann seine Überzeugung trübe dahin aus, daß er das nicht von sich glaube.

»Na – Se werden ja sehen«, sagte Tante Marie, »die Karten behalten imma recht, passen Se uff!«

»Tante, laß doch det«, sagte dann wohl die junge Frau Lemke, aber Wilhelm nickte der Tante heimlich zu, daß sie weiter prophezeien solle.

»Ach herrjeh – und hia«, rief Tante Marie dann bestürzt und deutete auf irgendeine schwarzkreuzige Karte, »au Backe, au Backe, da zieht sich wat Ekliches iber unsen Kopp zusammen!«

»Lassen Sie man«, sagte Herr Hahn, und sein Ton klang mutig und zuversichtlich, als werde er es mit dem Schicksal schon aufnehmen. Und dann setzte er sich ans Klavier und spielte Lützows wilde verwegene Jagd, daß es eine Art hatte und alle in Kriegsstimmung gerieten. Wenn Tante Marie nachher doch noch wieder anfangen wollte, sah Herr Hahn plötzlich mit starren Augen an ihr vorbei, drehte den Kopf, als sähe er etwas entschweben, und sagte dann beklommen: »Ach Gott, was war denn das eben! Hinter Ihnen stand jemand, und es sah aus, als wenn er Ihnen die Hand auf die Schultern legte!«

»Watten!« sagte Tante Marie, »lassen Se det jefällichst und machen Se mia nich jraulich, denken Se denn, ick merke nich, det Se bloß Mumpitz machen wollen?« – Aber dabei fühlte sie sich unwillkürlich mit der Hand auf den Rücken und sah sich scheu um.

»Ich mache keinen Mumpitz«, sagte Herr Hahn bekümmert, »ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihren Mitmenschen das Leben verbittern wollen. Und da ist ja auch gar nichts zu fürchten, es sah nur so aus, als wenn da noch so eine alte Frau mit einem Umschlagetuch stände!«

»Se haben ma villeicht da in'n Spiejel jesehen?« forschte Tante Marie.

»Lassen wir das, sprechen wir nicht mehr davon«, sagte Herr Hahn, »was da auch kommen mag, es steht in den Sternen geschrieben, unser Schicksal ist nur ein Kreislauf!«

»Wahaftich, Se hätten lieba Pasterich werden sollen, denn wär ick imma bei Ihn'n jekommen«, sagte Tante Marie.

»Ich weiß ja, liebe Tante, ich weiß ja, daß Sie im Grunde genommen eine große Sympathie für mich haben, nur äußert sich das manchmal etwas anders, als wie Sie es selbst wollen. Und nun« – Herr Hahn richtete sich fröhlich auf, als sei er von allem befreit –, »was macht denn nun eigentlich unser kleiner Edwin?«

Und sich liebevoll über den Korb beugend, sagte er: »Will denn das Kindchen den ganzen lieben, langen Tag verschlafen, das geht doch nicht, dann weint es doch in der Nacht, und Papa kann nicht zur Ruhe kommen!« Ehe es jemand verhindern konnte, hatte er Edwin aus den Kissen genommen, wiegte ihn auf seinen Armen, und wenn der Kleine nach der ersten Bestürzung zu brüllen begann, machte Herr Hahn: »Gugguck – wauwauh – bääh!«

Die Folge war natürlich, daß Edwin aufs äußerste erschrak und das Lamento verstärkte, bis er blau wurde. Dann setzte Herr Hahn den zappelnden, ungebärdigen Irrwisch Tante Marie auf den Schoß und sagte: »Da, liebe Tante, nun nehmen Sie mal den Kleinen auch ein bißchen und stillen Sie ihn, wenn Sie können, was ich symbolisch meine!«

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