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Lemkes sel. Wwe.

Erdmann Graeser: Lemkes sel. Wwe. - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorErdmann Graeser
titleLemkes sel. Wwe.
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1958
illustratorPaul Rosié
firstpub1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII

Das Vereinszimmer

»Wa missen sehen, Willem«, hatte Anna gesagt, »det wa een Vaeinszimmer inrichten, mit'n Klavier und wat sonst noch zujehört!«

Dieser Plan hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt, als sie – vor acht Tagen – im Kremser saßen und von der Tauffeier in Schöneberg nach der Ackerstraße zurückfuhren. Während die andern sich heiser sangen und schwatzten, hatte sie – den kleinen Edwin, in ein türkisches Umschlagetuch gewickelt, vor sich auf dem Schoß – schweigsam und nachdenklich die bunten Lampions angestarrt, die unter der Wagendecke schaukelten.

Perspektiven hatten sich vor ihr aufgetan, das, was sie dem alten Lemke entwickelt und an das sie selbst noch nicht geglaubt, hatte feste Formen angenommen, nun, da sie auf seine Unterstützung rechnen konnte.

»Ick reje ma so uff, det ick die janze Nacht nich werde schlafen können«, hatte sie schließlich gesagt, »for heite Schluß!« Aber am anderen Morgen hatte sie das Thema gleich wieder aufgenommen. »Schon wejen Edwin, der vakommt ma sonst in den dustern Keller. Wa nehmen hinten ins Haus die kleene Paterrewohnung, da haben wa ne ordentliche Schlafstube, und die annere richten wa uns hibsch in, Willem, so wie bei deene Mutta, mit'n Wäschespinde und 'n Plüschsofa. Und unse jetzije Schlafstube, da machen wir det Vaeinszimmer draus. Wa müssen natierlich die Wände tapezieren lassen und die vaflixten Wanzenlöcher vakleistern, und die Dielen müssen frisch jestrichen werden.« Und am gleichen Nachmittag war sie dann zu dem Hauswirt gegangen, hatte die leerstehende Wohnung gemietet und ihn dadurch bestimmt, auf seine Kosten den Keller renovieren zu lassen. Ein paar Tage später waren dann die Bettstellen über den Hof nach der neuen Wohnung getragen worden. Als Anna nachher aber das Mobiliar im hellen Sonnenschein sah und der Portier die Sachen kritisch musterte und sich den Kopf kratzte, sagte sie zu ihrem Mann: »Willem, wa müssen uns ooch annere Betten anschaffen – so liej ick nich länger, det is ne Schweinerei! Hätten wa man den Krempel jleich zahackt und uns nich erst die neie Wohnung vasaut!«

Nach ein paar Tagen schrecklicher Konfusion, da man nichts an seinem gewohnten Platz fand, kam man allmählich wieder ins Geleise. Dann erschien auch wieder das genial und verhungert aussehende Individuum mit dem Schlapphut und malte mit weißer Farbe das Wort »Vereinszimmer« an die Fensterscheiben, die nach der Straße gingen. Und wieder ein paar Tage später wurde vor der »unterirdischen Tante« ein Klavier vom Wagen gehoben und mit vieler Mühe durch die Tür in den Keller geschafft. Unter das Wort »Vereinszimmer« kam dann noch der Zusatz: »Mit Klavier«, und der Künstler in seiner Schaffenslaune malte nun noch aus freien Stücken ein riesiges Weißbierglas mit überfließendem Schaum an die Fensterscheibe.

Das Vereinszimmer aber erhielt außer dem Klavier noch ein paar Rehköpfe aus Gips, die einem hausierenden Italiener abgekauft worden waren. Auch ein paar Öldruckbilder, die Anna wegen der schönen, dicken Goldrahmen imponiert, wurden von einem Hausierer nach langem Handeln erstanden, und Anna, Wilhelm und Tante Marie vereinigten dann ihren Schönheitssinn und schmückten die Wände des Vereinszimmers mit den Rehköpfen und den Bildern.

»Wat is det for ne Wohltat, wenn man sich abends in ne ordentliche Stube ausziehen und in'n ordentlichet Bett kriechen kann«, pflegte die junge Frau Lemke in der ersten Zeit jeden Abend zu sagen, wenn sie nach Feierabend aus dem Keller in die neuen Räume kam. »Weeste, Willem, eejentlich is's 'n Wunda, det man det so ausjehalten hat. Die janze Nacht hat man die Zwiebeln und die Rollmöpse jerochen, et konnte eenen wahaftich iber werden! Und for Edwin is det direkt ne Wohltat, der blieht ja ordentlich uff, und wie keesich sah det arme Wurm zuerst aus!«

»Bloß mit det Vaeinszimma!« sagte Wilhelm.

»Wat wiste denn?« sagte Anna. »Natierlich missen sich die Leite erst dran jewehnen!«

»Watten for Leite – et traut sich ja keener rin!«

»Die Sorte soll da ooch janich rin, sonnern 'n Vaein!«

»Fang dia man erst eenen«, sagte Wilhelm.

»Abwarten, abwarten! Wennste nich so schlafmitzich wärst, hättste schon längst eenen jejründet und dia zum Vorsitzenden machen lassen. Aba ick werd't mal Onkel Karrel saren, der eijnet sich bessa zu so wat, und der kommt ooch mit Leite zusammen, die nach so wat 'n Bedirfnis haben!«

»Ja – zu so wat eijnet der sich, die Idee is jut«, sagte Wilhelm anerkennend, »aba et muß natierlich 'n Jesangvaein sind, wegen det teire Klavier. Aba ick seh's schon, nachher wird wieda keena druff spielen können!«

»Wat du dir den Kopp zabrichst, denn nehmen wa eben 'n Klavierhengst«, sagte Anna – – –.

Onkel Karl fühlte sich geschmeichelt, als ihm die junge Frau Lemke bei seinem nächsten Besuch die Begründung des Gesangvereins übertrug. »Een Mitjlied ha'ck schon sicher. Onkel Aujusten, der muß mit ran, ob er will oder nich, der singt Baß!«

»Ja – aber nich bloß Vawandte, sonst looft det ja druff raus, det ihr hier Freibier kricht und uns wat vorsingt!«

»Laß mir man machen«, sagte Onkel Karl eifrig, »heite haben wa Dienstach – warte mal, bis Sonnabend, ja, det sind ja iber drei Tage – da hab ick meene Leite beisammen, und denn jeht's los!«

Onkel Karl mußte eine unheimliche Tätigkeit entfalten, bis zum Sonnabend hatten sich die merkwürdigsten Erscheinungen in der »unterirdischen Tante« sehen lassen und sich als neue Mitglieder des Gesangvereins vorgestellt. Schließlich kam auch einer, der sich als »Kapellmeister« ausgab und das Klavier probieren wollte. Es war ein noch junger Mann in etwas fadenscheinigem schwarzen Rock und Stiefeln mit schiefen Absätzen. Aber er hatte etwas so Musikalisches in seinem Wesen, daß ihm diese Äußerlichkeiten keinen Abbruch taten. Er zog, während er mit Anna sprach, eine kleine Bürste aus der Westentasche und striegelte sich seinen blonden Schnurrbart, fuhr sich mit dem Fingernagel durch die Scheitelrinne und sah die junge Frau verliebt an. »Wie wär's mit einem schönen, saftigen Beefsteak und Bratkartoffeln, Frau Wirtin? Es dürfte die Stimmung bedeutend verbessern.«

»Können Se kriejen«, sagte Anna, »aba wollen Sie nich erst mal det Klavier probieren?«

Er rieb sich die Hände, zog an den Fingern, daß sie knackten, und lächelte, indem er dabei die Augen schloß: »Gewiß, aber eine kleine Stärkung, Frau Wirtin, war schon im Altertum den fahrenden Sängern der willkommenste Anlaß ...«

»Na – watten?« sagte Anna kopfschüttelnd, »Se sind woll beit Theater jewesen? Wenn ick Ihn'n richtich vastehe, können Se nich spielen, wenn Se vorher nich wat jejessen haben!«

»Es würde wenigstens das Gleichgewicht der Kräfte stören«, sagte der junge Mann und schnalzte mit der Zunge.

»Wat Se for Jeräusche von sich jeben!« sagte Anna. »Platzen Se da an den Tisch beit Fenster, ick werd untadessen die Bratkartoffeln machen!«

»Und vielleicht einen kleinen Kognak vorher – zur Anregung der Magensäfte.«

»Ja – det ooch, am Ende haben Se aba noch wat uff'n Herzen?«

»Ich bezwinge meine Gefühle«, sagte er mit einem Seufzer.

»Willem«, sagte Anna, als sie in die Küche kam, »Willem, jeh nach vorn und kiek dia mal den an, der an'n Stammtisch sitzt, ick jloobe, Onkel Karl hat uns da eenen Varickten jeschickt!« »So wat hat uns ja noch jerade jefehlt«, sagte Wilhelm, »wat sich hia in die letzte Zeit jetan hat, is nich zu jlooben! Wa werden bloß die Stammjäste vascheichen!«

»Ick kann mia ooch irren«, meinte Anna, »et kann ja ooch 'n janz bedeitender Mensch sind, nur det er sich so vaquast ausquatscht!« Und dann setzte sie die Pfanne aufs Feuer und begann die Bratkartoffeln mit Schmalz aufzuwärmen. Wilhelm ging inzwischen in die Gaststube und besah sich den Fremden. Als er zurückkam, sagte er:

»Janz varickt is er nich, bloß 'n bißken, aba du hast ja nach so'n Klavierhengst jejiepert, det is eena von die richtje Sorte. Haste die Kuhkette jesehn, die ihn iber die Weste bammelt, und den Jlasdijamanten an'n kleenen Finga? Und dabei die Stulpen mit die Trauaränder! Mia hat er wat vorjequatscht, det er in'n Konvasatorium war und det er eejentlich jetz ne Kunstreise vorhatte, aber Onkel Karrel soll ihn breetjeschlaren haben und da'm is er herjekommen, und nu will er wissen, ob det Biefsticke noch imma nich fertich is!«

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