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Verschiedene Autoren: Lebenswogen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleLebenswogen
publisherVerlag von Bischof & Klein, G. m. b. h
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wer ist mein Nächster?

Eine Erzählung aus dem Ungarlande.
Von A. von Blomberg.

 

Erstes Kapitel.
Ein Narr.

Hellglänzend stand der Vollmond am Himmel und überflutete mit silbernem Lichte das weite Tal, durch welches die Waag in malerischen Windungen gen Süden eilt. Wie ein Wächter der munteren, klaren Wellen und des harmlosen Völkchens der Slovaken, das jene Talniederung bewohnt, erhebt sich auf der linken Uferseite ein Höhenzug, der zu dem stolzen Bergzuge der Karpathen gehört. Der Fuß der Berge reicht nirgends bis an das Ufer heran; nur an einer einzigen Stelle begrüßen sich beide, da, wo die Fähre, die sogenannte Plette, den Verkehr zwischen hüben und drüben vermittelt; sonst schauen die Höhen nur aus der Ferne herüber.

Das silberne Mondlicht übergoß jetzt die im Halbdunkel liegenden Berge und die einsame Burgruine, die auf einem ihrer Gipfel thronte. Der Schatten der Nacht kämpfte mit dem sanften Lichte, er dehnte und streckte die Formen, verband sie mit den Wolkengebilden am Himmel und verlieh ihnen fremde, riesenhafte Gestaltungen.

Auf der Straße, die in das Gebirge führt, stand ein Wandersmann und sah aufmerksam diesem Naturspiele zu. Groß und kräftig war seine Erscheinung, wie denn auch das Gesicht, das von einer reichlichen Fülle braunen Haars umrahmt wurde – einer fast zu reichlichen Fülle für den modernen Begriff –, das Gepräge stolzer Kraft und stolzen Selbstbewußtseins trug. Von den mondbeschienenen Berghäuptern wandte er jetzt den Blick und ließ ihn langsam die Straße hinauf schweifen bis zu dem Punkte, der so hell in die Landschaft hereinleuchtete, als ob er dem silbernen Himmelslichte den Rang ablaufen wollte.

Dieser Punkt war ein Schloß, schön und stattlich, mit einem Turm, mehreren Türmchen und Erkern versehen und auf einer kleinen Anhöhe liegend. Die Straße stieg durch das Slovakendorf, das im Tale lag, zu dem Berge und dem Schlosse hinauf. Aus allen den vielen Fenstern brach heller Glanz, und sogar auf dem Hofe brannten in regelmäßiger Entfernung von einander Pechfackeln. Ihr unruhiger Schein beleuchtete eine Menschengruppe, die dort vor den Fenstern sich drängte. Lakaien, Kammermädchen und Slovaken waren es, die in buntem Durcheinander versuchten, durch die Glasscheiben in das Innere der Säle zu blicken. Drinnen wurde nämlich der Namenstag der Baronka gefeiert, der einzigen Tochter des Gutsherrn, des Barons Moravau.

Die Klänge des Czardas tönten weit hinaus über den Hof, und die Neugierigen draußen konnten aufs beste die Bewegungen der Tanzenden verfolgen. Auf den denkbar engsten Raum zusammengedrängt, tanzten, so unglaublich das auch klingen mag, 10-12 Paare, während der übrige Teil des Saales leer und unbenutzt blieb. Dabei bewegten sich die Tanzenden, was wieder sonderbar klingt, nicht von der Stelle, sondern jeder Herr stand seiner Dame gegenüber und umfaßte mit den Händen bald deren Schultern, bald deren Taille. Nach dem Takte der Musik, zuerst langsam und feierlich, dann immer schneller wurde der Oberkörper hin und her gewiegt, gedreht und dazu mit Armen und Füßen gezuckt. Zuletzt rast die Melodie des Czardas in wildester Leidenschaft dahin, und an den Tanzenden ist jedes Glied in zuckender Bewegung, den Ausbrüchen des Wahnsinns nicht unähnlich. Diesen Eindruck macht der ungarische Nationaltanz auf das Auge des Fremden. Die Einheimischen aber verfolgen die verschiedenen Steigerungen mit unverkennbarem Entzücken und mit zunehmender Erregung, zuweilen auch mit lautem Beifallrufen. So taten auch die Zuschauer dort unter den Fenstern des Schlosses.

Eine alte Slovakin hatte schon mehrmals versucht, in die Nähe der Fenster zu gelangen, doch immer war sie von dem jungen Volke zurückgedrängt worden.

Jetzt bemächtigte sie sich eines Schemels und stieg hinauf, die Lust der Neugier in dem faltenreichen Gesicht. Das sah ein Lakai im goldbetreßten Rocke. Mit boshaftem Lächeln trat er leise hinter die Alte, ein Ruck, und Schemel und Slovakin stürzten zu Boden.

Jämmerlich lag sie da, unfähig, sich zu erheben, indes ein Chor von rohen, lachenden Stimmen ihr Wehgeschrei übertönte. Selbst von ihren Stammgenossen stimmten einige in das Gelächter ein, teils aus Furcht vor den anderen, teils aus Vergnügen an dem rohen Scherze. Nur einer von ihnen, ein kräftiger, junger Bursche, trat vor; er war der Alten beim Aufstehen behilflich und sagte zu dem Urheber der Szene: »Laßt's meine Mutter in Ruh' – i bitt' schön.«

»Halt's Maul, Slovakenhund!« antwortete der Lakai.

In diesem Augenblick traf ihn ein Schlag ins Gesicht, eine Ohrfeige so nachdrücklicher Art, wie er sie wohl sein Lebtag noch nicht erhalten hatte. Ihm wurde grün und blau vor Augen, und er war nicht sogleich imstande, den Spender zu erkennen. Mehrere Sekunden vergingen, da erhob er den unsichern Blick, und vor ihm stand ein Fremder, eine große, kräftige Gestalt. Zornig drohend war sein Gesichtsausdruck; es war unser Wanderer dort von der Landstraße, der wie durch Zauberschlag hierher versetzt schien.

Der Lakai maß den fremden Mann mit prüfenden Blicken. Wohl trug er Herrenkleider, aber von den Gästen im Schlosse war er keiner, und auch zu seiner Herrschaft gehörte er nicht; der Lakai sah ihn an dieser Stelle zum erstenmal. So richtete er sich denn keck zur Verteidigung auf und erhob die Hand, um den empfangenen Schlag zurückzugeben.

Doch nun kam Leben in die bisher verblüffte, regungslose Gesellschaft. Im Augenblick bildeten sich zwei Parteien. Die Ungarn traten auf die Seite des Dieners, die Slovaken auf die des Fremden. Drohend genug sah die Szene aus, und es wäre zweifelsohne zu einem erbitterten Kampfe gekommen, wie er unter Ungarns heißer Sonne nicht zu den Seltenheiten gehört, wenn nicht plötzlich wieder etwas Unerwartetes geschehen wäre.

Die Musik im Saale war plötzlich verstummt, ohne daß die aufgeregte Menge hier außen dies bemerkt hatte. Jetzt öffnete sich die Tür, und die lichte Gestalt eines schlanken Mädchens trat in den Rahmen der Tür heraus. Das Gewand von heller Seide schmiegte sich in weichen Falten um die jugendlichen Glieder, ohne doch deren edlen Wuchs zu verhüllen. Auf der linken Schulter lag eine mattfarbige Rose, schon etwas welk von der Hitze des Saales. Den anmutigen Kopf der jungen Dame zierte eine Flechtenkrone von tiefstem Schwarz, und das Antlitz zeigte jene bräunliche Färbung der Südländer, die an Goldbronze erinnert. Nur ganz leise waren die Wangen gerötet, aber um so frischer der holde Mund, der in seiner Farbe mit echten Korallen zu wetteifern schien. Aus den großen dunklen Augen sah sie fragend und verwundert auf das Bild zu ihren Füßen; aber noch ehe sie die Lippen zu einem Wort öffnen konnte, hatte dieses Bild schon eine Änderung erfahren.

Das Erscheinen der jungen Herrin war von blitzartiger Wirkung gewesen; dem Lakaien sank die erhobene Hand jählings herunter, nur ein böser, rachsüchtiger Blick streifte noch den Gegner, dann wandte er sich der Baronka zu und brachte in ungarischer Sprache seine Klage vor.

Als Antwort hierauf richteten sich die großen dunklen Augen auf den Fremden. Der näherte sich jetzt dem Altan und zog den Hut vom Kopfe. »Grüß Gott, Baroneß,« sagte er mit wohlklingender Stimme. »Ich habe nur getan, was jeder Mann von Ehre und Gewissen zu tun schuldig war, ich habe eine wehrlose Frau verteidigt.«

»Wen?« fragte sie.

»Diese hier,« antwortete er und zeigte auf die alte Slovakin, die sich leise schluchzend, in der unmittelbaren Nähe ihres Beschützers gehalten hatte.

Es war kein Lächeln, das nach diesem Bescheid in die Züge der schönen Ungarin trat, auch keine Bewunderung, nur ein grenzenloses Erstaunen. Und von diesem erfüllt, sah sie den Deutschen an, so aufmerksam und so lange, daß es ihm unter der Macht ihres Blickes fast unbehaglich zu werden begann. Dann aber schien ihr das Seltsame ihres Betragens zum Bewußtsein zu kommen; sie wandte sich hastig ab und erteilte einige kurze Befehle an die Umstehenden, worauf diese sich alsbald zerstreuten.

Nunmehr standen sie und der Fremde allein einander gegenüber. Er wartete auf ein Urteil aus ihrem Munde und zögerte, wegzugehen; und er wartete nicht vergebens.

»Haben Sie eine Herberge für die Nacht?« fragte sie in gebrochenem Deutsch, »oder soll ich Sie zu meinem Vater führen?«

»Ich danke, Baroneß,« sagte er freundlich. »Diese Nacht herberge ich in dem Wirtshause dort unten, morgen vielleicht in einem andern, und das so weiter, bis ich des Umherstreifens müde bin und mich wieder nach Hause trolle.«

Sie neigte mit leichter Anmut den Kopf, und er glaubte jetzt wieder verabschiedet zu sein und wandte sich zum Gehen.

Da begann sie noch einmal zu sprechen. »Seien Sie vorsichtig,« sagte sie leise, indem sie sich ein wenig zu ihm herabbeugte. »Hüten Sie sich vor Sabo; er vergißt niemals eine Kränkung.«

Dankbar sah er sie einen Augenblick an, dann schüttelte er den Kopf und erhob den rechten Arm. »Hier innen ist Mark,« sagte er, »gutes, deutsches Mark, und das fürchtet sich nicht.« Darauf lüftete er wieder den Hut, verneigte sich und ging quer über den Hof davon. – Sie blieb noch eine Weile stehen und sah ihm nach, dann verließ auch sie den Platz und kehrte in den Saal zurück.

Unmittelbar nach ihrem Wiedereintreten stürzte ihr ein junger Mann entgegen, der in seinem Äußern einige Familienähnlichkeit mit ihr zeigte. Auch er war von schlankem, edlem Wuchs, sein Haupt- und Barthaar rabenschwarz, seine Gesichtsfarbe bräunlich und seine Augen groß und dunkel. Aber in diesen Augen loderte ein unruhiges Feuer, das gerade jetzt etwas Dämonisches an sich hatte. »Wo waren Sie, Irma?« fragte er. »Ich habe Sie mit Ungeduld gesucht.«

»Auf dem Altan bin ich gewesen,« antwortete sie. »Es war so heiß hier im Saale, und ich sehnte mich nach der frischen Nachtluft.«

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt?« fragte er wieder. »Ich hätte sie begleitet, wohin sie wollten, selbst in den Eiskeller.«

Sie gab keine Antwort, und während er, eifrig sprechend, neben ihr herging, übersah sie das bunte Gewimmel so gleichgültig und teilnahmlos, als ob ihre Gedanken in einer andern Welt weilten.

»Koloman,« fragte sie plötzlich, »würden Sie eine alte Slovakin verteidigen, wenn sie beleidigt worden wäre?«

»Was? ich? eine alte Slovakin?« wiederholte er und lächelte. »Sie belieben zu scherzen, teure Irma.«

»Nein, ich scherze nicht,« entgegnete sie, »ich frage im Ernste und möchte wirklich Ihre Antwort hören. Wenn z. B. die alte Betha von Sabo auf die Erde geworfen wäre, würden Sie sie in Schutz nehmen?«

»Eine seltsame Frage,« erwiderte er, noch immer lächelnd. »Wenn die Slovakin jung und hübsch wäre, dann würde ich mich vielleicht – aber auch dann nur vielleicht – zu ihrem Ritter aufwerfen. Aber die alte Betha verteidigen? Nein, das wäre zu viel verlangt.«

»Ein Deutscher hat das getan,« sagte Irma.

»Ein Magyar hätte es nicht getan,« antwortete Koloman.

»Nein, er hätte es nicht getan,« wiederholte sie leise, wie für sich selbst.

Der Ton, in dem sie das sagte, veranlaßte ihren Begleiter, sie achtsamer anzuschauen, und nun erst fiel ihm der nachdenkliche Ernst in ihren Zügen auf.

»Warum nehmen sie sich das so zu Herzen?« fragte er. »Wenn die Deutschen Narren sein wollen, so mögen sie das eben sein; wir werden uns dadurch keine frohe Laune verderben lassen. Kommen Sie, Irma, der neue Czardas beginnt.«

»Ich bin müde,« sagte sie; »ich will ruhen.«

»Eine Ungarin kennt keine Müdigkeit, wenn der Czardas erklingt,« entgegnete er, und als sie dennoch zögerte, ergriff er mit einer etwas ungeduldigen und energischen Bewegung ihre Hand und zog ihren Arm unter den seinigen. Im stillen wunderte er sich, daß sie das ohne Widerspruch duldete. Sie hatte ihren Kopf für sich und viel Energie, die sich nicht ohne weiteres dem Willen eines zweiten fügte. Er mutmaßte richtig, daß ihre Gedanken noch mit dem Deutschen beschäftigt wären, und nahm sich vor, Erkundigungen über diesen Narren einzuziehen. Dann wollte er ihn so unter der Hand wissen lassen, daß es ratsamer für ihn wäre, wenn er das Gebiet von Moravau künftighin miede.

Zwei Stunden später waren die Fenster des Schlosses dunkel; leer und verödet lag der weite Hof. Die gelacht, geschmaust und getanzt hatten, die bedient worden waren und die, welche bedient hatten, ruhten in tiefem Schlafe. Der Mond allein wachte noch, und sein Licht beherrschte nun unbestritten Berg und Tal.

Zweites Kapitel.
An der Plette.

Am andern Tage, als die Turmuhr des Schlosses die achte Morgenstunde verkündigt hatte, tat sich eine Seitenpforte auf, um die Baroneß heraustreten zu lassen in den lachenden, frischen Morgen. Nicht immer erschien sie so früh, wenn sie den Abend und einen Teil der Nacht den Freuden des Tanzes geopfert hatte, aber heute war der Schlaf geizig gewesen, er hatte sie gar kärglich bedacht und dabei obendrein noch mit seltsamen Traumgesichten geängstigt. Da war sie bald die alte Betha gewesen, die von Sabo zu Boden geworfen und mißhandelt wurde, dann wieder sah sie den Fremden von hundert rachsüchtigen Sabos umringt, und alle ihre Bemühungen, ihn zu retten, blieben erfolglos; endlich war sie als ein Falke zum blauen Äther hinaufgestiegen, hoch und immer höher, unten aber stand Koloman, der sein Gewehr erhob und ihr nachrief: »Und wenn du noch so hoch steigst, ich hole dich doch wieder herunter.« So hatte sie denn zuletzt dem Schlaf und den Träumen Valet gesagt und war ihrer Lagerstätte entflohen. Durch die Säle und Zimmer, die jetzt im Tageslichte mit den noch ungetilgten Spuren des gestrigen Festes fahl und sehr unbehaglich aussahen, war sie schnell enteilt und stand nun hier, um in durstigen Zügen die herrliche Morgenluft einzuatmen.

Wie zitterte die Luft dort über den Bergen so bläulich und duftig wie ein Schleier, mit dem der junge Tag sich verhüllt hatte, und den er nun flattern ließ! Und wie glitzerte der Sonnenschein in den Tautropfen auf dem Rasen und an den Blumenkelchen, die sich sehnend der Königin des Lichtes entgegenstreckten!

Langsam wandelte Irma den Gartensteig hinab. Ihr Auge, das anfangs entzückt um sich geblickt hatte, senkte sich wieder, und ihr Gesicht wurde ernst und nachdenklich. Ach, ja, sie hatte guten Grund, nachdenklich zu sein. Sie war gestern neunzehn Jahre alt geworden, und der Baron hatte am Morgen zu ihr gesagt: »Ich werde dich nun wohl die längste Zeit mein eigen genannt haben, mein teures Kind; es wird bald einer kommen, der dich mir abverlangt.«

Der gute Vater! Sie war sein ein und alles, das wußte sie wohl; so weit ihre Erinnerung reichte, hatte er sie mit zärtlicher Liebe umgeben, und seit man die Mutter zu Grabe getragen hatte, war sie ihm vollends unentbehrlich geworden. Kein Wunsch blieb ihr jemals unerfüllt, und sie hinwiederum begleitete ihn wie ein treuer Kamerad auf allen seinen Wegen. Konnte es denn nicht immer so bleiben? Freilich, Koloman –

Er war der einzige Sohn des einzigen Moravau, der außer ihrem Vater lebte, und Irma hatte keinen Bruder. Ihr Vater schien Wohlgefallen an ihm zu finden; war er doch auch in allen Jagd- und Reiterkünsten wohlbewandert und ein unterhaltender liebenswürdiger Mann, der dem alten Herrn die Zeit zu kürzen verstand. Auch hübsch war er, viele nannten ihn sogar schön. Er wurde zu allen Festen geladen, und oft, sehr oft kam er auch ungeladen. Ja, Koloman.

Unter diesen Gedanken war Irma bis an das Ende des Gartens gekommen; dort blieb sie stehen und schickte den Blick träumerisch hinaus über das freie Feld und zu den Bergen hinüber. An der Burgruine blieb er haften.

»Guten Morgen, Baroneß. Schon so früh beiwege?« fragte da plötzlich jemand.

Der Schreck, der sie bei der unerwarteten Anrede ein wenig zusammenfahren ließ, wandelte sich in ein Lächeln, als sie den Deutschen vom vorigen Abend erkannte. Sie erwiderte seinen freundlichen Gruß und fragte dagegen, warum denn er schon so früh beiwege wäre.

»O,« antwortete er, »ich habe schon viel getan: Die Sonne aufgehen sehen, in der Waag gebadet und dann meinen Schützling von gestern besucht, um zu hören, ob ihr der Sturz nicht etwa geschadet hat.«

»Sie sind bei der alten Betha gewesen?« fragte Irma, während wieder ungeheucheltes Erstaunen aus ihren Zügen sprach.

»Ja, oder sollte ich nicht?« erwiderte er mit einem Anflug von Scherz. »Ist es verboten, Ihre Ortsuntertanen zu besuchen?«

»Das nicht, Herr Doktor Cornelius,« erwiderte sie und schüttelte den Kopf. Wieder sah sie ein Weilchen vor sich nieder und überlegte augenscheinlich, wie sie das, was ihre Verwunderung so sehr erregte, am schicklichsten in Worte kleiden könnte. »Herr Doktor,« sagte sie dann aufblickend, »was hat Sie bewogen, sich der alten Betha anzunehmen?«

»Eine seltsame Frage,« erwiderte er genau so, wie Koloman gestern erwidert hatte, als er die Zumutung, eine alte Slovakin zu verteidigen, von sich wies. Ist das nicht eine der ersten Forderungen der Menschen- und Nächstenliebe, die Wehrlosen zu schützen?«

»Die Slovaken sind nicht unsere Nächsten,« entgegnete die Ungarin stolz.

Cornelius betrachtete sie schweigend einige Sekunden lang, und seine buschigen Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen. »Also auch Sie, Baroneß,« sagte er düster; »auch Sie, die Sie auf den ersten Anblick den Eindruck der Güte und Milde machen, sind nicht frei von dem magyarischen Hochmut, der da spricht: Ich und die Welt. Auch Sie tragen dazu bei, dies arme, geknechtete Volk noch mehr zu erniedrigen? O wie sehr begeben Sie sich eines der edelsten Vorrechte des Frauenherzens, des Mitleids und des Erbarmens mit fremder Not!«

Irma trat einen Schritt zurück und maß den kühnen Deutschen von Kopf bis zum Fuß. »Das hat mir noch niemand gesagt,« antwortete sie; »noch nie hat man von mir verlangt, daß ich die Slovaken als meinesgleichen betrachten soll. Sie sind –«

»Unsere Mitmenschen,« vollendete Cornelius mit Nachdruck, als sie stockte. »Wohl sind sie arm an Intelligenz und auf eine niedrige Kulturstufe hinabgesunken; wieviel aber die jahrhundertelange Knechtschaft dazu beigetragen hat, das sollten ihre Unterdrücker bedenken, wie sie es auch zu verantworten haben werden. Und wessen rühmen denn sie sich, die stolzen Magyaren? Sie sind die Abkömmlinge eines wilden Barbarenvolkes, das in dieses Land eingedrungen ist und die fleißigen Einwohner, die Vorfahren der Slovaken, aus ihren Wohnsitzen verdrängt hat. Härte und Grausamkeit haben die Hunnen gekennzeichnet, und Härte und Grausamkeit sind noch heute ein Zug des magyarischen Charakters. Sehen Sie dort hinauf,« er deutete nach der Burgruine; »auch die dort gehaust hat, war eine Ungarin.«

Eine flammende Röte schlug bei diesen Worten in das Antlitz der Tochter von Moravau. Ihre Lippen hatten sich immer fester zusammengepreßt, je rücksichtsloser der Deutsche seine Überzeugung aussprach; bei der letzten Wendung aber, die seine Rede nahm, stieg der Zorn so mächtig in ihr auf, daß sie keine Antwort fand. Wohl war ihr bekannt, worauf er anspielte, die schaurige Sage jener Burg. Vor nunmehr 200 Jahren lebte dort Elisabeth Bathory, die, um in den Besitz der ewigen Jugend zu gelangen, in Jungfrauenblut sich badete. Ihre Schergen zogen im Lande umher, ergriffen slovakische Mädchen und schleppten sie auf die uneinnehmbare Veste, wo das entmenschte Weib sie abschlachten ließ.

Als Cornelius sah, welche Wirkung seine Worte auf die Jungfrau hatten, der er selbst nur Freundliches zu danken hatte, wurde ihm sein ungestümer Eifer leid, und er sagte: »Verzeihen Sie, Baroneß, wenn Ihnen meine Rede hart und rauh geklungen hat; sie kam aus dem Herzen und Munde eines« – er lachte ein wenig – »eines deutschen Bären, den es verdrossen hat, auch ein von Natur so gütiges Herz, wie das Ihrige, von dem Erbübel bedroht zu sehen.«

Irma wandte sich ab. »Ich bin eine Ungarin,« sagte sie, »und Sie sind ein Feind der Ungarn.«

»Nicht der Ungarn,« erwiderte er, »nur des ungarischen Dünkels und aller Ungerechtigkeit. Wo ich solcher begegne, da muß ich gegen sie Front machen, es koste, was es wolle. Ich weiß wohl, ich bin dann rücksichtslos, und mancher halbe Freund ist mir darum schon gram geworden, und manchen erbitterten Gegner habe ich mir dadurch geschaffen. Wir beide aber wollen in Frieden scheiden – oder nicht?« Er bot ihr die Hand.

Nur zögernd nahm sie seine Hand an, dann neigte sie den Kopf zu einem kurzen Gruß und ging weg.

Cornelius zuckte die Achseln, indem er ihr nachsah; nicht zornig oder spöttisch, nur bedauernd. Als sie hinter dem Buschwerk verschwunden war, wendete er sein Gesicht den Bergen zu, schwang seinen Wanderstab ein paarmal durch die Luft und sang im Weitergehen:

»Der Gott, der Eisen wachsen ließ.
Der wollte keine Knechte.«

Er täuschte sich aber, wenn er glaubte, seine Worte wären an dem Stolz der Ungarn abgeprallt, ohne in die Tiefe ihrer Seele zu dringen. Irma kehrte in das Schloß zurück viel nachdenklicher und sinnender, als sie vor kaum einer Stunde gegangen war, und als Koloman sich später ihr zugesellte, fand er seine Anverwandte in gereizter und streitsüchtiger Stimmung. Da ihm der wahre Grund ihres Benehmens nicht bekannt war, so hielt er sie für launisch. »Weiberlaune,« sagte er und suchte sich zu trösten, indem er auf die Jagd ging.

Für den Nachmittag war ein gemeinsamer Spazierritt verabredet. Als die drei ihre Pferde bestiegen, zog an dem bisher wolkenlosen Himmel von Osten her ein Schatten auf, der zu wachsen schien mit der Entfernung, welche die Reiter zwischen sich und das Heimatdach legten. Irma ritt auf einem weißen Zelter zur Linken ihres Vaters. Die lange Schleppe ihres Kleides und der Schleier ihres Hutes wehten in der leise spielenden Lust, die auch ihre Wangen gerötet und ihren Augen einen strahlenden Glanz verliehen hatte. Sie sah sehr schön aus, und Koloman, der auf ihrer andern Seite sein feuriges Roß zügelte, beobachtete sie zuweilen mit Blicken der Bewunderung.

Der Weg der Reiter führte an einer felsigen Bergwand hin und lenkte dann zur Waag hinüber, die er eine kurze Strecke begleitete. Unweit der Stelle, wo der Strom plötzlich eine scharfe Biegung macht und sich nach Westen wendet, liegt ein Wirtshaus, viel besucht von den Gästen des Badeortes, dessen Heilquellen auf dem jenseitigen Ufer sprudeln. An dem Wirtshause vorbei steigt der Weg durch eine Felsenschlucht zu einer Zigeunerhütte, die von zwei Familien bewohnt wird. Braune, fast gänzlich unbekleidete Kinder springen in der heißen Sonne umher; sie empfangen und begleiten jeden Fremden mit bettelndem Geschrei, während die Männer vor der niedrigen Tür der Hütte sich mit Kesselflicken beschäftigen oder mit Nichtstun die Zeit hinbringen.

Bis hierher waren unsere Reiter gekommen, als plötzlich von Osten ein Windstoß über sie daherfuhr, und die Luft sich augenblicklich verdunkelte. Zugleich hörte man in der Ferne dumpfen Donner.

Der Baron, eine schöne, aristokratische Erscheinung mit lang wallendem, weißem Bart, wandte sich im Sattel und sah prüfend zum Himmel hinauf. »Es scheint geraten, umzukehren,« sagte er zu seinem jugendlichen Gefährten; »was aus jener Ecke zu uns kommt, ist nichts Gutes.«

Die drei wendeten die Rosse und ritten die Schlucht wieder hinunter.

Als sie vor dem Wirtshause ankamen, schlug Koloman vor, dort einzukehren und das heraufziehende Unwetter vorüberbrausen zu lassen.

Dem alten Baron zwar gefiel der Vorschlag, Irma aber blickte zweifelnd und unschlüssig nach den niedrigen Fenstern, hinter denen die Gaststube wie eine dunkle Höhle lag. Ein Fensterflügel stand offen, und daraus hervor drang Tabaksqualm und lautes, verworrenes Stimmengewirr. Das deuchte dem verwöhnten Herrenkinde ein übler Aufenthalt. So entschieden denn ihre Begleiter, daß sie vorerst allein hineingehen und prüfen wollten, welcher Art die Gesellschaft wäre. Wofern es schicklich schiene, sich dem Schutze des Wirtshauses anzuvertrauen, sollte Koloman kommen und Irma hineinführen, wo nicht, so wollten sie alle drei im schärfsten Trabe heimwärts reiten.

Die beiden Herren stiegen also ab, übergaben ihre Pferde dem Stallknecht und verschwanden in gebückter Haltung hinter der Haustür. Irma hielt und wartete. Ihr Tier scharrte mit dem Huf und blähte die Nüstern, als ahne es nahende Gefahr.

Plötzlich pfiff und heulte es durch die Luft, wie das Heer des wilden Jägers. Ein flammender Blitz züngelte zur Erde nieder, und ein Donnerschlag folgte, der den Boden erbeben und die Fensterscheiben klirren machte. Mit zehnfachem Echo hallte das Krachen von den Bergen wieder. So plötzlich und mit so furchtbarer Gewalt brach das Wetter los, daß Menschen und Tiere wie betäubt standen. Bei den Tieren dauerte die Betäubung aber nur einen Augenblick, dann schüttelten sie schnaubend die Mähnen, bäumten sich und rissen an den Zügeln.

Der Stallknecht war diesem Ansturm nicht gewachsen; er ließ die Zügel los, und nun stoben die Pferde auseinander, das eine zur Rechten, das andere zur Linken. Auch Irmas Pferd wurde von dem bösen Beispiel verführt; es schäumte in das Gebiß und begann zu steigen, und als sie es mit einem festen Ruck wieder herunterriß, stürmte es plötzlich vorwärts zum Hoftor hinaus in wilder Flucht.

Irma hatte keine Zeit, sich nach Hilfe umzusehen; alle ihre Kraft und Geistesgegenwart mußte sie aufbieten, um sich im Sattel zu halten. Das erschrockene Tier stürmte den Weg hin, der zur Plette führte, und der sich hart an der Waag hinzieht. Dort unten rollten die Wasser dunkel und unheimlich, ihre Tiefe verratend, und über den Wassern stand das Gewitter, zu gleicher Zeit von ihnen angezogen und abgestoßen.

Da kam von der Plette her eine Herde Rindvieh; voraus der Stier, die mächtigen Hörner fast wagerecht nach beiden Seiten abstehend; hinterdrein der Hirte, ein Slovak mit weiten schlotternden Beinkleidern von grober Leinwand, einer gestickten, blauen Weste und bauschigen Hemdärmeln.

Bisher war Irmas Schimmel geradeaus gestürzt in besinnungslosem Taumel; nun aber, als er die Herde sah, deren weiße Farbe so grell von dem bleigrauen Himmel abstach, stutzte er und begann von neuem zu steigen. Aber auch der Stier stutzte, gereizt durch die stürmischen Bewegungen des Pferdes und das Flattern der Schleppe der Reiterin. Er stieß ein Gebrüll aus und neigte den gehörnten Kopf zur Seite. Und zu gleicher Zeit taten sich die Schleusen des Himmels auf, und ein wüstes Durcheinander von Regen und Hagel prasselte hernieder. Da fühlte das mutige Mädchen ihre Kräfte schwinden. Noch einmal versuchte sie, des widerspenstigen Tieres Herr zu werden, ein Hieb mit der Gerte, ein gewaltiger Satz und – Roß und Reiterin stürzten die steile Böschung hinunter in den rauschenden Strom.

Der Stier, zufrieden, daß das Ärgernis so unerwartet verschwunden war, und wohl auch ernüchtert durch das kalte Sturzbad, das ihm das Fell wusch, trottete vorüber, ihm nach der größte Teil der Herde. Die letzten Tiere jedoch drängten sich an die Uferstelle und glotzten dumm-neugierig hinunter in die dunkle Flut.

Dort unten war ihr Hirte. Er war an ihnen vorübergeflogen, schnell wie ein Gedanke, und an dieser Stelle war er hinabgeklettert und zuletzt hinuntergesprungen. Aber im Wasser sah man nichts, weder von ihm noch von der Reiterin, nur in der Mitte des breiten Stromes wurde ein weißer Pferdekopf sichtbar, der langsam aber stetig nach dem jenseitigen Ufer schwamm.

Und nun flog wieder jemand an den staunenden Tieren vorüber, ein Mann, dem der Sturm den Hut vom Kopfe gerissen hatte, so daß die braunen Haarmassen ihn ungeordnet umwehten. In mächtigen Sprüngen eilte er den Abhang hinunter, und dann schlugen die dunkelgrünen Fluten auch über ihm zusammen. Nicht lange jedoch, so tauchte er wieder auf, eine ganze Strecke weiter unten. Im linken Arm hielt er eine leblose Gestalt, während der rechte mit kraftvoller Anstrengung arbeitete, um ihn und seine Bürde ans Ufer zu bringen.

Als die Kühe inne wurden, daß ihr Hirt nicht wiederkehrte, verließen sie eine nach der andern den unheilvollen Platz und trotteten den vorangezogenen Gefährten nach. Einsam wurde es ringsum, nur der Donner grollte noch, und der Regen rauschte eintönig fort.

Auf dem feuchten Ufergrase ausgestreckt lag Irma, noch traumumfangen, obgleich ihre Brust sich schon wieder in regelmäßigen Atemzügen hob und senkte. Ein empfindlicher Frost machte sie jetzt zusammenschauern und öffnete ihr die Augen. Da traf ihr irrer Blick den des deutschen Doktors, der sich mit banger Besorgnis über sie beugte.

»Gottlob,« rief er aus, »da wären Sie ja wieder im Leben angelangt. O Baroneß, das war ein ganz verwegenes Reiterstück, das Sie da geleistet haben.«

Irma richtete sich mit seiner Hilfe auf und sah fragend und verwundert umher; erst allmählich kehrte ihr die Erinnerung an das Geschehene zurück.

»Wo ist mein Belo?« fragte sie.

»Ihr Schimmel?« fragte er. »Das treulose Vieh, das an allem schuld ist, hat Sie schmählich im Stich gelassen und nur sich selbst gerettet. Er wird wohl dort am jenseitigen Ufer irgendwo stehen. Läge er lieber im tiefsten Grunde, und lebte statt seiner der brave Bursche, der Ihnen so mutig nachgesprungen ist.«

»Wen meinen Sie?« stammelte das Mädchen verwirrt.

Cornelius nickte ernst und fuhr fort: »Es war nur ein Slovak, der Kuhhirte; wenn mich nicht alles täuscht, der Sohn meiner alten Betha; ich habe ihn heute Morgen noch in ihrer Hütte gesehen. Vor dem drohenden Wetter hatte ich mich in jenes Felsenloch geflüchtet, da sah ich Sie heranrasen und ahnte sofort, was kommen müßte. Aber mein Weg den Felsen herunter war weit und mühsam, und der junge Slovak, der mich erblickte und wohl auch erkannte, winkte mir lebhaft, ich sollte zurückbleiben. Ich eilte aber her, so schnell ich konnte, doch als ich ankam, war das Unglück schon geschehen. Gottlob, daß ich Sie noch fassen konnte. Ihr Kleid war an den Zweigen eines im Wasser liegenden Baums hangen geblieben. Den tapfern Buben aber hatte die Strömung bereits erfaßt und in die Tiefe gerissen. Er ist ertrunken.«

Angstvoll und mit flehenden Augen sah Irma zu ihm auf, als er schwieg; dann schlug sie erschüttert beide Hände vor ihr Gesicht. »Ein Slovak!« murmelte sie, und durch ihre geschlossenen Finger drangen Tränen.

Cornelius betrachtete sie schweigend und voll herzlicher Teilnahme. Erst als sie von neuem zusammenschauerte, nahmen seine Gedanken eine andere Richtung. »Was tun?« fragte er, und blickte ratlos umher. »Wir müssen diesen Ort verlassen; aber Sie sind erschöpft und gänzlich durchnäßt und wir sind weit entfernt von jeder menschlichen Wohnung. Doch es hilft nichts. Kommen Sie, Baroneß, stützen Sie sich nur ohne Furcht auf den Feind der Ungarn.«

Er hob sie vom Boden auf. Ihre Füße wollten den Dienst versagen, und vor den Augen tanzten ihr buntfarbige Lichter; doch nicht umsonst rühmte man ihre Willenskraft; sie zwang die Erschöpfung nieder und, von des Doktors starken Armen gestützt, tat sie einige Schritte vorwärts.

Voll Besorgnis blickte ihr Begleiter auf sie herab; er las in ihren sprechenden Zügen die Anstrengung und den Kampf.

Doch da kam unerwartete Hilfe; in Gestalt eines Wagens rollte sie daher in rasselnder Eile, und die beiden sahen ihr hoffnungsfreudig entgegen. Jetzt beugte sich ein Kopf heraus, ein ehrwürdiger, weißhaariger Kopf.

»Mein Vater!« rief Irma.

Mit einem Ruck hielt der Wagen, und der alte Herr sprang heraus; Angst und Freude liehen ihm die Behendigkeit der Jugend. Vater und Tochter sanken einander in die Arme, fragend, rufend, jubelnd in der lebhaften Art der Südländer. Dem deutschen Doktor wurde es warm ums Herz. Zwar verstand er ihre ungarischen Worte nicht, aber der Ausdruck, wie der greise Vater wieder und wieder sein gerettetes Kind an sich preßte und sein Auge mit Entzücken auf ihr bleiches Gesicht richtete, hatte etwas Ergreifendes.

Endlich kam auch an ihn die Reihe. Der alte Baron trat auf ihn zu und drückte ihm die Hand. In demselben gebrochenen Deutsch, wie seine Tochter es sprach, brachte er seinen Dank vor, und trotz der mangelhaften Worte erfreute der Dank den Deutschen; denn er fühlte die tiefe Bewegung des Vaterherzens.

Dann nahmen alle drei in dem Wagen Platz, und in schnellstem Trabe ging es gen Moravau.

»Auch mein Neffe,« sagte unterwegs der Baron zu Cornelius, »wird Ihnen danken, aber er wird Sie beinahe hassen, daß Sie und nicht er meine Tochter gerettet haben.« Darauf wandte er sich zu Irma und fuhr fort: »Koloman sucht dich auf der andern Seite. Er wird in Verzweiflung sein.«

Drittes Kapitel.
Aufrichtiges Lebewohl.

In dem niedrigen Häuslein der alten Betha war es still, sehr still; selbst der zottige Hund, der sonst jeden Vorübergehenden bellend begrüßte, lag heute traurig und mit eingekniffenem Schweif zu Füßen der hölzernen Bettstatt, in der so starr und regungslos sein Herr lag. Durch das kleine Fenster drängte sich ein einzelner Sonnenstrahl und fiel gerade auf das Antlitz des Liegenden, aber er lockte keine Lebenswärme mehr in die wachsfarbenen Wangen. Eine Meile unterhalb der Plette hatte die Waag ihn aus ihrer kalten, nassen Umarmung freigelassen, starr und tot. Und so hatte man ihn heimgetragen zu seiner alten Mutter, die durch einen Haufen wehklagender Weiber schon auf diese Ankunft vorbereitet war. Mit der gutgemeinten Grausamkeit, wie sie unter dem ungebildeten Volke üblich ist, waren dann die Nachbarn hereingeströmt, die nahen und die fernen, um der unglücklichen Alten unter Schreien ihr Beileid zu bezeugen. Man wurde nicht müde, in ihrer Gegenwart immer wieder die Geschichte des Toten zu erzählen und zu erörtern und sich gegenseitig auszumalen, wie groß der Schmerz der Mutter sein müsse.

Nun aber war es still geworden. Die alte Betha kniete vor einem grellfarbigen Heiligenbilde, und während ihre umflorten Augen von diesem immer wieder zu dem bleichen Gesicht des Toten hinüberirrten, ließen ihre zitternden Finger die Perlen des Rosenkranzes weitergleiten, und ihre Lippen murmelten unablässig Gebete für die Seele des so plötzlich aus dem Leben Geschiedenen. Noch ein zweites Wesen versuchte zu beten, das war ein Mädchen von mittlerer Größe, blond und hübsch, in der kleidsamen Tracht der Slovakinnen, den beiden über einander greifenden Schürzen, dem bunten Mieder und den kunstvoll gestickten Hemdärmeln. Vergeblich jedoch war ihre Mühe, dem Beispiel der Alten zu folgen; wie mit magnetischer Gewalt zog es sie zu dem Toten hin, und sie sank zuletzt an der Seite der Bettstatt nieder und drückte mit leisem, verzweifeltem Weinen ihren Kopf gegen die kalte Hand.

Da nahten von außen Schritte; behutsam kamen sie über die gepflasterte Hausflur, und behutsam wurde die Tür geöffnet. Das sanfte Rauschen eines Frauenkleides ließ sich hören.

Die alte Betha sah auf. »Heilige Mutter Gottes, Baroneska!« Bei diesem Ausruf erhob sich das knieende Mädchen und huschte in den dunkelsten Winkel der Stube.

Es war Irma, die auf der Schwelle stand, blaß und bebend, ihr zur Seite der deutsche Doktor. Die Augen der Jungfrau hatten alsbald den Toten gefunden und hafteten auf ihm mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. »Betha,« sagte der Doktor, »die Baroneß ist gekommen, um dich zu trösten.«

Die Alte näherte sich, ergriff die Hand der Herrin und drückte ehrfurchtsvoll ihre Lippen darauf. Irma blickte auf sie herab, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, als wollte kein Wörtlein den Weg über die Lippen finden. Traurig den Kopf schüttelnd, sah sie ihren Begleiter an.

Der kam ihr zu Hilfe. »Betha,« sagte er, »du hast die Stütze deines Alters verloren, aber du sollst darum nicht verlassen sein; die Baroneß wird für dich sorgen.«

»Vergelt's Gott!« murmelte die Alte, doch dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie wandte sich zur Seite, um die Herrin durch den Anblick ihres Schmerzes nicht zu kränken. »Fanny!« rief sie in die dunkle Ecke hinein.

Dadurch aufmerksam gemacht, sahen die beiden dahin und gewahrten erst jetzt die Gestalt des slovakischen Mädchens. »Deine Tochter?« fragte Cornelius.

Betha verneinte und winkte der Maid, zu kommen.

Langsam und zögernd gehorchte diese, die Zähne fest aufeinander gebissen.

»Was ist's mit dir?« fragte der Doktor, als sie vor ihm stand; »war der Tote dir teuer?«

»War Jano, mein Schatz,« stieß sie hervor; »in zwei Wochen sollte Hochzeit sein.« Mit bitterlichem Schluchzen sank sie aufs neue neben dem Bette nieder und netzte mit ihren Tränen die Hand des Toten.

»Lassen Sie uns gehen,« flüsterte Irma; »ich ertrage das nicht länger.«

Cornelius geleitete sie hinaus. Vor der Stubentür stießen sie mit einem Kinde zusammen, einem Mädchen, das sie mit glanzlosen Augen ansah und tastend in die Luft griff.

»Mein Tochterkind,« sagte die alte Betha, welche den Gästen gefolgt war. »Es kann nicht sehen, ist blind, arme Agneska, hat nichts mehr als alte Großmutter.«

Schweigend gingen die beiden die Straße hinauf, nach dem Schlosse zu. Cornelius sah wohl, wie heimlich eine Träne über die Wange seiner schönen Gefährtin floß, doch ließ er sie still gewähren und störte sie nicht durch verfrühtes Einreden auf ihr erschüttertes Gemüt.

Als sie den Schloßhof betraten, kam ihnen von dem andern Ende Koloman entgegen. Seine Mienen verdüsterten sich beim Anblick des Deutschen, der neben derjenigen, die er schon als seine Braut betrachtete, einherging, als gehörte er zu ihr und sie zu ihm. Man konnte dem stolzen Magyaren unschwer anmerken, daß es keine wohlwollenden Gesinnungen waren, die er gegen den Gast seiner Verwandten hegte, und daß nur eben die Gastfreundschaft ihn hinderte, seine Empfindungen deutlicher zu äußern. Mit kühler Höflichkeit lüftete er den Hut gegen Cornelius und wandte sich darauf an Irma mit der Frage, ob sie ihn auf einer kurzen Spazierfahrt begleiten wolle.

Doch das Mädchen schüttelte den Kopf. »Solange unser Gast noch unter unserm Dache weilt,« sagte sie, »gehört meine Zeit ihm.«

Ein zorniger Blick flammte aus dem Auge des jungen Ungarn.

Cornelius bemerkte das wohl, und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. »Ich werde Ihre Zeit nicht mehr lange in Anspruch nehmen, Baroneß,« sagte er; »ich muß nach Wien zurückkehren. Mein Weib und die Buben daheim werden schon sehnsüchtig meiner harren.«

Welche Wirkung auch immer diese Worte auf die Jungfrau haben mochten, sie ließ nichts merken. Still sah sie vor sich nieder. Kolomans Brust dagegen hob ein hörbarer Seufzer der Erleichterung. Freundlicher, als er selbst für möglich gehalten hätte, reichte er dem Doktor die Hand und sagte: »Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise.«

Und Cornelius lächelte abermals, als er die Hand nahm, und erwiderte: »Ich danke Ihnen; wohl nicht oft ist ein Wunsch so von Herzen gekommen, wie dieser.«

Dann ging er, um sich von dem alten Baron zu verabschieden, und Koloman blieb mit Irma allein. Die heitere Unterhaltung, welche der junge Mann begann, wollte aber nicht recht in Fluß kommen, und endlich fragte er: »Irma, woran denken Sie?«

»Das wissen Sie nicht?« fragte sie.

»Nicht an den Deutschen,« sagte er, »das will ich nicht hoffen; sonst geht es ihm noch jetzt an den Kragen.«

»Und warum soll ich nicht an ihn denken?« fragte sie mit einem gewissen Trotz. »Ich verdanke ihm mein Leben und vielleicht noch mehr.«

»Ja, das ist es, noch mehr,« rief Koloman aus. »Seit er hier aufgetaucht ist, sind Sie eine andere geworden; Sie haben das Lachen verlernt.«

»Nicht durch seine Schuld,« antwortete Irmgard. »Um wieder lachen zu lernen, muß ich erst vergessen können, daß um meinetwillen ein blühendes Menschenleben den Tod gefunden hat und zwei andere ihres Glückes beraubt worden sind.«

» Mon dieu!« sagte Koloman, » tant de bruit pour une omelette!« Mein Gott, soviel Lärm um nichts.

Es war ein wunderlicher Blick, der nach diesen Worten ihn aus den tiefen, nachtschwarzen Augen traf. Eine andre Antwort erhielt er nicht, und schweigend erreichten beide das Haustor, wo sie sich trennten.

Viertes Kapitel.
Wendung.

Feuer! Feuer!« klang der schaurige Ruf durch die Stille des Abends und lockte erschrockene Gesichter an jedes Fenster und vor jede Tür. Von jedem Lippenpaare kam die bange Frage: »Wo?« in der bangen Hoffnung, daß die Antwort lauten möchte: »Beim Nachbarn.« Und als dieses sich bestätigte, da verwandelte sich der unchristliche Wunsch blitzschnell in Mitleid, und das suchte um so lebhafter Ausdruck, je größer die Freude über das eigene Verschontbleiben war.

»Bei der alten Betha brennt's,« lief die Kunde das Dorf hinauf und herunter. Ja, dort stieg sie empor, die rote Säule, furchtbar prächtig und weithin leuchtend durch die Dämmerung des frühen Herbstabends. Gierig leckte die Flamme an den dürren Dachschindeln, als könnte sie nicht schnell genug die widerstandslose Beute verzehren.

Vor dem brennenden Hause sammelte sich alsbald eine wogende Menschenmasse, die zumeist untätig den Zerstörungen des Feuers zusah. »Da gibt's nichts zu retten,« sagte einer zum andern; es brennt wie Zunder.«

»Und die Betha ist nicht einmal daheim,« hieß es wieder. »Sie wäscht im Schlosse.«

Hinter dem Hause, von den anderen ungesehen, stand ein Mann, der, wie alle, dem Brande zusah. Der Feuerschein beleuchtete einen goldbetreßten Rock und ein boshaft lächelndes Gesicht. »Die Ohrfeige wäre gerächt, wenn auch nicht an dem Täter, so doch an der Ursache.« Sprach's und mischte sich harmlos unter die Menge, als ob er soeben vom Schlosse herunterkäme.

Jetzt rasselte die Dorfspritze daher und trieb die Zuschauer auseinander. Ehe sie jedoch ihr zweifelhaftes Rettungswerk beginnen konnte, stürzte ein Weib durch den freigewordnen Raum, die alte Betha. Laut jammernd rang sie die Hände und rief: »Agneska, wo bist du? Mein letztes, mein einziges, rettet Agneska! Sie ist ja blind und kann nicht herausfinden.« Sie fiel auf ihre Kniee nieder und hob flehend die hageren Arme empor.

Ein Murmeln ging durch die Reihen, halb mitleidig, halb unschlüssig; sich eines blinden Kindes wegen in das Feuer zu stürzen, das schien keinem verlockend. Als die Alte das sah, sprang sie auf und wollte selbst die verzweifelte Tat vollbringen, zu der kein Mann den Mut finden konnte.

Die Umstehenden hielten sie zurück. »Sei keine Närrin!« rief man ihr zu; »das Kind ist sicher schon längst erstickt. Ist ihm ja auch viel besser, wenn es der Himmelvater zu sich nimmt. Was hätte aus dem blinden Wurm werden sollen?«

Betha schrie und wehrte sich mit der Kraft der Liebe und der Verzweiflung gegen die haltenden Arme.

Da neigte sich jemand an ihr Ohr, und eine weiche, tröstende Stimme sagte: »Sei ruhig, Betha, ich bin jung und stark, ich bringe dir deine Agneska.«

Die Zunächststehenden wichen zurück. Wie eine Erscheinung aus einer andern Welt eilte an ihnen vorüber die Gräfin. Der rote Flammenschein fiel einen Augenblick auf ihr schönes Gesicht, so daß es jedem kenntlich wurde, dann war sie in dem brennenden Hause verschwunden.

»Baroneska!« ging es entsetzt von Mund zu Munde, und wie gelähmt stand die Menge sekundenlang. Danach erhob sich eine Stimme:

»Vorwärts, Männer! Soll, ein Weib uns beschämen? Soll die Tochter unsers Herrn verbrennen?«

Die Männer drängten vorwärts. Der Weg, den das hochherzige Mädchen genommen hatte, erwies sich als eine Unmöglichkeit. Dicker, erstickender Rauch wälzte sich durch die Haustür, und vereinzelte Flammen züngelten dazwischen hinein. Es mußte ein anderer Weg gebahnt werden. In weniger als einer Minute waren die Fenster eingeschlagen, und nun arbeiteten viele kräftige Hände, um das Stück Mauerwerk darunter einzureißen. Da ertönte drinnen im Hause ein lautes, anhaltendes Krachen und Prasseln, das jedes andere Geräusch übertönte, und als das furchtbare Getöse endlich verstummt war, erblickten die entsetzten Zuschauer an Stelle des Dachstuhls nur noch ein wogendes Feuermeer.

Eine versengende Hitze strahlte von der Glut her und lähmte die Hände und Herzen der wortlos Harrenden. Auch Sabo empfand die Schwüle und fühlte, wie sein Herz in bangen Schlägen gegen den goldbetreßten Rock pochte. Er wandte sich und lenkte den Schritt nach dem Schlosse.

Doch, horch, ein vielstimmiges Eljen brauste jetzt durch die Luft; das Jubelgeschrei wollte nicht enden. Zagend blieb Sabo stehen und sah zurück. Er sah Irma in der Fensteröffnung, auf dem Arm das Kind, mitten in der roten Glut.

Zehn helfende Hände streckten sich ihr entgegen; man trug sie über die rauchenden Trümmer hinweg. Sie schwankte, als sie den sichern Boden unter den Füßen fühlte, doch ging sie zur alten Betha. Die kniete vor ihr nieder und küßte unter Schluchzen den Saum ihres Kleides.

»Nun sind wir quitt, nicht wahr?« sagte sie noch leise, dann sank sie neben der Alten nieder, und ihre Augen schlossen sich in tiefer Ohnmacht.

Als sie wieder erwachte, lag sie in dem Zimmer ihres Vaters, sorglich gebettet. Um ihren Kopf schlang sich eine Binde, sie fühlte, daß es darunter brannte, und erinnerte sich, wie ein stürzender Balken sie gestreift hatte, als sie das Kind nach der Wandöffnung trug. Ihr Vater beugte sich über sie, tiefen Kummer in den greisen Zügen.

An der Seite des Ruhebettes kniete Koloman. Er hielt ihre herabhangende Hand und sah mit heißen, brennenden Augen zu ihr auf. »Irma,« sagte er, »tollkühnes Kind, was hast du getan! Seit man dich hier hereingetragen hat, habe ich Qualen ausgestanden, wie noch nie in meinem Leben. Du hättest den Tod davon haben können. Irma, wie konntest du das tun!«

Sie richtete sich auf und sah ihn mit einem ernsten, langen Blick an. » Tant de bruit pour une omelette,« sagte sie mit unbeschreiblichem Hohn und wandte sich von ihm ab.

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