Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Verschiedene Autoren: Lebenswogen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorVerschiedene Autoren
titleLebenswogen
publisherVerlag von Bischof & Klein, G. m. b. h
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170210
projectid34c8e8fa
Schließen

Navigation:

Im schwarzen Fleet.

Erzählung von Friedrich Meister.

 

Henry Lubau war noch vor wenigen Jahren der berühmteste und bekannteste Vertreter der Gold-Jugend in der alten freien und Hansestadt Hamburg. Er gehörte zu derjenigen Klasse reicher und unabhängiger junger Männer, die in keinem andern Teile unsers Kontinents so eigenartig gedeihen, wie gerade auf dem Boden der mächtigen und blühenden Seestadt. Man findet in ihr weder die blasierte Uebersättigung der jungen »Löwen« der in allen Torheiten tonangebenden Seine-Stadt, noch die Ueberhebung des Nachwuchses der Geld- und Adels-Aristokratie der Reichshauptstadt an der Spree.

Der reiche junge Hamburger hat in seinem Wesen einen sehr bemerkbaren internationalen Zug; seine Vorfahren sind handeltreibende Schiffsreeder gewesen, die einen großen Teil des Weltmarktes beherrschten und wohl auch Besitzungen in überseeischen Ländern erworben hatten. Er hat seine Jünglingsjahre, nachdem er eine der hohen Schulen seiner Heimat durchlaufen hat, teils auf weiten Reisen zu Lande und zu Wasser, teils in den Kontoren befreundeter Kaufherren in Brasilien, in Chile oder Bolivia, in China, Japan oder Ost-Indien zugebracht und ist dann, gebräunt von der Sonne heißerer Zonen und gereift an Charakter und Anschauungen, in die Vaterstadt zurückgekehrt, um entweder der jüngere Chef des väterlichen Handelshauses zu werden oder sein Erbe anzutreten und »vorläufig« nach einer arbeitsvollen Jugendzeit ein wenig den müßigen reichen Mann zu spielen.

Zu den letzteren gehörte Henry Lubau. Er stammte aus einer der ältesten Patrizier-Familien, die in den Zeiten der Blüte des Hansabundes der nordischen Meereskönigin manchen kriegerischen Admiral, manchen ehrenhaften Senator und sogar einen Bürgermeister geschenkt hatte. Es rollte edles Blut in seinen Adern, sonst hätte er das auch nicht vollbringen können, was in dieser Geschichte zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt erzählt werden soll. Von Geschlecht zu Geschlecht hatten Glück und Verdienst immer neue Ehren und Reichtümer auf die vornehme Familie der Lubau gehäuft; Henry war der jüngste und einzige männliche Sproß der Familie, und auf ihn kann das Wort angewendet werden, daß der wärmste Sonnenschein die beste und würzigste Frucht zeitigt – allerdings auch das schnödeste Unkraut.

Henry Lubau aber war eine auserwählte Frucht von einem auserwählten Stamme. Das wußte nicht nur die gesamte Patrizierwelt des großen Hamburger Stadtgebiets, das wußte auch ganz besonders der Salanganen-Klub.

Wer hätte nicht vom Salanganen-Klub gehört? Zur Zeit dieser Geschichte zählten die besten der jungen vornehmen Söhne Hamburgs zu seinen Mitgliedern, und Henry Lubau war sein Mittelpunkt und Lebensnerv, er, dessen Antlitz, wie die »Salanganen« meinten, dem großen britischen Reiche glich, weil es zu keiner Tages- oder Nachtzeit des Sonnenscheins entbehrte. Sein stets heiteres Gemüt, seine Liebe zur Geselligkeit, seine feinfühlende Teilnahme für jeden Menschen, der mit ihm in Berührung kam, sein schnelles Verständnis für die guten Seiten anderer, das alles hatte ihm die unbestrittene Herrschaft über die gesamte Hamburger vornehme Gesellschaft erworben. Und das will in den Kreisen der vornehmen Handelsfürsten etwas bedeuten.

Henry war damals, zur Zeit der höchsten Blüte des Salanganen-Klubs, etwa dreißig Jahre alt. Junge Lebemänner gründen einen solchen Klub nicht, um einander moralische Vorlesungen zu halten oder der Mäßigkeit einen Altar zu errichten. Sie kommen zusammen um des geselligen Vergnügens willen, um mit einander zu essen und zu trinken, zu rauchen und zu plaudern. Henry trank nie viel, er verlor unter keinen Umständen seine Selbstbeherrschung; allein es gab unter den Mitgliedern des lebensfrohen Klubs manchen jungen Mann, dem der Verkehr in den eleganten Räumen ebenso verderblich wurde, wie der Motte das Licht.

Einer dieser armen Teufel, die sich fortwährend die Flügel verbrannten, war der blondlockige und blauäugige Redakteur des »Alsterbootes«, eines modernen Sport-Blattes. Er hieß Hans von Appen, und alle seine Freunde glaubten fest an seine Fähigkeiten und zweifelten nicht an seiner großen Zukunft. Sein Schriftsteller-Name war »Baron Bertram«, und fast nur so wurde er auch im Klub genannt. Er hing mit leidenschaftlicher Liebe an Henry Lubau und betrank sich an jedem Klubabend bis zur Bewußtlosigkeit. Er verschwendete alles, was er hatte und alles, was er einnahm; sein Äußeres wurde schäbig, er entnahm von Henry, der eine allezeit offene Hand hatte, Darlehn auf Darlehn, bis er endlich ehrenhalber nichts mehr borgen durfte.

Um das Maß seines Elends vollzumachen, hatte er erst kürzlich geheiratet; er fühlte seine Schmach so tief, daß er nun noch mehr trank, um wenigstens zeitweilig zu vergessen. So wurde sein Ruin vollständig. Er verschwand aus dem Salanganen-Klub sowohl wie auch aus der Redaktion des »Alsterbootes« und aus der guten Gesellschaft im allgemeinen und fristete zuletzt sein Leben und das seiner Frau und seines Kindes, soweit er für die letzteren Brot und für sich Branntwein brauchte, durch untergeordnete Beiträge, zumeist Mord- und Schauergeschichten, für gewisse, sensationsbedürftige Blätter, die ihre Leser hauptsächlich im Hafenviertel und in der Vorstadt Sankt Pauli suchten.

Aber auch zu den angegebenen Bedürfnissen hätte der Ertrag seiner Leistungen nicht hingereicht, wenn diese Arbeiten nach ihrem wahren Werte bezahlt worden wären. Henry Lubau hielt noch immer seine Hand über dem Gesunkenen. Er hatte seinen Freund Paul Dryander abgesendet – er pflegte seit langer Zeit alle seine Missionen verborgener Nächstenliebe durch Paul Dryander ausführen zu lassen – um auszukundschaften, wo der Baron Bertram seine Artikel verkaufte, und so wurde das Honorar für jede Arbeit auf Henry Lubaus Rechnung verdoppelt.

Paul Dryander war entfernt verwandt mit Henry Lubau, ein stiller, zurückgezogen lebender Mensch von dreiunddreißig Jahren, der in Kiel Theologie studiert hatte. Der Unterschied zwischen ihm und Henry konnte nicht größer sein, als er war. Henry beherrschte ganz die Verhältnisse der guten Gesellschaft; sein Gefühl sagte ihm untrüglich, wie ein Ding angefaßt werden müßte, und sein Beispiel hatte in den feinen Kreisen Gesetzeskraft. Er war ein Mann von Welt, wie er vollkommener nicht gedacht werden kann. Dryander dagegen fürchtete sich fast vor seinem eigenen Schatten, und in dem Verkehr mit der Gesellschaft sah er nichts, als eine fortlaufende Kette der peinlichsten Verlegenheiten für seine Person. Ab und zu hatte er Henry in den Salanganen-Klub begleitet, aber nur mit äußerster Selbstüberwindung. Das Klubleben gefiel ihm nicht; wenn es auch für manchen gefahrlos war und blieb, so gingen wieder andere rettungslos daran zu Grunde; das beobachtete er sehr bald. Er erklärte deswegen seinem Freunde in dieser Beziehung offen seine Mißbilligung und seinen Widerwillen.

Trotz seines ruhigen, beinahe scheuen Wesens war er ein Mann von unerschütterlicher Charakterstärke. Kurz vor dem zweiten Examen stehend, hatte er plötzlich den Entschluß gefaßt, die Theologie als Beruf aufzugeben. Er meinte, er könnte seinen Mitmenschen mehr nützen, wenn er mitten unter ihnen bliebe, als in den »klerikalen Schranken«, wie er es nannte, und von der hohen Kanzel aus. Er besaß ein kleines Vermögen, das ihm eine bescheidene Rente gewährte, und so mietete er sich eine Junggesellenwohnung im »Schwarzen Fleet«, einer der längsten, finstersten, unheimlichsten und übelberufensten Gassen des alten Hamburgs. Hier widmete er sich und seinen weltlichen Besitz gänzlich den körperlichen und geistigen Bedürfnissen seiner Nachbarn; er kletterte himmelhohe, finstere und wacklige Treppen empor, und stieg in dumpfe, moderduftende Keller hinab. Jetzt redete er sanft und ernst mit der dicken Wirtin einer Schnapsschenke, dann wieder sprach er rührende und erhebende Worte an der ins Haus geschafften Leiche eines im Trunk verunglückten Schiffs-Schauermannes. Die Pastoren fragten nicht nach ihm, und er wiederum meinte, daß das Finden einer neuen Auslegung zu einer Stelle in irgend einem alten Kirchenvater nicht zum hundertsten Teile so fesselnd und befriedigend wäre, wie das Ausgraben einer Menschenseele aus dem Schlamm und Schmutz des Schwarzen Fleets.

Dabei fehlte es ihm niemals an Mitteln bei der Ausübung seines selbstgewählten Berufs. Henry Lubaus großes, in den besten Unternehmungen angelegtes Vermögen warf überreiche Zinsen ab und der junge Mann verstand zu geben.

Es war vor einigen Jahren, am Abend des ersten Dezembers. Henry Lubau saß, in einen kostbaren türkischen Schlafrock gehüllt, in seinem bequemen, aus Jakaranda-Holz kunstvoll geschnitzten Lehnstuhl vor dem großen, runden Tische seines Bibliothekzimmers und wartete auf Paul Dryander, der gewöhnlich an diesem Monatstage kam, um sich die von Henry zu wohltätigen Zwecken bestimmte, immer auf vier Wochen berechnete Summe zu holen. Henry richtete es stets so ein, daß er an diesem Abend keine gesellschaftlichen Verpflichtungen hatte.

Die beiden alten Freunde, deren Lebenswege so weit auseinander gingen, freuten sich immer herzlich auf dieses Beisammensein und Paul hatte oft erklärt, daß er diesen einen Abend im Monat sehr notwendig brauche, um etwas von Henrys Sonnenschein hinaustragen zu können in die Finsternis des Schwarzen Fleets. Henry dagegen behauptete, daß Paul stets mehr Sonnenschein mitbrächte, als er mitnehmen könnte; und damit mochte es wohl auch seine Richtigkeit haben. Denn der junge Millionär hatte in den letzten Jahren doch manche seiner Vollkommenheiten eingebüßt, wie es allen solchen Leuten zu gehen pflegt, deren Leben des bestimmten Zweckes entbehrt; auf seinen edlen Zügen zeigten sich zuweilen Schatten, die man früher niemals wahrgenommen hatte. Seine Rede aber und sein Wesen waren noch so bezaubernd, wie je zuvor.

Es war eine merkwürdige Tatsache, daß Dryander niemals versucht hatte, seinen Freund zu bewegen, das müßige, in vielen Beziehungen doch so durchaus eigennützige Leben aufzugeben und in Bahnen einzulenken, die für ihn selber und für seine Mitmenschen ersprießlicher wären. Aber es dauerte immer eine Weile, ehe er jemand persönlich auf den Leib rückte. Gerade hierin lag das Geheimnis seiner Erfolge unter den Armen und Verkommenen; er konnte zwanzigmal mit einem Sklaven dieses oder jenes Lasters zusammenkommen, ohne den betreffenden wunden Punkt zu berühren; dann aber, wenn der andere das am wenigsten erwartete, erfolgte der Angriff und die fast immer widerstandslose Überrumpelung. Und wenn er einen solchen Menschen erst einmal gefaßt hatte, dann gab er seine Beute unter keinen Umständen wieder auf.

An diesem Abend des ersten Dezembers also traf er wieder pünktlich bei seinem Freunde ein und saß nun in dem vornehmen Gemache und lauschte den Erzählungen Henry Lubaus aus Lebenskreisen, die denen, in welchen er zu verkehren und zu wirken halte, so durchaus antipodisch waren. Unsre Antipoden wohnen nämlich nicht nur auf dem uns entgegengesetzten Punkte der Erdkugel, sondern meist schon ganz in unserer Nähe, vielleicht sogar um die nächste Straßenecke. Er lauschte aufmerksam und lächelte über die mit unnachahmlicher Schärfe und mit treffendem Witze gezeichneten Skizzen, die Henry ihm vorführte, bis die silberne Glocke der Stutzuhr auf dem Schreibtisch die Mitternachtstunde verkündete.

Jetzt schickte er sich an, den Freund wieder zu verlassen und sich zurückzubegeben in sein inmitten der lärmenden Matrosen- und Arbeiterschenken des Schwarzen Fleets liegendes ärmliches Heim.

Henry nahm sein Scheckbuch aus der Schublade, beschrieb eine Seite darin, riß den Bankzettel ab und händigte ihn Paul Dryander ein.

»Ich muß diesmal mehr haben, Henry,« sagte Paul in seiner ruhigen, ernsten Weise, indem seine grauen Augen fest in die blauen des Freundes blickten.

»Hast du diesmal mehr brot- und feuerungsbedürftige Witwen aufgestöbert als sonst?« scherzte Henry. »Wieviel soll's denn sein, alter Junge? Das Doppelte? Sag' nur, was du willst. Einem so guten Engel, wie dir, würde ich die Hälfte meines Vermögens anvertrauen. Was ich sonst ausgebe und verschwende, gewährt mir nicht den zehnten Teil der Freude und der Befriedigung, die mir aus dem erwachsen, was ich dir gebe. Wenn ich zum Beispiel in der Oper sitze und das Gekreisch der Signora Scrarchioli höre, dann kommt mir im stillen der Gedanke: Um diese Zeit geht Paul aus und steht mit meinem Gelde dem oder jenem armen Schlucker in seinen Nöten bei. Auf diese leichte und angenehme Weise verschaffe ich mir ein gutes Gewissen. Hier, Paul, ist ein anderer Zettel über das Doppelte, gib mir den ersten wieder.«

»Ich brauche aber noch mehr, Henry.« Der Blick Dryanders wurde so seltsam bohrend, daß der andere sein heiteres Gleichgewicht beinahe ein wenig erschüttert fühlte, eine Empfindung, die ihm ganz neu und fremdartig vorkam.

»Von Herzen gern, Paul. Wieviel denn? Nur heraus mit der Sprache, bester Junge! Ich habe dir ja gesagt, daß dir die Hälfte meines Erdenbesitzes zur Verfügung steht.« Dabei griff Henry Lubau wieder zur Feder und begann einen neuen Bankzettel zu datieren.

»Fast fürchte ich mich, dir meine Bitte vorzutragen, Henry,« entgegnete Paul Dryander ruhig. »Ich brauche mehr als die Hälfte deiner Besitztümer, mehr als alles, was dein ist.«

»Du machst mich in der Tat neugierig; so habe ich dich noch nie gesehen, Paul,« sagte Henry. Dann nahm er ein Stück Papier, faltete es zu einem Fidibus, hielt denselben über den Zylinder der Gaslampe und zündete damit bedächtig und anmutig seine Zigarre an, indem er dadurch die Unruhe zu verbergen suchte, die der schwermütig forschende Blick des Freundes in ihm erweckt hatte.

Obgleich Dryander, wie bereits erwähnt, in allen Dingen, die das gesellschaftliche Leben anbetrafen, in hohem Grade furchtsam und unruhig war, so zeigte er doch starke moralische Kraft, wenn es sich um geistige Dinge handelte. So saß er auch jetzt und sah Henry unverwandt an, bis dieser seine Zigarre angezündet, den Fidibus aus den bronzenen Aschbecher gelegt, dann den Brand des duftenden Krautes eine Weile beobachtet und endlich zögernd seinen Blick wieder zu den ernsten, grauen Augen erhoben hatte, die keinen Augenblick ihren schwermütig forschenden Ausdruck verloren.

»Ich brauche dich selber, Henry.«

Jetzt brach Henry in ein lautes, fröhliches Gelächter aus. »Mich, Paul? Meiner Treu, ich würde einen schönen Missionar abgeben! Hahaha! Ich hätte doch geglaubt, daß du mich richtiger kennst. Wenn ich überhaupt Talent habe, dann nur für eins, für die Gesellschaft. Ich bin bis ins innerste Mark ein Mann von Welt, weiter nichts – allerdings wenig genug; aber auf deiner erhabenen Spur vermag ich dir nicht zu folgen. Ich gäbe übrigens viel darum, wenn ich so gut sein könnte, wie du bist; allein ich bin nun einmal nicht danach gebaut. Ich bin ein Weltkind und wirklich weiter nichts.«

»Gerade als solches brauche ich dich,« sagte Paul, noch immer mit demselben zärtlichen, schwermütig forschenden Blick in des Freundes Auge blickend. »Wenn ich einen Missionar haben wollte, dann wäre ich schwerlich zu dir gekommen; aber ich brauche einen Mann von Welt für das Schwarze Fleet. Du bist ein solcher, ein Mann für alle Welt. Ich habe gesehen, wie ein Kohlenträger, den du bezahltest, über deine Art und Weise in Entzücken geriet und dir wie einem höhern Wesen nachstarrte. Henry, du bist der großartigste Mann von Welt, den es geben kann. Hast du als ein solcher das Recht, ein fast nutzloses Leben zu führen? Ich fordere dich von dir selber für den Dienst Gottes und für den Dienst an meinen Elenden im Schwarzen Fleet und ich sage dir, daß ich dich eines Tages haben werde.«

Die sichere Festigkeit, mit der er diese Worte sprach, und die unerschütterliche Überzeugung, die dabei in seinen ruhigen, grauen Augen lag, woben einen Bann um Henry Lubau, so daß es dem Weltmann schwer wurde, seine Unbefangenheit aufrecht zu erhalten. »Ich will dir etwas sagen, Paul,« begann er nach einer Pause. »Ich fühle keine Berufung zu dem Dinge. Ich bin Epikuräer. Höre mir zu. Vor kurzem habe ich einige Verse gelesen, deren Inhalt mir im Gedächtnis geblieben ist. Es handelte sich um jemand, der den vollen Strom seines Lebens nicht eindämmen und in einen stagnierenden Pfuhl verwandeln, auch dessen Kraft nicht prosaisch und systematisch zu einem eintönigen Tagewerk zwingen mochte. Frei wie ein Bergwasser wollte er dahinstäuben, durch frische Matten fließen, von denen duftige Blumen ihm winkten, und wenn er endlich, am Abgrunde angelangt, jäh in die Tiefe stürzen mußte, dann sollte hoch über seinem Fall ein Regenbogen schimmernd emporsteigen. Ähnlich, glaube ich, habe ich zuweilen selber gedacht.«

»Henry,« entgegnete Paul Dryander, »ich will dir keinen Sermon halten; denn du selber weißt sehr wohl, daß ein solches egoistisches Dahintreiben auf dem Strome der Launen und Triebe, wie es dein mir unbekannter Dichter zu verherrlichen bemüht ist, keinen andern Namen verdient, als den schnöder Trägheit; und du weißt ferner, daß solche schnöde Trägheit stets und immer notwendig zu etwas Schlimmerm führt. Die Verse, die du soeben erwähntest, lassen unwillkürlich das Bestreben durchblicken, die mahnende und strafende Stimme des Gewissens zu beschwichtigen; ihr Verfasser muß ein Mensch gewesen sein, der seine Kräfte und Fähigkeiten in unverantwortlicher Weise verschwendet hat. Nimm den Bankzettel zurück,« sagte er, indem er aufstand und nach Hut und Mantel griff; »der erste genügt mir. Aber vergiß nicht, daß Gott und das Schwarze Fleet nach dir rufen, und daß sie dich auch eines Tages haben werden. Vergiß das nicht, du mein edler, warmherziger Freund. Und nun lebe wohl. Gott sei mit dir.«

Damit schüttelte er des andern Hand und ging hinaus.

*

In jenem Dezember waren die Soireen und Ballfestlichkeiten in den Kreisen der oberen Zehntausend der alten, reichen See- und Hansestadt besonders zahlreich, und Henry Lubau hatte ernstliche Mühe, seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen zur Zufriedenheit aller Beteiligten nachzukommen, da seine Liebenswürdigkeit ihm nicht gestattete, eine Einladung abzuschlagen, das heißt, wenn sie aus jenen aristokratischen Vierteln an ihn ergangen war, die sich hauptsächlich um die Binnen- und Außen-Alster gruppieren, neuerdings aber auch vor dem Dammtor und am »Grindel« ihre Heimstätten haben. Das Schwarze Fleet aber und die dort sich kreuzenden »Gänge«, wie man in Hamburg die schmalen Gassen der Armen- und Verbrecherviertel nennt, waren fast gänzlich aus seinem Gedächtnis verschwunden. Er wußte, daß Paul Dryander diese Angelegenheit schon wieder zur Sprache bringen würde, wenn er sich am 1. Januar die neue Bankanweisung holte, und er sah auch voraus, wie unangenehm und unbequem ihm das sein würde. Denn tief in seiner Brust regte sich merkwürdigerweise etwas, das der sehr seltsamen Forderung des Freundes zustimmte.

Henry war eben nicht bloß Epikuräer. Einer Seele wie der seinigen, konnte der Grundsatz: »Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot«, auf die Dauer nicht genügen. Vorläufig aber wollte er sich noch nicht auf ernstere Gedanken einlassen; es war ihm ein beruhigendes Bewußtsein, daß Paul sicherlich nicht vergessen würde, ihn zur rechten Zeit an seine Pflicht zu erinnern. Außerdem hatte er gerade jetzt das Ziel seines Ehrgeizes erreicht. Er war zum Präsidenten des Salanganenklubs gewählt worden; am heiligen Weihnachtsabend sollte er zum erstenmal den Stuhl seiner neuen Würde einnehmen.

Er war soeben vor dem hell erleuchteten Eingänge des Klubhauses aus seinem Wagen gesprungen, als er auf den wohlbeleibten Sanitätsrat Sieveking stieß, der ein besonders eifriger »Salangane« war.

»Guten Abend, Lubau,« sagte der Doktor; »wie geht's Ihrem Vetter Dryander? Noch nicht besser?«

Ein eiskalter Schreck und eine düstere Ahnung bemächtigten sich Henry's.

»Ist er denn krank?« fragte er.

»Wissen Sie denn nichts davon? Na ja, das sieht dem Dryander wieder ähnlich. Vor vierzehn Tagen ist er von den schwarzen Pocken befallen worden. Ich hatte mich erboten, die gesetzliche Strafe zu riskieren und den Fall nicht zu melden. Ich wollte ihn in seiner Wohnung behandeln. Aber da kam ich schlecht an. Wenn ich den Fall nicht meldete, meinte er, dann müßte er selber dies tun; die Gesundheits-Polizei hätte vorgeschrieben, daß alle Pockenkranken so schleunig wie möglich in die Baracken des städtischen Krankenhauses eingeliefert werden sollten; er wollte und dürfte keine Ausnahme machen, um so weniger, als er den Bewohnern des schwarzen Fleets, wo die Epidemie ganz besonders heftig aufgetreten ist, mit einem guten Beispiel vorangehen müßte. Da ließ ich ihm natürlich seinen Willen und beförderte ihn nach den Baracken. Und Ihnen hat er keine Nachricht zugehen lassen? Sicherlich, um zu verhindern, daß Sie ihn besuchen und sich selber der Gefahr der Ansteckung aussetzten. Ein außerordentlicher Mann; nicht viele gibt's von seiner Sorte.« Mit diesen Worten wendete sich der Doktor einigen Neuangekommenen zu und ging mit ihnen die teppichbelegte Treppe hinauf.

Auf diese Weise wurde dem Präsidenten des Salanganen-Klubs das Weihnachtsdiner verdorben.

Es gibt in dieser Welt zwei recht unbequeme Dinge: das Gewissen und das feinfühlige Herz. Henry wurde von beiden geplagt. Während die Pfropfen knallten, und die Toaste durch den prächtigen Saal hallten, mußte er immer an den armen Paul denken, der um dieselbe Zeit in der Pockenbaracke lag. In seiner brillanten Erwiderung auf das dem neuen Präsidenten gebrachte Hoch hatte er ernstlich mit seiner Zerstreutheit zu kämpfen, und es fehlte nur wenig, daß er die zahlreiche und glänzende Versammlung statt mit »Meine Herren vom Salanganen-Klub« mit »Meine Herren vom Pocken-Hospital« angeredet hätte. Dann aber sprach er den erlesenen Weinen eifriger zu als je zuvor, so daß die ihm zunächst Sitzenden endlich anfingen, einander bezeichnende Blicke zuzuwerfen und sich zuzuflüstern, daß ihn die neue Würde aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Sie wußten nicht, wie unendlich schal und fade ihm gerade jetzt der berühmte Klub und seine eigene Präsidentschaft erschienen. Wenn ihm nicht bekannt gewesen wäre, wie vergeblich jeder Versuch bleiben mußte, in die Pocken-Baracken Einlaß zu erlangen, er würde sich auf der Stelle beurlaubt haben, um zu dem leidenden Freunde zu eilen.

Es war abends gegen elf Uhr, als Henry das Klubhaus verließ. Dumpf den Kopf und weh das Herz, so trat er aus den lichtschimmernden, von würzigen Punschdüften durchzogenen Räumen in die klare Winternacht hinaus. Sei es nun, daß er in seinen Gedanken des Weges nicht achtete, sei es, daß seine Füße unbewußt der Richtung seiner Gedanken folgten, genug, er schritt direkt geradewegs nach den alten verrufenen Stadtteilen und befand sich endlich im Schwarzen Fleet.

Vor der niedern, mit einer roten Gardine verhängten Glastür einer schmutzigen Schenke machte er Halt und blickte um sich. Lärmendes Stimmengewirr, Gestampf und Gläsergeklirr ertönte aus dem Innern. Er öffnete die Tür und betrat den langen, niedrigen, heißen Raum, der so dicht mit widerlichen Dünsten und mit dem Qualm aus den kurzen Kalkstummeln der Gäste gefüllt war, daß man die entfernteren Gruppen und Dinge nur undeutlich erkennen konnte. Er ging auf die Tonbank zu, hinter welcher die dicke Wirtin und ein nicht häßliches junges Mädchen, ihre Tochter, den hin und her laufenden Schenkmamsells die von den Gästen geforderten Speisen und Getränke verabfolgten.

»Können Sie mir sagen, wo der Herr Dryander hier herum gewohnt hat?« fragte Henry.

»Uns' Herr Kannedat? Ja woll kann ick dat,« entgegnete die Wirtin. »Goan Se man grad' öwer in dat Hus an de Eck' von de Görentwiet, doa het de arme gaude Minsch wohnt.«

Das bezeichnete Haus war ein finsteres, großes Gebäude, auf dessen Hausdiele noch eine Lampe trübe brannte. Auch in vielen der Fenster zeigte sich noch Licht. Im Schwarzen Fleet geht es in der Nacht ebenso lebhaft zu, wie am Tage.

Henry stieg eine Treppe empor und klopfte an die nächste Stubentür. Die Tür öffnete sich, und zwei Frauen, deren eine ein Licht in der Hand hielt, erschienen auf der Schwelle. Die Gesichter beider waren mit Pockennarben übersät.

Der junge Mann fragte, ob er von ihnen erfahren könnte, wo Herr Dryander sich befände.

»Uns' Herr Kannedat? Och, leiwe Gott, junger Herr, de is hüt Nahmiddag, hentau Klock halbig söß storben,« antwortete die jüngere der beiden Frauen, indem sie den Zipfel ihrer rotbunten, breiten Schürze an die Augen drückte.

Die andere trat dicht vor Henry Lubau hin und ließ den Schein des erhobenen Lichtes auf sein Gesicht fallen. Dann rief sie: »Sei möten sin Hinrich wäsen! Sünd Sei sin Hinrich, junger Herr?«

»Wie meinen Sie das?« entgegnet« Henry.

»Ich denk' mi dat so,« sagte die Frau. Dann fuhr sie, immer in ihrer platten Sprache, fort: »Mein Mann, Jochim Mähl, ist Krankenwärter im Pocken-Hospital und hat mir alles von dem seelenguten Herrn erzählt, wie er in einemfort von seinem Hinrich phantasiert hat. »Mein Hinrich, mein Hinrich!« hat er immer gerufen, und mein Mann sagt, daß ihm wohl etwas schwer auf dem Herzen gelegen haben muß, was er seinem Hinrich gern noch gesagt hätte, ehe er zum Sterben kam. Und wie ich nun so Ihr Gesicht hier sehe, junger Herr, da denk' ich mir mit eins, ob Sie wohl unserm guten, seligen Kannedaten sein Hinrich sind.«

»Hat Ihr Mann Ihnen nicht noch mehr von ihm erzählt?«

»Viel hat er nicht verstehen können, weil der arme Herr fortwährend im Delirium gelegen hat. Zumeist hat er immer nach Hinrich verlangt. »Hinrich, Hinrich, Gott und das Schwarze Fleet rufen dich!« hat er immer geschrien. Jochim sagt, daß ihm ordentlich die Haare zu Berge gestiegen sind, wenn er das anhören mußte. Düs sind gewiß schlimme Phantasieen gewesen, die der arme Herr Kannedat gehabt hat, wenn er den lieben Gott mit dem Schwarzen Fleet so zusammen brachte, wo doch viel eher der Teufel sein Teil dran hat. Wenn Sie aber sein Hinrich sind – und Sie sehen mir ganz so aus, als ob Sie wohl zu ihm und seinesgleichen gehören könnten,« –

»Mein Name ist Henry, wennschon ich ihm und seinesgleichen leider Gottes nicht die Schuhriemen lösen darf. Hier, gute Frau, meine Adresse. Sagen Sie Ihrem Mann, er möchte morgen bei Tage zu mir kommen.«

Henry Lubau ging.

»Das muß der reiche Herr sein, von dem unser Herr Kannedat immer das schwere Geld gekriegt hat,« flüsterten die Frauen hinter ihm.

In einer der besseren, breiteren Straßen angelangt, stieß Henry auf den letzten Pferdebahnwagen. Er stieg auf und setzte sich im Innern auf den letzten noch freien Platz. Sechs von den Fahrgästen waren Leute, die, mehr oder weniger trunken, in wüster, lauter Unterhaltung begriffen waren; die anderen schienen junge Frauenzimmer von der Straße zu sein. Der einen fehlten einige Pfennige an dem Fahrgelde; der Schaffner leistete großmütig darauf Verzicht und ließ sie unangefochten weiter mitfahren.

»Weil's heiliger Abend ist,« sagte er lächelnd zu Henry. »Du lieber Gott, solche arme Kreatur hat sowieso nur ein elendes Leben.«

Ja, unsre Antipoden wohnen nicht nur auf der jenseitigen Halbkugel, sie sitzen auch oft mit uns im Pferdebahnwagen.

An der nächsten Haltestelle erhob sich einer von der halbtrunkenen Gesellschaft und drängte sich an Henry vorüber zur Wagentür hinaus; dabei wendete er sein hageres Gesicht auf einen Augenblick dem Sitzenden zu. Plötzlich tat er erschrocken einen Ausruf des Erkennens, flüchtete mit einem jähen Satze vom Wagen und verschwand in der Finsternis. Henry saß erstaunt, aber erst als der Wagen längst wieder in Bewegung war, kam ihm der Gedanke, daß dieser Mensch mit dem langen, wirren, blonden Haar kein anderer als der unglückliche Hans von Appen gewesen sein könnte, der einst so brillante Baron Bertram vom Salanganen-Klub.

Als Henry wieder in seinen Gemächern angelangt war, machte er die Wahrnehmung, daß sich seiner ein leiser Anflug abergläubischer Furcht bemächtigt hatte. Er nahm den als Briefbeschwerer dienenden, antiken, mit grünem Edelrost bedeckten Dolch auf, den Paul Dryander bei seiner letzten Anwesenheit hier im Bibliothekzimmer spielend in der Hand gehalten hatte und wiederholte sich, indem er seine Zigarre rauchte, die damals mit dem Freunde geführte Unterhaltung nachdenklich Satz für Satz.

Mochte es nun die Wirkung der bei dem Salanganen-Diner reichlich genossenen Getränke, oder mochte es die Folge der erschütternden Nachricht von Pauls Tode gewesen sein, genug, als er später zu Bette ging, empfand er am ganzen Körper ein eigentümlich fröstelndes, nervöses Beben.

Er hatte ungefähr eine Stunde geschlafen, als er plötzlich durch eine Stimme geweckt wurde, die im breitesten Dialekt der Fleete, Gänge und Twisten die Worte sagte: »Sünd Sei sin Hinrich, junger Herr?«

Er fuhr empor und sah sich um. Unter dem Einfluß der vorerwähnten abergläubischen Empfindung hatte er, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, die mit einem dunklen Schirm bedeckte Lampe auf dem großen, runden Tisch im Bibliothek-Zimmer brennen lassen. Das eigentümliche Dämmerlicht, welches durch die offene Tür in das Schlafgemach fiel, machte ihn schaudern, und er erwartete jeden Augenblick, die Frau des Krankenwärters aus dem Schwarzen Fleet vor sein Bett treten zu sehen. Dann aber schüttelte er die Furcht ab, legte sich auf die rechte Seite, weil er vorher auf der linken gelegen hatte, und versank wieder in einen ruhigen Schlaf. Gleich darauf aber fuhr er von neuem empor und saß schreckensstarr steif aufrecht, weil er zum zweitenmal die Stimme zu hören vermeint hatte: »Sünd Sei sin Hinrich, junger Herr?«

Dabei glaubte er zu fühlen, daß jemand dort drinnen an dem Tisch saß. Henry Lubaus persönlicher Mut war über allen Zweifel erhaben, dennoch dauerte es eine geraume Zeit, ehe er sich entschließen konnte, die halbe Wendung zu machen und nach dem Tische hinzublicken.

Er gewahrte nichts Ungewöhnliches; beruhigt legte er sich wieder nieder und zog das Kopfkissen vorsorglich fest um die Ohren. Diesmal aber war er erst im beginnenden Halbschlummer, als er zum drittenmal und unmittelbar über seinem Kopfe dieselben Wortevernahm: »Sünd Sei sin Hinrich, junger Herr?«

Henry Lubau lag ganz still und blickte zu dem künstlichen Holzschnitzwerk empor, welches das hohe Kopfstück seiner umfangreichen Bettstatt verzierte; er tat dies einesteils, weil die Stimme von dort oben gekommen war, andernteils aber auch, weil er sich fürchtete, nach dem Tische hinzublicken; denn er wußte genau, so genau, als ob er bereits hingesehen hätte, was er dort erblicken würde. Er wußte, daß die grauen, magnetischen Augen unverwandt auf ihn gerichtet waren, und daß sie ihn ohne Unterlaß anschauen würden, bis er sich endlich gezwungen sähe, sich herumzuwenden. Er fühlte den Blick dieser Augen noch ehe er ihn sah.

Nach einer Weile wandte er sein Gesicht dem Zimmer zu. Und jetzt – sah er. In dem Sessel am Tische saß der Schatten, der Geist, das Wesen aus dem Jenseits – Paul Dryander. Er erkannte ihn bei dem gedämpften Lichte an seiner Adlernase und an seinen grauen Augen, die ihn mit dem alten, schwermütig forschenden Blicke betrachteten, an dem ganzen, lieben Gesicht, das jetzt aber allenthalben mit tiefen Pockennarben bedeckt war. Henry sah dies alles klar und deutlich, zugleich aber konnte er ebenso deutlich durch die Erscheinung hindurchsehen und die hinter ihr befindlichen Gegenstände erkennen. Jetzt nahm der Schatten den bronzenen Dolch in die Hand und spielte damit, gerade so, wie vor drei Wochen Paul Dryander getan hatte, und in diesem Augenblick bildete sich Henry so fest ein, daß er seinen alten Freund wirklich vor sich hätte, daß er sich anschickte, aus dem Bette zu springen, um dem Verlorengegebenen die Hand zu drücken. Allein die vollständige Durchsichtigkeit der Erscheinung hielt ihn hiervon wiederum zurück, und, von Grauen übermannt, bedeckte er zitternd sein Gesicht mit den Händen.

»Was willst du von mir,« fragte er, endlich wieder aufblickend.

»Ich will dich selber, Henry,« sagte der Geist. Und die grauen Augen sahen ihn ernster und magnetischer an, als je zuvor.

Henry stand auf und kleidete sich an; er fühlte sich widerstandslos; jeder selbständige Wille hatte ihn verlassen; der schwermütig liebevolle und doch so gebietende Blick Paul Dryanders hatte ihn in Fesseln geschlagen, die abzuschütteln er weder wünschte noch vermochte. Derselbe Blick bezeichnete ihm auch die Kleidungsstücke, die er anzulegen hatte, und so stand er bald im vollen Winteranzug und zum nächtlichen Ausgehen bereit.

»Wohin gehen wir?« fragte Henry und wunderte sich im stillen über den Klang seiner eigenen Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien.

»Nach dem Schwarzen Fleet,« antwortete der Geist, der allerdings nie den Mund auftat, dessen Entgegnungen Henry auch nicht hörte, die ihm aber trotzdem deutlicher zum Bewußtsein kamen, als durch gesprochene Worte. Gleich darauf sah er sich an der Seite der Erscheinung durch die stillen Straßen schreiten. Sie kamen an verschiedenen Polizisten und Nachtwächtern vorüber, die aber zu Henry's Verwunderung weder ihn noch seinen überirdischen Begleiter im geringsten beachteten. Der gefrorene Schnee knirschte unter den schweren Stiefeln der Sicherheitsbeamten, und jetzt bemerkte Henry mit Schaudern, daß weder sein noch seines Nebenmannes Tritt irgend ein Geräusch hervorbrachte. War er denn ebenfalls aus seiner irdischen Hülle herausgefahren und gegenwärtig nur ein wesenloser Geist? Träumte er denn?

Im Schwarzen Fleet angekommen, begaben sie sich zuerst in eine große Wirtschaft, in der es trotz der vorgeschrittenen Nachtzeit noch sehr laut und lärmend zuging. Henry konnte nicht begreifen, warum der Geist ihn hierher, in diese schreckliche Luft von schlechtem Tabak und noch schlechterem Fusel, geführt hatte. Ein wildes Durcheinander von aufgeregten Stimmen drang an sein Ohr; Seefahrer verschiedener Nationen schwatzten und schrieen hier in drei oder vier verschiedenen Sprachen durcheinander. An der langen Tonbank standen sechs junge Kerle, zwei Hamburger Matrosen, ein Däne, ein Schwede, ein Portugiese und ein Amerikaner, die sich gegenseitig in dampfendem Grog zutranken.

Paul Dryanders Geist schien jemand zu suchen; er führte seinen Freund von Tisch zu Tisch, von Gruppe zu Gruppe. Nicht einer von all den Leuten kümmerte sich im mindesten um die Anwesenheit der beiden, hier sicherlich fremdartigen Besucher, und jetzt gelangte Henry zu der Ueberzeugung, daß er sowohl wie sein Begleiter den Augen der andern unsichtbar waren.

Vor einem Tische, an welchem zwei junge Hafenarbeiter bei Grog und Kartenspiel ihren Weihnachtsabend verbrachten, blieb Dryanders Geist stehen. Im Wein ist Wahrheit, sagt ein altes Wort; auf Schnaps angewendet, bleibt es ebenso richtig.

»Du, Pietje, ich mag nicht mehr,« sagte der eine, indem er mit der linken Faust, in der er die Karten hielt, auf den Tisch schlug. »Meine alte Mutter hat mir heute den ganzen Nachmittag was vorgeheult; ich sollte die Stütze ihres Alters sein, anstatt in den Wirtschaften das Geld totzuschlagen, sagt sie; und noch dazu am Weihnachtsabend. Und sie hat recht, sage ich dir, Pietje, sie hat recht – verdammt. Wie? was sagst du? wie?«

»Gewiß, Koarl, gewiß hat sie recht, das wissen wir längst,« brummte der andre, »man kann aber doch nicht ewig zu Hause hinterm Ofen sitzen. Man will doch auch mal andre Leute sehen. Was soll man machen? Spiel' aus, Koarl.«

»Das habe ich der alten Frau auch gesagt. Mutter, hab' ich gesagt, ich kann nicht ewig bei dir zu Hause sitzen und die vier Wände ansehen oder die »Reform« zehnmal von hinten bis vorn durchlesen. Ich muß auch mal andre Leute sehen. Mir ist's nicht ums Trinken, bloß um die Gesellschaft. Aber natürlich, wo alle trinken, da kann ich allein nicht trocken sitzen, und – da hast du's. Ehe ich noch daran denke, bin ich schwer geladen – so wie jetzt; ich bin schon wieder wie'n blinder Musikant. Ich muß ausspielen? Verd..! wie? was sagst du? wie?«

Er warf die Karten auf den Tisch, schob die schwieligen Hände in die Hosentaschen, lehnte sich in den Stuhl zurück und fuhr fort, während der andre stumpf in sein Glas blickte: »Ein junger Kerl muß Gesellschaft haben, wenigstens ein paarmal in der Woche – nach Feierabend. Wo gibt's aber Gesellschaft für unsereinen? wie? was sagst du? wie? Hier bei Mutter Gröngröft, in der Wirtschaft, oder im Hafenkeller, oder bei der roten Minna, oder im Hamburger Wappen, oder draußen in St. Pauli, ja. Hab' ich recht, Pietje? wie? was sagst du? wie?«

»Ja, Koarl.«

»Die reichen Kerls haben ihren Klub auch bloß der Gesellschaft wegen, das kannst du mir dreist glauben, Pietje. Wie? was sagst du? wie?«

»Na gewiß, Koarl.«

»Warum gibt's keinen Klub für unsereins? Oder einen Verein? Ja, warum gibt's keinen Verein für uns? Wäre das nicht besser, als so'ne Wirtschaft, wo man sich um seinen Verstand trinkt und um die paar Schillinge obendrein? Da war der Dryander, der Kandidate, ja, das war ein Mann. Ich sage dir, Pietje, wenn der noch lebte, dann säßen wir beide heute nicht hier. Der war hinter einem her, wie, – na, ich will nichts sagen. Hat mir gut getan. Tut einem immer gut. wenn man sich mal ordentlich schämt. Wie? Hab' ich nicht recht? was sagst du? wie?

»Na gewiß, Koarl.«

»Wenn unsereiner vor Langerweile nicht weiß, wo er hin soll, dann sucht er Gesellschaft, ganz gleich, wo er sie findet. Meinetwegen bei Mutter Gröngröft. Und alle die Janmaaten von den Schiffen machen's ebenso. Was, Pietje? wie? was sagst du?«

»Ja, Koarl. Aber nu komm, noch ein Spiel. Du mußt geben.«

Paul Dryanders Geist blickte seinen Begleiter an.

»Gott und das Schwarze Fleet rufen dich, Henry.«

Erregt und unruhig wendete Henry sein Gesicht ab. Da begegnete er wieder den grauen Augen. »Und sie werden dich haben,« fügte der Geist hinzu.

Von der Wirtschaft der Witwe Gröngröft führte die nächtliche Erscheinung den Präsidenten des Salanganen-Klubs noch in eine ganze Reihe andrer Spelunken, darunter auch in die Wohnungen der Verkommensten der Gemeinde des Schwarzen Fleets. Die letzte dieser Stätten moralischen und leiblichen Elends war ein leerer, kalter Raum in der dritten Etage eines schmutzigen Hauses. In der Ecke saß auf einer kleinen Kiste ein bleiches, abgehärmtes, jämmerlich gekleidetes Weib, das ein krankes Kind auf dem Schoße wiegte. Ein hagerer Mann mit wirrem, blondem Lockenhaar, in schlotterndem Rock und dünnen Sommerhosen, schritt auf den schadhaften, knarrenden Dielen hin und her.

»Ich könnte es lassen, gewiß, ich könnte es lassen, wenn mir jemand beistände,« sagte der Mann mit hohler, verzweifelter Stimme. »Ich glaube es fest. Aber wer soll mir beistehen? Henry Lubau ist zum Präsidenten des Salanganen-Klubs gewählt worden, wie ich heute hörte. O Gott, wenn sich Henry noch einmal meiner annehmen wollte! Er würde mir Geld geben wollen, aber Geld allein tut's nicht. Geld könnte ich schon verdienen, wenn ich nur das Trinken lassen könnte. O Henry, Henry! Nur um ihn zu sehen, nur um ihn sprechen zu hören, diesen einzigen Menschen, habe ich damals Abend für Abend im Klub gesessen. Ich hätte mit Freuden mein Leben für ihn hingegeben. Und so kam das Trinken. Der Klub ist mein Ruin gewesen. Vor einigen Stunden habe ich ihn im Pferdebahnwagen gesehen. Er kannte mich natürlich nicht. Und doch, ich wollte, daß er noch einmal zu mir spräche. Ich habe ihn sehr lieb gehabt. Ich glaube, ein einziges Wort von ihm genügte, um sieben Teufel aus mir auszutreiben. Allmächtiger Gott, was ist das wieder für ein fürchterlicher Weihnachtsabend!«

Die Frau auf der Kiste begann heftig zu weinen und das kranke Kind wurde unruhig.

Henry hätte gern sogleich zu dem armen »Baron Bertram« gesprochen, allein er merkte bald, daß der ihn nicht sah und hörte, und schaudernd wurde er gewahr, daß er selber nichts als ein wesenloser Geist war.

Sein Begleiter blickte ihn traurig und eindringlich an. »Gott und das Schwarze Fleet rufen dich, Henry,« sagten die grauen Augen.

Gleich darauf befanden sich die beiden wieder in Henrys Bibliothekzimmer. Die Erscheinung ließ sich auf den Sessel nieder und richtete ihren schwermütigen, eindringlichen Blick auf Henrys Seele. Keiner sprach ein Wort, aber dieser ernste, treue, bittende und unaussprechlich liebevolle Blick Paul Dryanders öffnete Henrys übervolles Herz. Ein Strom heißer Tränen stürzte aus seinen Augen.

Paul saß ganz still und wartete, bis in seinem Freunde der feste Entschluß gereift war, für jene verkommenden und verkommenen Mitmenschen alles zu tun, was in seinen Kräften stände. Kaum hatte Henry sich dieses Gelübde innerlich abgelegt, da erschien das alte, freundlich ruhige Lächeln auf dem Antlitz des Geistes, die Pockennarben verschwanden, die Züge verklärten sich und begannen ein mildes Licht auszustrahlen, das wie eine Aureole den edlen schönen Kopf umgab. Und noch andre Lichtgestalten erschienen jetzt und erfüllten den Raum und umringten Paul Dryander, als wollten sie ihn wegführen.

Henry wußte, daß dies die Geister der Geretteten aus dem Schwarzen Fleet waren. Mit Trauern sah er, daß sein Freund nun keinen Blick mehr für ihn hatte, sondern nur noch seine Geretteten betrachtete. Die Aureole wurde blendender und langsam entschwebte er, umgeben von anmutigen Engelsgestalten. Die Mauern schienen sich zu öffnen, die Decke schwand, schneller und schneller entschwebte die Gruppe den Blicken des zurückgebliebenen, und aus der Ferne erklang ein Gesang vieler freudiger Stimmen, ein Lied des Dankes und der Befreiung.

Der Traum war aus, Henry fuhr empor und blickte verstört um sich. Es war Heller Tag und frostklarer Sonnenschein lag rings auf den beschneiten Dächern. Er kleidete sich an, fuhr mit der Hand über die Stirn und setzte sich unverweilt an seinen Schreibtisch. Zuerst schrieb er dem Vorstand des Salanganen-Klubs, daß er bedauere, die Präsidentschaft niederlegen zu müssen. Demnächst teilte er dem Senator Albatros mit, daß er leider an dem Weihnachtsball in dessen Villa auf der Uhlenhorst nicht teilnehmen könnte, da der plötzliche Tod seines liebsten Freundes ihn in tiefe Trauer versetzt habe. In gleicher Weise entledigte er sich auch aller andern für die Weihnachts- und Neujahrswoche eingegangenen Verpflichtungen, dann nahm er eilig ein Frühstück, befahl seinen Wagen und fuhr nach dem Schwarzen Fleet. Unterwegs überlegte er, was zunächst zu beginnen wäre. Unmittelbar in Paul Dryanders Fußstapfen zu treten, das war für ihn unmöglich; er war kein Missionar.

Zuerst suchte er Hans von Appen auf befreite die Familie vorläufig aus der Not und nahm den Zerknirschten mit in seinen Wagen.

»Sage, Hans, wie fange ich es an, den Leuten hier recht von Grund auf zu helfen? Der Verstorbene sagte immer, daß ich hier viel tun könnte. Gib mir Rat, alter Junge.«

»Was den Leuten hier fehlt, das ist ein Ort, wo sie sich nach beendigter Arbeit zusammenfinden und unterhalten können, ohne dem Teufel zu verfallen, der in den Wirtschaften und Schankkellern sein Wesen treibt. Gründe einen Verein, Henry, das wird das Richtige sein, einen Verein, in dem du ab und an zu den Leuten redest. O wenn ich dich doch erst einmal wieder reden hören könnte!« Und der arme Baron Bertram drückte schluchzend das Taschentuch an die geröteten Augen.

Der Leser, der jemals durch das Schwarze Fleet in Hamburg gegangen ist – natürlich nur ganz zufällig, denn mit Absicht begeben sich nur die Verkommenen, die Lasterhaften und die barmherzigen Samariter an einen solchen Ort, und der Leser ist natürlich weder ein Verkommener, noch ein Lasterhafter noch auch – ein Barmherziger, oder doch? – wer aber jemals in den letzten Jahren in das Schwarze Fleet gekommen ist, der wird da auch das große Gebäude des Vereinshauses »Den Tannenbaum« wahrgenommen haben.

Der Gedanke, den am Weihnachtsmorgen der Baron Bertram im Wagen angeregt hatte, war in Henry Lubaus Herzen auf fruchtbaren Boden gefallen. Er beschloß, sofort an die Ausführung zu gehen. Die Wahl des Hauses konnte nicht schwer werden; denn welches Haus war wohl geeigneter zu diesem Zweck, als das, in welchem Paul Dryander zu seinen Lebzeiten gewohnt hatte?

Henry fuhr mit seinem jetzt überaus glücklich dreinschauenden alten Bekannten zu dem Verwalter seiner zahlreichen Liegenschaften, seinem langjährigen Rechtsfreunde. »Lieber Herr Ibsen,« sagte er zu ihm, »es ist zwar der erste Feiertag, und ich möchte Sie daher um keinen Preis zu irgend welcher Arbeit veranlassen, aber Sie müssen mir den Gefallen tun und noch heute herausfinden, wer der Eigentümer des großen alten Hauses ist, das an der Ecke des Schwarzen Fleets und der Görentwiete liegt. An drei Ecken stehen elende Fachwerkbaracken; ich meine das massive Gebäude an der vierten Ecke.«

»Sie meinen das Haus, in welchem der Herr Dryander wohnt,« bemerkte Ibsen.

»Gewohnt hat. Er ist gestern im Pocken-Hospital gestorben. Ja, das Haus meine ich, und dessen Besitzer möchte ich wissen. Ich bitte Sie also –«

»Mit der Auskunft kann ich Ihnen sogleich dienen,« unterbrach ihn der Advokat lächelnd, »der Besitzer dieses Hauses sind Sie selber.«

»Das Haus gehört mir?« rief Henry überrascht.

»Ja, es gehörte zum Nachlaß Ihres Großvaters, des Herrn Jakobus Lubau, ersten Bürgermeisters der Stadt Hamburg. Ihr seliger Herr Vater wollte es nicht verkaufen, da es immer gute Mieten abwarf. So ist es in Ihren Besitz gekommen; ich habe noch keine Veranlassung gehabt, das Ihnen gegenüber besonders zu erwähnen.«

»Und Sie haben zugegeben, daß Paul Dryander an mich Miete zahlte?« rief Henry unwillig.

»Verzeihen Sie, Herr Lubau, aber der Herr Kandidat hatte mich ausdrücklich darum ersucht, Ihnen nicht mitzuteilen, daß er in Ihrem Hause wohnte. Er wollte nichts umsonst haben; das war so seine Art. Schade um den trefflichen Mann, daß er so frühzeitig dahinmußte!«

»Hans,« sagte Henry, »mein lieber Hans, du tust mir die Liebe und gehst sogleich in das Haus und stellst fest, gegen welche Abstandssumme sämtliche Mieter bis zum 28. dieses Monats ihre Wohnungen räumen wollen. Händige jedem einen Zettel für Herrn Ibsen ein, auf dem der Betrag notiert ist, und Sie Herr Ibsen, geben jedem noch einen Zuschlag von fünfzig Prozent. Sie verstehen mich. Ich muß mich nämlich gleich von Anfang an mit dem Schwarzen Fleet auf einen möglichst guten Fuß stellen,« fügte er lächelnd hinzu.

Der Advokat Ibsen war ganz erstaunt und zerbrach sich den Kopf über die eigentümliche Laune seines Patrons. Baron Bertram aber entledigte sich pünktlich und mit bestem Erfolge seines Auftrages, und dann ging er und trank in so vielen Wirtschaften auf das Wohl Henry Lubaus, daß er gänzlich berauscht nach Hause kam und am nächsten Morgen seinem Wohltäter nicht in die Augen zu sehen wagte.

Henry aber tat, als merkte er nichts. Paul Dryander hatte ihn gelehrt, mit solchen nach Besserung und Heilung ringenden Verzweifelten vorsichtig umgehen. Und wenn Hans von Appen später auch noch gar manchmal die Nachsicht des Freundes herausforderte, so gesundete er doch bald ganz in dem wandellosen Sonnenlicht der Menschenliebe Henry Lubaus.

Schon am Abend des Neujahrstages konnten die unteren Räume des Vereinshauses »Der Tannenbaum« eröffnet werden. Grünes Tannengezweig bedeckte die ganze Front des alten weitläufigen Gebäudes. Die gastlichen Pforten waren aufgetan und die gastlichen Tafeln gedeckt. Wenn das Bankett sich auch nicht mit den festlichen Veranstaltungen des Salanganen-Klubs messen konnte, so war es doch ein großartiges, märchenhaftes Ereignis für alle diejenigen, die Henry um sich versammelt hatte. Er selbst saß auf dem Präsidenten-Stuhl, und hinter ihm an der hohen Wand hing, reich umkränzt, in strahlender Beleuchtung das Bild Paul Dryanders mit der Unterschrift: »Der Gründer des Vereins ›Zum Tannenbaum‹.« Außerdem aber waren sämtliche Wände mit den besten und kostbarsten Oelgemälden aus Henry Lubaus Galerie geschmückt und die glänzenden Blicke konnten sich kaum von dem Anschauen losreißen.

»Koarl« hatte seine alte Mutter in »seinen Verein« mitgebracht; sie saß zwischen ihm und seinem Maat Pietje. Wenn gutes, leichtes Bier, aromatischer Kaffee, würzige Schokolade, kräftige Fleischbrühe und dergleichen die Leute betrunken machen könnten, dann wäre von der nach Hunderten zählenden frohen Gesellschaft an jenem Abend kein einziger im Besitz seiner fünf Sinne nach Hause gekommen.

Für Henry Lubau aber war dieser Abend voll von stolzerer Erhebung, als derjenige, an dem er vor acht Tagen seine Präsidentschafts-Rede im Salanganen-Klub gehalten hatte. Die grauen Augen des Porträts über seinem Sitze blickten zufrieden und dankbar aus ihn herab.

Er erhob sich. Die fröhliche Unterhaltung ringsum verstummte, und die Gesichter der Seefahrer, der Hafenarbeiter, der Kohlenträger, der Handwerker und aller andern Gäste aus den Fleeten, Twieten und Gängen richteten sich mit Ehrfurcht und Wohlgefallen auf seine hohe Gestalt und auf sein männlich edles Gesicht.

»Liebe Brüder,« begann er mit seiner herrlichen Stimme, »laßt uns an dem heutigen Abend vor allem unsers und meines besten, zu früh dahingeschiedenen Freundes gedenken.« Und nun schilderte er in begeisterten, innigen Worten die selbstlose, aufopfernde Treue des Verstorbenen. Die Versammlung lauschte atemlos. Koarls alte Mutter, die Frau des Krankenwärters Jochim Mähl und noch viele andre von der weiblichen Zuhörerschaft weinten vor Rührung, aber auch von den Männern fuhr sich mancher mit dem schwieligen Finger in die Augenwinkel. Baron Bertram schluchzte laut. Zum Schluß erhob Henry sein Glas und rief: »Dem treuen Gedächtnis Paul Dryanders, des unvergeßlichen Gründers unsers neuen, schönen Vereins, dessen Zeichen der immergrüne, weihnachtliche Tannenbaum ist! Der Baum sei uns das Sinnbild der neugeborenen Gottesliebe, die uns alle umfängt, der nimmer welkenden Hoffnung, die uns alle emporhebt, und der unerschütterlichen Beständigkeit, deren wir auf unserm neuen Wege alle bedürfen. Das walte Gott!«

»Amen!« erklang es hier und dort; ein Gemurmel der Ergriffenheit durchlief die Menge, und einige begeisterte Teerjacken hielten ein kräftiges Hurra für den allein zutreffenden Ausdruck ihrer Empfindungen.

Das ist die Geschichte von der Gründung des »Tannenbaums« im Schwarzen Fleet.

Ende

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.